Der Einfluss der italienischen Krämerzunft auf die Stadt Mainz in der Frühen Neuzeit


Hausarbeit, 2015
13 Seiten

Leseprobe

Einleitung
Die Zuwanderung von Italienern nach Deutschland reicht bis ins späte Mittelalter zurück.
Allerdings erhält ihre Immigration in der frühen Neuzeit in bestimmten Regionen eine
wirtschaftliche Bedeutung, was sie zusätzlich interessant macht. Johann Kaspar Riesbeck
schrieb einst in seinem Buch ,,Briefe eines reisenden Franzosen über Deutschland an seinen
Bruder zu Paris":
,,Fast in allen katholischen Städten fand ich Italiäner, und die meisten derselben waren Leute
von Vermögen. Sie sind durchaus als bettelarme Leute nach Deutschland gekommen, und
haben in einem fremden Lande ohne alle äussere Unterstützung ihr Glück gemacht. Noch vor
30 und 40 Jahren waren fast alle reiche Krämer in den mittlern und kleinern Städten des
katholischen Deutschlands Italiäner."
1
Schon Zeitgenossen fiel damals die Präsenz und Wirkung der Italiener in deutschen Städten
und unverkennbar auch deren Verdienst im Handelssektor auf. Allerdings wurde die
Zuwanderung nicht immer widerstandslos von der einheimischen Bevölkerung akzeptiert.
Diese Arbeit soll die Auswirkung von italienischen Einwanderern auf die Mainzer
Krämerzunft in der frühen Neuzeit, vor allem in den Jahren 1648-1800 untersuchen. Das
Thema ist in der Forschung recht gut durchschaubar und breit gefächert. Die Beschäftigung
mit der italienischen Einwanderung verspricht Aufschlüsse über unterschiedliche Aspekte
gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Entwicklung, etwa auf die Fragen, warum Mainz als
kurfürstliche Residenzstadt so attraktiv auf ausländische Einwanderer wirkte und warum
gerade für viele Menschen italienischer Herkunft.
Zu Beginn wird die Attraktivität der Stadt Mainz für Einwanderer herausgearbeitet. Der
zweite Abschnitt befasst sich speziell mit der italienischen Einwanderung, der Zeitraum in
dem sich die Einwanderung vollzog und in welchen Sektoren die Zuwanderer schließlich
arbeiteten. Zuletzt wird die Auswirkung der Einwanderung in Bezug auf die Belastung der
Mainzer Krämerzunft untersucht. Die damit zusammenhängenden Konflikte, die die Stadt
und Zunft mit Problemen konfrontierten, aber auch die insgesamt wirtschaftliche Bedeutung
sollen dabei im Vordergrund stehen.
1Riesbeck, Kaspar: Briefe eines reisenden Franzosen über Deutschland an seinen Bruder zu Paris, Bd. 2. Zürich
1784, S. 24.
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1.) Die Stadt Mainz in der frühen Neuzeit
1.1 Die Attraktivität für italienische Einwanderer
Im Vergleich zu anderen rheinischen Städten war die Anzahl der italienischen Einwohner in
Mainz deutlich größer. Daher ergibt sich die Frage, warum gerade Mainz eine so große
Anziehungskraft für Einwanderer bot, obwohl es zunächst keine Handelsstadt war. In
geographischer Hinsicht lag Mainz an einem interessanten Schnittpunkt wichtiger
Handelsstraßen, da hier Rhein und Main zusammenflossen. Obwohl Mainz bis zur Mitte des
18. Jahrhunderts nur den Bedarf an Stadt und Umland deckte und nicht im Groß- und
Fernhandel tätig war, boten sich hier trotzdem gute Handelsmöglichkeiten.
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Dazu besaß
Mainz eine relativ geringe Bevölkerungsdichte. Man sprach der Stadt als kurfürstliche
Residenzstadt, die mit dem Sitz der Hofhaltung, den Zentralbehörden der Regierung des
Erzstiftes, den Dienststellen der Administration der Erzdiözese und den eigenständigen
Verwaltungsorganen des Domkapitels ausgestattet war, durch diese Fülle an Organen
zusätzlich eine attraktive Rolle zu.
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,,Vom Adeligen über den Kaufmann und Handwerker bis
