Der Begriff der Solidarität und seine Definition sowie Geschichte. Eine Annäherung im Wandel von Revolution zum modernen Wohlfahrtsstaat


Bachelorarbeit, 2014
47 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

2
Inhalt
1 Einleitung ...3
2 Entwicklungen von Solidarität ...6
2.1 Semantik und Entstehungsgeschichte...6
2.1.1 Römisch-Rechtliche Bedeutung ...6
2.1.2 Brüderlichkeit...7
2.1.3 Heidnische Freundschaft ...10
2.2 Revolutionen mit konstituierender Wirkung ...13
2.2.1 Französische Revolution ...13
2.2.2 Amerikanische Revolution ...19
3 Vergleich der Revolutionen nach Hannah Arendt...23
4 Transformationen zum Wohlfahrtsstaat ...28
4.1 Ursprünge...28
4.2 Ausprägungen ...33
4.2.1 Europäische Tradition...33
4.2.2 Amerikanische Tradition...35
4.3 Spannungsfelder und Konfliktpotential ...37
5 Fazit und Ausblick ...40
Literaturverzeichnis...45

3
1 Einleitung
Betrachtet man als Bürger der Bundesrepublik die innenpolitischen Nachrichten
anderer Staaten, wird an mancher Stelle Verwirrung auftauchen. In den USA
sträubte man sich massiv gegen das als ,,Obamacare" bekannt gewordene
Gesetzespaket, das zum Oktober 2013 in Kraft trat, und dazu dienen sollte, der
Bevölkerung einen einfacheren und besseren Zugang zu flächendeckender
Krankenversicherung zu bieten. Trotz faktischer Widerlegbarkeit, wurde das
Gesetz von vielen Stimmen als anti-amerikanisch, sozialistisch und als Eingriff in
die amerikanischen Freiheitsrechte kritisiert.
1
Wo aus deutscher Sicht
Krankenversicherung und Gesundheitsvorsorge als selbstverständlich
aufgefasst wird, ist es in den Vereinigten Staaten bislang nur eine Option. In
Zahlen bedeutet das: Im Jahr 2011 waren nach Angaben des United States
Census Bureau 48, 6 Millionen Amerikaner ohne Krankenversicherung.
2
Faktisch
bietet das Gesetz zahlreiche Erleichterungen und Vorteile, doch ohne zu sehr auf
inhaltliche Umsetzungen einzugehen, ist die Angst und Kritik daran überwiegend
emotional aufgeheizt gewesen. Basierend auf einer in der amerikanischen
Gesellschaft tief verwurzelten Abneigung gegen Bevormundung, sowie dem
negativen Empfinden einer Verpflichtung anstelle der Wahlfreiheit.
3
Doch woher
rührt dieses Empfinden? Weshalb gibt es in verschiedenen westlichen
Demokratien solche unterschiedlichen Auffassungen? Neben verschiedenen
marktwirtschaftlichen und politischen Prägungen beziehen sich Differenzen, wie
sie aus dem dargelegten Beispiel ersichtlich sind, in ihrem Kern vor allem auf
eines: Solidarität. So vielschichtig und facettenreich dieser Begriff auch
gebraucht wird, er bleibt als Folge schwer greifbar und entzieht sich im
Sprachgebrauch einer feststehenden, allgemeingültigen Definition. Aus diesem
Grund stellt sich die Frage, was Solidarität bedeutet, woher Solidarität kommt
und wie sich der Begriff historisch gewandelt hat, bis hin zu seiner heutigen
Einbettung in westliche Demokratien. In dieser Arbeit soll dies, in Verknüpfung
mit dem Begriff des Wohlfahrtsstaates näherungsweise dargelegt werden. Der
1
Vgl. http://www.welt.de/wirtschaft/article120707221/Die-irrationale-Angst-der-USA-vor-
Obamacare.html (aufgerufen am 29.06.2014)
2
Vgl. Ebd.
3
Vgl. Ebd.

