Einsamkeitshochmut und Weltscheuheit. Das Motiv der leidenden Künstlerseele in Thomas Manns "Doktor Faustus"


Hausarbeit, 2017

19 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung...3
2. Theoretisches und Geschichtliches zum Motiv des Leidens in der Kunst...4
3. Die Lebensphilosophie Nietzsches als Bezugsrahmen...5
4. Das Motiv der leidenden Künstlerseele im Doktor Faustus
4.1 Das Leiden Adrian Leverkühns an der eigenen Anlage...
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4
.2 Der künstlerische Genius und seine krankhafte Neigung...
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5. Fazit: Leiden als Grundlage künstlerischen Schaffens?...15
6. Literaturverzeichnis...18

1. Einleitung
,,Weil er die Positivität der Welt, zu der man ihn retten möchte, die Lüge ihrer
Gottseligkeit, von ganzer Seele verachtet." So urteilt der Chronist in Thomas Manns
1
Roman Doktor Faustus, Serenus Zeitblom, über seinen Freund, den Protagonisten,
Adrian Leverkühn. Die Aussage impliziert, dass Adrians Wesen jener reflektiert
erkennende Blick ausmacht, der hinter den Schein aller Dinge gelangt, ihr Wesen
durchdringt, eingenommen sich selbst. Retten möchte man ihn aus seiner
Illusionslosigkeit. Aber zu welcher Einstellung über die Welt kann man als intelligenter,
überreflektierter und hochsensibler Mensch, wie Adrian es ist, gelangen? Serenus
Zeitblom mutmaßt an anderer Stelle: ,,Der Glaube an absolute Werte, illusionär wie er
immer sei, scheint mir eine Lebensbedingung." (DF, S. 61) Adrian erweckt den
Anschein, als sei ihm diese Lebensbedingung fremd, denn Serenus urteilt über ihn, dass
sein ,,Weltverstand ihm keine Illusionen erlaubt." (DF, S. 231) Eine immense
Selbstreflexivität kann also für einen parallel empfindsamen Menschen wie Adrian nur
Leiden bedeuten.
Für Thomas Mann ist genau dieses Leiden existentiell für einen Künstler und jener
Konflikt zwischen Geist und Leben essentiell, um überhaupt Kunst zu schaffen. Seine
Wurzeln, die bis in die Epoche der deutschen Romantik zurückgreifen, machen den
Themenkomplex verständlich, der sich immer wieder auf die Beziehung zwischen
Krankheit und Vergeistigung bezieht. Friedrich Schlegel, einer der bekanntesten
Vertreter der deutschen Romantik, urteilt über die Krankheit wie folgt: ,,Ich fühlte, ihr
geheimnisreiches Leben sei voller und tiefer als die gemeine Gesundheit der eigentlich
träumenden Nachtwandler um mich her." Thomas Manns Augenmerk lag vor allem
2
darauf, welche geistigen, genialischen Prozesse mit körperlichen Krankheiten
einhergehen, also auf jener Krankheit, die Genie für ihn bedeutete. Dass das Leiden
unumgänglich für ein kreatives Schaffen ist, wird in jedem seiner Werke deutlich, in
denen die Protagonisten meist Künstler sind, in Ambivalenzen verwickelt, die mit sich
und dem Leben hadern.
Thomas Mann: Doktor Faustus. Frankfurt a.M.: Fischer Taschenbuch 2005, S. 647; im Folgenden zitiert
1
unter DF, alle Seitenangaben im laufenden Text beziehen sich auf diese Ausgabe.
Schlegel, Friedrich: Lucinde. Zitiert nach Sandblom: Kreativität und Krankheit, S. 16.
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Die vorliegende Seminararbeit behandelt eingehender das Motiv des Leidens in Thomas
Manns Doktor Faustus. Im Mittelpunkt dieser Arbeit soll Adrian Leverkühn, der
Protagonist des Romans, stehen. Es wird der These nachgegangen, inwieweit Adrian
leidet und zugleich werden mögliche Hintergründe für sein Leiden dargelegt. Letztlich
soll positioniert werden, inwieweit das Leiden die Grundlage für sein künstlerisches
Schaffen formt.
2. Theoretisches und Geschichtliches zum Motiv des Leidens in der Kunst
Die Annahme, dass Leiden die Grundlage für das kreative Schaffen eines Künstlers,
meist eines Genies, ist, einem Menschen mit ausgeprägt schöpferischen oder geistigen
Talents, ist seit der Antike bekannt. Nach Lange-Eichbaum und Kurth wäre die
zutreffendste deutsche Übersetzung des ursprünglich lateinischen Wortes genius
,,Geist". Woran aber leidet der kreativ Schaffende? An sich selbst, seiner
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Andersartigkeit oder aber an der Welt per se?
