Freitod im Mittelalter. Zu Dido in Veldekes "Eneasroman"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2012
13 Seiten, Note: 2,1

Leseprobe

2
1. Einleitung
Der ´Eneasroman´ von Heinrich von Veldeke erzählt die Geschichte des aus Troja
flüchtenden Eneas und seiner Suche nach der von den Göttern verheißenen neuen
Heimat. Dabei trifft er auch auf Dido,
,,die Geschehnisse um die karthagische Königin
werden kompositorisch zur Vorgeschichte
"
1
. Somit dürften die Geschehnisse um Dido
eigentlich nicht so interessant sein, aber das ist ein Irrtum, es wird wohl noch eher an sie
als an Eneas gedacht aufgrund ihres Freitodes nachdem er sie verlassen hat.
,,Die sich
selbst schuldig bekennende und aus unterschiedlichen Gründen schuldig gesprochene
Dido hat die lebhafteste Anteilnahme erregt.
"
2
In der nachfolgenden Arbeit soll es nun
auf der einen Seite um diesen Freitod gehen, auf der anderen Seite soll geschaut
werden, wie die Beziehung des Mittelalters zum Freitod eigentlich genau aussieht.
Zuerst soll ein kleiner Blick auf den Umgang mit dem Freitod im Mittelalter geworfen
werden. Es soll um die Reaktionen der Kirche darauf gehen, wie mit Suizidanten
umgegangen wurde und ob in einem solchen Klima überhaupt Literatur verarbeitet
wurde, in der Freitode zur Handlung gehören. Es soll sich dabei an der Arbeit Knapps
orientiert werden.
Danach folgt der erste Schritt Didos, die Geschehnisse vor dem Freitod sollen
beleuchtet werden. Was hat dazu geführt, dass sie sich umgebracht hat, und wie hat sie
sich bis zum tragischen Höhepunkt verändert.
Beginnend mit dem Davonsegeln des Eneas soll genauer auf den Freitod Didos geblickt
werden, wie wird er durchgeführt, wie wird er beschrieben und was sagt der Erzähler
dazu.
Hernach soll es um das gehen, was nach dem Freitod geschehen ist, denn Dido wird
später noch einmal auftauchen und das wird wichtige Informationen für den letzten
Punkt liefern.
In diesem soll es darum gehen, ob Didos Tod wirklich ein Freitod ist oder ob sie nicht
doch ermordet wurde, also gar nicht mehr in der Lage war Einspruch einzulegen gegen
1
Fromm, Hans: Der Eneasroman Heinrichs von Veldeke, in: Fromm, Hans: Arbeiten zur deutschen
Literatur des Mittelalters
, Tübingen: Niemeyer Max Verlag GmbH, 1989, S. 94
2
Heinrich von Veldeke: Eneasroman. Mittelhochdeutsch / Neuhochdeutsch. Nach dem Text von Ludwig
Ettmüller ins Neuhochdeutsche übersetzt, mit einem Stellenkommentar und einem Nachwort von Dieter
Kartschoke; Stuttgart: Philipp Reclam jun. GmbH & Co., 2007, S. 875

