Zur Kritik des eliminativen Materialismus


Hausarbeit, 2014

20 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

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1 Zur Problemstellung ­ postcartesianische Fragen
Der cartesianische Dualismus, der ,,ein denkendes Ding" (Descartes 1986, S.
106) einer ausgedehnten physischen Welt gegenüberstellt (vgl. a.a.O., S. 112),
hat nicht nur einerseits das unmittelbare Gegebensein der eigenen Erlebnis-
vorgänge zu extrapolieren versucht, sondern eine Problematik zementiert, die
seither alle erdenklichen Variationen von Dualismen und Monismen in den
Geistes- und Naturwissenschaften in der Suche nach einer Antwort auf die Frage
eint, wie sich die Zusammenhänge von Geist und Körper, von Psychischem und
Physischem ausgestalten mögen. In den 70er und 80er Jahren des 20.
Jahrhunderts, vor dem Hintergrund der sich stetig entwickelnden Neurowissen-
schaften, hat neben anderen AutorInnen Paul Churchland seine Konzeption eines
eliminativen Materialismus vorgebracht ­ eine Konzeption, die nach wie vor
intuitiv bei den meisten Menschen auf dezidierte Ablehnung stoßen dürfte, weil
sie die Existenz mentaler Zustände verneint. Allein, eine solche Ablehnung kann
nur zu einer Überwindung der abgelehnten Position führen, wenn sie
argumentativ gestützt wird. Auf den folgenden Seiten versuche ich, neben einer
vorgängigen kurzen Darstellung des eliminativen Materialismus Argumente zu
diskutieren, die die Fragwürdigkeit der eliminativistischen Position aufzeigen.
Die Grenzen dieser Arbeit bringen es mit sich, daß zum einen nicht alle
möglichen Gegenargumente diskutiert und zum anderen die diskutierten
Argumente nicht in aller Ausführlichkeit dargestellt werden können. Was aber
geleistet werden sollte, ist eine Legitimation, warum der eliminative
Materialismus Churchlands nicht nur intuitiv, sondern auch inhaltlich begründet
abgelehnt werden darf.
2 Die Konzeption des eliminativen Materialismus
Der eliminative Materialismus schließt auf radikale Weise an die Jahrtausende
alte Tradition der dem Idealismus entgegengesetzten materialistischen
Orientierung in Epistemologie und Ontologie an, ­ dies im Übrigen, selbst wenn
letztgenannte Begriffe in den Hintergrund treten sollten: implizit wird
unweigerlich eine Stellungnahme zu ihnen notwendig, sobald Behauptungen
bezüglich der ,,wahren" Substanz oder Natur dessen, worauf sich der
menschliche Geist bezieht bzw. woraus er hervorgeht, aufgestellt werden.

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2.1 Definition des Materialismus
Nach materialistischem Verständnis gibt ,,es keine andere Wirklichkeit [...] als
die Materie, so daß auch Seele, Geist und Denken als Kräfte oder Bewegungen
der [...] Materie" aufzufassen sind (Regenbogen/Meyer 2013, S. 399). Dabei sind
nicht nur Positionen als materialistisch zu bezeichnen, ,,welche der Materie
ausschließliche Existenz zuschreiben, sondern auch solche Positionen, in denen
der Materie eine dem Nicht-Materiellen primäre und vorgängige Existenz
zuerkannt wird." (a.a.O., S. 400) Das Existierende kann also als gänzlich auf
Materie reduzibel begriffen werden ­ wie etwa in mechanistischen Weltkonzep-
tionen ­; es kann andererseits auch das Psychische und Geistige als Resultat
materieller Prozesse verstanden werden. Die materielle, unabhängig vom
Menschen existierende Welt ist hier die gegebene Grundlage, dasjenige, das erst
am Ende eines langen Prozesses die Emergenz des menschlichen Geistes
ermöglicht: ,,Das Gehirn ist nur das Organ der psychischen Tätigkeit und nicht
ihre Quelle. Die Quelle der psychischen Tätigkeit ist die Welt, die auf das Gehirn
einwirkt." (Rubinstein 1964, S. 3) Der Vorrang des Materiellen vor dem
Psychischen ist ein notwendiges Merkmal aller materialistischen Ansätze. Doch
bleibt dabei offen, in welchem Ausmaß dem Psychischen Eigenständigkeit, ja
sogar überhaupt vollgültige Existenz zugebilligt wird. Hier nimmt der
eliminative Materialismus Churchlands eine Extremposition ein.
2.2 Definition des eliminativen Materialismus
Der eliminativistische Aspekt des eliminativen Materialismus besteht also nicht
in der Behauptung, daß überhaupt nichts existierte; was in sich widersprüchlich
wäre (vgl. Schneiders 2007, S. 336), noch darin, daß die Welt nicht existierte,
denn ,,the brain represents the general or lasting features of the world"
(Churchland 1995, S. 5). Stattdessen argumentiert Churchland für ,,a case of
elimination of one theoretical ontology in favor of another" (Churchland 1981, S.
85). Die Definition des eliminativen Materialismus ist daher von der Opposition
gegenüber der Domäne geprägt, die er anzufechten entschlossen ist:
It ,,is the thesis that our common-sense conception of psychological
phenomena constitutes a radically false theory, a theory so fundamentally
defective that both the principles and the ontology of that theory will

