Eine sentimentalistische Position in der Moraltheorie. Emotionen bei Psychopathen


Hausarbeit, 2016

19 Seiten, Note: 2,3

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung ... S. 1
2. Skizzierung des Sentimentalismus in Abgrenzung zum Rationalismus ... S. 2
3. Psychopathie ... S. 6
3.1 Zur Entstehung: Nativismus vs. Empirismus ... S. 6
3.2 Der Kern der Krankheit:
Definition und Merkmale unter Berücksichtigung von Emotionen ... S. 8
3.3 Primäre und sekundäre Psychopathie ... S. 13
4. Fazit ... S. 14
5. Literaturverzeichnis ... S. 16

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1. Einleitung
"If we concede that psychopaths are rationally able individuals incapable of affective empathy, and
furthermore if we acknowledge their tendency towards moral transgression, it becomes increasingly
untenable to argue that rationality alone is the necessary criterion of moral agency. Indeed the rather
obvious conclusion to be drawn from the case of psychopaths is that it is affective empathy which acts
as the foundation of moral ability" (Aaltola 2014, s. 78)
Unter dem Begriff der "Moral" versteht man gemeinhin die geltenden beziehungsweise
etablierten Normen und Sitten einer Gesellschaft, welche zwischenmenschliche Beziehungen
durch einen hypothetischen Vertrag regulieren und dadurch ein friedliches System zu schaffen
versuchen. Diese konkreten handlungsweisenden Normen entspringen Vorstellungen, welche
die Menschen von einem erstrebenswertem Leben besitzen und welche man als "Werte"
bezeichnet. (vgl. Fenner 2008, s. 171)
Die Philosophie begegnet der Moral mit der Frage: Was soll ich tun?, während die
Psychologie sich die Frage des moralischen Seins stellt: Wieso handeln die Menschen so wie
sie es tun?
Beide Disziplinen laufen an einigen Stellen eng zusammen, was auch im Laufe dieser Arbeit
deutlich zu spüren sein wird.
Die Position des Rationalismus sieht die erst genannte Frage deutlich durch den Verstand und
die Vernunft beantwortet. So etwa bei Kants kategorischem Imperativ, welcher ein
allgemeines, durch den Verstand begründetes Sittengesetz mit universeller Gültigkeit
darstellt. Die sentimentalistische Position hingegen appelliert an die "Gefühle als Triebfeder
der Moral". (Vendrell Ferran 2012, s. 128) Ziel dieser Arbeit ist es, eine Stärkung der
sentimentalistischen Position in der Moraltheorie zu erreichen, was durch eine Betrachtung
des psychologischen Phänomens der Psychopathie möglich ist. Es wird zu zeigen sein, dass
das charakteristische Merkmal des moralischen Missverhaltens, welches man an
Psychopathen beobachtet in direktem Zusammenhang mit dem ihnen innewohnenden
Emotionsdefizit steht. Somit bietet die Beschäftigung mit der Psychopathie eine
Angriffsfläche für einen reinen Rationalismus und hilft dabei sich der wahren Motivation
moralischen Handelns und Denkens anzunähern, den Emotionen.

