Bullying und Cyberbullying unter Jugendlichen. Ursachen, Folgen und Handlungsmöglichkeiten


Bachelorarbeit, 2017
52 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung ... 1
2. Begriffsannäherung Jugend ... 3
3. Bullying ... 5
3.1 Definition Bullying ... 5
3.2 Phasen des Bullyings ... 6
3.3 Akteure im Bullying-Prozess ... 10
3.3.1 Täter ... 10
3.3.2 Opfer ... 13
3.3.3 Täter-Opfer ... 15
3.3.4 Zuschauer ... 15
3.4 Ursachen und Risikofaktoren ... 17
4. Cyberbullying ... 21
4.1 Definition Cyberbullying ... 21
4.2 Formen des Cyberbullyings ... 22
4.3 Besondere Merkmale von Cyberbullying ... 23
4.4 Akteure von Cyberbullying ... 24
4.4.1 Täter ... 24
4.4.2 Opfer ... 27
4.4.3 Täter-Opfer ... 28
4.4.4 Zuschauer ... 29
4.5 Ursachen und Risikofaktoren ... 30

5. Folgen ... 32
5.1 Folgen für die Opfer ... 32
5.2 Folgen für die Täter ... 35
6. Handlungsmöglichkeiten ... 36
6.1 Was die Eltern tun können ... 36
6.2 Was die Schule tun kann ... 41
7. Fazit ... 43
8. Literaturverzeichnis ... 46
9. Abbildungsverzeichnis ... 49

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1. Einleitung
15,7% der deutschen Schüler
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werden mehrmals im Monat Opfer von Bullying. 7%
von ihnen geben an, dass ihre Mitschüler regelmäßig Gerüchte über sie verbreiten, 9%
erzählen, dass sich andere über sie lustig machen. Dass Mitschüler ihre Lernutensilien
oder andere Gegenstände weggenommen oder diese zerstört haben, berichten 4% der
Befragten und 2% erzählen, dass sie sogar bedroht und geschlagen oder von ihren Mit-
schülern geschubst werden. 15% der deutschen Schüler bezeichnen sich selbst als Au-
ßenseiter und 13% fühlen sich einsam. Diese erschreckenden Ergebnisse gehen aus der
aktuell veröffentlichten Pisa-Studie des Jahres 2015 hervor, bei der die Organisation für
wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) neben schulischen Leistun-
gen erstmals das Wohlbefinden von 15-Jährigen aus 72 Ländern der Welt untersuchte
(vgl. Weidemann 2017).
Obwohl Bullying historisch betrachtet kein neues Phänomen ist, sind sich viele Kinder
und Jugendliche, aber auch Erwachsene, den Auswirkungen auf die Gesundheit und auf
die schulischen Leistungen der Betroffenen noch heute nicht bewusst. Die Folgen rei-
chen von psychosomatischen Beschwerden, wie Kopf- oder Bauchschmerzen, über
Angstzustände und ein negatives Selbstbewusstsein, bis hin zu Suizid. Problematisch
für die Opfer ist vor allem die Tatsache, dass Bullying sehr häufig bagatellisiert wird,
dass viele Menschen immer noch nicht zwischen Bullying und normalen Konflikten
unterscheiden können und dass es häufig lange Zeit unbemerkt stattfinden kann. Dass
Deutschland im internationalen Vergleich auf Platz 18 der Liste mit den häufigsten Bul-
lying-Fällen (vgl. ebd.) gelandet ist, verdeutlicht das erschreckende Ausmaß und den
damit einhergehenden Handlungsbedarf. Aus dieser Tatsache ergeben sich schließlich
große Herausforderungen für die Familie der Betroffenen, für Lehrer, sowie für die ge-
samte Schule als soziales Lernumfeld.
Relativ neu ist, dass Bullying heute nicht mehr nur auf dem Schulhof stattfinden kann,
sondern auch über digitale Medien. Neben Radio, Telefon und Fernsehen, sind sowohl
Internet als auch Smartphones für uns heutzutage selbstverständlich geworden und aus
unserem Alltag nicht mehr wegzudenken. Für Smartphones gibt es Internetflats mit
immer mehr Datenvolumen zu immer günstigeren Preisen und an den meisten öffentli-
chen Plätzen und in Restaurants sind mittlerweile sogenannte ,WLAN-Hotspots` zu
1
Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird in der folgenden Arbeit an einigen Stellen auf die zusätzliche
Verwendung der weiblichen Form verzichtet. Diese ist selbstverständlich miteingeschlossen.