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eventually be displaced, rather than smoothly reduced, by completed
neuroscience, a theory we may expect to be more powerful by far than the
common-sense psychology it displaces, and more substantially integrated
within physical science generally." (a.a.O., S. 67)
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Churchland sieht die ,,folk psychology" (FP) als ein ,,conceptual framework for
mental phenomena" (a.a.O., S. 68), dem ein vollgültiger Theorienstatus
zuzusprechen ist ­ derjenige einer Theorie, die Aussagen, Ableitungen und
Prognosen trifft (vgl. a.a.O., S. 68f.), analog zu naturwissenschaftlichen
Ansätzen, denn die ,,structural features of FP parallel perfectly those of
mathematical physics" (a.a.O., S. 71), nur auf einen anderen Bereich bezogen.
Diese ,,lawlike relations" (a.a.O., S. 70) ermöglichen dann Aussagen wie ,,x
befürchtet, daß p; also hofft x, daß nicht p" (vgl. a.a.O., S. 71). Churchland
kritisiert die Alltagspsychologie jedoch als unangemessenen, unvollständigen
Ansatz, um mentalen Phänomenen gerecht werden zu können; weder kann sie
Erklärungen für Erscheinungen wie etwa psychische Krankheiten oder
Intelligenzunterschiede offerieren, noch hat sie in den letzten Jahrtausenden eine
Weiterentwicklung durchlaufen oder läßt sich in eine sinnvolle Relation mit den
Entwicklungen der modernen Naturwissenschaften setzen (vgl. a.a.O., S. 73ff.).
Die zu eliminierende Theorie der Alltagspsychologie, die, wie Churchland
konzediert, zwar ,,a central part of our current lebenswelt" (a.a.O., S. 76)
ausmacht, zieht jedoch ,,explanatory failures on an epic scale" (ebd.) nach sich.
Er vergleicht die Alltagspsychologie mit ihren Aussagen über intentionale
Zustände ­ ,,belief, desire, fear, sensation, pain, joy, and so on" (Churchland
1988, S. 44) ­ wissenschaftshistorisch mit zeitweilig angenommenen, im Zuge
des Erkenntnisfortschrittes aber verworfenen Theorien wie der Alchemie oder
Substanzen wie Phlogiston und spricht ihr eine als funktional zu verstehende
Rolle in unseren kognitiven Aktivitäten, die ihre Aufrechterhaltung legitimieren,
ab (vgl. Churchland 1981, S. 79ff., vgl. auch Jaworski 2011, S. 182ff.). Sie greift
Churchland zufolge überdies allein auf die sprachliche Dimension zurück, die
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Das Ansinnen Churchlands, in der Alltagssprache verwendete Begriffe, die psychische Zustände
bezeichnen, zu ersetzen, ist indes kein völlig Originäres - der Wiener Kreis hatte bereits eine universale
Wissenschaftssprache angestrebt, wie etwa Carnap mit seinem Anspruch, daß ,,für jeden psychologischen
Begriff [...] eine Definition angestellt werden kann, durch die er unmittelbar oder mittelbar auf
physikalische Begriffe zurückzuführen ist." (Carnap 1932, S. 109) Während Carnap noch auf zukünftige
Entwicklungen hoffen mußte, die der Physikalisierung des Psychischen Vorschub leisten, sah Churchland in
den 80er Jahren mit dem Fortschreiten der Neurowissenschaften die baldige Realisierung seines Vorhabens
sich bereits am Horizont abzeichnen.

