Das Smartphone im Kontext sozialer Beschleunigung und Mediatisierung. Implikationen mobiler Kommunikationspraktiken


Hausarbeit, 2016
24 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
3
2. Zur Kulturgeschichte des Telefons
4
2.1 Mobile Telefonie und Kommunikation
7
3. Das Hybridmedium Smartphone
10
4. Zum Diskurs der sozialen Beschleunigung
11
4.1 Das Smartphone im Kontext sozialer Beschleunigung
13
5. Der Mediatisierungsansatz nach Friedrich Krotz
14
5.1 Kommunikationspraktiken mit Smartphones im mediatisierten Raum
15
6. Marshall McLuhan - The Extensions of Man
17
6.1 Das Smartphone als ,,Ausweitung des Menschen"?
18
7. Fazit
20
2

1. Einleitung
Smartphones sind aus unserem Alltag nicht mehr wegzudenken. Die mobilen,
internetfähigen Endgeräte eröffnen dem Nutzer eine schier unendliche Anzahl an
Funktionen bzw. Applikationen (sogenannte Apps) und gehen damit weit über den
ursprünglichen Zweck des mobilen Telefons hinaus. Zudem haben die mit dem
Smartphone verbundenen Kommunikationspraktiken unseren Alltag auf spezifische
Weise geprägt und verändert.
1
Daher möchte ich in der vorliegenden Arbeit zunächst
der Frage nachgehen, welche (technischen) Veränderungen das Smartphone im
Vergleich zum klassischen Mobiltelefon hervorgebracht hat, welche mobilen
Kommunikationspraktiken sich daraus weitergehend entwickelt haben und welche
Kommunikationsrahmen damit entstanden oder verändert worden sind. Dem folgend
möchte ich herausfinden, in welchem Zusammenhang diese mobilen
Kommunikationspraktiken mit dem auf gesellschaftlicher Makroebene fortschreitenden
Prozess der sozialen Beschleunigung stehen, welche seit jeher von der Einführung und
Anwendung neuer (Informations-)Technologien begleitet ist. Ausgehend von dem
Mediatisierungskonzept nach Friedrich Krotz möchte ich anschließend die Frage
beantworten, wie smartphonebasierte Kommunikationspraktiken sich auf der
räumlichen und zeitlichen Ebene des ,,mediatisierten" Raumes verhalten und welche
Konsequenzen sich daraus für die alltägliche Gesprächskultur innerhalb dieses Raumes
ergeben. Im Gegensatz zum klassischen Mobiltelefon dienen Smartphones heute nicht
nur allein der zwischenmenschlichen Kommunikation, sondern fungieren darüber
hinaus durch verschiedenste Anwendungssoftware bzw. Apps beispielsweise ebenso als
Terminplaner, hochauflösende Kamera, Navigationssystem oder als Gerät zur
Musikwiedergabe. Gleichzeitig nehmen die Nutzerzahlen von Smartphones
kontinuierlich zu, so stieg etwa die Anzahl der Nutzer in Deutschland von 46 Millionen
im Juli 2015 auf 49 Millionen im April 2016 - Tendenz weiterhin steigend.
2
Deswegen
stelle ich entgegen der von Hartmut Rosa im Zusammenhang mit sozialer
3
1
Gentzel, P. (2015): Praxistheorie und Mediatisierung: Grundlagen, Perspektiven und eine
Kulturgeschichte der Mobilkommunikation. Dordrecht: Springer, S. 249.
2
Smartphone-Nutzung in Deutschland: Statistik (2016). Verfügbar unter: http://de.statista.com/statistik/
daten/studie/198959/umfrage/anzahl-der-smartphonenutzer-in-deutschland-seit-2010/
[aufgerufen am 10.09.2016].