zum Bettler wurden viele angezogen, die in Mainz ihr Auskommen zu finden hofften".
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Seitdem die Stadt aufgrund der Mainzer Stiftsfehde 1462 unter der Regierung der Kurfürsten
stand, mangelte es ihr an städtischer Selbstverwaltung und an einer städtischen Oberschicht
mit politischem Selbstbewusstsein.
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Diese Lücke einer fehlenden bürgerlich politischen und
wirtschaftlichen Führungsschicht und das Fehlen eines überregional und international tätigen
Handelsstandes lassen sich als Triebkraft für eine verstärkte Einwanderung sehen.
Mit der Reparatur der Schäden nach dem Dreißigjährigen Krieg und dem Bau der Festung ab
1655 wurde die Einwanderung von italienischen Baumeistern, Steinmetzen und Maurern
gefördert.
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Durch den Sitz des Erzbischofs und seinem nicht unbedeutenden Einfluss auf die
Kirchenpolitik, bot Mainz auch im geistlichen Sektor eine gewisse Attraktivität. Gerade für
2Reves, Christiane: Von Kaufleuten, Stukkateuren und Perrückenmachern. Die Präsenz von Italienern in Mainz
im 17. Und 18. Jahrhundert, in: Bausteine zur Mainzer Stadtgeschichte: Mainzer Kolloqium 2000 (2002), S.
143.
3Reves 2002, S. 141.
4Rödel, G.Walter: Leben, Lieben, Sterben. Die Bevölkerung in der Neuzeit. In: Dumont, Franz (Hrsg.): Mainz.
Die Geschichte der Stadt, Mainz 1998, S. 675.
5Reves 2002, S. 141.
6Reves 2002, S. 142.
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italienische Einwanderer bot Mainz, als katholische Stadt, einen Vorteil. So hatten viele
Italiener die zumeist katholisch waren, gegenüber Protestanten oder Juden, keine Probleme
das Bürgerrecht zu erhalten.
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Im 18. Jahrhundert bemühten sich die Kurfürsten Joseph von
Breidbach-Bürresheim und danach Friedrich Karl von Erthal um Reformen und
Intensivierungen in der Armenfürsorge, dem Schulwesen und der Universität, was der Stadt
zusätzlich Anreize gab.
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Insgesamt bot Mainz als Festungs-, Universitäts- und Residenzstadt
sprich im weltlichen wie geistlichen Sektor zahlreiche Anregungen und eine hohe
Attraktivität, auf welche sich die erhöhten Einwanderungszahlen zurückführen lassen.
1.2 Einwanderungspolitik und der Mainzer Handelsstand
Neben der Attraktivität der Stadt an sich, betrieben auch einige Kurfürsten gezielte
Einwanderungs- und Wirtschaftspolitik. Kurfürst Johann Philipp von Schönborn forderte zum
Beispiel die nach dem Dreißigjährigen Krieg entflohenen Untertanen auf in die Stadt
zurückzukehren. Weiterhin versuchte er die Zuwanderung durch gewähren verschiedener
Privilegien, etwa der Befreiung von Schatzungen, Kontributionen und dem Wachdienst,
anzutreiben.
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Besonders Johann Friedrich Karl von Ostein spielte in der Mitte des 18.
Jahrhunderts, nach seiner Wahl zum Kurfürsten am 22. April 1743, eine bedeutende Rolle in
der Einwanderungs- und Wirtschaftspolitik der Stadt. In seiner Erklärung des ,,commercium"
ebnete er den Weg für die Errichtung eines Handelsministeriums
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, denn er selbst machte es
sich zum Ziel die Stadt zu einer wichtigen Handelsstadt auszubauen. Die Idee einer
merkantilistischen Wirtschaftspolitik verfolgend, sollte auf diese Weise eine positive
Handelsbilanz erreicht werden, um die Stadt in wirtschaftlicher Hinsicht mit der Messestadt
Frankfurt konkurrenzfähig zu machen.
Ostein führte die Mainzer Messen wieder ein und gründete eine Kommerzkomission und
einen Handelsstand. Durch diese Maßnahmen versuchte man nun Großhändler und
