Was sind Märchen? Wunderschöne und liebliche Geschichten, in denen von strahlenden Helden und holden Jungfrauen berichtet wird, die am Ende jedes Märchens glücklich und zufrieden leben. Was kommt im Märchen nicht vor? Böses, Abscheuliches, Grausames, all das, was negativ konnotiert ist, ist kein Teil der friedlichen und wunderschönen Märchenwelt. So oder so ähnlich antworten viele Leute, wenn man sie über Märchen befragt, denn aus verschiedensten Gründen scheinen sie den ganzen Bereich der Grausamkeit zu übersehen. Bei der Frage nach dem Gründen dafür scheiden sich die Geister, vielleicht sind die Leser dumm, vielleicht haben sie ein vollkommen verzerrtes Märchenbild erhalten durch die oftmals sehr beliebten Märchenfilme von Walt Disney oder sie überlesen schlichtweg all das Dunkle, Böse, Grausame des Märchens.
Dies wäre sicherlich ein paar weitere Überlegungen wert, aber darum geht es in dieser Arbeit nicht, der Titel lautet immerhin Grausamkeit in den Kinder- und Hausmärchen der Gebrüder Grimm, es soll sich also explizit auf die Grausamkeiten bezogen werden, die sich in dem weltweit beliebten Märchenbuch der Grimms finden lassen, denn „schon allein die Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm bieten einen ergiebigen Katalog grausamer (g.er) Handlungen“ . Wer sich etwas genauer mit diesen Märchen beschäftigt, wird merken, dass sie eine reiche Sammlung beinhalten an verschiedensten Grausamkeiten, von relativ harmlosen Tierverwandlungen wie in KHM 161, über Mütter, die ihre Kinder umbringen, wie in KHM 47, bis hin zu Männern, die in ihrem Schloss Frauenleichen aufgehängt haben, wie in KHM 46. Das sind gerade mal drei Märchen von insgesamt 200, mit den Kinderlegenden sind es 210. Es zeigt sich also deutlich: „extreme Verbrechen, Brudermord, Kindermord, häßliche Verleumdung sind im Märchen an der Tagesordnung, ebenso wie grausame Strafmethoden“.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Geschichte der Grausamkeit in den KHM
3. Die Darstellung der Grausamkeit
4. Die Formen der Grausamkeit
4.1 Grausamkeit mit sichtbaren Schäden für den Körper
4.2 Grausamkeit ohne sichtbare Schäden für den Körper
5. Die Täter und Opfer der Grausamkeit
5.1.1 Der gute Mann
5.1.2 Der böse Mann
5.2.1 Die gute Frau
5.2.2 Die böse Frau
5.3.1 Das gute Kind
5.3.2 Das böse Kind
5.4.1 Das gute Tier
5.4.2. Das böse Tier
6. Zwecke der Grausamkeit
6.1 Die strafende Grausamkeit
6.2 Die lehrende Grausamkeit
6.3 Die erlösende Grausamkeit
6.4 Die verhüllende Grausamkeit
7. Einflüsse auf die Grausamkeit
7.1 Kulturhistorische Einflüsse
7.2 Einflüsse aus dem Volksglauben
7.3 Einflüsse durch andere Erzählgattungen
8. Grausamkeit im Kinderzimmer
9. Schluss
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Rolle und Ausprägung von Grausamkeit in den Kinder- und Hausmärchen der Gebrüder Grimm, um deren Funktionen sowie die zugrunde liegenden historischen und kulturellen Einflüsse zu analysieren.
- Die verschiedenen Formen der Grausamkeit und ihre Darstellung im Text.
- Die differenzierte Betrachtung von Tätern und Opfern in den Märchen.
- Die erzähltechnischen und moralischen Zwecke der grausamen Handlungen.
- Kulturhistorische Einflüsse, Volksglaube und Bezüge zu anderen Erzählgattungen.
- Die Debatte um die Eignung grausamer Märchenstoffe für Kinder.