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finden, wodurch das Surfen im Internet von überall aus möglich wird. Hierbei wird das
Internet längst nicht mehr nur zur Informationsbeschaffung genutzt, sondern dient auch
zur Unterhaltung und als Kommunikationsmittel, weshalb es vor allem bei Kindern und
Jugendlichen immer mehr an Bedeutung gewinnt. In sozialen Netzwerken, wie z.B.
Facebook, können sie sich mit ihren Freunden und Bekannten aus der ganzen Welt ver-
binden, mit ihnen chatten und Erinnerungen in Form von Fotos und Videos teilen.
All dies mag sich im ersten Moment positiv anhören, doch der Umgang mit den Medien
birgt auch Risiken, denen sich nur die Wenigsten bewusst sind. Viele Jugendliche er-
kennen die Grenze zwischen Virtualität und Realität nicht mehr und stellen Inhalte onli-
ne, ohne dies vorher zu reflektieren. Einmal veröffentliche Bilder oder Videos lassen
sich kaum noch aus dem Internet entfernen. Neben der Gefahr, dass Fotos und Videos
bearbeitet und an Dritte weitergeleitet werden, besteht auch das Risiko, dass ganze Pro-
file gefälscht werden. Somit entsteht für die Täter von Bullying auch die Chance ihre
Opfer verdeckt und unter einer anderen Identität zu beleidigen und zu bedrohen. Diese
negativen Handlungen mit Hilfe von digitalen Medien werden unter dem Begriff Cy-
berbullying oder Cybermobbing gefasst.
In der folgenden Bachelorarbeit soll der Frage nachgegangen werden inwiefern sich
Bullying und Cyberbullying voneinander unterscheiden, im Gegenzug sollen aber auch
die Gemeinsamkeiten hervorgehoben werden. Die Arbeit gliedert sich in zwei große
Themenbereiche und beginnt mit einem Überblick über klassisches Bullying. Da ich
mich vor allem auf Bullying im Jugendalter konzentriere, soll zunächst die Entstehung
der Jugend mit den entsprechenden Entwicklungsaufgaben nach Hurrelmann vorgestellt
werden. Danach folgen eine Definition von Bullying und eine Vorstellung der unter-
schiedlichen Bullying-Phasen. Anschließend werden die beteiligten Akteure mit ihren
Charaktereigenschaften sowie mögliche Risikofaktoren, die Bullying begünstigen kön-
nen, dargestellt. Als nächstes soll der zweite Themenbereich Cyberbullying näher be-
leuchtet werden. Hier beginne ich ebenfalls mit einer Definition, gefolgt von den Be-
sonderheiten und Erscheinungsformen von Cyberbullying. Nachdem die Akteure vorge-
stellt wurden, sollen zunächst die Ursachen dargestellt werden. Da sich die Folgen bei-
der Phänomene sehr stark ähneln, werden diese zusammen in einem Kapitel dargestellt.
Anschließend wird ein Überblick über mögliche Handlungsmöglichkeiten gegeben.
Zum Schluss folgt ein Fazit mit einer Zusammenfassung der wichtigsten Ergebnisse.

