Bewertung und Beurteilung des männlichen Geschlechts im Alter von Null bis 15 Jahren im Bezug auf biologische und soziologische Grundlagen.

Sind Jungen die neuen „Bildungsverlierer“?


Hausarbeit, 2014
20 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

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1.
Einleitung
In den letzten Jahren hat sich das Bild der Jungen in der Geschlechterdebatte deutlich
verändert. Sowohl in erziehungswissenschaftlicher Fachdiskussion als auch in den
Medien rücken die Jungen verstärkt in den Vordergrund und nehmen das Prädikat
,,benachteiligt" an, welches bis in die 1990er Jahre noch den Mädchen nachgesprochen
wurde (vgl. Cornelissen 2007, S.85).
Angesichts der verbesserten Schulleistungen und des Aufholens der Mädchen
entwickelt sich das weibliche Geschlecht zunehmend positiv, obwohl es noch vor
einigen Jahrzehnten als ,,das schwache Geschlecht" eingestuft worden ist.
Im Gegensatz dazu wird den Jungen heutzutage nachgesagt, sie würden ein oft
auffälliges und sogar riskantes Verhalten aufzeigen. Die letzten PISA-Studien zeigen,
dass auch die Schulleistungen davon beeinflusst sind und Jungen dabei deutlich ins
Hintertreffen geraten sind (vgl. Naumann et. al. 2010, S.52).
Entscheidend dabei ist unter anderem die ,,systematische Benachteiligung" der Jungen
in pädagogischen Instituten. ,,Die Schule hat sich in den letzten Jahrzehnten zu einer
Institution mit einer ,mütterlichen Hegemonialkultur` entwickelt" (Matzner & Tischner
2008, S.10), die besonders durch die intensive Mädchenförderung als auch durch
Unterdrückung des jungentypischen Verhaltens zustande gekommen ist.
In dem aktuell präsenten Thema in der Geschlechterdebatte stellt sich die Frage,
inwieweit Jungen als ,,Bildungsverlierer" gesehen werden können und dies in der
Realität zutrifft. Besonders durch die Medien wird das Thema ,,Jungen" inzwischen
dramatisch inszeniert, sodass ein großer Informationsbedarf sowohl in der
Öffentlichkeit als auch in der Pädagogik besteht.
Um einen besseren Einblick in die Geschlechterfrage zu bekommen, werden zunächst
biologische als auch soziologische Grundlagen des männlichen Geschlechts erarbeitet.
Die Rolle der Erziehung spielt hierbei eine wichtige Rolle, da sie in jeglichem Umfeld
der Jungen stattfindet. Sowohl innerhalb der Familie als auch in pädagogischen
Einrichtungen beeinflusst sie den Werdegang und das Heranwachsen des Kindes.
Inwiefern die Erziehung sich in pädagogischen Institutionen auf das Geschlechterfrage
bezieht; wird im darauffolgenden Kapitel deutlich. Anschießend werden mögliche
Indikatoren für das schlechtere Abschneiden von Jungen benannt und hinterfragt. Es
muss jedoch beachtet werden, dass lediglich die Situation einer Minderheit beschrieben
wird. Nicht alle Jungen sind hiervon betroffen. Allerdings steigt die Zahl der Jungen,
auf die sich die folgende Arbeit bezieht, stetig, sodass die Thematik umso relevanter ist.