Beschleunigung postulierten ,,Entfremdung" von Raum und Materie die These auf, dass
Nutzer von Smartphones aufgrund derer zunehmend personalisierten Funktionen und
den damit einhergehenden Praktiken auch in steigendem Maße an ihre Geräte gebunden
werden und diese emotional begründet liegende Verbindung zu dem Gefühl einer
starken materiellen Unentbehrlichkeit führt. Zur Bearbeitung dieser Hausarbeit werden
zunächst die Kommunikationsmedien Telefon, Mobiltelefon und Smartphone aus
kulturgeschichtlicher Perspektive betrachtet, indem zum Beispiel Veränderungen der
Verwendungszwecke und Artefakteigenschaften skizziert werden, um daraus
weiterführend Änderungen in Kommunikationspraktiken und -rahmen ableiten zu
können. Dem folgend soll unter Berücksichtigung der Theorien von Hartmut Rosa und
Peter Borscheid herausgearbeitet werden, wie sich diese veränderten mobilen
Kommunikationspraktiken im gesellschaftlichen Makroprozess der sozialen
Beschleunigung verhalten und ob und wie sie diese ggf. bedingen. Weiterhin soll unter
Bezugnahme des Konzeptes der Mediatisierung des Alltags nach Friedrich Krotz das
Beziehungsgeflecht zwischen mediatisiertem Öffentlichkeitsraum und
smartphonebasierten Kommunikationspraktiken erörtert werden, um folglich
Implikationen für letztere begründen zu können. Um meine These, dass seitens des
Nutzers eine affektive, auf materieller Unentbehrlichkeit beruhende Bindung zu seinem
Smartphone besteht, auswerten zu können, soll schließlich auf Marshall McLuhans
These der ,,Extensions of Man" (z. Dt. Ausweitung des Menschen) eingegangen werden.
Den Schluss dieser Arbeit bildet ein zusammenfassendes Fazit.
2. Zur Kulturgeschichte des Telefons
Um den Entstehungs- und Anwendungskontext mobiler Telefone und Smartphones
begreifen zu können, soll nachfolgend die Kulturgeschichte des Telefons abrissartig
skizziert werden. Obgleich argumentiert werden kann, dass mobile Medientechnologien
wie Handys und Smartphones als ,,Konglomerate aus Radio, Telegraph, Telefon,
Schreibmaschine, Walkman, Laptop, Adressbuch, Uhr und vielem mehr" und den damit
verbundenen, über das Telefonieren hinausgehenden Funktionen ,,ein Netzwerk aus
Ursprungsfäden" aufweisen
3
, soll im Hinblick auf den Rahmen dieser Arbeit das
4
3
Völker, C. (2010): Mobile Medien: Zur Genealogie des Mobilfunks und zur Ideengeschichte von
Virtualität. Bielefeld: transcript Verlag, S. 18.