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2. Begriffsannäherung Jugend
Bisher gibt es keine allgemeingültige Definition von Jugend. Nach dem deutschen Sozi-
algesetzbuch VIII ist ein Jugendlicher ein Mensch, der 14, aber noch nicht 18 Jahre alt
ist (vgl. Sozialgesetzbuch VIII 2016). Laut Hurrelmann und Quenzel ist Jugend wie
jede andere Phase des Lebenslaufs ,,nicht allein durch die körperliche Entwicklung
definiert, sondern zugleich durch kulturelle, wirtschaftliche, soziale und ökonomi-
sche Faktoren beeinflusst." (Hurrelmann/Quenzel 2016, S. 9, Hervorhebungen im Ori-
ginal).
Während Kinder zu Beginn des 19. Jahrhunderts als Reichtum galten, veränderte sich
ihre Bedeutung im Zuge der Industrialisierung dahingehend, dass sie zunehmend als
Last betrachtet wurden, deren Unterhalt viel Geld kostete. Aufgrund des Ausbaus der
wohlfahrtsstaatlichen Absicherung in Krankheitsfällen und Altersrisiken waren sie nicht
mehr notwendig, um die wirtschaftliche Sicherheit ihrer Eltern zu gewährleisten. Dies
führt zu einem demographischen Wandel, da immer weniger Kinder geboren werden
und die Bevölkerung immer älter wird (vgl. ebd., S. 9f.).
Diese demographischen Veränderungen haben auch Auswirkungen auf die Strukturie-
rung der Lebensphasen. Während es vor 1900 nur zwei Lebensphasen gab, nämlich
Kindheit und Erwachsenenalter, bildeten sich ab ca. 1900 zwei neue Lebensphasen her-
aus: Die Jugend und das Seniorenalter (vgl. ebd., S. 15). So hat sich die Kindheit zwi-
schen 1900 und 1950 in eine frühe und eine späte Phase aufgeteilt. Als Grenze zwischen
den beiden Phasen galt die Pubertät. Die späte Phase der Kindheit wird von nun an als
Jugend bezeichnet. Als ein entscheidender Grund für die Entstehung der Jugendphase
können immer komplexere Anforderungen des Bildungssystems angeführt werden, da
für viele Berufe eine immer längere Ausbildung notwendig ist (vgl. ebd., S. 20).
Die Lebensphase Jugend ist wie jede andere Lebensphase mit bestimmten Entwick-
lungsaufgaben verbunden.
,,Entwicklungsaufgaben beschreiben die für die verschiedenen Altersphasen typischen
körperlichen, psychischen und sozialen Anforderungen und Erwartungen, die von
der sozialen Umwelt an Individuen [...] herangetragen werden und/oder sich aus der kör-
perlichen und psychischen Dynamik der persönlichen Entwicklung ergeben." (Hurrel-
mann/Quenzel 2016, S. 24, Hervorhebungen im Original).
Hurrelmann und Quenzel stellen vier zentrale Entwicklungsaufgaben vor, die es in der
Jugend zu bewältigen gilt. Sie lauten: Qualifizieren, Binden, Konsumieren und Partizi-
pieren und sind auf einer individuellen und einer gesellschaftliche Dimension zu finden.