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2.
Definition Jungenpädagogik
Der Begriff ,,Jungenpädagogik" beschreibt pädagogische, geschlechtsbezogene Arbeit,
die sich in jeglicher Form mit Jungen beschäftigt. Bei der Planung, Durchführung und
Auswertung pädagogischer Prozesse wird stetig das spezifische Geschlecht
berücksichtigt. Das Ziel dabei ist die Herausarbeitung jungentypischer Bedürfnisse im
Vergleich zu Mädchen und die Entwicklung einer ihnen entsprechenden Pädagogik und
Didaktik (vgl. Matzner & Tischner, S.11).
Um die Schwierigkeiten und Problematiken des Junge- und Mannseins zu beseitigen
oder zu vermindern, organisiert die Jungenpädagogik Unterstützungsangebote zur
Alltagsbewältigung. Die geschlechtsbezogene Reflexion bezieht sich daher nicht nur auf
deren Rollenverhalten sondern auch auf Angebote zur Lebensgestaltung.
3.
Grundlagen der Jungenpädagogik
Betrachtet man die Erziehung von Kindern in ihren ersten Lebensjahren, so lässt sich
bereits von Geburt an eine differenzierte Art und Weise feststellen, wie unterschiedlich
Mädchen und Jungen behandelt werden (vgl. Wein 2009, S.5). Die sogenannten Baby-
X-Studien nach Seavy, Katz und Zalk (1975) geben Hinweise darauf, welche Wirkung
die Geschlechterrollen auf die Erziehung haben. Erwachsene, denen das falsche
Geschlecht eines Babys angegeben wurde, behandelten es entsprechend den
stereotypischen Verhaltensweisen. Diese vorgefassten Meinungen sind Folge der
Sozialisation und Vorstellung der Gesellschaft.
Die Unterschiede zwischen den Geschlechtern können jedoch nicht allein darauf
zurückgeführt werden. Bestimmte Aktivitäten treten bereits auf, bevor die Kinder sich
überhaupt einem Geschlecht zuordnen oder dieses benennen können. So zeigen sich in
koedukativen
Schulen
und
Kindergärten
trotz
identischer
Erziehung
Geschlechtsunterschiede, obwohl bewusst auf eine Gleichbehandlung zwischen
Mädchen und Jungen geachtet wird (vgl. Guggenbühl 2006, S.14).

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,,Frauen und Männer, Jungen und Mädchen denken, fühlen anders und haben eine
unterschiedliche Wahrnehmung. Diese Unterschiede zu negieren, ist
unverantwortlich. Wir sind nicht nur Produkt der Sozialisation, sondern entwickeln
uns im Zusammenspiel mit unseren Anlagen"
(Guggenbühl 2006, S.15 f).
3.1. Evolutionstheoretische Perspektive
3.1.1. Der Anlagenfaktor in den ersten Lebensjahren
Bestimmte männliche und weibliche Eigenschaften können auf den Einfluss der
Hormone und Gene zurückgeführt werden, die als Dispositionen in jeder Person
vorhanden sind. Durch diese genetische Veranlagung erfolgt eine Identifizierung mit
den jeweiligen typischen Verhaltensweisen des Geschlechts.
Bereits von Geburt an sind bei dem männlichen Geschlecht eine höhere Aktivität sowie
ein großer Explorationsdrang nachweisbar. Daher neigen Jungen dazu, ihre Umwelt
weniger ängstlich zu erkunden und sich unbekannten Dingen neugierig anzunähern. Des
Weiteren zählen Durchsetzungsorientiertheit und eine höhere Risikobereitschaft zu den
stereotypischen Verhaltensweisen, die bei Jungen in den ersten Jahren feststellbar sind
(vgl. Bischof-Köhler 2008, S. 19 ff). Die emotional eher ausgeglichenen Mädchen sind
dagegen personenorientiert. Sie halten häufiger Blickkontakt, reagieren auf menschliche
Kontakte und bevorzugen bestimmte pflegerische Aktivitäten wie z.B. das Puppenspiel.
Im Allgemeinen lassen sich daher schon in den ersten Lebensjahren spezifische
Verhaltensweisen für das jeweilige Geschlecht entdecken, obwohl bisher weder
Erziehung noch Sozialisation stattgefunden haben. Das biologische Programm
beeinflusst den Menschen in seinen Neigungen, Emotionen und seinen
Fähigkeitsschwerpunkten (ebd., S.22).
Beachtet werden muss jedoch, dass der Mensch dadurch nicht willenlos agiert oder sein
Verstand abgelöst wird. Die persönliche Freiheit ist weiterhin präsent und kann selber
gestaltet werden, solange der Anlagenfaktor respektiert und anerkannt wird. Der
Mensch ist fähig alles zu lernen und auch entgegen seiner Interessen zu wirken.
Aufgrund seiner angeborenen Neigungen und der daraus resultierenden Befriedigung
fällt dies bei jedem Individuum unterschiedlich aus. Im Bezug auf die Geschlechterfrage
bilden sowohl Mädchen als auch Jungen verschiedene Interessen- und

