Der Wandel Horst Mahlers von der RAF zur NPD. Die Akte Mahler und das Vermächtnis Hitlers


Hausarbeit (Hauptseminar), 2010
18 Seiten, Note: 1.0
Ron Böhler (Autor)

Leseprobe

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Gliederung
Seite(n)
1 Einführung ... 2 - 3
2 Über den Zusammenhang von RAF und Nationalsozialismus ... 3
3 Die Akte Horst Mahler ... 4
3.1 Horst Mahler bis zur Gründung der Rote Armee Fraktion ... 4 - 5
3.2 Die 1980er und 1990er Jahre: Sinneswandel oder Selbstfindung? 6
3.3 Der Rechtsextremist Horst Mahler ... 6 - 7
4 Die Neue Rechte: Theorie statt Praxis ... 7 - 8
5 Rechts, Links und die Parallelen im Denken von Horst Mahler ... 8 - 9
5.1 Anti-Imperialismus damals und heute ... 9 - 10
5.2 Anti-Judaismus damals und heute ... 10 - 11
5.3 Illegitimität des Staates damals und heute ... 11 - 12
6 Horst Mahler, sein Vater und der lange Schatten der Vergangenheit ... 12
6.1 Theoretische Annahmen nach Assmann ... 12 - 13
6.2 Horst Mahler: Erinnern und Vergessen ... 13 - 14
7 Schlussbemerkungen ... 15
8 Bibliografie ... 16 - 17

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INFÜHRUNG
Der Fall Horst Mahler erfährt seit der Jahrtausendwende enorme mediale
Aufmerksamkeit. Der einstige Mitbegründer der Rote Armee Fraktion (RAF), jener
linksterroristischen Untergrundorganisation, die sich gegen die Unreflektiertheit ihrer
aus der NS-Zeit mit Schuld und Verantwortung belasteten Elterngeneration sowie den
daraus resultierenden deutschen Unrechtsstaat auflehnte, trat am 12. August 2000 der
rechtsextremistischen Nationaldemokratischen Partei Deutschlands (NPD) bei.
Verantwortlich für die öffentliche Zuwendung zur Biografie und Lebenswerk
Mahlers ist weniger der Umstand, dass er der letzte verbliebene Mitgründer der RAF
ist
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, sondern vielmehr sein ideologischer Schwenk vom Linksterrorismus der 1960er
und 1970er Jahre hin zum Rechtsfaschismus in der so genannten Neuen Rechten.
Diese persönliche Entwicklung Mahlers ist auf verschiedenste Art und Weise betitelt
worden: als ,,ideological journey" (Preece 2010: 159), als ,,change of heart" (Michael
2009: 352) sowie als ,,political odyssey from left-wing terrorist to spokesman and
strategist for latter-day Nazis [which] is unique" (Grim 2004). Nie aber ist der
biografische Zusammenhang der Entwicklung Horst Mahlers analytisch untersucht
worden. Der Anschein der Inkonsistenz und Unreflektiertheit des Denkens und auch
Handelns Mahlers hält diesem Versuch freilich nicht Stand.
In einem ersten Schritt rekapituliert die Arbeit die Biografie, das Schaffen,
aber auch die Strafanfälligkeit Horst Mahlers von der frühen Studentenzeit der 60er
Jahre bis heute. Anschließend werden die Denkmuster seiner politischen Agitation
sowohl zu Zeiten der RAF als auch der NPD bzw. der Neuen Rechten aufgedeckt, die
sich erstaunlich ähnlich sind und in drei überspannenden Konstanten
zusammenhängen. Schließlich soll ein Bezug zur Erinnerungskultur im
Nachkriegsdeutschland hergestellt werden. Ziel dieser Arbeit ist es deshalb auch,
anhand eines explorativen Designs einen Erklärungsansatz für die biografische
Entwicklung von Horst Mahler zu entwickeln.
Hier spannt die Arbeit einen Bogen von der übergeordneten Einheit des
Mahlerschen Denkens, der alten Denkmustern auch im Verlaufe der Jahrzehnte treu
geblieben ist, hin zum untergeordneten Perspektivenwechsel von links nach rechts.
Mahler hat sich heute nicht mehr radikalisiert als damals, sondern durch einen
ausgeprägten Geschichtsrevisionismus die Bindung zu jenem deutschen Volk
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Die anderen Mitgründer Ulrike Meinhof, Andreas Baader und Gudrun Ensslin begingen in der
Haft im Gefängnis Stuttgart-Stammheim 1976 (Meinhof) bzw. 1977 (Baader, Ensslin) Suizid.

