Entwicklung eines Konzeptes zur Motivationssteigerung mit dem Ziel der Förderung der Lernbereitschaft unterschiedlicher Lerngruppen

Beispielhafte Darstellung im Deutschunterricht


Examensarbeit, 2007
45 Seiten, Note: 1,4

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung
1.1 Anlass für das Thema dieser Arbeit
1.2 Problem- bzw. Situationsbeschreibung
1.3 Mögliche Ursachen
1.4 Abgrenzung der Ziele
1.5 Aufbau der Arbeit
1.6 Lehrerfunktionen

2. Theoretische Grundlagen
2.1 Motivation – eine Begriffsklärung
2.1.1 Intrinsische Motivation
2.1.2 Extrinsische Motivation
2.2 Die Flow-Theorie nach Csikszentmihalyi
2.2.1 Passung von Fähigkeit und Anforderung
2.2.2 Eindeutigkeit der Handlungsstruktur
2.2.3 Kritische Betrachtung
2.3 Die Selbstbestimmungstheorie der Motivation nach Deci und Ryan

3. Konzeptentwicklung
3.1 Bedeutung der dargestellten Motivationstheorien für die Steigerung der Lernbereitschaft
3.1.1 Bedeutung von intrinsischer Motivation und Flow-Erlebnis für Lernbereitschaft
3.1.2 Bedeutung der Selbstbestimmungstheorie für Lernbereitschaft
3.1.3 Bedeutung der Neurobiologie für Lernbereitschaft
3.1.4 Zusammenfassung der wesentlichen Aussagen
3.2 Ausarbeitung des Konzepts
3.2.1 Schaffen einer angstfreien Lernatmosphäre
3.2.2 Verbesserung des Leistungsmotivs
3.2.3 Interesse wecken durch lebensnahe Unterrichtsinhalte
3.2.4 Gewährleistung der Passung von Fähigkeit und Anforderung
3.2.5 Schaffen einer eindeutigen Handlungsstruktur

4. Praktische Umsetzung
4.1 Schaffen einer angstfreien Lernatmosphäre
4.2 Verbesserung des Leistungsmotivs
4.2.1 Der rote Punkt
4.2.2 Feedback geben / Reflexion
4.3 Interesse wecken durch lebensnahe Unterrichtsinhalte
4.4 Gewährleistung der Passung von Fähigkeit und Anforderung
4.5 Schaffen einer eindeutigen Handlungsstruktur
4.6 Rückgabe von Klassenarbeiten

5. Schlussbetrachtungen
5.1 Zusammenfassung der Arbeit
5.2 Praxistauglichkeit, Wirksamkeit und Transfermöglichkeit des Konzepts
5.3 Fazit

6. Literaturverzeichnis

7. Anhang
7.1 Schüler-Fragebogen
7.2 Lehrer-Fragebogen

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Passung von Fähigkeit und Anforderung (in leicht veränderter Form)

Abbildung 2: Stufen der Handlungsregulation nach Deci/Ryan (in veränderter Form)

Abbildung 3: Visualisierung des Konzepts

Abbildung 4: Karteikarte zum Spiel ‚Der rote Punkt’