4
Begriff des Wohlfahrtsstaates wird hier in den Kontext gesetzt, da Solidarität aus
verschiedenen Blickwinkeln betrachtet werden kann. Diese sind auf Mikro- und
Makro-Ebene in politischen, sozialen, psychologischen, bis hin zu religiösen
Diskursen zu verorten. Daher bedarf es einer gewissen Form der Eingrenzung.
Wohlfahrtsstaatlichkeit, beziehungsweise Sozialstaatlichkeit bieten sich hierbei
an, da sie sich in ihren Konzepten und Transformationen mit dem Begriff der
Solidarität ergänzen. So kann der Sozialstaat als die ,,moderne kollektive
Institutionalisierung der Solidarität"
4
aufgefasst werden. Der Begriff der
Solidaritätsgemeinschaft ist zu verstehen als ein ,,kompensatorisches System der
wechselseitigen gesellschaftlichen Sorge, die insbesondere den Bedürftigen,
Schwachen und Alten gilt, den Kranken und Gescheiterten, den Pechvögeln und
den Opfern".
5
In diesem Zitat geht bereits hervor, was die Solidarität auszeichnet,
und abgrenzt von Begriffen wie etwa dem Gemeinsinn, welcher nur das
Zusammengehörigkeitsgefühl einer Gruppe und deren interne Bereitwilligkeit
zum Eintritt für deren Gemeinwohl umfasst. Solidarität hingegen betont darüber
hinaus die Stellung einer sich strukturell benachteiligt fühlenden
gesellschaftlichen Gruppe und das Streben danach, deren Stellung zu
verbessern.
6
Somit spiegelt es ,,die prozeßethische Konzeption einer
Gesellschaft, die vom Kräftespiel gegensätzlicher Interessen geprägt ist",
7
wider.
Solidarität soll im Kontext dieser Arbeit verstanden werden als eine
,,Beziehungsform, die Verbindungen und Verbindlichkeiten zwischen Individuen
ermöglicht, die über die institutionalisierten Formen von Tausch und Vertrag
hinausgehen" und ,,[...] die Verletzung von Menschenrechten, sei es
Gerechtigkeit oder Freiheit, nicht nur artikuliert, sondern auch Widerstand
entstehen lässt" und auf ,,wechselseitig Hilfe und Unterstützung" zielt.
8
Der
Gedanke einer allumfassenden, gerade die Benachteiligten gleichermaßen
umsorgenden sozialen Pflege steckt letztlich auch im Kerngedanken der
4
Prisching, Manfred: Solidarität. Der vielschichtige Kitt gesellschaftlichen Zusammenlebens. In:
Lessenich, Stephan (Hrsg.): Wohlfahrtsstaatliche Grundbegriffe. Historische und aktuelle Diskurse,
Campus, Frankfurt a. M., 2003, S. 179
5
Kersting, Wolfgang: Politische Philosophie des Sozialstaats, Velbrück, Weilerwist, 2000, S. 12
6
Vgl. Hengsbach, Friedhelm: Gemeinsinn und Solidarität. In: Klein, Ansgar (Hrsg.): Grundwerte in der
Demokratie, Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn, 1995, S. 65
7
Ebd.
8
Lange, Dietrich/Hans Thiersch: Die Solidarität des sozialen Staates. In: Böllert, Karin/Peter
Hansbauer/Brigitte Hasenjürgen/Sabrina Langenohl (Hrsg.): Die Produktivität des Sozialen ­ den sozialen
Staat aktivieren, Springer VS, Wiesbaden, 2006 S. 213