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Zunächst sollen die Entwicklungsaufgaben auf der individuellen Ebene vorgestellt wer-
den.
Bei der ersten Entwicklungsaufgabe auf individueller Ebene geht es um das Qualifizie-
ren bzw. um die Entwicklung der intellektuellen und sozialen Kompetenzen. Es soll
neben kognitiven und intellektuellen Fähigkeiten auch Wissen erworben werden, wel-
ches dem Individuum ermöglichen soll eigenverantwortlich zu handeln, um schulischen
und später beruflichen Anforderungen nachzukommen. Bei der zweiten Aufgabe geht es
um die Entwicklung einer eigenen Geschlechterrolle und des Bindungsverhaltens. Der
junge Mensch soll sich mit seinem eigenen Körper und seinen sexuellen Bedürfnissen
auseinandersetzen, um seine eigene Identität aufzubauen. Außerdem geht bei dieser
Entwicklungsaufgabe um die Ablösung von dem Elternhaus und darum Beziehungen
aufzubauen und eine intime Partnerschaft einzugehen. Die nächste Aufgabe beschreibt
die Entwicklung von sozialen Kontakten und Entlastungsstrategien. Neben dem Erwerb
von Freundschaften, geht es bei den Entwicklungsaufgaben auch darum, angemessen
mit allen Freizeit-und Konsumangeboten zurechtzukommen. Ziel hierbei ist es, die Fä-
higkeit zu entwickeln, alle Angebote bedürfnisorientiert zu nutzen. Die letzte Entwick-
lungsaufgabe auf individueller Ebene ist die Entwicklung eines eigenen Werte- und
Normensystems. Hiermit ist die Entwicklung von persönlichen Werten gemeint, die mit
der körperlichen und psychischen Verfassung und den eigenen Handlungsweisen über-
einstimmen (vgl. Hurrelmann/Quenzel 2016, S. 26f.).
Auf der gesellschaftlichen Dimension geht es zunächst darum, Kompetenzen für die
Übernahme einer Berufsrolle zu erwerben. Es sollen Fähigkeiten entwickelt werden, die
dazu dienen, Tätigkeiten von gesellschaftlicher Bedeutung zu übernehmen. Wird diese
Aufgabe erfolgreich erfüllt, besteht die Möglichkeit seinen Lebensunterhalt selbststän-
dig zu finanzieren. Bei der Bindungsaufgabe steht die Übernahme einer gesellschaftli-
chen Rolle als Familiengründer im Fokus. Neben der Ablösung vom Elternhaus, geht es
hierbei um den Aufbau einer Partnerbeziehung. Durch die Gründung einer eigenen Fa-
milie sollen vor allem die individuelle und die gesellschaftliche Existenz gesichert wer-
den. Des Weiteren soll der Mensch Kompetenzen für die gesellschaftliche Rolle eines
Wirtschaftsbürgers erwerben. Er soll lernen, angemessen und bedürfnisorientiert mit
den vielfältigen Angeboten des Wirtschafts-, Freizeit- und Medienbereichs umzugehen
und den Umgang mit finanziellen Mitteln erlernen. Wird diese Aufgabe erfüllt, ist er in
der Lage später einen eigenen Haushalt zu führen, die vielfältigen Konsum- und Frei-

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zeitangebote zum eigenen Vorteil zu nutzen und sich somit von den Anforderungen des
Lebens zu erholen. Zuletzt geht es um den Erwerb von Kompetenzen eines politischen
Bürgers. Der Jugendliche soll die Fähigkeit entwickeln, sich aktiv an sozialen Angele-
genheiten der Gesellschaft zu beteiligen. Somit wird ihm ermöglicht, die eigenen Be-
dürfnisse und Interessen mitzuteilen (vgl. Hurrelmann/Quenzel 2016, S. 27f.)
3. Bullying
3.1 Definition Bullying
Der Begriff Bullying leitet sich von dem englischen Verb ,to bully` ab und meint das
Tyrannisieren und Einschüchtern von anderen. Das Wort existiert jedoch nicht nur als
Verb, sondern auch als Substantiv. ,A bully` ist demnach ein Unterdrücker bzw. Schlä-
ger. Obwohl mit Bullying ursprünglich körperliche Gewalt gemeint war, hat sich der
Begriff heute auch auf ,harmlosere` Formen, wie z.B. das Ausgrenzen aus Gruppen
ausgeweitet. Im angelsächsischen Sprachraum wird der Begriff Bullying sowohl für
Schikane am Arbeitsplatz als auch für Demütigung und Erniedrigung in der Schule
verwendet. Hierzulande bezeichnet Bullying das Auftreten negativer Handlungen zwi-
schen Jugendlichen und Kindern, wohingegen mit Mobbing Konflikte zwischen Er-
wachsenen am Arbeitsplatz gemeint sind. Zu betonen gilt jedoch, dass manche deutsche
Autoren unter Bullying lediglich körperliche Gewalt verstehen, während psychische
Schädigung von ihnen unter Mobbing gefasst wird. Das Wort ,to mob` stammt ebenfalls
aus dem Englischen und meint über jemanden herfallen oder jemanden anpöbeln. Im
angloamerikanischen Sprachgebrauch wird das Wort Mobbing nach unserem Verständ-
nis jedoch nicht verwendet, da es dort als Slang-Ausdruck verstanden wird und das
,Herumfahren in einem Auto nur zum Spaß` bezeichnet (vgl. Teuschel 2013, S. 4f.).
Die wohl bekannteste Definition des Begriffes Bullying geht auf den Psychologen Ol-
weus zurück. Sie lautet folgendermaßen: ,,Ein Schüler oder eine Schülerin ist Gewalt
ausgesetzt oder wird gemobbt, wenn er oder sie wiederholt und über eine längere Zeit
den negativen Handlungen eines oder mehrerer anderer Schüler oder Schülerinnen aus-
gesetzt ist." (Olweus 1999, S. 22).
Diese von ihm genannten negativen Handlungen können zum einen verbal, also z.B.
durch Bedrohung, Verspottung oder Beschimpfung und zum anderen physisch, also
durch Körperkontakt, wie beispielsweise durch Schläge oder Tritte, stattfinden. Es ist
jedoch auch möglich negative Handlungen ohne den Gebrauch von Worten und ohne