Manufakturgründer nach Mainz zu locken.
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7Reves 2002, S. 147.
8Reves 2002, S. 143.
9Reves 2002, S. 144.
10Darapsky, Elisabeth: Mainz. Die kurfürstliche Residenzstadt 1648-1792, Mainz 1995, S. 198.
11Reves 2002, S. 146
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Besonders die Gründung der Kommerzienkommission sollte als Beamtenkollegium Kontakte
mit ortsfremden Händlern knüpfen.
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Die Gründung des Handelsstandes hatte zur Folge, dass
Großkaufleute von den Krämern getrennt und die Großkaufleute im Handelsstand zu einem
besonderen zusammengefasst wurden
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und befreite eingewanderte Kaufleute von den
strikten Vorgaben der Krämerzunft. Mit dieser Trennung und auch durch die
Wiedereinführung der Messen erhoffte man sich die Anziehung und Niederlassung finanziell
starker Unternehmer, um den Handel effektiv auszubauen und voranzutreiben.
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Insgesamt
lässt sich festhalten, dass die Einwanderungsförderung zunächst die allgemein vorangetrieben
wurde und ab er Mitte des 18. Jahrhunderts speziell auf Krämer, Kaufleute und Großkaufleute
abzielte. Dies stieß zunehmend auf Widerstand unter den ansässigen Kaufleuten und auch der
Krämerzunft, die sich in ihrer Existenz bedroht sahen, was unter anderem die Kurfürsten hin
und wieder zu Rücksichtnahme beeinflusste, diese aber dennoch an ihrer Politik festhielten.
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2.) Die italienische Einwanderung
2.1 Einwanderungswellen und Herkunft
Die Einwanderungswellen der Italiener lassen sich in mehrere Hauptströme untergliedern.
Bereits im 13. bis 15. Jahrhundert wanderten vermehrt lombardische Financiers, die vor allem
als Geldwechsler, Bankiers und Steuereintreiber arbeiteten ein. In der Zeit ab 1510 ließen sich
vermehrt Kaufleute, Spediteurs und Bankiers nieder, die sich aber ab 1600 wieder
zurückzogen. Nach dem Dreißigjährigen Krieg beobachtete man zunehmend
Südfrüchtehändler vom Comer See, die oft als ,,Pomeranzenkrämer" betitelt wurden. Zuletzt
noch den Comensern sozial höherstehende Seiden- und Galanteriewarenhändler, die
überwiegend aus Savoyen und Piemont kamen.
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Daneben werden im 17. Und 18. Jahrhundert
auch zahlreiche kleinere Gruppen wie vereinzelte italienische Kaufleute, Kaminfeger,
12Matheus, Ricarda: Die sogenannten hiesigen Kaufleute ... sind im grunde nur Krämer. Mainzer Großhändler
in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, in: Bausteine zur Mainzer Stadtgeschichte: Mainzer Kolloqium 2000
(2002), S. 174.
13Darapsky 1995, S. 202.
14Reves 2002, S. 146f..
15Reves 2002, S. 148.
16Schindling, Anton: Bei Hofe und als Pomeranzhändler. Italiener im Deutschland der Frühen Neuzeit. In:
Bade, Klaus (Hrsg.): Deutsche im Ausland ­ Fremde in Deutschland. Migration in Geschichte und Gegenwart,
München 1993, S. 290.
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Details

Titel
Der Einfluss der italienischen Krämerzunft auf die Stadt Mainz in der Frühen Neuzeit
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Autor
Jahr
2015
Seiten
13
Katalognummer
V376495
ISBN (eBook)
9783668538092
ISBN (Buch)
9783668538108
Dateigröße
476 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
einfluss, krämerzunft, stadt, mainz, frühen, neuzeit
Arbeit zitieren
Stefan Schmidt (Autor), 2015, Der Einfluss der italienischen Krämerzunft auf die Stadt Mainz in der Frühen Neuzeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/376495

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