5
Wohlfahrtsstaatlichkeit. Dessen Interpretation und Ausprägung ist jedoch
unterschiedlich geartet. Ein nicht unerheblicher Grund dafür ist in der historischen
Entwicklung zu finden. So löste das moderne Konzept der Solidarität im Geiste
der Aufklärung des 18. Jahrhundert und der Revolution frühere Muster von Hilfen,
wie etwa Almosen, ab.
9
Daher sollen in dieser Arbeit, basierend auf Hannah
Arendts Werk ,,Über die Revolution", die französische und die amerikanische
Revolution gegenübergestellt und als geschichtliche Meilensteine der
Herausbildung von solidarischen Gesellschaften, aufgezeigt werden. Diesen
Gliederungspunkten wird viel Raum gegeben, da sie im Zentrum eines
Vergleiches verschiedener Ausprägungen stehen, die sich bis heute
gegenüberstehen. Im weiteren Verlauf wird Bezug genommen auf die
Entwicklungsdynamik der Wohlfahrtsstaatlichkeit und diese ebenfalls kurz
historisch umrissen. Anschließend erfolgt eine Diskussion über mögliche
Konfliktpotentiale in der wohlfahrtsstaatlich ausgeprägten Solidarität. Dabei wird
die unterschiedliche Auffassung und Gewichtung von Sozialleistungen eine Rolle
spielen. Streben wir nach Freiheit in einer ausdifferenzierten Gesellschaft, und ist
Solidarität hier möglicherweise gar nicht mehr relevant? Entstehen
Gegenbegriffe? Diese und weitere Fragen werden erörtert. Es soll der Bogen
gespannt werden von der begrifflichen Entwicklungsgeschichte hin zu einer
Darstellung von Konflikten und Formen, die sich letztlich als Ausblick auf
gegenwärtige und zukünftige Interpretationen von Gesellschaft und
Gemeinschaft beziehen. Die Transformation einer Begrifflichkeit soll darin
herausgearbeitet werden ­ stets unter der Prämisse, dass verschiedene
Strömungen nebeneinander existieren, miteinander konkurrieren und sich in
mancher Hinsicht auch vermengen.
9
Vgl. Ebd. S. 215

6
2 Entwicklungen von Solidarität
2.1 Semantik und Entstehungsgeschichte
2.1.1 Römisch-Rechtliche Bedeutung
In seinem Wortstamm leitet sich ,,Solidarität" vom lateinischen ,,solidus" sowie
dem französischen ,,solidaire" ab, und lässt sich auch im deutschen ,,solid" mit
der Eigenschaft des festen, zuverlässigen beschreiben. Ferner ist das lateinische
,,salvus" in der Übersetzung ,,heil, gesund" mit dem Begriff verwandt.
10
In der
ursprünglichen lateinischen Bedeutung bezieht es sich auf zivilrechtliche
Haftungsgenossenschaften und ist somit ein römischer Rechtsbegriff, der für eine
Gesamthaftung, Gesamtschuld oder der Verpflichtung fürs Ganze steht.
Vereinfacht darstellen lässt sich das mit dem Ausspruch: ,,Einer für Alle, Alle für
Einen". Der Einzelne, der seine Schuld nicht begleichen kann, wird somit von
allen Anderen gestützt, während sich jener Einzelne im umgekehrten Fall in die
Reihe der Gesamtheit einfügt. Somit entsteht ein festes, solides Band, welches
nicht nur für die Schuldnergemeinschaft, sondern auch für den Gläubiger eine
Sicherheit bietet, da der seine Forderungen im schlimmsten Fall an einen
solventeren Ersatzmann richten kann.
11
Im Sinne dieses Konzeptes von obligatio
in solidum, was die Verpflichtung im Ganzen bedeutet, fand die Solidarität später
Eingang in die französische Rechtswissenschaft, wo sie etwa in der
Encyclopédie von Diderot und d'Alembert beschrieben wurde als ,,die
Eigenschaft einer Verpflichtung, in der sich mehrere Schuldner bereit erklären,
eine Summe, die sie geliehen haben oder die sie schulden, [zurück] zu
zahlen" (Encyclopédie, ou dictionnaire raisonné des sciences, des arts et des
métiers, Bd. 15).
12
10
Vgl. http://www.socialinfo.ch/cgi-bin/dicopossode/show.cfm?id=561 (aufgerufen am 21.07.2014)
11
Vgl. Brunkhorst, Hauke: Solidarität. Von der Bürgerfreundschaft zur globalen Rechtsgenossenschaft,
Suhrkamp, Frankfurt a. M., 2002, S. 10
12
Vgl. Henckmann, Wolfhart: Bemerkungen zur Entwicklung des Solidaritätsproblems bei Max Scheler.
In: Bermes, Christian/ Wolfhart Henckmann/Heinz Leonardy (Hrsg.): Solidarität. Person & Soziale Welt,
Königshausen u. Neumann, Würzburg, 2005, S. 11

