In der Geschichte der Filmtheorie galt lange Zeit die Vorstellung, die filmtechnischen Mittel Montage und Mise en Scène seien getrennt voneinander zu betrachten, da sie auf verschiedene Ziele der filmische Arbeit verweisen. In dieser Arbeit soll es nun darum gehen, Jean-Luc Godards Auffassung von der Synthese dieser beiden Techniken zu stützen und durch den Nachweis der Austauschbarkeit der jeweiligen Ziele von Montage und Mise en Scène sogar zu verschärfen.Desweiteren werden die noch vor Godard gängigen Vorstellungen von Realitäten, die der Film ermöglicht, verbunden mit den damaligen Auffassungen bezüglich der zwei Filmtechniken, dargestellt und schließlich mit Godards These und der sich ergebenden Konsequenzen modifiziert. Die Grenzen der Wirklichkeit des Films müssen mit Godard neu definiert werden. Zur Untermauerung dieses theoretischen Rahmens folgt im Hauptteil dieser Arbeit eine Filmanalyse zu Stanley Kubricks The Shining (1980). Dieser Filmist aufgrund ungewöhnlicher Raum- und Zeitkonstruktionen und der damit verbundenen Montagetechnik und Mise en Scène hervorragend für dieseZwecke geeignet. Anhand konkreter Sequenzen wird demnach zunächst die Zeitkonstruktion unter Einbezug der Montage und im Anschluss das Raumkonzept unter dem Gesichtspunkt der Mise en Scène betrachtet. Anschließend wird aufgezeigt, inwieweit diese filmtechnischen Mittel untrennbar voneinander zu betrachten sind. Abschließend folgt die Betrachtung der Selbstreferenz des Films, die sich gewissermaßen aus den Konsequenzen der Synthese von Montage und Mise en Scène ergibt.
Inhaltsverzeichnis
0. Einleitung
1. Montage und Mise en Scène
1.1 Expressionismus und Realismus
2. Filmanalyse The Shining
2.1 Sequenzgrafik
2.2 Die Gestörtheit der Zeit
2.2.1 Der äußere Zeitrahmen
2.2.2 Der innere Zeitrahmen
2.3 Die Gestörtheit des Raums
2.3.2 Das Labyrinth und der hohe Raum
3. Der Zeit-Raum
4. Die Gestörtheit des Films
5. Schluss
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die Synthese von Montage und Mise en Scène in Stanley Kubricks Film The Shining. Das primäre Ziel ist es, Jean-Luc Godards These von der Untrennbarkeit dieser beiden filmischen Techniken theoretisch zu stützen und empirisch am Filmbeispiel nachzuweisen, dass sie wechselseitig Raum- und Zeitkonzepte konstruieren können.
- Filmtheoretische Einordnung von Montage und Mise en Scène
- Analyse der Zeit- und Raumkonstruktionen in The Shining
- Untersuchung der dialektischen Beziehung zwischen Film und Zuschauer
- Nachweis der intellektuellen Realität im modernen Film
- Selbstreferenzialität und Wahrnehmungsprozesse bei Kubrick
Auszug aus dem Buch
2.2.1 Der äußere Zeitrahmen
Wie anhand der Sequenzgrafik ersichtlich wird, lässt sich The Shining grob in neun Sequenzen unterteilen, zumeist aufgrund der Titeleinblendungen. Diese Grafik verdeutlicht bereits die erste Auffälligkeit bezüglich des äußeren Zeitrahmens: die Abnahme der „objektiven“ Zeit, die einer Erweiterung der Zeit im „subjektiven“ entspricht. Die Zeitabschnitte verkürzen sich (Monate, Tage, Stunden), wogegen sich die Filmzeit ausdehnt.
Die zweite Auffälligkeit stellt sich bei genauerer Betrachtung der Zwischentitel heraus: Tuesday, Saturday, Monday, Wednesday. Die Tage unterliegen keiner zeitlichen Ordnung und scheinen völlig willkürlich gewählt. Wir können nicht einmal genau bestimmen, ob die Tage innerhalb eines Wochenzyklus direkt aufeinander folgen, oder ob nicht vielleicht eine Woche oder mehr dazwischenliegt.
