In dem aktuell präsenten Thema in der Geschlechterdebatte stellt sich die Frage, inwieweit Jungen als „Bildungsverlierer“ gesehen werden können und dies in der Realität zutrifft. Besonders durch die Medien wird das Thema „Jungen“ inzwischen dramatisch inszeniert, sodass ein großer Informationsbedarf sowohl in der Öffentlichkeit als auch in der Pädagogik besteht. Um einen besseren Einblick in die Geschlechterfrage zu bekommen, werden zunächst biologische als auch soziologische Grundlagen des männlichen Geschlechts erarbeitet. Die Rolle der Erziehung spielt hierbei eine wichtige Rolle, da sie in jeglichem Umfeld der Jungen stattfindet. Sowohl innerhalb der Familie als auch in pädagogischen Einrichtungen beeinflusst sie den Werdegang und das Heranwachsen des Kindes. Inwiefern die Erziehung sich in pädagogischen Institutionen auf das Geschlechterfrage bezieht; wird im darauffolgenden Kapitel deutlich. Anschießend werden mögliche Indikatoren für das schlechtere Abschneiden von Jungen benannt und hinterfragt. Es muss jedoch beachtet werden, dass lediglich die Situation einer Minderheit beschrieben wird. Nicht alle Jungen sind hiervon betroffen. Allerdings steigt die Zahl der Jungen, auf die sich die folgende Arbeit bezieht, stetig, sodass die Thematik umso relevanter ist.
In den letzten Jahren hat sich das Bild der Jungen in der Geschlechterdebatte deutlich verändert. Sowohl in erziehungswissenschaftlicher Fachdiskussion als auch in den Medien rücken die Jungen verstärkt in den Vordergrund und nehmen das Prädikat „benachteiligt“ an, welches bis in die 1990er Jahre noch den Mädchen nachgesprochen wurde. Angesichts der verbesserten Schulleistungen und des Aufholens der Mädchen entwickelt sich das weibliche Geschlecht zunehmend positiv, obwohl es noch vor einigen Jahrzehnten als „das schwache Geschlecht“ eingestuft worden ist. Im Gegensatz dazu wird den Jungen heutzutage nachgesagt, sie würden ein oft auffälliges und sogar riskantes Verhalten aufzeigen. Die letzten PISA-Studien zeigen, dass auch die Schulleistungen davon beeinflusst sind und Jungen dabei deutlich ins Hintertreffen geraten sind. Entscheidend dabei ist unter anderem die „systematische Benachteiligung“ der Jungen in pädagogischen Instituten. „Die Schule hat sich in den letzten Jahrzehnten zu einer Institution mit einer ‚mütterlichen Hegemonialkultur‘ entwickelt“, die besonders durch die intensive Mädchenförderung als auch durch Unterdrückung des jungentypischen Verhaltens zustande gekommen ist.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Definition Jungenpädagogik
3. Grundlagen der Jungenpädagogik
3.1. Evolutionstheoretische Perspektive
3.1.1. Der Anlagenfaktor in den ersten Lebensjahren
3.1.2. Das männliche Rivalisieren
3.1.3. Hormonelle Einflüsse
3.2. Männliche Sozialisation bzw. sozialwissenschaftlicher Aspekt
3.2.1. Die Rolle der Erziehung im Heranwachsen des männlichen Geschlechts
3.2.2. Das Heranwachsen als Herausforderung für den Jungen
3.2.3. Die Nutzung der Medien im Bezug auf das Geschlecht
4. Jungen in pädagogischen Institutionen
4.1. Jungen im Kindergarten
4.1.1 Die Bedeutung des Erziehers im Kindergarten
4.2. Jungen in der Grundschule
4.3. Ergebnisse der PISA-Studie im Geschlechtervergleich
5. Jungen als benachteiligtes Geschlecht?
5.1. Schule als weibliches Biotop
5.2. Unterdrückung jungentypischer Verhaltensweisen
6. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die aktuelle Situation von Jungen im Bildungssystem und geht der Forschungsfrage nach, inwieweit die häufige Einstufung von Jungen als „Bildungsverlierer“ eine reale Grundlage hat oder durch gesellschaftliche sowie institutionelle Faktoren beeinflusst wird.
- Biologische und soziologische Grundlagen der männlichen Entwicklung.
- Einfluss von Sozialisation und Medienkonsum auf das männliche Rollenbild.
- Die Rolle von Jungen in pädagogischen Institutionen wie Kindergarten und Grundschule.
- Ursachen für Leistungsunterschiede im Geschlechtervergleich (u.a. PISA-Studien).
- Die Debatte um Jungen als benachteiligtes Geschlecht im heutigen Bildungssystem.
Auszug aus dem Buch
3.1.2. Das männliche Rivalisieren
Die ausgeprägtesten Anlageunterschiede sind nach Bischof-Köhler diejenigen, die mit dem männlichen Rivalisieren in Verbindung treten (2008, S.24). Im Gegensatz zu Mädchen beginnen Jungen bereits im Kindergarten um ihre Rechte zu kämpfen und sich dadurch Respekt vor ihren „Rivalen“ zu verschaffen. Zwischen gleichaltrigen Jungen entstehen oft innerhalb von kürzester Zeit Rangordnungen, die mit dem Rivalitätssystem in der Tierwelt verglichen werden können und auffällige Parallelen zeigen. Für das männliche Geschlecht entsteht durch deren unbegrenztes Fortpflanzungspotenzial eine „Notwendigkeit, mit Nebenbuhlern um Partnerinnen konkurrieren zu müssen“ (ebd.), wohingegen bei Frauen keine spezifische Wettkampfmotivation empfunden wird.