3
ihren eigenen Tod. Dabei werden Informationen der vorangegangenen Punkte wichtig
werden.
Abschließend sollen alle wichtigen Punkte zusammengetragen werden um ein paar
letzte Worte zu Didos Freitod sagen zu können.
2. Der Freitod im Mittelalter
2.1 Die Kirche und der Freitod
Hört man heutzutage von der Meinung der Kirche zum Freitod, so ist diese ziemlich
strikt, der Freitod ist unter allen Umständen verboten.
Da ist die Kirche am Anfang des Mittelalters noch ein wenig humaner, denn erlaubt war
der
,,Selbstmord zur Bewahrung vor Vergewaltigung"
3
. Es war eine ziemliche Schande
für eine Frau, wenn sie vergewaltigt wurde, vor allem, wenn sie dabei auch noch ihre
Jungfräulichkeit verlor, weshalb es teilweise sogar lobende Stimmen gab für Frauen,
,,die den Selbstmord der Schande der Vergewaltigung vorzogen"
4
, es ging sogar so
weit, dass
,,solchen Frauen sogar die Märtyrerkrone"
5
zuerkannt wurde. Die eigene Ehre
und die Jungfräulichkeit sind also wichtiger als das eigene Leben, weshalb auch gesagt
wurde in diesem Fall, dass Gott persönlich eingegriffen hat um mit dem Freitod die
Ehre der Frau zu bewahren. Ein Beispiel für eine Freitodheilige ist die
,,Hl. Pelagia, die
sich aus Furcht, die Krone der Jungfrauenschaft zu verlieren, vom Dach gestürzt hatte
"
6
.
Anfänglich war die Kirche also noch nicht so streng, wenn es um den Freitod ging.
So wie sich die Zeiten ändern, ändern sich die Meinungen und der Freitod wurde immer
mehr zum sündigen Außenseiter.
,,Der erste, der den Selbstmord als größtes aller
Verbrechen ansieht
"
7
, ist Lactanz. Für ihn gilt, dass man Leben und Tod
,,vielmehr
allein dem Befehl Gottes unterwerfen
"
8
muss, somit entscheidet Gott, wann man sterben
darf. Ironisch dabei mag sein, dass der Freitod auch eine Form des Todes ist, weshalb
Gott auch diese Todesart für den Gläubigen hätte wählen können, wie er es etwa bei den
3
Knapp, Fritz Peter: Der Selbstmord in der abendländischen Epik des Hochmittelalters; Heidelberg: Carl
Winter Universitätsverlag, 1979, S. 30
4
Knapp, S. 31
5
Knapp, S. 31
6
Knapp, S. 31
7
Knapp, S. 33
8
Knapp, S. 33

4
Frauen getan haben soll, die sich auf diese Weise vor der Schändigung durch einen
Mann gerettet haben.
Etwas detailreicher macht es dann Augustinus. Er argumentiert anhand der Bibel,
weshalb für ihn der Freitod verboten ist
,,durch das allgemeine Tötungsverbot der Bibel,
das sich auf den Menschen schlechthin bezieht
"
9
. Der Mensch darf nach ihm also nicht
nur andere Personen nicht töten, es ist ihm auch untersagt sich selbst zu töten. Für
Augustinus
,,ist der Selbstmord jedoch unter allen Umständen eine und zwar die
schwerste Sünde (gravissimum peccatum)
"
10
. Der Freitod hat also eine sichtliche
Negativkarriere gemacht je konservativer die Zeiten wurden, vom legitimen Mittel zur
Ehrenbewahrung zur schwersten Sünde. Er ist nun scheinbar auf fast der gleichen Stufe
wie die Todsünden.
Diese Meinung ändert sich nicht, so ist für manchen Kirchenvater der Freitod
,,eine
Folge der desperatio, einer Sünde wider den Heiligen Geist
"
11
. So human die Kirche
dem Freitod am Anfang noch gegenüberstand, so freitodfeindlich wurde sie mit der
Zeit, dass er zu einer schweren Sünde erklärt wurde, weshalb der Gläubige nie durch die
eigene Hand sterben darf, sondern darauf warten muss bis er beispielsweise plötzlich
nicht mehr vom Bett aufsteht.
2.2 Der Umgang mit Suizidanten
Auch das Rechtswesen stand dem Freitod am Anfang noch recht freundlich gegenüber,
man durfte sich bei folgenden vorliegenden Gründen umbringen:
,,taedium vitae,
unerträglicher Schmerz, Trauer um einen geliebten Menschen, Zahlungsunfähigkeit,
Ruhmsucht, Wut, Sinnesverwirrung
"
12
. Aufgrund unerträglicher Schmerzen darf man
sich vielerorts heutzutage noch nicht einmal umbringen.
Aber je strikter die Kirche wurde, desto strikter wurde auch der Umgang mit
Suizidanten. So
,,gelten Selbstmörder als exkommuniziert und vom kirchlichen
Begräbnis ausgeschlossen
"
13
. Es sei als Beispiel auf ´Die Leiden des jungen Werther´
von Goethe verwiesen. Auch Werther wird noch aufgrund seines Freitodes in einer
Nacht- und Nebelaktion außerhalb des Kirchenfriedhofs begraben, obwohl diese
9
Knapp, S. 52
10
Knapp, S. 52
11
Knapp, S. 55
12
Knapp, S. 67
13
Knapp, S. 69