Auszug aus dem Buch
3. Die Darstellung der Grausamkeit
In KHM 107, heißt es: „und der Schuster, der ein Herz von Stein hatte, stach ihm mit einem scharfen Messer das rechte Auge aus.“ Wenige Zeilen danach folgt dann der Satz „machte er sich wieder auf die Beine, vergaß sein Unglück“. Dem Schneider wurde sein Auge ausgestochen, aber weiter wird dazu nichts gesagt, das Opfer macht sich einfach wieder auf den Weg. Dieses kleine Beispiel zeigt deutlich, wie Grausamkeit im Märchen aussieht, „die Darstellung der Handlung ist isolierend“, der Leser sieht nur „die reinen Akte“, es gibt keine „ausmalende Schilderung“ der Grausamkeit. Auch in allen anderen Märchen ist es so, denn „ohne tragischen Ton erzählt das Märchen von Mord, Gewalttat, Erpressung, Verrat, Verleumdung, Blutschande“. Grausamkeiten aller Art werden somit einfach dargestellt, sie sind Teil des Geschehens, nichts Außergewöhnliches, sondern etwas, was immer wieder vorkommt, aber trotz alledem nichts ist, was irgendwie verherrlicht wird, denn „sicher ist, daß die Märchen selbst keine Greuel verherrlichen“. Die Grausamkeit wird also „nur als Erzählmoment geschildert“ und in keinster Weise „ausführlicher beschrieben“.
Bei der weiteren Betrachtung des Beispiels fällt auf, dass nichts zu lesen ist von den Qualen des Schneiders, er hat sein Auge verloren, aber es ist nichts zu hören von Klagen oder Wehgeschrei, es wird nicht einmal über die Schmerzen gesprochen während ihm das Auge ausgestochen wird. Damit zeigt sich eine weitere Besonderheit der Darstellung der Grausamkeit, „die Auswirkungen g.er Behandlungen“ sind im Märchen „nicht körperlich fühlbar“, es lässt sich sogar sagen, dass es „kein „Gefühl“ im Märchen“ gibt. Es gibt vielfache Beispiele, die das belegen, nie ist etwas von dem Todeskampf Sneewittchens in KHM 53 zu lesen, wenn die Stiefmutter versucht es auf vielfältige Art und Weise umzubringen, und auch von dem Mädchen ohne Hände aus KHM 31 kommen keine Schmerzensschreie als ihm die Hände abgehackt werden. Dies ist eine weitere Besonderheit der Grausamkeit im Märchen, die Opfer leiden nicht, nichts von ihren Schmerzen ist lesbar, die Figuren sind vollkommen gefühllos. Empfindungen werden nur dann erwähnt, wenn sie relevant für die Handlung sind, ansonsten sind sie nicht vorhanden.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die Präsenz von Grausamkeit in den KHM und definiert die Forschungsabsicht, diese Elemente sowie deren Funktionen genauer zu untersuchen.
2. Die Geschichte der Grausamkeit in den KHM: Dieses Kapitel beschreibt die Entwicklung der Märchen von der ersten Auflage bis zu den späteren, stärker durch Wilhelm Grimm künstlerisch überarbeiteten Fassungen und analysiert den Umgang mit grausamen Inhalten.
3. Die Darstellung der Grausamkeit: Es wird analysiert, wie Grausamkeit im Text als distanziertes Erzählmoment fungiert, das ohne emotionale Schilderungen auskommt und als treibendes Element für die Handlung dient.
4. Die Formen der Grausamkeit: Das Kapitel unterscheidet zwischen Grausamkeiten mit sichtbaren, körperlichen Folgen und solchen, die ohne körperliche Verletzungen auskommen, jedoch das Opfer strukturell belasten.
5. Die Täter und Opfer der Grausamkeit: Hier werden die archetypischen Rollen von guten und bösen Charakteren untersucht, um zu verdeutlichen, wer in welchen Zusammenhängen Opfer oder Täter von Grausamkeit wird.
6. Zwecke der Grausamkeit: Dieses Kapitel erläutert, dass Grausamkeit im Märchen als Strafe, Erziehungsinstrument, erlösendes Element oder zur Verschleierung von Erotik eingesetzt wird.