Da es den Rahmen dieser Arbeit sprengen würde, sämtliche Künstlermythen und deren
Entwicklung von Beginn an darzulegen, wird lediglich auf die Zeit ab dem 18.
Jahrhundert eingegangen, den Anfängen der Romantik, durch die Thomas Mann geprägt
wurde. Denn in der Romantik sieht Thomas Mann die Eigentümlichkeit der deutschen
Natur verankert. Während also zu diesen Zeiten das Leiden in der Kunst mystifiziert
und verklärt wurde und eine romantische Künstlerselbsteinschätzung vorwiegend war,
stand in der Klassik vielmehr eine rationale Distanz zum Mythos über den Künstler,
sein Genie und Irrsinn, im Vordergrund. Die negative Konnotation von Wahnsinn war
die rationalistische Resonanz des 19. Jahrhunderts. Indessen wurde daraufhin durch
Freud jegliches Leiden gänzlich pathologisiert. So schuf er letztlich einen so
signifikanten Unterschied zu der romantischen Vorstellung, dass Schwermut und
Melancholie etwas schöpferisch Produktives beinhalten, dass jene Zustände heute
unmittelbar mit Leiden assoziiert werden.
Nietzsche, der für Thomas Mann eine essentielle Rolle im Denken einnahm, hat die
romantischen Motive der Einsamkeit, Ruhelosigkeit und Weltverlorenheit des frühen
19. Jahrhunderts fortgeführt, indem er behauptete, der menschliche Energievorrat
Vgl. Lange-Eichbaum und Kurth: Genie, Irrsinn und Ruhm, S. 26.
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verbraucht sich im schöpferischen Akt, sodass der erschöpfte Künstler einer psycho-
physischen Schutzlosigkeit überlassen wird. So wird die Vorstellung verständlich, dass
Leiden und Erkenntnis unmittelbar zusammenhängen. Wiederum konträr dazu sieht
Nietzsche in seiner Kompensationstheorie des Minderwertigen jene physischen Defizite
als Grundlage für schöpferisches Schaffen.
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Da Thomas Manns Werke vor allem eine motivische Nähe zur Romantik aufweisen, ist
die Ambivalenz verständlich, die sich immer wieder in seinem Werk finden lässt. Seine
Protagonisten ringen nicht selten mit dem Konflikt zwischen Bürger- und Künstler-
Dasein, Leben und Geist, Rationalität und Irrationalität und sind zumeist außerhalb der
Gesellschaft stehende Figuren, mit sich und der Welt im Zwist. Besonders im Doktor
Faustus sind die vielen Künstlermythen auffallend, auf die sich Serenus Zeitblom
bezieht, um den Charakter von Adrian Leverkühn zu beschreiben. Diese lassen sich zu
vier zentralen Feldern zusammenfassen:
Einen ersten Bereich bildet die Geniekonzeption in der Tradition des 18. Jahrhunderts; ein
zweiter Komplex umfasst Künstlermythen der Romantik, so etwa die Topoi des einsamen
Künstlers und des Künstler-Bürger-Gegensatzes; einen dritten Bereich bildet die Konzeption des
Künstlers als Melancholiker. Schließlich lässt sich ein viertes, christlich grundiertes semantisches
Feld ausmachen, dem die dämonisierende Perspektive Zeitbloms zuzuordnen ist.
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Im weiteren Verlauf dieser Arbeit wird näher auf den Charakter Adrians eingegangen,
sodass sich das Motiv des Leidens in Bezug auf den Roman herauskristallisieren kann.
3. Die Lebensphilosophie Nietzsches als Bezugsrahmen
Allein deshalb, weil der Protagonist des Doktor Faustus stark an Nietzsche angelehnt
ist, worauf schon der Name Adrian Leverkühn indizieren soll, nämlich auf Nietzsches
Forderung nach einem ,,kühnen Leben", ist es von Belang, seine Philosophie zu
umreißen. Thomas Mann schreibt in Die Entstehung des Doktor Faustus: Es ist die
,,Verflechtung der Tragödie Leverkühns mit derjenigen Nietzsches, dessen Name
wohlweislich in dem ganzen Buche nicht erscheint, eben weil der euphorische Musiker
an seine Stelle gesetzt ist, so daß es ihn nun nicht mehr geben darf."