Einleitung

1.1 Anlass für das Thema dieser Arbeit

Seit Aufnahme des Referendardienstes am Berufskolleg Herzogenrath für Wirtschaft und Verwaltung des Schulverbandes in der Städte Region Aachen hospitiere bzw. unterrichte ich in den Fächern Englisch und Deutsch in unterschiedlichen Bildungsgängen. In dieser Zeit stellte ich immer wieder fest, dass bei vielen Schülerinnen und Schülern die Lernbereitschaft nicht besonders hoch ist. Auf die Frage, warum dies so ist, erhielt ich verschiedene Antworten. Für manche Schülerinnen und Schüler stellt der Besuch des Berufskollegs lediglich eine Zwischenstation dar, um die Zeit bis zur nächsten Bewerbung bzw. zum Beginn einer Ausbildung zu überbrücken. Andere Schülerinnen und Schüler gaben an, dass sie von ihren Eltern `gezwungen´ wurden, die Schule zu besuchen. Einige waren sogar so ehrlich zuzugeben, dass sie sich für einen vollzeitschulischen Bildungsgang entschieden haben, um weiterhin das Kindergeld zu erhalten. Die meisten Antworten auf meine Frage gaben Aufschluss darüber, dass der Unterricht oft langweilig sei, dass man mit der Lehrperson nicht klar komme oder dass man persönliche Probleme habe, die die Aufmerksamkeit in Anspruch nähmen. Natürlich gab es auch Schülerinnen und Schüler, die äußerten, die Schule freiwillig und gerne zu besuchen, da sie sich für einen Beruf im kaufmännischen Bereich interessieren. Besonders in den Fachklassen des dualen Systems fiel mir auf, dass Lernbereitschaft und Motivation in diesen Lerngruppen oft weitaus höher sind als in einigen vollzeitschulischen Klassen.

Vor diesem Hintergrund stellte ich mir während der Unterrichtsvorbereitung immer wieder die Frage, wie ich es schaffen könnte, meine Schülerinnen und Schüler so für ein Thema zu begeistern, dass die Bereitschaft zum Lernen gefördert würde. Dies war letztlich der Anlass, mich im Rahmen der Hausarbeit intensiv mit dem Thema Motivation und Förderung der Lernbereitschaft auseinanderzusetzen.

1.2 Problem- bzw. Situationsbeschreibung

Wie bereits erwähnt, ist in den von mir beobachteten bzw. unterrichteten Klassen eine z.T. unzureichende Lernbereitschaft bei vielen Schülerinnen und Schülern zu verzeichnen. In einer Handelsschulklasse[1], die ich im Rahmen des Ausbildungsunterrichts im Fach Deutsch unterrichtet habe, ist dies besonders deutlich geworden. Die mangelnde Lernbereitschaft äußerte sich u.a. durch

- häufiges Fehlen,
- unregelmäßige Mitarbeit,
- erkennbares Desinteresse an schulischen Themen,
- geringe Leistungsbereitschaft,
- wenig Durchhaltevermögen.

Ähnliche Beobachtungen habe ich auch in einer Klasse 11 der gymnasialen Oberstufe[2] und in einer Klasse der Höheren Handelsschule[3] verzeichnen können. Eine Schülerin fiel im letzten Halbjahr dadurch auf, dass sie wiederholt vor Klassenarbeiten fehlte. Die mündlich sehr ruhige, aber schriftlich starke Schülerin wirkte während des Unterrichts oft abweisend, gelangweilt und in keiner Weise interessiert. Gutes Zureden, sich mündlich stärker zu beteiligen, wirkte nur kurze Zeit. Schon in der nächsten Stunde wich sie zurück in ihre Introvertiertheit[4].

In einer anderen Klasse gab es einen Schüler, der durch sein stark extrovertiertes Verhalten den Unterricht immer wieder störte. In beinahe jeder Unterrichtsstunde zog er die Aufmerksamkeit Aller (einschließlich meiner) auf sich. Geprägt durch sein starkes Geltungsstreben animierte er seine Freunde, sich mit ihm zu unterhalten, mir Komplimente zu machen etc. Der Schüler war niemals unverschämt, meist sogar sehr charmant, aber störte bzw. unterbrach den Unterricht, wo er nur konnte[5].

In zahlreichen Gesprächen bekundeten die Schülerinnen und Schüler, dass ihnen der Unterricht oft keinen Spaß mache, dass sie ein schlechtes Verhältnis zu den Lehrern hätten oder dass sie sich unter- bzw. überfordert fühlten.

1.3 Mögliche Ursachen

Wie kommt es von Seiten mancher Schülerinnen und Schüler zu einer solch negativen Einstellung zu Schule bzw. zum Lernen? Man kann diese Frage mit Sicherheit nicht pauschal beantworten. Jegliches Vermeidungsverhalten kann viele Gründe haben, wie „überhöhte Leistungserwartungen der Eltern, der Schüler, mangelnde Selbsteinschätzung, Überlastung der Kinder und Jugendlichen durch altersunangemessene Verpflichtungen, Krankheit der Eltern, familiäre Konflikte, Mobbing innerhalb der Schülerschaft, emotionale und soziale Vernachlässigung“ (Pritzkow, S.24).