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Fähigkeitsschwerpunkte aus, die bei dem jeweiligen Geschlecht nicht im gleichen Maße
vorhanden und ausgeprägt sind (ebd.).
Erst bei der Betrachtung einer ganzen gleichgeschlechtlichen Population lassen sich
typische Verhaltensweisen erkennen, die von dem einen Geschlecht leichter erlernt
werden. Die bisher erwähnten und auch folgenden Beschreibungen sind also
Tendenzen, die keinesfalls verallgemeinert werden dürfen.
3.1.2. Das männliche Rivalisieren
Die ausgeprägtesten Anlageunterschiede sind nach Bischof-Köhler diejenigen, die mit
dem männlichen Rivalisieren in Verbindung treten (2008, S.24). Im Gegensatz zu
Mädchen beginnen Jungen bereits im Kindergarten um ihre Rechte zu kämpfen und sich
dadurch Respekt vor ihren ,,Rivalen" zu verschaffen. Zwischen gleichaltrigen Jungen
entstehen oft innerhalb von kürzester Zeit Rangordnungen, die mit dem
Rivalitätssystem in der Tierwelt verglichen werden können und auffällige Parallelen
zeigen. Für das männliche Geschlecht entsteht durch deren unbegrenztes
Fortpflanzungspotenzial eine ,,Notwendigkeit, mit Nebenbuhlern um Partnerinnen
konkurrieren zu müssen" (ebd.), wohingegen bei Frauen keine spezifische
Wettkampfmotivation empfunden wird.
Zusätzlich ist auch eine gewisse Toleranz gegenüber Misserfolg bei Jungen stärker
ausgebildet als bei Mädchen, denn nicht jede Auseinandersetzung mit Rivalen ist
erfolgreich. Als Ursache für einen Misserfolg beziehen sich Jungen meist auf äußere
Umstände oder eine mangelnde Anstrengung. Mädchen suchen die Ursache dagegen bei
sich selbst und haben weniger Vertrauen in das eigene Können. Insgesamt scheinen
Jungen sich nicht durch Niederlagen entmutigen zu lassen und zeigen in vielen
Bereichen eine erhöhte Risikobereitschaft (vgl. Pieter 2001, S.4).
Bereits im ersten Lebensjahr ist ein gesteigerter Erkundungsbedarf registrierbar,
wodurch gleichzeitig auch die Unfallrate bei Jungen höher liegt (vgl. Bischof-Köhler
2008, S.26). Im Kontext des männlichen Wettkampfes kann dies unter Anderem auf das
spielerische Raufen zurückgeführt werden. Das Kämpfen mit Kameraden in
freundschaftlicher Gesinnung tritt in allen Kulturen auf und gilt hauptsächlich als
Einschätzung und Stärkung der eigenen Kräfte. Jungen scheinen dabei also nicht
unbedingt aggressiv motiviert zu sein.
Im Allgemeinen lässt sich dem männlichen Geschlecht aber ein erhöhtes aggressives
Verhalten im Bezug auf verbale und physische Aggression zuweisen. Betrachtet man

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zusätzlich die indirekte Aggression, die in einer menschlichen Beziehung in Form von
sozialem Ausschluss sichtbar wird, sind die Mädchen aggressiver. Mädchen setzen
andere Strategien zum Abbau von z.B. Frustration ein. Jungen dagegen nutzen bewusst
den physischen Kampf. Dazu zählen unter anderem ritualisierte Verhaltensweisen wie
Drohen, Einschüchtern oder Imponieren. Das Imponiergehabe ist eine Eigenschaft des
männlichen Konkurrenzverhaltens, bei dem die Jungen versuchen auf sich aufmerksam
zu machen und andere beeindrucken möchten. Das Ergebnis ist eine hohe
Selbsteinschätzung sowie ein starkes Selbstvertrauen. Mädchen neigen eher dazu sich
zu unterschätzen, wohingegen bei gleichaltrigen Jungen das Gegenteil zu beobachten
ist. Doch trotz Überschätzung der eigenen Fähigkeiten hindert sie auch ein Misserfolg
nicht an weiteren Wettbewerbssituationen.
3.1.3. Hormonelle Einflüsse
Geschlechtsorientierten
Verhaltensweisen
wie
Wettbewerbsorientiertheit,
Risikobereitschaft oder Imponiergehabe beziehen sich einerseits auf die ursprünglichen
Parallelen zur Tierwelt, andererseits auch auf die hormonellen Einflüsse. Das
Geschlechtshormon Androgen spielt hierbei die Schlüsselrolle. In den Hoden des
männlichen Embyros wird das Hormon ab der achten Schwangerschaftswoche
produziert. Es ist für die Geschlechtsmerkmale verantwortlich, beeinflusst
verhaltensregulierende Gehirnstrukturen und den Testosteronspiegel. Kinder mit vielen
Androgenen werden oft als abenteuerlustig und aggressiv beschrieben (vgl. Bischof-
Köhler 2008, S.29).
Die geschlechtstypische Veranlagung sollte nicht ignoriert werden. Das Argument, dass
die Geschlechter ,,in den geschlechtstypischen Tendenzen nicht mehr differieren als in
anderen individuellen Unterschieden, wie z.B. Temperament oder Intelligenz" (ebd.,
S.31) widerspricht der eigentlichen Sachlage. Anhand des statistischen Durchschnitts
zeigt sich, dass eine bestimmte Verhaltenstendenz bei einem Geschlecht öfter auftritt
und sich zusätzlich Individuen mit einer starken Merkmalsausprägung genau bei diesem
Geschlecht häufen.