7
2.1.2 Brüderlichkeit
Als ein Vorläufer der Solidarität lässt sich der Begriff der Brüderlichkeit
ausmachen. Mit ihr wird Harmonie und Hilfsbereitschaft in einer kleineren
sozialen Gruppe assoziiert. Diese archaische Wurzel bezieht sich zunächst auf
den biologischen Kontext, also auf Blutsverwandte, Clans und Mitglieder einer
Sippe. Im alten Israel erfährt der Begriff eine Erweiterung, da alle Menschen im
Monotheismus als Kinder Gottes in einem brüderlichen Verhältnis zueinander
stehen.
13
Somit wird eine antipaternalistische Negation der biologischen
Vaterrolle geschaffen, um Gott als den einzigen Vater zu verstehen, und den
Gläubigen vom Familienpartikularismus und auch der Polisgemeinschaft zu
distanzieren. In der Emanzipation der familiären und nachbarschaftlichen Bande
greift die Brüderlichkeitsethik den liebenswerten Anderen als ebensolches Kind
Gottes auf, was sich in der Komprimierung aller Gebote auf ,,du sollst deinen
Nächsten lieben wie dich selbst" in Form der Liebe, widerspiegelt.
14
Nächstenliebe inkludiert alle Personengruppen und ebnet den Weg zu einer in
höherem Maße organischen, arbeitsteiligen und institutionell verankerten Form
der Solidarität.
15
Diese Form der Liebe lässt sich als Ausübung des göttlichen
Gesetzes verstehen und steht im Mittelpunkt des menschlichen Umgangs.
Obwohl sich das in der Realität zunächst nur auf die altisraelitische
Eidgenossenschaft beschränkt, führt es doch dazu, dass beispielsweise die
Sklaven, die im alten Israel genauso üblich waren, wie in der restlichen antiken
Welt, hier wesentlich besser behandelt werden.
16
So existieren vielfältige
Bestimmungen zu ihrem Schutz, wie etwa das Entlassen in die Freiheit nach
sechs Jahren, Zahlung eines Überbrückungsgeldes, freies Asyl für entlaufene
Sklaven oder einem Misshandlungsverbot. Parallel dazu verfügt das alte Israel
auch über die modernste Sozialgesetzgebung. Diese führt dazu, dass etwa dem
Königtum die Staatssteuern abgesprochen werden, und Abgaben in Form von
Getreide, Öl, Wein und Fleisch an Arme und Besitzlose weitergereicht werden.
13
Vgl. Prisching, Manfred: Solidarität. Der vielschichtige Kitt gesellschaftlichen Zusammenlebens. In:
Lessenich, Stephan (Hrsg.): Wohlfahrtsstaatliche Grundbegriffe. Historische und aktuelle Diskurse,
Campus, Frankfurt a. M., 2003, S. 159
14
Vgl. Brunkhorst, Hauke: Solidarität. Von der Bürgerfreundschaft zur globalen Rechtsgenossenschaft,
Suhrkamp, Frankfurt a. M., 2002, S. 41f
15
Vgl. Ebd. S. 44
16
Vgl. Ebd. S. 52f