6
Vgl. Neumann: Künstlermythen, S. 60.
4
Feulner: Mythos Künstler, S. 94.
5
Mann: Die Entstehung des Doktor Faustus, S. 25.
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Nicht nur Zitate wurden von Nietzsche übernommen, sondern auch biographische
Gegebenheiten, die auf Adrians Werdegang übertragen wurden, wie beispielsweise die
Erfahrung im Bordell sowie die Luesinfektion.
Nietzsche war für Thomas Mann der Kritiker seiner Zeit, die Zeit der Dekadenz. Die
zentrale Thematik, in der Nietzsche Thomas Mann vor allem in seinem Verständnis der
Künstlerproblematik beeinflusst hat, war der Gegenstand des Apollinischen und
Dionysischen, welcher Nietzsche in seinem Werk Die Geburt der Tragödie aus dem
Geiste der Musik beschreibt. Nach ihm entspringt die sämtliche Entwicklung der Kunst
diesen beiden Polen, deren Namen der griechischen Mythologie entnommen sind. Der
Begriff des Dionysischen geht auf den Gott Dionysus zurück, den Gott des Rausches.
Im Gegensatz dazu steht Apollo, der Gott des Traumes und der Selbsterkenntnis.
Nietzsche stellt aber nicht nur zwei griechische Gottheiten gegenüber, er erkennt in
ihnen die ,,Repräsentanten zweier in ihrem tiefsten Wesen und ihren höchsten Zielen
verschiedene Kunstwelten." Mit diesen Kunstwelten meint Nietzsche einmal jene
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unbildliche Kunst des Dionysischen, die Musik, und des Weiteren die bildende Kunst
des Apollinischen. Nach ihm ist jeder Künstler nur Nachahmer jener Natur- oder
Triebzustände, entweder als apollinischer Traumkünstler oder als dionysischer
Rauschkünstler. Zentral hierbei ist, dass weder die eine, noch die andere Kraft separat
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für sich betrachtet werden darf, sondern erst beide das Ganze, das Leben, ausmachen.
Das ,,Leben" [Hervorh. im Orig.], in seiner Totalität Bezugsgröße für die widerstreitenden
apollinischen und dionysischen Kräfte, fasst Nietzsche wiederum als Polarität auf, als Polarität von
physischem Niedergang und Lebensstärke: Er versteht das Leben ,,einmal als geschwächtes,
degeneriertes und zum anderen als starkes, überströmendes Leben" [Hervorh. im Orig.].
9
Durch die Absonderung der beiden Kräfte von der Lebenstotalität wurde für Nietzsche
der ,,Zustand der Individuation" zum ,,Quell und Urgrund allen Leidens". Thomas Mann
adaptierte diese Anschauung, die in seinen Werken als ,,Leiden an der Individualität"
vorkommt. Jedoch grenzt sich Thomas Mann von Nietzsche in dem Punkt ab, dass für
10
Nietzsche: Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik, S. 103.
7
Vgl. utb-Online-Wörterbuch Philosophie: Apollinisch. Unter: http://www.philosophie-woerterbuch.de/
8
online-woerterbuch/?
title=Apollinisch&tx_gbwbphilosophie_main[entry]=128&tx_gbwbphilosophie_main[action]=show&tx_
gbwbphilosophie_main[controller]=Lexicon&cHash=d588eaf833a101de06a8f2ce985d2925, 13.08.2017.
Feulner: Mythos Künstler, S. 45.
9
Vgl. Blödorn: Thomas Mann Handbuch, S. 282.
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Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Einsamkeitshochmut und Weltscheuheit. Das Motiv der leidenden Künstlerseele in Thomas Manns "Doktor Faustus"
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München
Veranstaltung
Thomas Mann - Erzählungen und Novellen
Note
1,0
Autor
Jahr
2017
Seiten
19
Katalognummer
V376088
ISBN (eBook)
9783668530492
ISBN (Buch)
9783668530508
Dateigröße
493 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Thomas Mann, Doktor Faustus, Germanistik, Neue deutsche Literatur, Roman, Motiv, leidende Künstlerseele, Nietzsche, Leid, Romantik, Adrian Leverkühn
Arbeit zitieren
Lena Bachleitner (Autor), 2017, Einsamkeitshochmut und Weltscheuheit. Das Motiv der leidenden Künstlerseele in Thomas Manns "Doktor Faustus", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/376088

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