Untersucht man diese Tage für sich genauer, ergibt sich die dritte Auffälligkeit: eine Gestörtheit der Tageszeiten. Dies ist besonders deutlich in der Sequenz Wednesday. Die Tageszeiten lassen sich dort kaum eindeutig definieren, was durch die Parallelmontage der Geschehnisse im Overlook Hotel in Colorado und den Vorgängen in der Wohnung des Hotelkochs Dick Halloran in Florida noch weiter erschwert wird. Halloran und Danny erfahren scheinbar zeitgleich das „Shining“. Bei Halloran ist es bereits dunkel, und er sieht die Abendnachrichten, während es in Colorado gerade früher Nachmittag sein kann. Später in dieser Sequenz sehen wir Halloran am helllichten Tag im Flugzeug und kurz darauf am sehr frühen Morgen in Colorado im Auto. In der nächsten Einstellung scheint helles Tageslicht ins Hotel, wobei alle Figuren die gleiche Kleidung vom Vortag tragen, und kurz darauf sagt uns die Titeleinblendung die Zeit von 4 pm an. Entweder ist in der Zwischenzeit ein neuer Tag angebrochen, die Figuren haben die Kleidung nicht gewechselt und Halloran war eine halbe Ewigkeit zum Hotel unterwegs, oder die Tageszeiten sind durcheinander geraten. In der Tat spricht einiges für letzteres.
Zusammenfassung der Kapitel
0. Einleitung: Einführung in die filmtheoretische Problematik und Vorstellung der These zur Synthese von Montage und Mise en Scène.
1. Montage und Mise en Scène: Überblick über die historischen Konzepte von Expressionismus und Realismus sowie deren Modifikation durch Godard.
2. Filmanalyse The Shining: Detaillierte Untersuchung der formalen Mittel in Kubricks Film mit Fokus auf Zeit- und Raumstörungen.
3. Der Zeit-Raum: Synthese der Analyseergebnisse, die beweist, dass Montage und Mise en Scène wechselseitig Zeit- und Raumstrukturen beeinflussen.
4. Die Gestörtheit des Films: Reflexion über die kommunikative Beziehung zum Zuschauer und die Wahrnehmungsebene im modernen Film.
5. Schluss: Fazit über Kubricks Grenzüberschreitungen und die Bedeutung des Films für die Filmtheorie.
Schlüsselwörter
Stanley Kubrick, The Shining, Montage, Mise en Scène, Filmtheorie, Zeitkonstruktion, Raumkonstruktion, Intellektueller Realismus, Filmanalyse, Wahrnehmung, Selbstreferenz, Symmetrie, Godard, Zuschauerkommunikation
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit?
Die Arbeit analysiert die filmtechnische Synthese von Montage und Mise en Scène am Beispiel des Films The Shining von Stanley Kubrick.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Im Zentrum stehen die Filmtheorie, Raum-Zeit-Konstruktionen im Film sowie die Art und Weise, wie ein Film den Wahrnehmungsprozess des Zuschauers thematisiert.
Was ist die zentrale Forschungsfrage?
Die Arbeit untersucht, ob die theoretische Trennung von Montage und Mise en Scène aufrechterhalten werden kann oder ob diese Techniken eine untrennbare Einheit bilden.
Welche wissenschaftliche Methode wird angewendet?
Es handelt sich um eine systematische Filmanalyse, die auf Basis einer Sequenzgrafik formale filmische Mittel auf inhaltliche Konzepte bezieht.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Fundierung, eine detaillierte Filmanalyse unter besonderer Berücksichtigung von Zeit- und Raumverzerrungen und eine abschließende Synthese beider Ansätze.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind insbesondere Montage, Mise en Scène, Zeit-Raum, intellektueller Realismus, Filmanalyse und Selbstreferenz.
Warum ist gerade The Shining für diese Untersuchung geeignet?
Der Film weist aufgrund seiner ungewöhnlichen Raum- und Zeitkonstruktionen eine hohe Komplexität auf, die das Zusammenspiel von Montage und Mise en Scène besonders deutlich hervortreten lässt.
Welche Bedeutung kommt dem Labyrinth in der Analyse zu?
Das Labyrinth dient als räumliches Grundprinzip, das die Montage-Logik der plötzlichen Bewegung und des harten Schnitts auf die räumliche Ebene überträgt.
Was besagt die These des intellektuellen Realismus in dieser Arbeit?
Der intellektuelle Realismus löst die rein psychologische Manipulation oder die bloße Abbildung der Realität ab und schafft eine dialektische Kommunikation zwischen Film und Publikum.
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- Katrin Geiser (Autor), 2004, Zeit-Räume in Stanley Kubricks The Shining, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/37649