Bildungsbenachteiligung von Kindern- und Jugendlichen mit Migrationshintergrund aufgrund von Mehrsprachigkeit


Bachelorarbeit, 2017

49 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

EINLEITUNG

1. BEGRIFFSERKL ÄRUNG
1.1 Migration
1.2 Migrationshintergrund
1.3 Mehrsprachigkeit
1.4 Bildung
1.5 Bildungsungleichheit
1.6 Diskriminierung

2. MEHRSPRACHIGKEIT
2.1 Spracherwerb
2.1.1 Erstspracherwerb (L1-Erwerb)
2.1.2 Der bilinguale Erstspracherwerb (simultan und sukzessiv)
2.1.3 Zweitspracherwerb (L2-Erwerb)
2.2 Erstsprache vs. Zweitsprache bei Kindern mit Migrationshintergrund
2.3 Code-Switching (CS)

3. DIE BILDUNGSBENACHTEILIGUNG VON KINDERN MIT
3.1 Aufbau des deutschen Bildungssystems
3.1.1 Vorschulische Bildung
3.1.2 Die Vielgliedrigkeit im allgemeinbildenden Schulsystem
3.1.2.1 Die Hauptschule
3.1.2.2 Die Realschule
3.1.2.3 Das Gymnasium
3.1.2.4 Die integrierte Gesamtschule
3.1.2.5 Die Sekundarschule
3.2 Programme for International Student Assessment (PISA)
3.2.1 Bildungssegregation allochthoner Kinder
3.2.2 Monolingualer Habitus
3.3 Erkl ä rungen fürdie Bildungsbenachteiligung
3.3.1 Mehrsprachigkeit
3.3.2 Bildungsbenachteiligung durch institutionelle Diskriminierung

4. FAZIT

INTERNETQUELLEN

LITERATURVERZEICHNIS

ABBILDUNGSVERZEICHNIS

Einleitung

Die Geschichte der Migration in Deutschland reicht bis ins 18. Jahrhundert zurück.

Zwischen 1830 und 1880 verließen in Deutschland viele Menschen ihre Heimat. Fortlaufende Kriege, Hungersnöte, Glaubenszusammenstöße, politische Unruhen und auch die soziale Aussichtslosigkeit waren Gründe für das Auswandern. Der Großteil der ausgewanderten Deutschen hatte die USA als Ziel.

In Zeiten der Industrialisierung um die 1880er-Jahre entwickelte sich Deutschland von einem Auswanderungs- zu einem Einwanderungsland. Der wirtschaftliche Erfolg des Deutschen Reiches sorgte für mehr Einwanderung, als Deutsche ausgewanderten. Besonders die Kohle- und Stahlindustrie war zunächst mit ausländischen Arbeiterinnen und Arbeitern besetzt. Die Überzahl an Arbeitskräften, die unter anderem auch ein Grund für die Massenauswanderung in den Jahren 1830 bis 1880 gewesen war, entwickelte sich in den Jahren der Industrialisierung schnell zum Gegenteil. Durch den wirtschaftlichen Aufschwung erlitt Deutschland plötzlich einen Mangel an Arbeitskräften. Innerhalb Deutschlands wanderten viele Menschen aus der Landwirtschaft zur Industrie. Dieser Zuzug und der natürliche Zuwachs der Bevölkerung waren jedoch nicht ausreichend für die sich weit ausdehnende Industrie.

In den 1990er-Jahren galt Deutschland als weltweit wichtigstes „Arbeitseinfuhrland“.

Die Beschäftigung der Ausländer stieg bis zum Ersten Weltkrieg stetig an und fand im Jahr 1913 ihren Höhepunkt mit ungefähr 1,2 Millionen Arbeitern (vgl. Oltmer, 2005).