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direkten Körperkontakt zu begehen, indem man z.B. Grimassen schneidet oder eine
Person aus der Gruppe ausschließt (vgl. Olweus 1999, S. 22f.).
Anhand der Definition von Olweus lassen sich mehrere Faktoren feststellen, die erfüllt
sein müssen, damit von Bullying gesprochen werden kann. Zunächst muss ein Wieder-
holungsaspekt gegeben sein, d.h., dass die Angriffe sich wiederholen und über einen
längeren Zeitraum hinweg stattfinden. Des Weiteren muss sich eine verletzende Absicht
erkennen lassen. Die Täter verfolgen das Ziel, dem Opfer physischen und bzw. oder
psychischen Schaden zuzufügen. Ein weiterer entscheidender Punkt ist das Kräfteun-
gleichgewicht, das asymmetrische Kräfteverhältnis, zwischen Opfer und Täter. Zuletzt
muss eine Hilflosigkeit des Opfers erkennbar sein. Es ist nicht in der Lage, sich selbst
zu wehren und fühlt sich dem Täter gegenüber hilflos ausgeliefert (vgl. Riebel 2008, S.
4).
Eine Definition, die sich auf Konflikte am Arbeitsplatz bezieht, stammt von dem Ar-
beitspsychologen Leymann. Er beschreibt Mobbing als ,,negative kommunikative Hand-
lungen, die gegen eine Person gerichtet sind (von einer oder mehreren anderen) und die
sehr oft und über einen längeren Zeitraum hinaus, vorkommen und damit die Beziehung
zwischen Täter und Opfer kennzeichnen." (Leymann 2002, S. 21).
3.2 Phasen des Bullyings
In der Literatur werden von den unterschiedlichen Autoren zwischen unterschiedlichen
Phasen unterschieden. Diese Phasen stellen den Verlauf des Prozesses von Bullying dar.
In dieser Arbeit soll das Phasenmodell in Anlehnung an Teuschel (2013) vorgestellt
werden.
In der ersten Phase, die sich ,Phase der Anbahnung des Konflikts` nennt, erfolgen noch
keine Bullying-Handlungen, auch lässt sich hier noch nicht erkennen, dass sich diese im
weiteren Verlauf entwickeln werden. Dennoch spüren die Beteiligten, dass etwas nicht
in Ordnung ist und dass sich das Klassenklima verändert hat, was sich u.a. durch ein
unruhiges und angespanntes Gefühl der Betroffenen bemerkbar macht. Teuschel führt
ein Beispiel eines Mädchens namens Ariadne an, die nach den Ferien in die achte Klas-
se gekommen ist. In ihrer Klasse sind vier neue Schüler, zwei von einer anderen Schule
und zwei, die das Schuljahr wiederholen müssen. Die Stimmung wird von ihr als verän-
dert wahrgenommen, die Klasse ist unruhiger als zuvor und ihre ehemalige Freundin
sucht immer mehr Kontakt zu anderen Jugendlichen. Ariadne hat Angst ihre beste