Eine weitere Ursache könnte darin bestehen, dass die Kluft zwischen den Bedürfnissen der Schülerinnen und Schüler und den Kontextbedingungen der Schule immer größer wird und die Lernmotivation dadurch zunehmend sinkt. Ebenso könnten die Gründe in einer gestörten Schüler-Lehrer-Beziehung liegen. Lehrpersonen, die in einem Bildungsgang ein Fach zwei Stunden pro Woche unterrichten, fühlen sich u.U. nicht verantwortlich, sich mit den persönlichen Interessen bzw. Problemen der Schüler auseinanderzusetzen. Es bleibt in der Tat auch oft zu wenig Zeit für eine individuelle ´Zuwendungs-Pädagogik`. Dies führt über kurz oder lang zu Frustration auf beiden Seiten. Letztlich münden all die genannten Ursachen und Gründe in eine unzureichende Lernmotivation (vgl. Krapp/Weidenmann).

Weitere Anlässe für sinkende Lernmotivation können darin liegen, dass Lernprobleme oder Stoffdefizite vorliegen, die nicht frühzeitig erkannt werden. Erfolgserlebnisse bleiben aus, Misserfolg entsteht und bewirkt Pessimismus, die Motivation sinkt.

Die Lernmotivation ist also von vielen Faktoren abhängig, aber nicht alle diese Faktoren fallen in den Einflussbereich der Lehrpersonen (z.B. soziales Umfeld, Elternhaus). Bis zu einem gewissen Grad können Schülerinnen und Schüler aber gezielt in Schule beeinflusst werden.

Um mehr über diese Einflussmöglichkeiten zu erfahren, die einer Förderung der Lernmotivation dienen sollen, habe ich mich mit verschiedenen Theorien und Erkenntnissen der Motivationspsychologie beschäftigt. Die wichtigsten Erkenntnisse und Zusammenhänge werden in Kapitel 2 dargestellt.

1.4 Abgrenzung der Ziele

In Zeiten der Globalisierung muss eine Flexibilität entwickelt werden, um die sich stetig wandelnden Anforderungen in der Arbeitswelt und in der Gesellschaft bewältigen zu können. Dies impliziert eine kontinuierliche Bereitschaft zur beruflichen Fort- und Weiterbildung. Eine Voraussetzung dafür ist sicherlich eine ausgeprägte Lernmotivation bei den Schülerinnen und Schülern. Dies wird auch in der APO-BK aufgegriffen, in der als ausgewiesenes Bildungsziel die Vorbereitung „auf ein lebensbegleitendes Lernen“ (APO-BK, §1, S. 16) genannt wird. Die Steigerung der Lernmotivation führt zu einer Erhöhung der Lernbereitschaft, die wiederum zum Ausgangspunkt für das lebensbegleitende Lernen wird.

Die inhaltliche Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Theorien und Erkenntnissen der Motivationspsychologie macht deutlich, dass es in der wissenschaftlichen Diskussion unterschiedliche bis gegensätzliche Positionen zur Beeinflussung der (Lern)Motivation gibt.

Ziel meiner Arbeit ist es, den Fragen nachzugehen, welche Einflussnahme eine Lehrperson auf die Motivation eines Lerners hat und unter welchen Voraussetzungen und in welcher Weise die Motivation gesteigert werden kann, um die Lernbereitschaft von Schülerinnen und Schüler nachhaltig zu fördern.

1.5 Aufbau der Arbeit

Zu Beginn werde ich den Begriff der Motivation definieren und auf die - meiner Arbeit zugrunde liegenden - Motivationstheorien eingehen bzw. diese kurz skizzieren (Kapitel 2). Im nächsten Schritt werde ich aus diesen Theorien erste Konsequenzen für Unterricht ableiten, aus denen dann mein Konzept zur Erhöhung von Lernmotivation und zu einer Verbesserung der Lernbereitschaft entwickelt wird (Kapitel 3).