Zusätzlich ist auch eine gewisse Toleranz gegenüber Misserfolg bei Jungen stärker ausgebildet als bei Mädchen, denn nicht jede Auseinandersetzung mit Rivalen ist erfolgreich. Als Ursache für einen Misserfolg beziehen sich Jungen meist auf äußere Umstände oder eine mangelnde Anstrengung. Mädchen suchen die Ursache dagegen bei sich selbst und haben weniger Vertrauen in das eigene Können. Insgesamt scheinen Jungen sich nicht durch Niederlagen entmutigen zu lassen und zeigen in vielen Bereichen eine erhöhte Risikobereitschaft (vgl. Pieter 2001, S.4).
Bereits im ersten Lebensjahr ist ein gesteigerter Erkundungsbedarf registrierbar, wodurch gleichzeitig auch die Unfallrate bei Jungen höher liegt (vgl. Bischof-Köhler 2008, S.26). Im Kontext des männlichen Wettkampfes kann dies unter Anderem auf das spielerische Raufen zurückgeführt werden. Das Kämpfen mit Kameraden in freundschaftlicher Gesinnung tritt in allen Kulturen auf und gilt hauptsächlich als Einschätzung und Stärkung der eigenen Kräfte. Jungen scheinen dabei also nicht unbedingt aggressiv motiviert zu sein.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet den Wandel des Bildes von Jungen in der Gesellschaft und benennt die Problematik ihrer zunehmenden Stigmatisierung als „Bildungsverlierer“.
2. Definition Jungenpädagogik: Dieses Kapitel erläutert den Begriff der Jungenpädagogik als geschlechtsbezogene Arbeit, die darauf abzielt, jungentypische Bedürfnisse zu berücksichtigen und entsprechende Unterstützungsangebote zu entwickeln.
3. Grundlagen der Jungenpädagogik: Hier werden biologische, evolutionstheoretische und soziologische Aspekte der männlichen Entwicklung sowie deren Einfluss auf die Sozialisation und Mediennutzung behandelt.
4. Jungen in pädagogischen Institutionen: Das Kapitel beschreibt, wie Jungen im Kindergarten und in der Grundschule durch institutionelle Strukturen und fehlende männliche Vorbilder in ihrer Identitätsfindung beeinflusst werden.
5. Jungen als benachteiligtes Geschlecht?: Es wird kritisch diskutiert, warum Jungen häufig schlechter abschneiden und welche Rolle die „Feminisierung“ des schulischen Umfelds dabei spielt.
6. Fazit: Das Fazit fasst die komplexen Einflussfaktoren zusammen und betont, dass eine einseitige Betrachtung Jungen nicht gerecht wird, wobei eine stärkere Berücksichtigung ihrer Interessen gefordert wird.
Schlüsselwörter
Jungenpädagogik, Geschlechterdebatte, Bildungsverlierer, männliche Sozialisation, PISA-Studie, Schulerfolg, Geschlechtsidentität, Rivalisieren, Erziehung, Geschlechterrollen, Institutionen, Medienkonsum, Lernmotivation, Förderung, Schulsystem
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit im Kern?
Die Arbeit analysiert die aktuelle Bildungs- und Entwicklungssituation von Jungen, um zu klären, warum sie vermehrt als „Bildungsverlierer“ bezeichnet werden und inwieweit dies auf biologische oder gesellschaftliche Faktoren zurückzuführen ist.
Welche zentralen Themenfelder stehen im Mittelpunkt?
Die zentralen Themen umfassen die Jungenpädagogik, die Auswirkungen von Erziehung und Sozialisation, die Bedeutung von männlichen Vorbildern in Bildungseinrichtungen sowie die Ergebnisse internationaler Leistungsstudien.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, ein tieferes Verständnis für die heterogene Situation von Jungen zu schaffen und die strukturellen sowie individuellen Bedingungen zu hinterfragen, die ihren schulischen und sozialen Werdegang beeinflussen.
Welche wissenschaftliche Methode liegt der Arbeit zugrunde?
Die Arbeit basiert auf einer fundierten Literaturanalyse bestehender pädagogischer und psychologischer Studien sowie aktueller statistischer Erhebungen, um die Thematik multiperspektivisch zu beleuchten.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in theoretische Grundlagen zu männlichem Verhalten (wie Rivalisieren und Hormonwirkung), soziologische Aspekte der Sozialisation und eine spezifische Analyse der Erfahrungen von Jungen in Kindergarten und Grundschule.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich der Inhalt charakterisieren?
Wichtige Schlagworte sind neben Jungenpädagogik und Bildungsverlierer vor allem Geschlechteridentität, männliche Sozialisation, PISA-Studien und die Problematik der Unterdrückung jungentypischer Verhaltensweisen.
Welche Rolle spielen laut Arbeit männliche Vorbilder in Kitas?
Die Arbeit zeigt auf, dass männliche Erzieher fehlen, was dazu führt, dass Jungen sich oft nach männlichen Spielpartnern sehnen, die ihre Interessen besser verstehen können, weshalb Programme wie „Mehr Männer in Kitas“ initiiert wurden.
Wie bewertet die Autorin das Label „Bildungsverlierer“?
Das Label wird kritisch hinterfragt, da es zwar durch Leistungsstudien bestätigt scheint, jedoch oft ignoriert, dass Jungen in anderen (z.B. mathematischen) Bereichen stark sind und die Beurteilung im Bildungssystem einseitig sprachlich orientiert ist.
- Arbeit zitieren
- Freya Stadermann (Autor:in), 2014, Bewertung und Beurteilung des männlichen Geschlechts im Alter von Null bis 15 Jahren im Bezug auf biologische und soziologische Grundlagen., München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/376360