5
Geschichte lange nach dem Mittelalter spielt. Auch der Freitodversuch konnte bestraft
werden, damit sollte jedoch vorwiegend verhindert werden,
,,daß sich Verbrecher auf
diese Weise den Strafen entzögen
"
14
.
Es gibt jedoch auch freitodfreundlichere Stimmen zu dieser Zeit, so gilt für Phelipe de
Beaumanoir,
,,nicht nur Sinnesverwirrung, sondern auch Verzweiflung infolge
unerträglichen körperlichen oder seelischen Schmerzes
"
15
als Entschuldigungsgrund für
einen Freitod. Dass er damit ziemlich allein dasteht, weiß er selber, so wird von ihm
berichtet,
,,die Laienrichter behandeln auch denjenigen, der sich aus Verzweiflung
selbst umgebracht hat, wie einen zum Tode Verurteilten, vollziehen die Strafe am Toten
und ziehen seine Güter ein
"
16
.
Tote wurden tatsächlich für ihre Tat bestraft. So wird man damals entweder
,,auf der
sogenannten claie geschleift oder wird aufgeknüpft oder verbrannt
"
17
. Der Sinn des
Verbrennens, was eine
,,Strafe für Ketzerei"
18
ist, liegt darin, dass
,,der Leichnam zu
Asche verbrannt, diese in den Wind oder in einen Fluss geworfen und damit jede
Erinnerung an Tat und Täter (damnatio memoriae) ausgemerzt werden
"
19
sollte. Wurde
die Leiche nicht extra hingerichtet, so
,,wurde der Leichnam jedenfalls unehrenhaft auf
der Richtstätte oder dem Schindanger begraben
"
20
.
Auch beim Umgang mit den Suizidanten zeigt sich, je freitodfeindlicher die Zeiten,
desto schlimmer werden selbst die Toten behandelt und man raubt ihnen im Nachhinein
ihre ganze Ehre.
2.3 Der Freitod und die mittelalterliche Literatur
Angesichts eines derartigen Umgangs mit dem Freitod, kann man sich fragen, wie man
mit dem Freitod in der Literatur umgegangen ist.
Am Anfang
,,dominierten eindeutig christliche Autoren"
21
und von diesen kamen
vorwiegend Legenden in denen meist berühmte Negativgestalten Hand an sich legen,
wie etwa Judas. In solchen Legenden
,,beschließt der Selbstmord eine lange Reihe von
14
Knapp, S. 68
15
Knapp, S. 70
16
Knapp, S. 70
17
Knapp, S. 70
18
Schild, Wolfgang: Folter, Pranger, Scheiterhaufen. Rechtsprechung im Mittelalter; München:
Bassermann Verlag, 2010, S. 151
19
Schild, S. 170
20
Knapp, S. 71
21
Knapp, S. 108
Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Freitod im Mittelalter. Zu Dido in Veldekes "Eneasroman"
Hochschule
Universität Leipzig  (Institut für Germanistik)
Veranstaltung
Heinrich von Veldeke: Eneasroman
Note
2,1
Autor
Jahr
2012
Seiten
13
Katalognummer
V376400
ISBN (eBook)
9783668534643
ISBN (Buch)
9783668534650
Dateigröße
448 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Heinrich von Veldeke, Eneasroman, Äneas, Dido, Freitod
Arbeit zitieren
Hannes Höbald (Autor), 2012, Freitod im Mittelalter. Zu Dido in Veldekes "Eneasroman", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/376400

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