Die in meinem Konzept ermittelten Voraussetzungen für die Motivationsförderung werden im Anschluss daran mit konkreten praktischen Umsetzungsmöglichkeiten für meinen Deutschunterricht präzisiert (Kapitel 4).

Die wichtigsten Erkenntnisse werden abschließend noch einmal kurz zusammengefasst und kritisch beleuchtet. Erste Überlegungen zur Überprüfung der Wirksamkeit meines Konzepts finden ihren Niederschlag in einem von mir entwickelten kriteriengeleiteten Fragenkatalog, mit dem geklärt wird, in welchem Maße die ermittelten Voraussetzungen im Unterricht erfüllt werden und an welcher Stelle Defizite vorhanden sind. Diesen Fragenkatalog gibt es in einer Schüler- und in einer Lehrerversion (Kapitel 5).

1.6 Lehrerfunktionen

Im Rahmen der Arbeit wird schwerpunktmäßig die Lehrerfunktion „Unterrichten“ angesprochen. Im Hinblick auf eine Steigerung von Motivation und einer Förderung der Lernbereitschaft werden konkrete Möglichkeiten zur Planung und Gestaltung von Unterricht aufgezeigt. Des Weiteren kommt die Lehrerfunktion „Diagnostizieren und Fördern“ zum Tragen, da das Förderziel der Arbeit darin besteht, die Lernbereitschaft der Schülerinnen und Schüler nachhaltig zu verbessern. Der erstellte Fragenkatalog ermöglicht es darüber hinaus, diagnostische Erkenntnisse über die einzelnen Mitglieder einer Lerngruppe zu gewinnen. Durch die Auswertung des Fragenkatalogs kann ermittelt werden, inwieweit die für die Lernmotivation notwendigen Voraussetzungen im Unterricht bereits erfüllt sind. Diese Auswertung fließt wiederum in die weiteren unterrichtlichen Planungen ein.

2. Theoretische Grundlagen

In diesem Kapitel werden die für mein Konzept wesentlichen Theorien mit ihren prägnanten Aussagen dargestellt. Zunächst werden die Begrifflichkeiten Motivation im Allgemeinen und intrinsische bzw. extrinsische Motivation im Besonderen präzisiert. Daran schließt sich ein kurzer Abriss der Flow-Theorie und der Selbstbestimmungstheorie an.

2.1 Motivation – eine Begriffsklärung

Zahlreiche Autoren (Heckhausen, Rheinberg, u.a.) haben den Begriff Motivation in verschiedenen Ausprägungen definiert. In meiner Arbeit beziehe ich mich auf eine Fassung von Dubs, der Motivation als das „Wollen eines Menschen, etwas zu tun (zu lernen)“ definiert (Dubs, S.377). Dubs konkretisiert diesen recht abstrakten Begriff als ein theoretisches Konstrukt, welches „den Antrieb von zielgerichtetem Verhalten, seine Richtung, seine Stärke und seine Beharrlichkeit erklärt“ (Dubs, S.377). Anders ausgedrückt: Motivation bezeichnet die Bereitschaft, in einer beruflichen, gesellschaftlichen oder privaten Situation eine zielorientierte Handlung mit einer bestimmten Intensität und Ausdauer zu verfolgen. Was hier allgemein ausgedrückt wird, gilt in gleichem Maße für schulische Lernsituationen.

Doch woher kommt diese Bereitschaft? Es wird allgemeinhin davon ausgegangen, dass bestimmte Motive (d.h. die „zeitlich überdauernde Bereitschaft (…) sich mit Lernaufgaben zu befassen“ (Krapp/Weidenmann, S.218)) dahinter stehen, die erklären, warum Menschen handeln, wie sie handeln. Fest steht, dass Motive alle ein bestimmtes Ziel haben. Dieses Ziel soll erreicht werden, um die „dahinter liegenden Bedürfnisse zu befriedigen“ (Dubs, S.377). Die hohe Motivation, ein bestimmtes Ziel zu erreichen, geht einher mit einer ausgeprägten Lernbereitschaft.