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nur eine von vielen kognitiven Aktivitäten darstellt (vgl. Churchland 1981, S.
83). Churchland sieht die Möglichkeit, auf die Annahme der Existenz von
mentalen Zuständen zu verzichten, die in der Alltagspsychologie eine
entscheidende Rolle spielen, weil die Aufgabe der Theorie gleichzeitig die
Aufgabe der ontologisch korrespondierenden Entitäten, nämlich der mentalen
Zustände, bedingen würde (vgl. Beckermann 2008, S. 273) und stellt
verschiedene radikale Szenarien in Aussicht: so die Entwicklung eines durch die
Neurowissenschaften verbesserten Vokabulars zur Erfassung kognitiver
Zustände, das Aufkommen einer gänzlich neuen Sprache, die weit über die
natürliche Sprache hinausgeht, schließlich gar die Möglichkeit, Gehirne
verschiedener Individuen miteinander kommunizieren zu lassen (vgl.
Churchland 1981, S. 86ff.). Alle diese Varianten könnten auf die intentionalen
Begriffe der Alltagspsychologie verzichten.
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3 Argumente gegen den eliminativen Materialismus
Ansatzpunkte, den eliminativen Materialismus anzuzweifeln, gibt es wenigstens
deren zwei. Einerseits kann die Geltung der materialistischen Position überhaupt
in Ontologie und Erkenntnistheorie in Frage gestellt werden, oder aber die
spezifische Form des eliminativen Materialismus kann Versuchen der
Widerlegung unterzogen werden.
3.1 Zur Widerlegung der materialistischen Position überhaupt
Eine mögliche Gegenrede zur materialistischen Weltsicht überhaupt soll in
Grundzügen ausgeführt werden, bevor eine vertiefte Argumentation mit Bezug
auf Churchlands Thesen folgt, denn: lehnte man den Materialismus als solchen
ab, so gälte dies zugleich für den eliminativen Materialismus als eine seiner
Unterformen.
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Der mögliche Einwand, Churchland könne die Radikalität seiner Thesen im Laufe der Zeit abgemildert
haben (siehe auch die Konklusion des vorliegenden Textes), kann nicht umfassend diskutiert werden;
allerdings beschließt Churchland auch ein rezentes Werk wie folgt: ,,Old myths and folk conceptions are not
what we need at this point [...] [.] Where cognitive theory is concerned, what we need is a comprehensive
and revealing theory of brain activity. Then, and only then, will we be able to understand in detail the very
considerable role that our secondary social institutions play in regulating and amplifying it." (Churchland
2012, S. 278)

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Die idealistische Tradition in der neuzeitlichen Entwicklung der europäischen
Philosophie kann repräsentativ angeführt werden, um ein ,,klassisches"
Gegenargument gegen den Materialismus zu referieren, das hier exemplarisch
anhand von Kant und Schopenhauer dargestellt wird.
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Kants Umkehrung des
naiv-realistischen Glaubens hat ihn zu der Behauptung geführt, nicht ,,unsere
Erkenntnis müsse sich nach den Gegenständen richten", sondern: ,,die
Gegenstände müssen sich nach [unserer] Erkenntnis richten." (Kant 1974, S. 25,
i. O. k.) Im Rahmen seiner transzendentalen Ästhetik betont er, wir könnten ,,nur
aus dem Standpunkte eines Menschen vom Raum, von ausgedehnten Wesen etc.
reden. [...] Dieses Prädikat wird den Dingen nur in so fern beigelegt, als sie uns
erscheinen, d. i. Gegenstände der Sinnlichkeit sind." (a.a.O., S. 75) Wenn der
Raum letztlich ,,nichts anders, als nur die Form aller Erscheinungen äußerer
Sinne, d. i. die subjektive Bedingung der Sinnlichkeit" (ebd.) ist,
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so bedeutet
dies für die Ausgedehntheit der Materie (vgl. a.a.O., S. 52), daß diese
Eigenschaft nicht an sich besteht, sondern Grundlage der Erscheinungsmöglich-
keit der empirischen Welt für den Menschen ist. Daher bleibt es in dieser
Position unentscheidbar, was die ,,Dinge an sich" sind, außer, daß sie
irgendetwas sind (vgl. a.a.O., S. 166). Der Materie kann somit nicht das Primat
zukommen.
Schopenhauer ­ obwohl durch seine Willensmetaphysik nicht reduzierbar auf
eine subjektiv-idealistische Position (vgl. hierzu z. B. Morgenstern 2013) ­ gibt,
an Kant anschließend, eine Kritik, die Ernst Bloch als das ,,Original jeder
idealistischen ,Kritik' an der Materie, besonders auch der Materie als Prius der
Seele, des Geistes, des Überbaus" (Bloch 1985, S. 272) auszeichnet, und zeigt
die Schwierigkeit des Materialismus aus Sicht einer Erkenntnisperspektive auf,
die mit dem Erleben des Individuums seinen Ausgang nimmt: Der Materialismus
,,setzt die Materie, und Zeit und Raum mit ihr, als schlechthin bestehend, und
überspringt die Beziehung auf das Subjekt, in welcher dies Alles doch allein da
ist." (Schopenhauer 1988a, S. 60) Wenn aber das Subjekt als Voraussetzung des
Erkennens der Welt, auch der als materiell vermeinten Welt, selbst nicht
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Zwar findet sich bereits im cartesianischen Substanzdualismus insofern ein rationalistischer Vorrang der
res cogitans vor der res extensa, als erstere allem methodischen Zweifel widersteht, denn bei maximaler
Täuschung kann ich nie zu dem Schluß gelangen, ,,daß ich nichts bin, solange ich denke, daß ich etwas sei."
(Descartes 1986, S. 100) Doch über die Zuhilfenahme der vermeinten göttlichen Güte wird auch der
ausgedehnten Substanz Realität zuerkannt, wenngleich erst in einem Folgeschritt (vgl. z. B. a.a.O., S. 113 u.
S. 119).
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Ähnliches gilt laut Kant für die Zeit (vgl. a.a.O., S. 80f.) ­ da wir jedoch den Fokus auf die Zurückweisung
der materialistischen Position legen, ist die Verortung des Raumes hier von entscheidender Bedeutung.