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Die Vorgehensweise hierzu beginnt mit der Abgrenzung des Sentimentalismus gegenüber
dem Rationalismus, sowie einem Überblick über deren Programm und Thesen. Auch
moralische und nicht-moralische Emotionen sollen hier differenziert werden, bevor im
nächsten Schritt konkret auf die Psychopathie eingegangen wird. Hierbei möchte ich zunächst
die beiden möglichen Entstehungsweisen des Nativismus und Empirismus aufgreifen. Des
Weiteren sollen die Merkmale der Krankheit herausgearbeitet werden. Hierbei spielen
Themen wie Egoismus, Gewissenlosigkeit, Imitation von Moral und die Instrumentalisierung
des Menschen eine Rolle. Besonderes Augenmerk dieses Kapitels soll allerdings auf
Emotionen und Empathie als hervorstechendste Charakteristika der Krankheit liegen. Im
finalen Schritt werden die aus der Psychopathie erworbenen Erkenntnisse über die Bedeutung
der Emotionen für die Moral mit dem Programm des Sentimentalismus in Einklang gebracht,
um dem radikalen Rationalismus entgegenzuwirken.
2. Skizzierung des Sentimentalismus in Abgrenzung zum Rationalismus
"There has been a controversy started of late (...) concerning the general foundation of morals;
whether they be derived from reason, or from sentiment; whether we attain the knowledge of them by a
chain of argument and induction, or by an immediate feeling and finer internal sense."
(Hume 1777)
In der Moraltheorie begegnet man einer Annahme, welche als duale Theorie bezeichnet wird.
Ihr liegen zwei verschiedene Arten von mentalen Prozessen für moralische Fragen aber auch
moralisches Denken und Handeln zugrunde.
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Der Rationalismus fordert eine neutrale Analyse der Gründe für eine moralische Handlung in
der Weise, wie es der zweite Prozess beschreibt. Sozusagen eine "Normensetzung durch den
Verstand". (Vendrell Ferran 2014, s. 123) Wie bereits erwähnt unterstreicht etwa Kant diesen
Umstand in seinem Universalisierungsprinzip des kategorischen Imperativs. Die dafür nötige
Der erste Prozess beinhaltet spontane oder auch
intuitive Emotionen, welche unbewusst und automatisch generiert werden, wohingegen der
zweite Prozess kontrolliert, bewusst und reflektiert stattfindet. (vgl. Greene 1974)
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Einen sehr guten Überblick zum Verhältnis von Sentimentalismus und Rationalismus bietet auch
Michelle Maiese (2014) «Moral cognition, affect, and psychopathy» in: Philosophical Psychology 27(6),
University of California, San Diego, S. 807-828.

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praktische Vernunft ist hierbei losgelöst von allen sinnlichen Neigungen und die sich
ergebenen Normen unabhängig von jeder Erfahrung a priori gültig. Dieser Umstand macht es
nach ihm möglich, eine allgemeine Verbindlichkeit verschiedener Maximen für jedes
Individuum zu schaffen. Emotionen werden bei dieser Theorie weitestgehend außen vor
gelassen. Kant spricht lediglich von einem Gefühl der "Achtung vor dem Sittengesetz",
welches in gewisser Weise als Motivation dienen soll. Jedenfalls bleiben Gefühle in diesem
Fall dem Verstand immer untergeordnet, da sie nach Kant viel zu individuell sind um eine
einheitliche Moral erzeugen zu können. (Kant 2008, s. 83) Der kontrollierte Prozess der
Reflektion oder Begründung (reasoning) ist für Rationalisten insbesondere von Bedeutung, da
sie nach ihnen spontane oder impulsive Reaktionen auf moralische Fragen genauer
hinterfragen können. Genauer seien Gefühle nur Bekundungen normativer Überzeugungen,
nur ein psychisch oder auch körperlicher Ausbruch dessen, was unbewusst geschieht. (vgl.
Ott 2001, s. 33)
Die Schwächen des Sentimentalismus sieht der Rationalismus beispielsweise nicht nur in der
Tatsache, dass Emotionen subjektiv zu sein scheinen, sondern ebenso darin, dass sie
unterschiedlich stark ausgeprägt sein können, je nachdem um welchen Sachverhalt oder
welche involvierten Personen es sich handelt. ( vgl. Vendrell Ferran 2014, s. 138) So verspüre
der Mensch in den meisten Fällen mehr Mitleid, wenn es sich um eine ihm nahestehende
Person handelt oder man neigt eher dazu Verwandte zu retten (nepotistischer Altruismus)
(vgl. Heidbrink 1996, s. 6), als wenn es um ihm fremde Individuen oder sogar Feinde oder
Konkurrenten geht (vgl. Fenner 2008, s. 210) und aus einem solchen Umstand lasse sich kein
allgemeingültiges Gesetz oder Maxime ableiten, die für jedermann zu jederzeit anerkennbar
sind.
Ein weiteres Defizit einer Emotionstheorie bestünde in der Tatsache, dass Gefühle keinen
guten Maßstab darstellen wenn man eine moralische Ungerechtigkeit begründen möchte.
Wenn man sich etwa aus einem Grund ungerecht behandelt fühlt, reiche es nicht aus, eben auf
dieses Gefühl als Begründung für den Verstoß einer moralischen Norm zu rekurieren. Es
genügt nicht zu sagen: "Ich fühle es eben". Dieses Argument seitens der Rationalisten ist
meiner Meinung nach auf den ersten Blick besonders stark. Es scheint tatsächlich als müsse
hier eine Instanz zwischengeschaltet sein, die unseren Emotionen auf irgend eine Weise
Gehalt verschafft. Die es auf befriedigende Weise möglich macht zu erklären, wieso etwas
moralisch richtig oder falsch ist. Andererseits liegt dieser Umstand aber eventuell auch
einfach nur im Wesen des Menschen, mit seinem unendlichen Wissenshunger und dem
Anspruch, alles auf irgend eine Weise erklären zu wollen, oder gar zu müssen. Vielleicht