Beispiel: Eine Schülerin schreibt eine Klassenarbeit und strengt sich enorm an, um eine gute Note zu bekommen. Ihre Lernmotivation[6] ist dabei sehr groß.

Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass eine fehlende Lernmotivation eine geringe Lernbereitschaft zur Folge hat. Ein vorgegebenes Ziel, welches nicht als wichtig oder erstrebenswert erachtet wird, wird auch nicht beharrlich und mit großem Eifer angestrebt.

In der Literatur werden zwei Kategorien von Motivation unterschieden, abhängig davon, ob die Bereitschaft, eine zielorientierte Handlung auszuführen, aus Interesse an der Sache selbst erwächst (intrinsisch) oder durch äußere Beeinflussung entsteht (extrinsisch).

2.1.1 Intrinsische Motivation

Unter intrinsischer Motivation versteht man den Drang oder Wunsch, ein Verhalten um seiner selbst willen auszuführen. Eine intrinsisch motivierte Person reizt nur die Handlung an sich. Intrinsische Motivation ist also eine interessenbestimmte Handlung und „beinhaltet Neugier, Exploration, Spontaneität und Interesse an den unmittelbaren Gegebenheiten der Umwelt“ (Deci/Ryan, S.225). Interesse ist also ein unabdingbarer Faktor in Bezug auf intrinsische Motivation. Eine intrinsisch motivierte Person benötigt keine Anreize (z.B. Belohnung oder auch Druck) für die Ausführung der Handlung, sie handelt völlig aus sich heraus und ist in hohem Maße selbstbestimmt (autonom) in ihrem Handeln (Lernen).

2.1.2 Extrinsische Motivation

Extrinsische Motivation wird hingegen in Verhaltensweisen sichtbar, die mit instrumenteller Absicht durchgeführt werden. Hier ist die ausgeführte Handlung immer mit einem bestimmten Ziel verbunden (z.B. intensive Vorbereitung auf eine Klassenarbeit, um eine gute Note zu erreichen). Das Verhalten ist dabei lediglich ein Instrument für einen Zweck. Extrinsisch motivierte Verhaltensweisen treten – im Gegensatz zu intrinsischen – meist nicht spontan auf. Sie werden vielmehr „durch Aufforderungen in Gang gesetzt, deren Befolgung eine (positive) Bekräftigung erwarten lässt, oder die auf andere Weise instrumentelle Funktion besitzt“ (Deci/Ryan, S.225). Verschiedene Theorien zur Leistungsmotivation[7] gehen davon aus, dass Motivation zum Handeln dann gegeben ist, „wenn ein Erfolg (z.B. eine erfolgreiche Klassenarbeit) erwartet und mit Folgen assoziiert wird, die als erstrebenswert erachtet werden“ (Krapp/Weidenmann, S.220). Eine extrinsisch motivierte Person benötigt also immer von außen gesetzte Anreize (z.B. Lob, Druck, Tadel, Ignorierung) für die Ausübung einer Handlung.

Die Einteilung in intrinsische und extrinsische Motivation bedeutet aber nicht, dass sich beide Formen ausschließen. Bei einer Lernaufgabe in der Schule können beide Motivationsformen gleichzeitig gegeben sein. Eine Person kann aus Interesse an der Sache, aber auch aus Interesse an guten Noten lernen. Deci und Ryan formulieren in ihrer Selbstbestimmungstheorie die Möglichkeit, dass auch durch extrinsische Motivation ein hohes Maß an Selbstbestimmung erreicht werden kann.

