Ziel dieser Arbeit ist es, eine Stärkung der sentimentalistischen Position in der Moraltheorie zu erreichen, was durch eine Betrachtung des psychologischen Phänomens der Psychopathie möglich ist. Es wird zu zeigen sein, dass das charakteristische Merkmal des moralischen Missverhaltens, welches man an Psychopathen beobachtet, in direktem Zusammenhang mit dem ihnen innewohnenden Emotionsdefizit steht. Somit bietet die Beschäftigung mit der Psychopathie eine Angriffsfläche für einen reinen Rationalismus und hilft dabei sich der wahren Motivation moralischen Handelns und Denkens anzunähern, den Emotionen.
Unter dem Begriff der Moral versteht man gemeinhin die geltenden beziehungsweise etablierten Normen und Sitten einer Gesellschaft, welche zwischenmenschliche Beziehungen durch einen hypothetischen Vertrag regulieren und dadurch ein friedliches System zu schaffen versuchen. Diese konkreten handlungsweisenden Normen entspringen Vorstellungen, welche die Menschen von einem erstrebenswertem Leben besitzen und welche man als "Werte" bezeichnet.
Die Philosophie begegnet der Moral mit der Frage: Was soll ich tun?, während die Psychologie sich die Frage des moralischen Seins stellt: Wieso handeln die Menschen so wie sie es tun? Beide Disziplinen laufen an einigen Stellen eng zusammen, was auch im Laufe dieser Arbeit deutlich zu spüren sein wird.
Die Position des Rationalismus sieht die erst genannte Frage deutlich durch den Verstand und die Vernunft beantwortet. So etwa bei Kants kategorischem Imperativ, welcher ein allgemeines, durch den Verstand begründetes Sittengesetz mit universeller Gültigkeit darstellt. Die sentimentalistische Position hingegen appelliert an die "Gefühle als Triebfeder der Moral" (Vendrell Ferran 2012, Seite 128).
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Skizzierung des Sentimentalismus in Abgrenzung zum Rationalismus
3. Psychopathie
3.1 Zur Entstehung: Nativismus vs. Empirismus
3.2 Der Kern der Krankheit: Definition und Merkmale unter Berücksichtigung von Emotionen
3.3 Primäre und sekundäre Psychopathie
4. Fazit
5. Literaturverzeichnis
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Bedeutung von Emotionen für die moralische Handlungsfähigkeit und strebt eine Stärkung der sentimentalistischen Position in der Moraltheorie an. Durch eine detaillierte Analyse des psychologischen Phänomens der Psychopathie, die durch ein ausgeprägtes Emotionsdefizit bei gleichzeitigem rationalen Denken charakterisiert ist, soll gezeigt werden, dass rationales Denken allein kein hinreichendes Kriterium für Moral ist.
- Gegenüberstellung von Rationalismus und Sentimentalismus in der Moraltheorie.
- Analyse der Entstehungsursachen von Psychopathie (Nativismus vs. Empirismus).
- Untersuchung der psychologischen Merkmale der Psychopathie mit Fokus auf Emotions- und Empathie-Defiziten.
- Unterscheidung zwischen primärer und sekundärer Psychopathie.
- Die Rolle von Emotionen als notwendige Triebfeder moralischen Handelns.
Auszug aus dem Buch
3.2 Der Kern der Krankheit: Definition und Merkmale unter Berücksichtigung von Emotionen
Robert Hares Psychopathy Checklist-Revised (PCL-R) ist heute ein wichtiges Werkzeug zur Diagnostik der Persönlichkeitsstörung der Psychopathie. In einem 60-90 minütigen Interview werden dem Kandidaten Punkte für die wesentlichen Merkmale einer potentiellen psychopathischen Störung vergeben. Die Liste besteht aus vier unterschiedlichen Faktoren, die allesamt mit der Psychopathie in Verbindung gebracht werden: Faktoren 1a und 1b stützen sich hierbei auf die narzisstische und histrionische Persönlichkeitsstörung, während Faktor 2a und 2b mit antisozialer Persönlichkeitsstörung, sowie Kriminalität, Aggression und Impulsivität zusammenfallen. (vgl. Koshkina, s. 136) Erreicht ein Kandidat mehr als 30 Punkte nach diesem Gespräch, so kann er vom Entscheidungsträger ziemlich zuverlässig mit der Krankheit der Psychopathie diagnostiziert werden. Laut Hare erreicht nur etwa ein Prozent der erwachsenen Population diesen Wert, interessant ist jedoch, dass etwa 20% der in Nordamerika Inhaftierten diesen kritischen Wert überschreiten. (Hare 2003)
Betrachtet man sich die Psychopathie näher, so fällt schnell auf, dass eines der wesentlichen Merkmale der Egoismus darstellt, der durch mangelnde Emotion genährt wird. Robert Lindner charakterisiert den Psychopathen daher folgendermaßen: "Der Psychopath ist ein Rebell, der die stur vorherrschenden Regeln und Normen missachtet... ein Rebell ohne Ziel, ein Agitator ohne Parole, ein Revolutionär ohne Programm; in anderen Worten: Seine Rebellion zielt nur darauf ab, Ziele zu erreichen, die nur für ihn selbst wichtig sind; er ist unfähig zu Anstrengungen zum Wohle anderer. Alle seine Bestrebungen verfolgen nur [...] die sofortige Befriedigung seiner eigenen Wünsche und Bedürfnisse" ( Lindner 1944, s. 2; Übersetzung nach Hare 2005)
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Arbeit führt in die moraltheoretische Debatte zwischen Rationalismus und Sentimentalismus ein und postuliert, dass die Betrachtung der Psychopathie als Gegenbeispiel für einen reinen Rationalismus dienen kann.