,,klassische" Telefon als referentielles Ursprungsmedium mobiler Telefone und
Smartphones dienen. Weiterhin erklären Münker und Rösler, die Telefonie stehe ,,am
Anfang der globalen Informations- und Kommunikationsgesellschaft" und das Telefon
selbst hätte schon in seiner frühen Entstehungszeit nicht nur allein der mündlichen
Kommunikation gedient, sondern auch andere Funktionen als die der Übertragung von
Sprache erfüllt
4
. Daher erscheint eine nähere Betrachtung dieses Mediums im
Zusammenhang mit der Entwicklungsgeschichte der ebenfalls vielseitig verwendbaren
Mobiltelefone und Smartphones durchaus sinnvoll. Mit der Erfindung des
elektromagnetischen Telegrafen, auch Fernsprecher genannt, begann zu Mitte des 19.
Jahrhunderts die ,,Revolution in der modernen Kommunikation", bei der Nachrichten
über vereinbarte Schriftzeichen wechselseitig ausgetauscht wurden
5
. Durch eine
unbeabsichtigte Fehleinstellung seines sogenannten musikalischen Telegraphen gelang
dem amerikanischen Erfinder und späteren Großunternehmer Alexander Graham Bell
am zweiten Juni 1875 die erste Telefonübertragung, woraufhin selbiger am 14. Februar
1876 ein Patent für sein Telefon anmeldete.
6
Zuvor hatte der deutsche Physiker Phillip
Reis bereits im Jahre 1863 ein Gerät erfunden, mit dem sich Töne in elektrischen Strom
verwandeln und anschließend als Schall wiedergeben ließen; somit kann Bells Telefon
als eine verbesserte Version des Apparats von Reis verstanden werden, die die
Übertragung der verhältnismäßig komplexen menschlichen Stimme auf akustisch
verständliche Weise ermöglichte.
7
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts hatte das Telefon den
Telegrafen in seiner Rolle als Medium für die allgemeine Nachrichtenübertragung
überholt, was nicht zuletzt an der vergleichsweise preisgünstigeren Anlage und der
einfacheren Bedienung lag sowie vor allem an der Tatsache, dass ,,das Telefon den
Gedankenaustausch zwischen räumlich getrennten Personen unmittelbar und
in ,Echtzeit` gestattet[e], und zwar in Sprache und nicht, wie der Telegraf, in
verabredeten Zeichen", was wiederum erstmalig dazu führte, dass die (physische)
Anwesenheit des fernen Gesprächspartners am anderen Ende der Leitung unmittelbar
5
4
Münker, S. & Roesler, A. (2000): Telefonbuch: Beiträge zu einer Kulturgeschichte des Telefons.
Frankfurt: Suhrkamp Verlag, S. 7.
5
Wessel, H. (2000): Das Telefon - ein Stück Allgegenwart. In: Münker & Roesler (Hrsg.): Telefonbuch:
Beiträge zu einer Kulturgeschichte des Telefons. Frankfurt: Suhrkamp Verlag, S. 13.
6
Vgl. Völker 2010, 164 f.
7
Ebd., 165

erfahren werden konnte.
8
Gleichzeitig wurde das Telefon auch als
Unterhaltungsmedium zur Übertragung von Konzerten und Opern sowie für die in den
USA beliebten ,,Partylines", eine Art telefonischer Chatrooms, über die sich zwei
Gesprächspartner miteinander verabreden konnten, in Gebrauch genommen
9
und stand
damit im Dienste über die reine Vermittlung von Sprache hinausgehender Funktionen.
Während in Deutschland Wirtschaftsunternehmen und gewerbliche Betriebe das Telefon
zunehmend für ihre Zwecke nutzten, fand es dort im privaten Gebrauch aufgrund der
hohen Anlage- und Betriebskosten zunächst nur im kleineren, wohlhabenderen Teil der
Bevölkerung Abnehmer, sodass vornehmlich über die öffentlichen Telefonanschlüsse in
den örtlichen Postämtern kommuniziert wurde.
10
Nachdem es im Zuge des Ersten
Weltkrieges aufgrund mangelnder Investitionen zur Stagnation in der Entwicklung des
Telefons kam, nahm die Anzahl der telefonischen Sprechstellen ab den 1920er Jahren
wieder erheblich zu, sodass die Telefonvermittlungen wegen der hohen personellen und
technischen Auslastung von der Schaltung per Hand auf den automatischen Betrieb
umrüsteten, was zudem bedeutete, dass Verbindungen nun rund um die Uhr und ohne
Zeitverzögerung freigeschaltet werden konnten.
11
Wegen der Verwüstungen des Zweiten
Weltkrieges stand Deutschland Mitte der 1940er Jahre zunächst vor gewaltigen
infrastrukturellen und entwicklungstechnischen Herausforderungen, was sich unter
anderem auch auf den öffentlichen Nachrichtenverkehr sowie das Telefonnetzwerk und
dessen Weiterentwicklung auswirkte. Erst durch die Währungsreform von 1948 in den
westlichen Besatzungszonen stieg aufgrund der hohen Nachfrage die Anzahl der
Telefonanschlüsse erheblich, sodass im Jahre 1977 durchschnittlich über zwei Drittel
der Einwohner Westdeutschlands über einen solchen Anschluss verfügten
12
. Ein
Großteil hiervon entfiel jedoch auf öffentliche Verwaltungen und Firmen, sodass das
Telefon bis dahin immer noch primär für den geschäftlichen und weniger für den
privaten Gebrauch verwendet wurde.
13
Ursprünglich waren Telefon und die
6
8
Vgl. Wessel 2000, 15 f.
9
Vgl. Münker & Rösler 2000, 8 f.
10
Vgl. Wessel 2000, 16 f.
11
Ebd., 18-19, 22
12
Ebd., 25
13
Ebd.