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berücksichtigt und erst als Emergenz eines materiellen Prozesses behauptet wird,
so vernachlässigt der Materialismus,
,,daß sein letztes so mühsam herbeigeführtes Resultat, das Erkennen,
schon beim allerersten Ausgangspunkt, der bloßen Materie, als
unumgängliche Bedingung vorausgesetzt war, und wir mit ihm zwar die
Materie zu denken uns eingebildet, in der That aber nichts Anderes als das
die Materie vorstellende Subjekt, das sie sehende Auge, die sie fühlende
Hand, den sie erkennenden Verstand gedacht hätten." (a.a.O., S. 61)
Die Materie ist für Schopenhauer ,,nur das objektive Korrelat des reinen
Verstandes" (Schopenhauer 1988b, S. 91), dessen Aufgabe es ist, die
Sinnesempfindungen zu räumlichen Anschauungen zu formen (vgl. a.a.O., S.
65). An der Materie zeigt sich dann der ,,Wechsel der Accidenzien [...], d. i. alles
Entstehn und Vergehn" (a.a.O., S. 91), doch sie selbst ist auf die
Erscheinungswelt beschränkt und nur in dieser gegeben. In neuerer Zeit wurden
ähnliche epistemologische Kritikpunkte am materiellen Primat u. a. von seiten
der konstruktivistischen Philosophie vorgebracht (vgl. etwa von Glasersfeld
1997, S. 60, S. 81f. und S. 114).
3.2 Zur Widerlegung der eliminativ-materialistischen Position
3.2.1 Das Argument der Selbstwiderlegung
Ein naheliegend erscheinendes, von Churchland aber bereits vorweggenom-
menes potentielles Argument gegen den eliminativen Materialismus liegt im
sogenannten Selbstanwendungsproblem ­ wenn nämlich behauptet wird,
,,that the familiar mental states do not really exist. But that statement is
meaningful, runs the argument, only if it is the expression of a certain
belief
, and an
intention
to communicate, and a
knowledge
of the language,
and so forth. But if the statement is true, then no such mental states exist,
and the statement is therefore a meaningless string of marks or noises, and
cannot be true. Evidently, the assumption that eliminative materialism is
true entails that it cannot be true." (Churchland 1988, S. 48)
Dieses Argument unterstellt also, daß im eliminativen Materialismus implizit
bereits dasjenige vorausgesetzt wird, was widerlegt werden soll: ein Rückgriff
auf eben die mentalen Kapazitäten, die in der Alltagspsychologie dominieren,
Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Zur Kritik des eliminativen Materialismus
Hochschule
FernUniversität Hagen
Note
1,0
Autor
Jahr
2014
Seiten
20
Katalognummer
V376437
ISBN (eBook)
9783668536029
ISBN (Buch)
9783668536036
Dateigröße
513 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Philosophie des Geistes, eliminativer Materialismus, Materialismus, Neurowissenschaften, Alltagspsychologie, analytische Philosophie, philosophy of mind, ordinary language philosophy
Arbeit zitieren
Dr. Christian H. Sötemann (Autor:in), 2014, Zur Kritik des eliminativen Materialismus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/376437

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