2.2 Die Flow-Theorie nach Csikszentmihalyi

Die intrinsische Motivation bei Menschen wurde von dem emeritierten Psychologieprofessor Mihaly Csikszentmihalyi näher untersucht. Er forschte nach Gründen, warum Menschen intrinsisch motiviert sind, ohne für ihr Handeln ´belohnt` zu werden. Das Gefühl eines intrinsisch motivierten Menschen, in einer Tätigkeit völlig aufzugehen, wird von ihm als so genanntes Flow-Erlebnis bezeichnet (vgl. Csikszentmihalyi/Schiefele, S.209). In einem solchen Zustand verschmelzen Handlung und Bewusstsein der entsprechenden Person und die Aufmerksamkeit ist auf die jeweils ausgeführte Tätigkeit beschränkt. Gedanken an die eigene Person sowie Selbstzweifel oder Sorgen werden ausgeblendet. Die Person hat die völlige Kontrolle über die gerade ausgeführte Tätigkeit und fühlt sich kraftvoll und leistungsfähig. Es wird davon ausgegangen, dass sich „die Person im Flow auf ihrem höchsten Leistungsniveau befindet“ (Csikszentmihalyi/ Schiefele, S.210). Der Vollzug einer Tätigkeit ist so attraktiv, dass sie immer wieder ausgeführt wird. Um in einen solchen ´Flow-Zustand` zu gelangen, nennt Csikszentmihalyi zwei Bedingungen:

2.2.1 Passung von Fähigkeit und Anforderung

Aus der Sicht des Handelnden müssen die eigene „Leistungsfähigkeit und die (…) Anforderungen einer Tätigkeit (…) einigermaßen im Gleichgewicht sein“ (Csikszentmihalyi/Schiefele, S.211). Eine Über- bzw. eine Unterforderung haben Angst (vor Misserfolg) bzw. Langeweile zur Folge, die dem Flow-Erleben gleichermaßen hinderlich sind.

Die folgende Darstellung soll die 1. Bedingung zum Erreichen des Flow-Zustands visualisieren:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Passung von Fähigkeit und Anforderung (in leicht veränderter Form)

2.2.2 Eindeutigkeit der Handlungsstruktur

Einer Handlung muss eine eindeutige Struktur zu Grunde liegen. „Handlungsanforderungen und -möglichkeiten“ (Csikszentmihalyi/Schiefele, S.211) müssen daher eindeutig sein. Hat die Person kein klares Ziel vor Augen oder muss sie erst lange über mögliche Ziele nachdenken, ist ein Flow-Erleben ausgeschlossen. Weiterhin muss dem Handelnden zu jeder Zeit klar sein, ob er sich richtig verhält.

2.2.3 Kritische Betrachtung

Je nach Interesse und Veranlagung der Schülerinnen und Schüler wird sich die intrinsische Motivation bzw. das Flow-Erleben allerdings nur in Ausnahmefällen einstellen. Da jede Schülerin und jeder Schüler über unterschiedliche Einstellungen, Interessen, Motive, Fähigkeiten und andere Persönlichkeitsmerkmale verfügt, muss man davon ausgehen, dass sich ein Großteil der Schülerinnen und Schüler nicht in diesem intrinsischen Motivationszustand befindet.

Krapp/Weidenmann weisen ebenfalls auf die Tatsache hin, dass „nicht alle Lerninhalte auf der Basis einer intrinsischen motivationalen Orientierung vermittelt werden können, da nicht jeder Lerner jedem Lerngegenstand etwas Vergnügliches abgewinnen kann“ (Krapp/Weidenmann, S.221).

Stellt man hingegen den Lernenden bestimmte Anreize (z.B. gute Noten) in Aussicht, werden weitaus mehr Schülerinnen und Schüler erreicht. Das Ausmaß einer solchen extrinsischen Lernmotivation ist allerdings „eher mit einer Präferenz für oberflächenorientierte Vorgehensweisen beim Lernen assoziiert“ (Krapp/Weidenmann, S.225), während intrinsische Lernmotivation mit dem Einsatz tiefer gehender Lernstrategien einhergeht[8].

Wie schafft man es nun, die Schülerinnen und Schüler zunehmend intrinsisch zu motivieren und dabei möglichst viele Lerner zu erreichen?