dazugehörige Wandbuchse Eigentum der Deutschen Bundespost, die eine Öffnung oder
gar Modifizierung der Apparatur verbat
14
, was wiederum bedeutete, dass sowohl das
Telefon als auch die dazugehörige Telefonnummer einem bestimmten Ort zugeteilt, an
diesem festgemacht und mit ihm identifiziert wurde. Gleichzeitig erfuhr der
Telefonierende durch die Nutzung der Apparatur selbst eine grenzenlose ,,telefonische"
Mobilität, zumindest innerhalb des erreichbaren Netzes und konnte an den
unterschiedlichsten Orten ohne physische Anwesenheit präsent sein. Die Mobiltelefonie
bricht mit den genannten Aspekten der ortsgebundenen Telefonnummer sowie des an
seinen häuslichen Apparat gebundenen Telefonierenden, führt diesen ,,abwesenden
Anwesenden" aus seinem Wohnzimmer heraus und soll daher im Folgenden
weiterführend kontextualisiert werden.
2.1 Mobile Telefonie und Kommunikation
Aus historischer Perspektive betrachtet, wurden mobile Kommunikationstechnologien
bereits zu Ende des 19. Jahrhunderts angewandt und nicht zuletzt aus militärischen
Zwecken im Zuge des Ersten Weltkrieges in ihrer Entwicklung weiter vorangetrieben.
So wurde die 1896 patentierte Erfindung des Italieners Guglielmo Marconi, welche die
,,Aufspürung und Registrierung elektrischer Schwingungen" und eine damit verbundene
drahtlose Kommunikation ermöglichte, an die britische Royal Navy verkauft, die diese
Technologie nutzte, um Morse-Codes per Seefunk auszusenden.
15
Kurz darauf wurden
ab dem Jahr 1918 von der Deutschen Reichsbahn erste Versuche unternommen, um aus
fahrenden Zügen zwischen Berlin und Hamburg telefonieren zu können, sodass zu
Mitte der 1920er Jahre regelmäßiger Telefonverkehr aus dem Zug heraus keine
Seltenheit wurde.
16
Nachdem die USA im Zweiten Weltkrieg die Mobilfunkgeräte der
Galvin Manufacturing Company (später umbenannt in Motorola) in Form der
sogenannten Walkie-Talkies, sowie der etwas kleineren Handie-Talkies mit Erfolg
eingesetzt hatten, wurde dort ab 1946 an einem kommerziell ausgerichteten
7
14
Alby, T. (2008): Das mobile Web. München: Carl Hanser Verlag, S. XI (Vorwort).
15
Vgl. Alby 2008, 2
16
Vgl. Wessel 2000, 30
Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Das Smartphone im Kontext sozialer Beschleunigung und Mediatisierung. Implikationen mobiler Kommunikationspraktiken
Hochschule
Universität Potsdam  (Institu für Künste und Medien)
Veranstaltung
Texte zur Medientheorie
Note
1,7
Autor
Jahr
2016
Seiten
24
Katalognummer
V376561
ISBN (eBook)
9783668538573
ISBN (Buch)
9783668538580
Dateigröße
660 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Smartphone, soziale Beschleunigung, Mediatisierung, Kommunikation, Medien, mobile Medien, Friedrich Krotz, Marshall McLuhan, Extensions of Man, Kommunikationspraktiken, mobile Kommunikation, Telefon, Handy, Internet, soziale Medien, Nutzung
Arbeit zitieren
Zinaida Ebden (Autor), 2016, Das Smartphone im Kontext sozialer Beschleunigung und Mediatisierung. Implikationen mobiler Kommunikationspraktiken, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/376561

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