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schieben wir also nur rationale Begründungen als wahre Gründe vor, weil unsere Emotionen
für uns nicht wahrlich fassbar beziehungsweise beschreibbar sind, obwohl sie tatsächlich den
Ursprung unseres moralischen Denken und Handelns ausmachen.
Auch wenn versucht wird, eine sentimentalistische Theorie als defizitär auszuweisen, so ist
doch klar deutlich, dass Menschen nicht nur reine Vernunftwesen sein können. Sie besitzen
zudem Emotionen, welche ihr Denken und Handeln ganz klar steuern. (vgl. Fenner 2008, s.
205) Dem Rationalismus hingegen fehlt es an einer wirklichen moralischen Motivation. Es
gibt wohl Emotionen ohne wirkliche Begründung, aber keine Begründung ohne Emotion (vgl.
Greene 2014, s. 137) und ohne begleitende Gefühle ist auch die Vorstellung der Vernunft
letztlich leer. (vgl. Fenner 2008, s. 209)
In seinem social intuitionist model beschreibt Jonathan Haidt den Prozess der unbewussten,
automatischen und intuitiven Emotionen als denjenigen, welcher unser Handeln primär
bestimmt beziehungsweise uns bei moralischer Entscheidungsfindung hilft. Er definiert ihn
genauer als: "fast, automatic and (usually) affect-laden [process] in which an evaluate feeling
of good-bad or like-dislike (about the actions or character of a person) appears in
consciousness without any awareness of having gone through the steps of search, weighting
evidence, or inferring a conclusion". (Haidt 2007, s. 998) Den moralischen Emotionen werden
außerdem moralische Intuitionen vorausgestellt. Bei Hume, welcher ebenso Partei für den
Sentimentalismus ergreift, ist es die Sympathie (oder heute eher Empathie), welche eine
entscheidende Rolle bei der Beantwortung moralischer Fragen spielt. Sie gibt dem Menschen
die Möglichkeit seine Perspektive oder Rolle mit der eines anderen Individuums zu tauschen
und so ein breiteres Spektrum für moralisches Denken und Handeln zu schaffen. Auch
Kohlberg, welcher die moralische Entwicklung des Menschen analog zur kognitiven
Entwicklung in einem Stufenmodell beschreibt, postuliert dem Erlernen der
Perspektivübernahme eine wichtige Rolle in der Moralentwicklung. Ich werde auf diesen
Punkt im Zusammenhang mit der Psychopathie später erneut zurückkommen.
Handlungen werden des Weiteren moralischen Attributen wie lobenswert, unehrenhaft,
schlimm, brutal usw. zugeordnet. (vgl. Ott 2001, s. 20) Diese Attribute wiederum sprechen
unmissverständlich unsere Emotionen an, wir empfinden sie. Es scheint also ausgeschlossen,
rationale Begründungen unabhängig von emotionalem Einfluss für moralische
Entscheidungen heranzuziehen. Umgekehrt wiederum ist zu klären, ob Gefühle alleine dieser
Aufgabe gewachsen sind, wie etwas Haidt in seiner Metapher des Reiters und des Elefanten
postuliert. Der Reiter steht hierbei für das bewusste, vernünftige Urteil, während der Elefant
Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Eine sentimentalistische Position in der Moraltheorie. Emotionen bei Psychopathen
Veranstaltung
Einführung in die Moralpsychologie
Note
2,3
Jahr
2016
Seiten
19
Katalognummer
V376256
ISBN (eBook)
9783668532151
ISBN (Buch)
9783668532168
Dateigröße
490 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
eine, position, moraltheorie, emotionen, psychopathen
Arbeit zitieren
Anonym, 2016, Eine sentimentalistische Position in der Moraltheorie. Emotionen bei Psychopathen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/376256

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