2.3 Die Selbstbestimmungstheorie der Motivation nach Deci und Ryan

Eine mögliche Antwort auf diese Frage bietet die motivationale Theorie der Selbstbestimmung nach Deci und Ryan. Diese Selbstbestimmungstheorie liefert ein Erklärungsmodell für menschliche Motivation. Hierbei schlüsseln sie den Begriff der extrinsischen Motivation auf und klären gleichzeitig, wann und auf welche Weise das extrinsisch motivierte Verhalten als selbstbestimmt bezeichnet werden kann. Deci und Ryan verstehen in diesem Kontext „die Übernahme von Werten und Handlungszielen als einen vier Stufen umfassenden (reversiblen) Prozess der Internalisierung und Integration, der zu jeweils höheren Stufen einer auf Selbstbestimmung beruhenden Handlungsregulation führt“ (Krapp/Weidenmann, S.232).

Alle vier Stufen haben instrumentellen Charakter und können daher als extrinsisch motiviert bezeichnet werden.

[...]


[1] Hausinterne Bezeichnung des Berufskollegs Herzogenrath. Laut APO-BK: Berufsfachschule (Anlage B)

[2] Hausinterne Bezeichnung; laut APO-BK: Anlage D

[3] Hausinterne Bezeichnung; laut APO-BK: Anlage C

[4] Es stellte sich später heraus, dass ein Elternteil der Schülerin über viele Wochen hinweg sehr krank war und letztlich gestorben ist. Über einen langen Zeitraum hinweg musste die Schülerin neben der Schule die Rolle der Mutter übernehmen. Die außerschulischen Aufgaben und Probleme nahmen ihre volle Aufmerksamkeit in Anspruch. Unterrichtsinhalte und Klassenarbeiten hatten zu der Zeit keinerlei Bedeutung mehr. Sie erzählte mir später, dass sie bei Klassenarbeiten abwesend war, um Zeit zu gewinnen. Sie wollte den Nachschreibetermin wahrnehmen, da sie ´zu diesem Zeitpunkt bestimmt besser drauf wäre`.

[5] Nach mehreren Gesprächen stellte sich heraus, dass er mir durch seine ´Coolness` imponieren wollte, um seine Lese-Rechtschreib-Schwäche zu überspielen.

[6] Lernmotivation: der „Wunsch bzw. die Absicht, bestimmte Inhalte oder Fähigkeiten zu erlernen“ (Krapp/ Weidenmann, S.218)

[7] Ausgangspunkt für diesen Forschungsansatz ist die sogenannte ´Erwartungs-mal-Wert-Theorie` nach Heckhausen: Die Handlungsmotivation ist abhängig von der Erwartung und dem Wert der Handlungskonsequenz (Erwartung von Lob).

[8] Diese Ergebnisse sind der Metaanalyse von Schiefele und Schreyer zu entnehmen.

Ende der Leseprobe aus 45 Seiten

Details

Titel
Entwicklung eines Konzeptes zur Motivationssteigerung mit dem Ziel der Förderung der Lernbereitschaft unterschiedlicher Lerngruppen
Untertitel
Beispielhafte Darstellung im Deutschunterricht
Hochschule
Studienseminar für Lehrämter an Schulen Aachen
Note
1,4
Autor
Jahr
2007
Seiten
45
Katalognummer
V376544
ISBN (eBook)
9783668561199
ISBN (Buch)
9783668561205
Dateigröße
803 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Staatsarbeit gibt es so nicht mehr in NRW, allerdings eignet sich das Konzept zur Motivationssteigerung in jeder Klasse und in jedem Fach.
Schlagworte
entwicklung, konzeptes, motivationssteigerung, ziel, förderung, lernbereitschaft, lerngruppen, beispielhafte, darstellung, deutschunterricht
Arbeit zitieren
Tina Heesel (Autor), 2007, Entwicklung eines Konzeptes zur Motivationssteigerung mit dem Ziel der Förderung der Lernbereitschaft unterschiedlicher Lerngruppen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/376544

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