8
Ebenso werden alle sieben Jahre die Schulden annulliert. Brüderlichkeit dient
dabei als Begrifflichkeit, um die Gräben zwischen den Rechtssubjekten in Form
der abgaben- und somit hilfspflichtigen Landbesitzern und Besitzlosen, Armen
oder Sklaven zu füllen. Aus dieser jüdischen Auffassung von Brüderlichkeit
heraus, knüpft der christliche Kirchenvater Tertullian gegen Ende des zweiten
Jahrhunderts mit dem Universalismus des Naturrechts an. Die Bezeichnung als
Bruder gilt für ihn nicht nur für jene, die die Vaterschaft Gottes erkannt hätten,
sondern nach dem Naturrecht auch für alle anderen Menschen.
17
Mit dem
Christentum wird die Nächstenliebe deutlich unpolitischer als im Judentum, was
zu einer ausbeutbaren Ideologisierung führt. Zwar ist sie wie bei den jüdischen
Ursprüngen mehr mit einer praktischen Umsetzung als einer Idee konnotiert,
jedoch wird sie stärker gefärbt von der Tendenz, die alttestamentarisch
verankerte menschliche Defizitgestalt durch asketischen Perfektionismus und
dem Wesen des kontemplativen ,,bios theoretikos" aus der griechischen
Philosophie zu erweitern.
18
Durch die Zusammenführung der biblischen Liebe mit
der platonisch-metaphysischen Vernunft wird unter Augustinus das egalitäre
Brüderlichkeitsverständnis mit der hierarchischen römischen Verfassung und
sämtlichen später entstehenden klassenbildenden Imperien, begründet. Im
Glauben und der Gnade sind zwar alle Christen gleich, jedoch sind es gebildete
Eliten, die das Privileg der Erkenntnis besitzen. Mit dieser Entwicklung wird im
Laufe der Zeit die Basis gebildet für sämtliche, teilweise mit Zwang,
Unterdrückung und Gräuel verbundene Formen einer Pädagogik, die dazu
dienen soll, den wahren Glaubensinhalt an die ungebildete Masse
weiterzugeben.
19
Die weitere historische Entwicklung wird an dieser Stelle nicht
weiter ausgeführt, da der Fokus auf der Entstehungsgeschichte der Solidarität
liegt. Diese lässt sich im alten Israel somit zusammenfassend an drei
dargestellten Punkten festmachen. Zum Einen handelt es sich dabei um die
Befreiungstheologie gemäß des Exodus aus Ägypten, und einer damit
verbundenen direkten Beziehung zwischen dem israelitischen Volk und Gott,
ohne eine zwischengeschaltete Instanz wie etwa dem Pharao. Auf der
Erinnerung an dieses eigene Sklavendasein basiert auch die beschriebene Milde
17
Vgl. Ebd. S. 53ff
18
Vgl. Ebd. S. 57
19
Vgl. Ebd. S. 59f

9
gegenüber den Sklaven im alten Israel. Zum Zweiten leitete sich aus dem
konstituierten Monotheismus und der Ablehnung der Herrschaft von Menschen
über Menschen eine theoretisch äußerst egalitäre Form der Solidarität ab, die auf
Brüderlichkeit und Nächstenliebe anstelle von Sklaverei und Fremdherrschaft
fußt. Als dritter Punkt ist der Gedanke der ,,Liebe" und dessen Umsetzung im
Rahmen des göttlichen Gesetzes zu nennen.
20
Allerdings bleibt abschließend zu
erwähnen, dass die in der christlichen Entwicklungsgeschichte stattfindenden
päpstlichen Revolutionen des 11. Und 12. Jahrhunderts in einer Linie mit der, im
weiteren Verlauf näher erörterten, französischen Revolution des 18.
Jahrhunderts stehen, da die in Frankreich daraus entstandenen
Verfassungsinstitutionen nach dem Prinzip einer ,,permanenten legalen
Revolution" (nach Justus Fröbel), die nur durch Transzendenz sich selbst treu zu
bleiben vermag, funktionieren.
21
Durch die radikalen päpstlichen Revolutionen
wurde im 11. Jahrhundert ein vormoderner Rationalisierungsschub initiiert, der
durch die Trennung zwischen Kirche und Staat, Recht und Souverän, ziviler und
merkantiler Stadtgesellschaft" bereits viele Jahre vor der Reformation den
Ausgangspunkt der westlichen Moderne darstellte.
22
Der Begriff der
Brüderlichkeit wird darüber hinaus bis in die Gegenwart dieser Moderne in dem
in Israel entstandenen, universellen Zusammenhang verwendet. So steht etwa in
Artikel 1 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte:
,,Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit
Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geiste der Brüderlichkeit
begegnen."
(Menschenrechtserklärung der Vereinten Nationen, Quelle:
http://www.menschenrechtserklaerung.de, aufgerufen am 05.08.2014, eigene Hervorhebung)
20
Vgl. Heyer, Tobias: Die Geschichte der Solidarität, Grin, Norderstedt, 2013, S. 7
21
Vgl. Brunkhorst, Hauke: Solidarität. Von der Bürgerfreundschaft zur globalen Rechtsgenossenschaft,
Suhrkamp, Frankfurt a. M., 2002, S. 78
22
Vgl. http://www.bpb.de/apuz/26661/die-trennung-von-politik-und-religion-und-ihre-globalisierung-in-
der-moderne (aufgerufen am 24.07.20014)