Nach dem Zweiten Weltkrieg begann eine neue Epoche für die Wirtschaft und Migration der Bundesrepublik, zunächst mit dem Ausgehen der Arbeitskräfte in der deutschen Wirtschaft Mitte der 1950er-Jahre und dann mit den darauf angeworbenen ausländischen Arbeiterinnen und Arbeiter. Am Anfang wurden Anwerbeabkommen mit Italien und bis 1968 mit Spanien, der Türkei, Griechenland, Marokko, Portugal, Tunesien und Jugoslawien geschlossen. Der Zustrom von Gastarbeitern endete 1973 aufgrund einer Wirtschaftskrise und es kam zu einem Anwerbestopp. Zu diesem Zeitpunkt arbeiteten ungefähr 2,7 Millionen Ausländer in der Bundesrepublik. Trotzdem endete der Zuzug nicht, denn den Gastarbeitern folgten die Familienangehörigen (Ehegatten und Kinder). Das Ausländergesetz von 1965 ließ eine Aufenthalts- bzw. Zuzugsgenehmigung zu und die befristete Zuwanderung entwickelte sich für die Gastarbeiter zu einer dauerhaften Bleibe mit Familie.

Die sogenannten „Gastarbeiter“ und ihre Familien bilden heute die große Mehrheit der in diesem Land lebenden Menschen mit Migrationshintergrund (vgl. Butterwegge, 2015). Hinzu kommen gegen Ende des 20. Jahrhunderts Flüchtlinge und Aussiedler, die bis heute eine große Migrationsbewegung bilden.

Das Statistische Bundesamt gab im vorletzten Jahr an, dass die Menschen mit Migrationshintergrund 21 % der Gesamtbevölkerung ausmachen (vgl. Statistisches Bundesamt, 2016).

Die „Migration“ ist eng mit der „Integration“ gekoppelt.

Heute weiß man, dass Bildung der bedeutsamste Faktor für die Integration ist und die gesellschaftliche Teilhabe ermöglicht, d. h., dass den Schulen eine große Rolle und Verantwortung gegenüber jedem einzelnen Kind zukommt (vgl. Ceri 2008, S. 19 ff.).

Am 26. Januar 1990 unterzeichnete Deutschland das Übereinkommen über das Recht des Kindes auf Bildung auf Grundlage der Chancengleichheit, das in Artikel 28 im Kinderrecht verankert ist (vgl. Steinbach 2009, S. 9). Auch das Grundrecht nach Artikel 3 Absatz 3 GG, das jedem einzelnen Menschen verspricht, dass er „wegen seines Geschlechts, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauung“ nicht benachteiligt oder bevorzugt werden darf, sollte auf Schulen im Sinne von Chancengleichheit übertragbar sein.

Die Chancengleichheit wird aber durch die besonders hohe Selektivität des deutschen Schulsystems widerlegt. Schulleistungsstudien wie PISA haben vielfach belegt, dass Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund eher von einer Bildungsbenachteiligung betroffen sind.

Doch womit hängt diese Benachteiligung zusammen?

Es gibt verschiedene Faktoren, die einen Bildungserfolg positiv oder negativ beeinflussen.

Die Benachteiligung ist unter anderem auch besonders auf die mangelnden Sprachkenntnisse der Kinder und Jugendlichen mit Migrationshintergrund zurückzuführen.

Zweifellos gilt die Zwei- oder Mehrsprachigkeit zu den erstrebenswertesten Zielen der schulischen Bildung. Viele Familien melden ihre Kinder schon nach der Geburt in bilingualen Kindergärten an, um überhaupt einen Platz bekommen zu können. Auch bilinguale Schulen, die mit anderen Staaten kooperieren, sind beliebt und meist vollständig besetzt (vgl. Fürstenau/ Gomalla 2011, S. 13).