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3.2. MännlicheSozialisationbzw.sozialwissenschaftlicherAspekt
3.2.1. Die Rolle der Erziehung im Heranwachsen des männlichen Geschlechts
Viele Kulturen griffen die geschlechtstypischen Verhaltenstendenzen auf und
verallgemeinerten diese, sodass eine Profilierung der Geschlechtsunterschiede durch die
Gesellschaft entstanden ist. Die Folge ist die Erwartungshaltung eines stereotypen
Verhaltens im Bezug auf das Geschlecht, obwohl einzelne Individuen unterschiedlich
stark ausgeprägte geschlechtstypische Neigungen besitzen.
In der Erziehung zeigt sich, dass diejenigen Verhaltensweisen, die entsprechend dem
Geschlecht angemessen sind, Lob, Anerkennung oder Zustimmung erhalten und
dadurch verstärkt auftreten.
,,Männliche Säuglinge werden z.B. seltener getröstet, wenn sie weinen. Jungen
werden beständig bekräftigt, wenn sie keine Schwäche zeigen, hart gegen sich selbst
und andere sind, wenn sie sich gegen andere behaupten und wehren und ihren Kopf
durchsetzen, wenn sie etwas wollen. Aggressives Verhalten wird geduldet, zuweilen
sogar verstärkt."
(Kasten 2008, S.50).
Nicht angemessene Verhaltensweisen werden dagegen durch die Bezugspersonen
ignoriert, missbilligt oder sanktioniert. Sie erziehen und behandeln Jungen und
Mädchen verschieden und leiten die Kinder in die zu ihrem Geschlecht passende
Richtung.
3.2.2. Das Heranwachsen als Herausforderung für den Jungen
Im Alter von drei bis fünf Jahren begeben sich Jungen auf die Suche nach der
männlichen Geschlechtsidentität mit dem Verlangen nach dem ,männlichen` Vater, zu
dem er sich zugehörig fühlt. Bis dahin bestand ein sehr enges Bindungsverhältnis zu der
Mutter, welches sich in der frühen kindlichen Phase zu lösen beginnt. Bei den Mädchen
entsteht dieser Ablösungsprozess erst in der Pubertät.
Die Abspaltung des Jungen von seiner Mutter gelingt besonders, wenn ,,Väter zeitlich
und emotional intensiver in der familiären Sphäre der Söhne auftauchen" (Böhnisch
2008, S.72). Trotz der modernen Gesellschaft mit gleichberechtigtem Zugang zur
Erwerbstätigkeit scheint die Hausarbeit und Erziehung Aufgabe der Frau zu bleiben.
Dementsprechend fehlt den Jungen die Nähe zur männlichen Bezugsperson um in diese
hineinzuwachsen.
Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Bewertung und Beurteilung des männlichen Geschlechts im Alter von Null bis 15 Jahren im Bezug auf biologische und soziologische Grundlagen.
Untertitel
Sind Jungen die neuen „Bildungsverlierer“?
Hochschule
Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover
Note
1,0
Autor
Jahr
2014
Seiten
20
Katalognummer
V376360
ISBN (eBook)
9783668534841
ISBN (Buch)
9783668534858
Dateigröße
598 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Jungenpädagogik, Jungen, Pädagogik, Bildungsverlierer, Geschlecht, Sozialisation, Mann, Benachteiligung, Vergleich, Bildung
Arbeit zitieren
Freya Stadermann (Autor), 2014, Bewertung und Beurteilung des männlichen Geschlechts im Alter von Null bis 15 Jahren im Bezug auf biologische und soziologische Grundlagen., München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/376360

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