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Freundin Nicole zu verlieren. Hoffnungsvoll wendet sich Ariadne an ihre Mutter, wel-
che ihr schließlich dazu rät, den Verlauf der Situation erst mal abzuwarten. In solchen
Situationen zeigt sich, dass die Betroffenen verstärkt versuchen an bisher stabil erlebten
Strukturen und Beziehungen festzuhalten. Da Bullying aber vor allem in Schwellensitu-
ationen entsteht, also beispielsweise nach einem Klassen-oder Schulwechsel, kann es zu
einer Verschiebung dieser Beziehungsebenen kommen. Die Jugendlichen nehmen zwar
die Veränderung des Schulklimas wahr, können sie aber noch nicht richtig deuten, wes-
halb sie zunehmend verunsichert werden. In dieser Phase entwickeln sich daher zwei
Gefühle, welche charakteristisch für Bullying sind und die Opfer über die gesamte Zeit
begleiten: Hilflosigkeit und Ohnmacht (vgl. Teuschel 2013, S. 56-60).
Als nächstes folgt die ,Phase der Bullying-Handlungen`. Wie der Name erahnen lässt,
handelt es sich hierbei um die Phase, in der das eigentliche Bullying stattfindet. Das
Einsetzen der Bullying-Handlungen geschieht hierbei auf unterschiedliche Weise. In
manchen Fällen ist es ein schleichender Prozess, der sich aus der ersten Phase heraus
entwickelt, in anderen Fällen tritt das Bullying ganz plötzlich ein und wird von Beginn
an mit Heftigkeit angewendet. Ariadne erzählt, dass sich ihre Situation in der Schule
immer mehr verschlimmert. Ihre bisher beste Freundin setzt sich zu der neuen Schülerin
Claudia, die aufgrund ihres höheren Alters von ihr bevorzugt wird. Gleichzeitig be-
kommt Ariadne eine neue Sitznachbarin, die ihrer Meinung nach nicht gut riecht und
unter juckendem Ausschlag leidet. In der Pause wird Ariadne vor allen anderen gede-
mütigt, indem Claudia, die neue Mitschülerin, an ihr riecht und dabei schreit, dass sie
sich wohl bei Luisa, dem Mädchen mit Ausschlag, angesteckt habe. Ariadne entdeckt
daraufhin tatsächlich eine rote Stelle an ihrer Hand. Nachts kann sie nicht mehr schla-
fen, da sie Angst hat, sich tatsächlich angesteckt zu haben. Obwohl die rote Stelle nach
ein paar Tagen wieder von alleine verschwindet, muss Ariadne neben der Zurückwei-
sung ihrer besten Freundin, immer mehr Angriffe über sich ergehen lassen. Die Jugend-
lichen behaupten, dass sie stinkt, riechen an ihr, machen Würgegeräusche und geben ihr
verletzende Spitznamen. Als schließlich sogar ihre ehemals beste Freundin Nicole mit-
macht, sieht Ariadne keine Hoffnungen mehr. Zu Hause spricht sie nicht mehr über die
Vorfälle und zieht sich immer mehr zurück. Dieser Rückzug ist bei vielen Bullying-
Opfern festzustellen. Hinzu kommt ein Schamgefühl, was sie immer mehr verzweifeln
lässt. Durch die soziale Isolation und Beschämung entsteht ein Teufelskreis, dem die
Betroffenen nur schwer entkommen können. Außerdem können sich in dieser Phase