„In Anbetracht der wachsenden internationalen Verflechtungen in wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Bereichen und der damit einhergehenden Internationalisierung der (Aus-)Bildungs- und Arbeitsmärkte erscheint vielen Eltern und Heranwachsenden der Erwerb zusätzlicher Sprachen als sinnvolle Investition“ (Fürstenau/Gomalla 2011, S. 13). Die Mehrsprachigkeit bei Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund wird paradoxerweise ganz anders bewertet. In offiziellen Proklamierungen wird die Mehrsprachigkeit als „Ressource“ betrachtet, wobei es bei genauerer Betrachtung eher darum geht, inwieweit Familiensprachen zweckdienlich für den Erwerb von Deutschkenntnissen sind. Zahlreiche Kinder, insbesondere türkischer Herkunft, müssen immer öfter erfahren, dass ihnen die eigene Familiensprache im Unterricht und auch auf den Schulhöfen verboten wird und eher eine Behinderung als eine Zusatzkompetenz zu sein scheint (vgl. Fürstenau/Gomalla 2011, S. 13). Zusammengefasst lässt sich sagen, dass kein Kind in Deutschland seine Schullaufzeit einsprachig durchläuft. Das Lernen und Beherrschen von mehreren Sprachen in der Schule gewinnt zunehmend allgemeine Bewunderung, wobei die Sprachen aus einstmaligen Anwerbestaaten wie Türkisch, Polnisch etc. in Deutschland nur gering wertgeschätzt werden.

Nach Gogolin stellt das Aufwachsen mit zwei Sprachen eine besonders günstige Voraussetzung für die weitere sprachliche und geistige Entwicklung des Kindes dar, jedoch nur dann, wenn diese mit Nachdruck Berücksichtigung und Förderung in dem Verlauf des gesteuerten sprachlichen Lernens findet. Die Wahrscheinlichkeit, mit der die gesamte Sprachentwicklung gefördert oder behindert wird, hängt von diesem Verlauf ab (vgl. Steinbach 2009, S. 61 ff.).

„Hinzu kommt, dass der Zusammenhang von Sprachkompetenz und Bildungserfolg für die Politik häufig als Ursache für schlechte Leistungen der Schüler/innen mit Migrationshintergrund benutzt wird. Dieser Betrachtungsweise liegt ein Defizitdenken zu Grunde das sich ausschließlich auf mangelnde Kompetenzen der Schüler/innen mit Migrationshintergrund bezieht und nicht auf strukturelle Schwächen des Bildungssystems“ (Steinbach 2009, S. 10).

In dieser Arbeit wird der Zusammenhang zwischen der Mehrsprachigkeit von Kindern- und Jugendlichen mit Migrationshintergrund und ihrem Bildungserfolg untersucht. Um eine Antwort auf die Frage, inwieweit die Mehrsprachigkeit den Bildungserfolg dieser Kinder und Jugendlichen beeinflusst, zu bekommen, werden zunächst die für diese Arbeit wichtigen Begriffe definiert. Im Anschluss wird das Thema der „Mehrsprachigkeit“ und des allgemeinen Spracherwerbs veranschaulicht. Thematisiert werden in diesem Punkt zunächst die verschiedenen Formen des Spracherwerbs. Darüber hinaus wird untersucht, in welcher Wechselbeziehung Spracherwerbsprozesse stehen, und herausgestellt, welche mögliche Folgen wie z. B. Semilingualität und Code-Switching daraus entstehen können.

Ein weiteres Augenmerk wird auf das Thema der Bildungsbenachteiligung von Kindern- und Jugendlichen mit Migrationshintergrund im deutschen Bildungssystem gerichtet. Hier wird zunächst auf den Aufbau des deutschen Bildungssystems eingegangen, da er erheblichen Einfluss auf den Bildungserfolg von Kindern- und Jugendlichen mit Migrationshintergrund hat, dies wird im Punkt 3.3.2 nochmals näher erläutert und verdeutlicht. Darauf folgend werden Zweck und Ergebnisse der PISA-Studie und Formen der