2. Skizzierung des Sentimentalismus in Abgrenzung zum Rationalismus: Dieses Kapitel erläutert die duale Theorie moralischer Prozesse und arbeitet heraus, warum reine Vernunft ohne emotionale Fundierung keine hinreichende Grundlage für moralische Motivation bietet.
3. Psychopathie: Es werden das Krankheitsbild, dessen Entstehung sowie die Unterscheidung zwischen primären und sekundären Formen detailliert beleuchtet, wobei der Fokus auf dem massiven Emotions- und Empathiedefizit der Betroffenen liegt.
3.1 Zur Entstehung: Nativismus vs. Empirismus: Dieses Kapitel diskutiert, ob Psychopathie primär genetisch determiniert (Nativismus) oder durch soziale Umwelteinflüsse (Empirismus) geprägt ist.
3.2 Der Kern der Krankheit: Definition und Merkmale unter Berücksichtigung von Emotionen: Die zentralen klinischen und verhaltensbezogenen Merkmale des Psychopathen, wie Egoismus, Instrumentalisierung anderer und fehlende Gewissensbildung, werden hier eingehend analysiert.
3.3 Primäre und sekundäre Psychopathie: Hier erfolgt eine Differenzierung zwischen der eher genetisch bedingten primären Psychopathie und der soziopathisch geprägten sekundären Form anhand ihrer Verhaltensmuster.
4. Fazit: Die Arbeit schließt mit dem Ergebnis, dass Emotionen eine unverzichtbare Basis für moralisches Urteilen und Handeln darstellen und rationales Denken in moralischen Fragen nicht unabhängig von ihnen funktionieren kann.
5. Literaturverzeichnis: Auflistung aller verwendeten Quellen.
Schlüsselwörter
Psychopathie, Moraltheorie, Sentimentalismus, Rationalismus, Emotionen, Empathie, Gewissen, Moral, Ethik, PCL-R, Nativismus, Empirismus, Sozialisation, Entscheidungsfindung, moralische Intuition
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die moraltheoretische Frage, ob Moral primär auf Vernunft (Rationalismus) oder auf Emotionen (Sentimentalismus) basiert, unter Zuhilfenahme des psychologischen Phänomens der Psychopathie.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind die Abgrenzung von Rationalismus und Sentimentalismus, die psychologischen Ursachen und Merkmale von Psychopathie sowie die Rolle von Emotionen bei moralischen Entscheidungen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, die sentimentalistische Position in der Moraltheorie zu stärken, indem aufgezeigt wird, dass rationales Denken allein nicht ausreicht, um moralisches Handeln zu erklären.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoretische Arbeit, die auf Literaturanalyse, der Auswertung psychologischer Studien und der Betrachtung neurowissenschaftlicher Erkenntnisse zur Psychopathie basiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Entstehung der Psychopathie (Nativismus vs. Empirismus), definiert die Kernmerkmale der Störung (Egoismus, Emotionsdefizit) und unterscheidet zwischen primären und sekundären Formen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen zählen Psychopathie, Moraltheorie, Sentimentalismus, Rationalismus, Emotionen, Empathie und moralische Intuition.
Warum eignet sich der Psychopath als Prototyp für rationales Denken?
Psychopathen werden als Prototyp rationalen Denkens angeführt, da sie Entscheidungen ohne die "Störung" durch affektive Empathie rein logisch und optimal für ihre eigenen Zwecke treffen.
Was sind "Emotionen zweiter Ebene"?
Der Autor versteht darunter Emotionen, die eine bewusste, besonnene Reflexion über die initialen, impulsiven Gefühle ermöglichen und somit eine notwendige Instanz für moralische Urteile bilden.
Wie unterscheidet sich der primäre vom sekundären Psychopathen?
Der primäre Psychopath ist durch eine proaktive, geplante und affektlose Aggression sowie eine starke genetische Komponente gekennzeichnet, während der sekundäre Psychopath eher impulsiv und reaktiv-aggressiv handelt.
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- Anonym (Autor), 2016, Eine sentimentalistische Position in der Moraltheorie. Emotionen bei Psychopathen, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/376256