10
2.1.3 Heidnische Freundschaft
Im Gegensatz zur Brüderlichkeit beinhaltet die Freundschaft bereits ein
,,voluntatives" Element: ,,Als Freund wird man nicht geboren, man erklärt sich als
solcher."
23
Dennoch gilt es, diesen Begriff von einer anderen Perspektive zu
betrachten, als der gegenwärtigen Verwendung. Im aktuellen Zeitkontext wird
Freundschaft als etwas Romantisches verstanden; eine Zweierbeziehung, die
auf Distanz zur ,,sittlichen Gemeinschaft" der Bürger geht.
24
Montaigne
beschreibt diese neuartige antibürgerliche Form der Freunde, die ,,mehr Freunde
als Bürger, mehr Freunde untereinander als Freund oder Feind ihres Landes, als
Freunde von Ehrgeiz und Aufruhr"
25
darstellen. ,,Freundschaft entbindet von allen
sonstigen Verbindlichkeiten"
26
, schreibt er weiter. Mit dieser
,,weltlosen" Konnotation schlägt er die gleiche Richtung ein, wie später die
romantische Liebe. Es ist nicht mehr die ,,soldatische Freundschaft" mit
,,heldenhaften Tugendvirtuosen", die für das Vaterland einsteht.
27
Bei Montaigne
und der Romantik ist der Idealtypus der Freundschaft, der ,,bürgerlichen Welt und
dem Ethos des städtischen Lebens entgegengesetzt".
28
Diese neuartige
Freundschaftsdefinition steht eben in Gegensatz zur der ,,alten,
freundschaftlichen Solidarität, [...] [die,] die Bürgerschaft ­ von Aristoteles bis hin
zu Lorenzettis berühmter Allegorie der guten Regierung im Rathaus von Siena ­
eint".
29
In jener bis dato üblichen Semantik des Begriffes wird der politisch-
sittliche Anspruch an Freundschaft als ,,höchste und erste Bestimmung
(telos)" dargestellt. Die Antike knüpft ein enges Band zwischen Gemeinschaft und
Freundschaft, dessen Bruch gegen die Natur der Dinge verstoßen würde. Nach
seiner wahren Natur ist der Mensch hier in erster Linie ein politisches Lebewesen
(zoon politikon), der seine Erfüllung in der Bürgerfreundschaft als Ausübung des
23
Depenheuer, Otto: Solidarität im Verfassungsstaat, Books on Demand, Norderstedt, 2009, S. 284
24
Vgl. Brunkhorst, Hauke: Solidarität. Von der Bürgerfreundschaft zur globalen Rechtsgenossenschaft,
Suhrkamp, Frankfurt a. M., 2002, S. 23
25
Montaigne zit. nach Brunkhorst, Hauke: Solidarität. Von der Bürgerfreundschaft zur globalen
Rechtsgenossenschaft, Suhrkamp, Frankfurt a. M., 2002, S. 23
26
Ebd.
27
Vgl. Brunkhorst, Hauke: Solidarität. Von der Bürgerfreundschaft zur globalen Rechtsgenossenschaft,
Suhrkamp, Frankfurt a. M., 2002, S. 24
28
Ebd. S. 29
29
Ebd. S. 23
Ende der Leseprobe aus 47 Seiten

Details

Titel
Der Begriff der Solidarität und seine Definition sowie Geschichte. Eine Annäherung im Wandel von Revolution zum modernen Wohlfahrtsstaat
Hochschule
Universität Augsburg
Note
1,7
Autor
Jahr
2014
Seiten
47
Katalognummer
V376604
ISBN (eBook)
9783668538610
ISBN (Buch)
9783668538627
Dateigröße
737 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Solidarität, Wohlfahrtsstaat, Sozialstaat, Arendt, Revolution, Französisch Revolution, Amerikanische Revolution
Arbeit zitieren
Florian Auer (Autor), 2014, Der Begriff der Solidarität und seine Definition sowie Geschichte. Eine Annäherung im Wandel von Revolution zum modernen Wohlfahrtsstaat, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/376604

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