Bildungsbenachteiligung dargelegt. Zu den Formen gehört unter anderem die Bildungssegregation allochthoner Kinder, hier geht es um die frühe Entscheidung bzw. Selektion beim Übergang von der Primarstufe in die Sekundarstufe 1. Eine weitere Form stellt der monolinguale Habitus der Schulen dar, da ein Grundverständnis von Einsprachigkeit herrscht und Kinder- und Jugendliche mit Migrationshintergrund somit in der Schule von Beginn an benachteiligt sind. Im Anschluss werden Ursachen für die Bildungsbenachteiligung thematisiert. Dabei werden sowohl die Mehrsprachigkeit als auch die institutionelle Diskriminierung als Ursachen für die Bildungsbenachteiligung dargelegt und erläutert. Im Fazit werden zunächst alle Ergebnisse zusammengefasst und Fördermöglichkeiten für Kinder-und Jugendliche mit Migrationshintergrund herausgearbeitet. Zum Schluss wird die Fragestellung der Arbeit beantwortet.

1. Begriffserklärung

1.1 Migration

Der Begriff „Migration“ stammt von dem lateinischen Wort „migratio“ ab, das (Aus-)Wanderung bedeutet. Meinhard definiert Migration als „auf Dauer angelegte bzw. dauerhaft werdende Wechsel in eine andere Gesellschaft bzw. in eine andere Region von einzelnen oder mehreren Menschen“ (Meinhardt 2006, S. 13). Die Migrationsforschung unterscheidet zwei Arten von Migration: zum einen die Binnenmigration und zum anderen die Außenmigration. Binnenmigration meint beispielsweise den Wechsel des Wohnortes oder das Verlassen des Landes und somit die Wanderung in die Stadt aus wirtschaftlichen und ökologischen Gründen oder Vertreibungen innerhalb der landesweiten Grenzen.

Die Außenmigration hingegen umfasst die Wanderungen, die über die Staatsgrenzen hinausgehen. Als Migranten werden Menschen bezeichnet, die wandern (vgl. Meinhardt 2006, S. 13).

Insgesamt lassen sich vier Migrationsgruppen unterscheiden:

− „Arbeitsmigranten aus den süd- und südeuropäischen ehemaligen Anwerbeländern,
− deutschstämmige Aussiedler aus Rumänien, Polen und Ländern der ehemaligen Sowjetunion,
− Bürgerkriegsflüchtlinge (Kontingentflüchtlinge) und Asylbewerber und
− Zuwanderer aus Ländern der EU sowie sonstige Personen, die im Rahmen der internationalen Arbeitsmobilität nach Deutschland kommen“ (Artelt/Baumert/Klieme 2001, S. 34).

1.2 Migrationshintergrund

Das Statistische Bundesamt definiert die „Personen mit Migrationshintergrund“ folgendermaßen:

Personen mit Migrationshintergrund sind „alle nach 1949 auf das heutige Gebiet der Bundesrepublik Deutschland Zugewanderten sowie alle in Deutschland geborenen Ausländer und alle in Deutschland als Deutsche Geborenen mit zumindest einem zugewanderten oder als Ausländer in Deutschland geborenen Elternteil“ (Statistisches Bundesamt 2010, S. 23). Bis zum Jahr 2005 wurde der Migrationshintergrund durch amtliche Statistiken nur über die Staatsangehörigkeit definiert. Dementsprechend wurden nur die Menschen, die nicht die deutsche Staatsangehörigkeit besaßen, als Personen mit Migrationshintergrund definiert, wodurch nicht alle Betroffenen berücksichtigt werden konnten, beispielsweise wurde jemand, der in Deutschland lebt und deutscher Staatsbürger ist, aber ursprünglich aus einem anderen Land eingewandert ist, nicht erfasst (vgl. Steinbach 2009, S. 22).

Mit Inkrafttreten des Mikrozensusgesetzes 2005 ermöglichen die Daten des Mikrozensus die genaue Identifizierung der Personen mit Migrationshintergrund (vgl. Matzner 2012, S. 23).