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wiederhergestellt, die er als Student verloren hatte. Aus Erinnern ist Vergessen
geworden. Wie verwerflich diese Entwicklung tatsächlich ist, steht außer Frage, soll
hier aber nicht Gegenstand sein. Die eigentliche Frage von Interesse lautet: Wie lässt
sich die ideologische Wandlung eines Horst Mahler vom Linksterrorismus der RAF
hin zum Rechtsradikalismus der Neuen Rechten erklären?
Die Literatur zu Person und Fall Horst Mahler ist äußerst überschaubar und
beschränkt sich zumeist auf biografische Nacherzählungen, die selten umfassend und
vollständig sind. Analytische Betrachtungen der offensichtlichen Verflechtung von
Links- und Rechtsextremismus in der bundesdeutschen Geschichte nach 1945 blieben
zudem bis dato nahezu aus. Horst Mahler steht sinnbildlich für dieses Wechselspiel.
Nicht einmal neueste Forschungsversuche bringen neue Erkenntnisse oder
beantworten die Frage, wie der vermeintliche Sinneswandel des Horst Mahler, der
mithin keiner ist, zu erklären wäre. (Vgl. Michael 2009)
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BER DEN
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USAMMENHANG VON
RAF
UND
N
ATIONALSOZIALISMUS
Die jungen Studenten der 68er-Generation waren die ersten Kinder der
Nachkriegszeit. Sie sind zumeist in den letzten Atemzügen des Zweiten Weltkrieges ­
oder eben kurz danach ­ geboren und wuchsen in einer Gesellschaft auf, die zwar
befreit von Hitler war, aber eben doch nicht frei von nationalsozialistischer Ideologie.
Ehemalige SS-Führer, NS-Richter und andere Beteiligte des Naziregimes fungierten
weiterhin, nicht zuletzt auch mangels personeller Alternativen, in öffentlichen Ämtern
oder wissenschaftlichen Positionen und lehrten plötzlich das Gegenteil dessen, was
sie noch vor wenigen Jahren propagierten. (Vgl. Ehrlich 2003: 30-37)
Das treffendste Beispiel dieser Entwicklung ist Kurt Georg Kiesinger, von
1966 bis 1969 dritter Kanzler der Bundesrepublik Deutschland und selbst früher
Mitglied der NSDAP. Die Kritik der 68er an ihrer Elterngeneration entbrannte
insbesondere in Anbetracht der mangelnden bis fehlenden Aufarbeitung der eigenen
Verantwortung. Eine deutsche Erinnerungskultur war zu dieser Zeit schlicht nicht
existent. Die individuelle Schuld war zwar nicht vergessen, aber doch auf
unbestimmte Zeit verdrängt. Die Beteiligten der NS-Zeit hatten es versäumt, ihre
Taten anzuerkennen und auch anzunehmen. Nun sahen sie sich mit einer Generation
konfrontiert, die ­ frei von Schuld und Gewissenskonflikten ­ Handlungen und
Motive ihrer Eltern kritisch hinterfragten. Einer von ihnen war Horst Mahler.

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AHLER
Horst Mahler steht mit seiner Entwicklung vom linksterroristischen Kalkül der 1960er
Jahre hin zum Extremismus der Neuen Rechten keineswegs isoliert da. Erstaunlich
viele vergleichbare Biografien können ausfindig gemacht werden, so u.a. bei Günter
Maschke, Bernd Rabehl und Reinhold Oberlercher. Alle drei gehörten wie auch
Mahler in den 1950er/1960er Jahren dem Sozialistischen Deutschen Studentenbund
(SDS) an. Maschke suchte nach seiner Verhaftung infolge seiner Partizipation an
Vietnam-Demonstrationen politisches Asyl im sozialistischen Kuba, vollzog dort aber
eine ideologische Wendung hin zum Rechtsextremismus und arbeitet heute
vornehmlich als Publizist rechtskonservativer Zeitschriften wie der Jungen Freiheit.
Rabehl fungierte unter anderem als Lehrbeauftragter am Otto-Suhr-Institut der Freien
Universität Berlin, Oberlercher in gleicher Funktion an der Universität Hamburg.
Oberlercher und Mahler führten auch das 1994 gegründete Deutsche Kolleg (DK),
eine stark rechtskonservative Vereinigung, die sich der Verbreitung nationalistischer
und faschistischer Propaganda verschrieben hat. Mahler schied jedoch nach
Meinungsdifferenzen mit Oberlercher 2003 aus dem Kolleg aus, engagiert sich aber
in anderen rechtsgerichteten Vereinen weiter.
3.1
H
ORST
M
AHLER BIS ZUR
G
RÜNDUNG DER
RAF
Horst Mahler wurde am 23. Januar 1936 als eines von drei Kindern eines
Zahnarztes in Haynau/Schlesien geboren. Die Eltern waren vollständig dem
Nationalsozialismus verfallen und hielten Hitler-Deutschland ungebrochen die Treue.
(Jander 2006: 374) Weder der Mord an Mahlers Onkel, ein Adjutant des Gauleiters
der Sturmabteilung im Zusammenhang mit dem ,,Röhm-Putsch" von 1934, noch der
Ausschluss des Vaters aus der NSDAP brachte Mahlers Eltern dazu, das
nationalsozialistische System zu hinterfragen. Auch die Niederlage des Deutschen
Reiches 1945 änderte daran nichts.
Nach Kriegsende flüchtete die Familie zunächst vor der sowjetischen Armee
und ließ sich in Dessau-Roßlau nieder, nach dem Suizid des Vaters im Jahr 1949 ­ zu
dessen Umständen sich Mahler bis dato öffentlich kaum geäußert hat ­ nach West-
Berlin. Mahler nahm dort mithilfe der Studienstiftung des Deutschen Volkes ein
Studium der Rechtswissenschaften an der Freien Universität Berlin auf. Zur gleichen
Zeit trat er auch der schlagenden Burschenschaft Thuringia bei. Hier offenbarte sich
weniger Mahlers Gewaltpotenzial als vielmehr sein Hang zur Illegalität. In