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erste Krankheitssymptome bemerkbar machen. Neben psychosomatischen Beschwerden
wie Übelkeit, kann es auch zu psychischen Problemen, wie Angst und Konzentrations-
störungen kommen (vgl. Teuschel 2013, S. 62-65).
Die ,Phase der Einflussnahme von außen` zeichnet sich dadurch aus, dass Personen die
bisher unbeteiligt waren nun in den Konflikt eingreifen. So wie der Chef bei Mobbing
am Arbeitsplatz eine wichtige Rolle spielt, indem er dies verhindert, duldet oder unter-
stützt, kommt dem Lehrer bei Bullying in der Schule eine besondere Bedeutung zu.
Diese Personen ähneln sich in ihrer Machtbefugnis. Die wichtigsten Personen bei Schü-
ler-Bullying sind jedoch die Eltern der Opfer (vgl. ebd., S. 69). ,,Weder der Lebens-
partner noch der »beste Freund« werden je einen so nachhaltigen Einfluss haben (und
nehmen können!) wie die Eltern." (ebd.). Weitere Beteiligte mit Einflussnahme auf das
Geschehen sind u.a. der Schulpsychologe, der Vertrauenslehrer, der Arzt der Betroffe-
nen, hierzu zählt neben dem Hausarzt auch der Kinder-und Jugendpsychiater, sowie der
Psychotherapeut. Obwohl es auch Mitschüler gibt, die dem Opfer zur Seite stehen, ge-
lingt es ihnen in den meisten Fällen nicht, die Angriffe zu stoppen. Dies liegt zum einen
daran, dass sie in der Minderheit sind und zum anderen daran, dass sie die eben genann-
te Machtbefugnis nicht besitzen. Kennzeichnend für Bullying ist, wie bereits erwähnt,
die Schwierigkeit des Opfers sich zur Wehr zu setzen sowie das asymmetrische Kräfte-
verhältnis zwischen Täter und Opfer. Greifen nun andere Personen von außen ein, kann
sich die Situation für das Opfer verändern. Der Bullying-Prozess findet im besten Fall
nicht mehr ungebremst statt, sondern der Betroffene erfährt Unterstützung, ohne die er
sonst chancenlos wäre. Dennoch kann es auch sein, dass ein Eingreifen von außen kei-
nen positiven Einfluss auf den weiteren Verlauf hat. Häufig werden die Probleme, z.B.
durch den Lehrer, ignoriert oder bagatellisiert. Verantwortlich dafür ist ein immer noch
vorhandenes Informationsdefizit, denn viele Personen können nicht zwischen Bullying
und normalen Konflikten unterscheiden. Dies wiederum verschlimmert die Lage des
Opfers, da ihm somit das Gefühl vermittelt wird, dass die Attacken auf ihn ganz normal
und alltäglich sind. Da es feststellen muss, dass es alleine keinen Einfluss auf die An-
griffe hat, entwickelt sich bei ihm ein Ohnmachtsgefühl, gefolgt von Selbstzweifeln.
Auch ein Schulwechsel bringt nicht immer die erhoffte Veränderung. Nicht selten den-
ken die Betroffenen, dass sie zu schwach waren, um in der alten Klasse mit den Angrif-
fen zurechtzukommen und geben sich selbst die Schuld für ihre Situation. Des Weiteren
werden sie beim Wechsel in eine neue Schule mit einer völlig neuen Situation konfron-
Ende der Leseprobe aus 52 Seiten

Details

Titel
Bullying und Cyberbullying unter Jugendlichen. Ursachen, Folgen und Handlungsmöglichkeiten
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Note
1,7
Autor
Jahr
2017
Seiten
52
Katalognummer
V376480
ISBN (eBook)
9783668536241
ISBN (Buch)
9783668536258
Dateigröße
648 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
bullying, cyberbullying, jugendlichen, ursachen, folgen, handlungsmöglichkeiten
Arbeit zitieren
Ilka Vanessa Christmann (Autor), 2017, Bullying und Cyberbullying unter Jugendlichen. Ursachen, Folgen und Handlungsmöglichkeiten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/376480

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