1.3 Mehrsprachigkeit

Ob jemand tatsächlich mehrsprachig ist, ist relativ schwierig zu bestimmen, da dieser Begriff auf verschiedene Weisen verstanden werden kann. Viele Menschen denken, dass es sich bei mehrsprachigen Menschen um Personen handelt, die zwei oder mehrere Sprachen perfekt, ohne Akzent und ohne grammatische Fehler beherrschen und „gleichermaßen gut über alle Themen sprechen können“.

Maas bezeichnet diese Art von Mehrsprachigkeit als „virtuose Mehrsprachigkeit“. Da es aber relativ selten vorkommt, dass jemand in zwei oder mehreren Sprachen gleichermaßen gut über alle Themen reden kann, sofern er nicht Dolmetscher oder Übersetzer ist, kann in diesem Sinne behauptet werden, dass nahezu kein Mensch mehrsprachig ist. Man konzentriert sich eher auf die Frage, wie gut man beide oder mehrere Sprachen beherrschen muss, um als mehrsprachig zu gelten. Auf diese Frage gibt es keine eindeutige Antwort. Auch Forscher und Forscherinnen sind sich darüber nicht einig. Für einige von ihnen reicht es, um als mehrsprachig zu gelten, aus, wenn jemand auch nur wenige Wörter in einer zweiten Sprache kennt. Die meisten halten es dagegen für wichtig, dass betroffene Personen zumindest in der Lage sind, sich relativ „gut“ in der zweiten Sprache über verschiedene Themenbereiche unterhalten zu können, bevor sie als mehrsprachig gelten. Relativ „gut“ meint in dem Sinne, dass andere Personen diese Person ohne Probleme verstehen können und die mehrsprachige Person selbst ohne Schwierigkeiten dem Gespräch folgen kann (vgl. Peterson 2015, S. 13 f.).

Wenn man den Schwerpunkt auf den funktionalen Einsatz von Sprache legt, dann heißt es in einer anderen Definition von Mehrsprachigkeit auch: Mehrsprachigkeit ist „der regelmäßige Gebrauch von mehr als einer Sprache zu kommunikativen Zwecken“ (Bickes/Pauli 2009, S. 103). Letztendlich geht es also grob gesagt „um die Fähigkeit, sich in mindestens zwei Sprachen verständlich auszudrücken und Äußerungen in beiden Sprachen ohne größere Schwierigkeiten zu verstehen (Peterson 2015, S. 14 f.).

Wenn eine Kompetenz in der Zweitsprache vorhanden ist, in der Drittsprache jedoch nicht, dann kann auch von einer „Zweisprachigkeit“ oder „Bilingualismus“ gesprochen werden (vgl. Bouras 2006, S. 46).

1.4 Bildung

Kein Begriff ist so allgegenwärtig und doch so interpretationsoffen wie der Begriff „Bildung“. Er ist sehr komplex und nicht einfach zu definieren. Außerdem wird er als „god-term“ charakterisiert, also als ein Begriff, der ähnlich wie „Freiheit“, „Gerechtigkeit“ oder eben „Gott“ größtenteils positiv besetzt ist, bei dem aber niemand genau weiß, was er unter diesem Terminus konkret versteht was er genau bedeuten soll (vgl. Lederer 2011, S. 11). Es gibt einige verschiedene Ansätze der Begriffserklärung von „Bildung“. Nach Menze gibt es „keine Definition, mit der festgelegt werden könnte, was Bildung ein für allemal inhaltlich bedeutet, so daß jedermann einer solchen Bestimmung beipflichten müßte. Lediglich eine formale Kennzeichnung ist möglich, der zufolge sich Bildung als ein komplexer Prozeß begreifen läßt, in dem eine als wünschenswert ausgegebene Persönlichkeitsstruktur hervorgebracht werden soll. Der Prozeß selbst unterliegt gesellschaftlichen, ökonomischen, auch institutionellen Bedingungen“ (Menze 1995, S. 350).