5
Gesprächen mit dem ehemaligen Bundesinnenminister Gerhart Baum gestand er 1980
ein: ,,Es wäre wohl nie dazu gekommen, wenn diese Verbindung an der Freien
Universität nicht verboten gewesen wäre". (Jeschke und Malanowski 1980: 18)
Dieses Motiv der Gesetzesübertretung allein der Gesetzesübertretung wegen sollte
sich in seiner Biografie noch wiederholen.
1956 trat er aus der Burschenschaft aus und in die Sozialdemokratische Partei
Deutschlands (SPD) ein. Als Anhänger des rechten Lagers hatte er versucht, den
,,Klassenfeind" durch Lektüre seines wichtigsten Vertreters, Karl Marx, zu
widerlegen. Er schaffte es nicht und verfiel stattdessen dem Marxismus-Leninismus.
(Jander 2006: 375) Da Mahler drei Jahre später auch dem Sozialistischen Deutschen
Studentenbund (SDS) beitrat und diese Mitgliedschaft seitens der SPD als
unvereinbar mit der Partei beschlossen wurde, schlossen ihn die Sozialdemokraten
1961 aus. Mahler beteiligte sich zunehmend aktiv an Demonstrationen, so z.B. 1962
im Zuge der Kubakrise, und tat sich als Verteidiger vieler SDS-Kader hervor. (ebd.:
378) 1967 vertrat er die Witwe des von einem Polizisten während einer
Demonstration erschossenen Studenten Benno Ohnesorg ­ ein Vorfall, der Mahler
nachhaltig radikalisierte. Ebenso vertrat er die Kommunarden Dieter Kunzelmann,
Rainer Langhans sowie Fritz Teufel, ein damaliges Mitglied der terroristischen
Bewegung 2. Juni. (ebd.: 378) Zwei Jahre später gründete Mahler zudem gemeinsam
mit den beiden Juristen Klaus Eschen und Hans-Christian Ströbele das Sozialistische
Anwaltskollektiv (SAK).
1970 ging Horst Mahler mit Gleichgesinnten, unter ihnen Andreas Baader,
Gudrun Ensslin und Ulrike Meinhof, in den Untergrund und gründete die Rote Armee
Fraktion. Gängigen Darstellungen zufolge war Mahler bei der Gründung der
Vordenker und treibende Kraft. (Vgl. Aust 2008: 99; Jander 2006: 381; Kailitz 2007:
166) ,,Mahler was recognized as the group´s chief organizer, theoretician, strategist,
and tactician." (Michael 2009: 348) Er mietete Wohnungen zum Unterschlupf für
gesuchte RAF-Mitglieder an, beschaffte Geld und Waffen und verfasste ideologische
Kampfschriften. Dabei orientierte er sich vor allem an Carlos Marighellas ,,Handbuch
des Stadtguerillero", das zwischen den unerfahrenen RAF-Mitgliedern im Untergrund
kursierte.
Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Der Wandel Horst Mahlers von der RAF zur NPD. Die Akte Mahler und das Vermächtnis Hitlers
Hochschule
Freie Universität Berlin
Note
1.0
Autor
Jahr
2010
Seiten
18
Katalognummer
V376505
ISBN (eBook)
9783668537736
ISBN (Buch)
9783668537743
Dateigröße
773 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Bitte unter folgendem Pseudonym veröffentlichen: Ron Böhler
Schlagworte
Horst Mahler, Adolf Hitler, RAF, NPD, Wechsel, Linksterrorismus, Die Neuen Rechten
Arbeit zitieren
Ron Böhler (Autor), 2010, Der Wandel Horst Mahlers von der RAF zur NPD. Die Akte Mahler und das Vermächtnis Hitlers, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/376505

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