7. Einflüsse auf die Grausamkeit: Die Analyse zeigt auf, dass Motive für Grausamkeit in den KHM aus kulturhistorischen Kontexten, der mittelalterlichen Strafpraxis, dem Volksglauben und biblischen oder sagenhaften Erzählgattungen stammen.
8. Grausamkeit im Kinderzimmer: Der Abschluss diskutiert die kontroversen Standpunkte zur Wirkung grausamer Märcheninhalte auf Kinder und betont die Bedeutung individueller Wahrnehmung statt allgemeiner Verbote.
9. Schluss: Der Schluss fasst die Erkenntnisse zusammen und resümiert, dass Grausamkeit ein essenzielles, oft übersehenes Stilmittel darstellt, das zwar existiert, aber meist unterbewusst wahrgenommen wird.
Schlüsselwörter
Grausamkeit, Kinder- und Hausmärchen, Gebrüder Grimm, Erzählfunktion, Körperlichkeit, Bestrafung, Volksglaube, Mittelalter, Märchenanalyse, Opferrolle, Täter, Pädagogik, Medienwirkung, Erzählstruktur, Gewalt.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Phänomen der Grausamkeit in den Kinder- und Hausmärchen der Gebrüder Grimm, deren Darstellung und die Hintergründe für die häufigen Gewaltdarstellungen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zentrale Themen sind die verschiedenen Formen der Grausamkeit, die Typologie von Tätern und Opfern, die erzählerischen Zwecke sowie die kulturellen und historischen Quellen dieser Motive.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage der Arbeit?
Das Ziel ist es, ein umfassendes Verständnis über die Funktion der Grausamkeit als erzählerisches Stilmittel zu gewinnen und zu beleuchten, woher diese Motive historisch und kulturell stammen.
Welche wissenschaftliche Methode wird primär verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer tiefgehenden Textanalyse ausgewählter KHM-Beispiele unter Heranziehung von Sekundärliteratur zu Märchenforschung, Psychologie und historischer Rechtsgeschichte.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil deckt die Darstellung von Grausamkeit, deren Kategorisierung in Formen, eine Täter-Opfer-Analyse, die erzähltechnischen Funktionen und eine detaillierte Herleitung aus historischen und kulturellen Kontexten ab.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Wichtige Begriffe sind Grausamkeit, KHM, Erzählstruktur, Bestrafung, historische Strafpraxis, Volksglaube, Opferrolle und die kindliche Rezeption von Märchen.
Warum werden in vielen Märchen körperliche Verstümmelungen wie das Hacken von Händen oder Ausstechen von Augen thematisiert?
Diese drastischen Strafen sind oft direkt an mittelalterliche Rechtspraktiken angelehnt und dienen im Märchen der endgültigen, extremen Bestrafung des Bösen, um die Wiederherstellung der Ordnung zu symbolisieren.
Ist die Darstellung von Grausamkeit in den Märchen ein Hinweis auf eine "böse" Absicht der Autoren?
Nein, die Grausamkeit ist kein Selbstzweck. Sie dient dem Spannungsaufbau und der moralischen Einordnung, wobei die Gebrüder Grimm die Grausamkeiten in den Märchen zwar bearbeiteten, sie aber aufgrund ihrer Faszination für das Element meist beibehielten.
Spielen auch moderne pädagogische Ansätze zur Märchenkritik eine Rolle in der Untersuchung?
Ja, im Kapitel "Grausamkeit im Kinderzimmer" werden die Debatten zwischen dem "Anti-Märchen-Lager" und dem "Pro-Märchen-Lager" gegenübergestellt, um zu prüfen, ob Märchen für Kinder geeignet sind.
- Citation du texte
- Hannes Höbald (Auteur), 2011, Grausamkeit in den Kinder- und Hausmärchen der Gebrüder Grimm. Eine Analyse mit Fokus auf Geschichte, Darstellung, Formen, Täter, Opfer, Zwecke und Einflüsse, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/376532