Letztlich lassen sich - ohne jeden Anspruch auf Vollständigkeit - Merkmale

der Bildung herausstellen.

Im Zusammenhang mit dieser Arbeit steht die schulische Bildung im Vordergrund. Alle nachfolgend Merkmale sind auch auf die schulische Bildung übertragbar:

1. Bildung als Selbstbildung und Selbsterkenntnis
2. Keine Selbsterkenntnis ohne Reflexion
3. Bildung ist immer auch Persönlichkeitsbildung
4. Bildung als unabschließbarer Prozess
5. Bildung umfasst sowohl kontemplative Innerlichkeit als auch reflexiv- aktiven Welt- und Handlungsbezug
6. Bildung als Aufklärung des Menschen
7. Bildung als Sozialität und kooperatives Gut (vgl. Lederer 2011, S. 24-40)

1.5 Bildungsungleichheit

Die Bildungsungleichheit bedeutet das Herrschen von „Unterschieden im Bildungsverhalten und in den erzielten Bildungsabschlüssen (bzw. Bildungsgängen) von Kindern, die in unterschiedlichen sozialen Bedingungen und familiären Kontexten aufwachsen“ (Müller/Haun, 1994, S. 35). Die Bildungsungleichheit ist eine Form sozialer Ungleichheit, denn diese beinhaltet den Zusammenhang zwischen dem individuellen Bildungserfolg und der individuellen sozialen Herkunft. Hier unterscheidet man zwischen primären und sekundären Disparitäten. Bei primären Disparitäten des Bildungserfolgs zwischen sozialen Schichten geht es darum, dass ein Kind aufgrund seiner sozialen Schicht weniger Leistungspotenzial aufbringt und somit geringere Erfolge erzielt. Um sekundäre Disparitäten im Bildungserfolg zwischen sozialen Schichten handelt es sich, „wenn das Leistungspotenzial eines Kindes nicht erkannt, nicht gefördert, nicht in Anspruch genommen, nicht eingesetzt oder falsch eingesetzt wird“ (Schlicht 2011, S. 35 f.)

1.6 Diskriminierung

„Als Diskriminierung gelten gewöhnlich Äußerungen und Handlungen, die sich in herabsetzender oder benachteiligender Absicht gegen Angehörige bestimmter sozialer Gruppen richten“ (Hormel/Scherr 2010, S. 7). Diskriminierung heißt folglich, dass Unterscheidungen getroffen und bewertet werden. In jeder Unterscheidung wie beispielsweise zwischen „oben“ und „unten“ oder „aktiv“ und „passiv“ ist eine leichte Asymmetrie zu erkennen, weil immer eine Seite kontextabhängig und kontingent der anderen vorgezogen wird (vgl. Radtke/Gomalla 2002, S. 11).

2. Mehrsprachigkeit

Die Mehrsprachigkeit gewinnt mit der steigenden Mobilität und Migration in der heutigen Welt immer mehr an Bedeutung.

Auf der einen Seite wird Mehrsprachigkeit, also die Fähigkeit des Menschen, mehr als eine Sprache zu lernen, als „institutionell förderwürdiges Bildungsideal und Schlüsselqualifikation“ angesehen, auf der anderen Seite wurde jedoch seltsamerweise lange Zeit das gleichzeitige Aneignen von zwei Sprachen im Kindesalter kritisiert. Man war der Meinung, dass Mehrsprachige keine der beiden Sprachen richtig lernen könnten, mental unterentwickelt wären und Identitätsprobleme hätten.

Heute sind sich Forscher einig, dass Mehrsprachigkeit eher einen Normalfall als einen Ausnahmefall darstellt (vgl. Heinmann-Bernoussi 2011, S. 13 ff.). In diesem Abschnitt geht es darum, zu schauen, wie Spracherwerb funktioniert, welche Formen es gibt und ob Wechselbeziehungen vorhanden sind, um dann im Fazit feststellen zu können, ob die Mehrsprachigkeit wirklich einen erheblichen Einfluss auf den Bildungserfolg von Kindern mit Migrationshintergrund hat.

2.1 Spracherwerb

Der Erwerb einer Sprache bedeutet nicht nur, Wörter zu lernen oder die Sprache als ein System sozial-kommunikativer Verhaltensweisen zu verstehen, sondern auch, dass das strukturelle Regelsystem der Sprache erschlossen werden muss, d. h., die Grammatik und die entsprechenden Regeln auf Wörter angewendet werden können (vgl. Chilla/Rothweiler/Babur 2013, S. 10).

„Sprache ist ein komplexes, multidisziplinäres und integratives Phänomen im Alltag des Menschen“ (Günther/Günther 2007, S. 31). Außerdem ist sie ein Kommunikationssystem. Die Sprache wird durch Menschen benutzt, damit sie sich etwas mitteilen können (vgl. Szagun 2013, S. 16).

Man geht zunächst einmal davon aus, dass die „grundlegende und allgemeine Sprachfähigkeit des Menschen biologisch determiniert ist, d. h. grundlegende zerebrale Strukturen sind als Dispositionen genetisch angelegt“ (Günther/Günther 2007, S. 31) Dieses genetische Sprachprogramm wird kulturell über die Sprachgemeinschaft in Gang gesetzt (vgl. ebd.), der Erwerb der Sprache geschieht also im Kontext einer menschlichen Gruppe und Kultur (vgl. Szagun, S. 17). Demzufolge wird Sprache sozial über primäre und sekundäre Bezugspersonen in der Familie des Kindes, in der Verwandtschaft, in der Nachbarschaft, im Freundes- oder Bekanntenkreis, in der Schule, im Kindergarten und in allen Räumen und Bereichen der kindlichen Lebenswelt vermittelt. Jedes einzelne Kind durchläuft einen eigenen, individuellen und keinesfalls linearen Spracherwerbsprozess (vgl. Günther/Günther 2007, S. 31). Zusammengefasst gilt, „die Fähigkeit, Sprache zu erwerben ist angeboren und entwickelt sich im Laufe der kindlichen Entwicklung und Reifung zu einem funktionierenden System. Lediglich Sprachstörungen können diesen Prozess des Spracherwerbs erschweren, verzögern, behindern oder in Ausnahmefällen unmöglich machen, sodass Ersatzsysteme entstehen (Glück 2005, S. 31).

2.1.1 Erstspracherwerb (L1-Erwerb)

Die sprachliche Entwicklung von Kindern konnte durch die Spracherwerbsforschung bis heute nicht genau geklärt werden. Es gibt jedoch verschiedene Theorien, die den Spracherwerb zu erklären versuchen.

Eine dieser Theorie beruht auf dem Behaviorismus.

[...]

Ende der Leseprobe aus 49 Seiten

Details

Titel
Bildungsbenachteiligung von Kindern- und Jugendlichen mit Migrationshintergrund aufgrund von Mehrsprachigkeit
Hochschule
Universität Duisburg-Essen
Note
1,3
Autor
Jahr
2017
Seiten
49
Katalognummer
V376562
ISBN (eBook)
9783668547964
ISBN (Buch)
9783668547971
Dateigröße
524 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Migrationshintergrund, Migration, Bildung, Sprache, Mehrsprachigkeit, Bildungsbenachteiligung
Arbeit zitieren
Yonca Yildiz (Autor), 2017, Bildungsbenachteiligung von Kindern- und Jugendlichen mit Migrationshintergrund aufgrund von Mehrsprachigkeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/376562

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Bildungsbenachteiligung von Kindern- und Jugendlichen mit Migrationshintergrund aufgrund von Mehrsprachigkeit



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden