In dieser Arbeit soll die Position der Hisbollah in Beirut untersucht werden und, wie sie die südlichen Vororte Beiruts mit dem Namen Al Dahiye in eine sogenannte „Hisbollah-Hauptstadt“ beziehungsweise „fundamentalistische Stadt“ transformiert hat. Bei der Analyse soll zunächst eine Begriffsbestimmung von „Fundamentalismus“ sowie der „fundamentalistischen Stadt“ wie Nezar AlSayyad sie beschreibt, gegeben werden. Dabei soll kurz auf Edward Saids „Orientalismus“ eingegangen werden.
Es soll hier zum einen auf die Besonderheit des Politischen Systems des Libanons, das zunächst eine Hegemonie der Maroniten begünstigte und die Schiiten marginalisierte, sowie die politische Mobilisierung der Schiiten und der sich hiermit entwickelnden Hisbollah eingegangen werden, um in einem zweiten Teil zu zeigen, wie die Hisbollah einen Raum mit soziopolitischer Identität geschaffen hat.
Dies geschah durch ihre Einschreibung in den Raum, der schiitischen Religion, die sie als eine Ideologie nutzt sowie ihrer Organisationen, die die schiitische Bevölkerung mit einer Vielzahl an Sozialdiensten und anderen Hilfsleistungen versorgt und eine Widerstandsgesellschaft etabliert, die autonom und ohne Hilfe des Staates funktioniert. Vor allem füllt sie bei vielen Schiiten das einstige Identitäts-Vakuum mit Stolz.
Schließlich soll noch kurz beleuchtet werden, inwiefern das von Sunniten und Maroniten dominierte Zentrum Solidere eben solche Exklusionspraktiken hervorbringt, die jene den südlichen Vororten vorwerfen und es der Hisbollah gelingt, die einst periphere Situation der Schiiten in den Vororten Beiruts von der Peripherie der Stadt ins Zentrum zu lenken.
Inhaltsverzeichnis
I) Einleitung
II) Konzept des Fundamentalismus
II.1) „Fundamentalismus“ & „Fundamentalistische Stadt“
II.2) Edward Said—„Orientalismus“, der „orientalisierte Orient“
III) Das politische System des Libanons und politische Mobilisierung der Schiiten
III.1) Das politische System des Libanons: Politischer Kommunitarismus
III.2) Ruraler Exodus der Schiiten nach Beirut und politische Mobilisierung
III.3) Die Hisbollah
IV) Die Hisbollah in Beirut
IV.1) Die Struktur Beiruts und die Repräsentation von AlDahiye
IV.2) Al Dahiye—Raum mit soziopolitischer Identität
IV.2.1 Markierung und religiöse Symbolisierung des Raumes
IV.2.2 Räumliche Rasterung zur Kontrolle der Bewohner
IV.3) Die Organisationen der Hisbollah
IV.4) Von der Dahiye nach Beirut
V) Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Transformation der südlichen Vororte Beiruts (Al Dahiye) durch die Hisbollah in eine "Hisbollah-Hauptstadt" und analysiert, wie die Bewegung dabei eine soziopolitische Identität schafft. Dabei wird der Frage nachgegangen, inwieweit die Hisbollah als fundamentalistische Akteurin fungiert und wie sie durch ein autonomes Dienstleistungssystem die Marginalisierung der Schiiten innerhalb des libanesischen politischen Systems kompensiert.
- Grundlagen des Fundamentalismus und der "fundamentalistischen Stadt"
- Postkoloniale Analyse mittels Edward Saids "Orientalismus"
- Politischer Kommunitarismus und die Rolle der Schiiten im Libanon
- Soziale und räumliche Kontrollmechanismen der Hisbollah in Al Dahiye
- Wirkungsweise der Hisbollah-Satellitenorganisationen
Auszug aus dem Buch
II.1) „Fundamentalismus“ und „Fundamentalistische Stadt“
Die meisten Sozialwissenschaftler gingen mit dem ausgehenden 20. Jahrhundert basierend auf der Modernisierungsthese davon aus, dass mit zunehmender Urbanisierung auch die Säkularisierung ansteigen und sich auf den Rest der Welt ausbreiten würde, jedoch ist in vielen Städten nicht nur ein Anstieg von religiöser Praxis und Religion zu beobachten, sondern darüber hinaus wuchsen fundamentalistische Bewegungen in allen Weltreligionen in großem Ausmaß heran, insbesondere in der Stadt.4
Für Al Sayyad handelt es sich beim „religiösen Revival“ sowie deren Radikalisierung um ein urbanes Phänomen, das verschiedenste Schichten und Milieus anspricht.5 Aufgrund ihrer Bevölkerungsdichte begünstigt die Stadt das Wachsen fundamentalistischer Bewegungen, indem sie bessere Rekrutierungsmöglichkeiten bietet, denn viele Bewegungen rekrutieren Fremde durch face-to-face-Kontakte an öffentlichen Straßen, Plätzen, Bahnhöfen und Flughäfen und im Privaten durch Tür-zu-Türbesuche. Außerdem bieten Städte eine Vielzahl von Institutionen und Organisationen, deren Mitglieder über Netzwerke leicht kontaktiert werden können.6 Zwar sind viele zeitgenössische „Fundamentalisten“ in ihrer Definition gegen die Moderne, da sie sie als ein okzidentales Konzept verteufeln, jedoch modern in der Art und Weise, Technologien zu nutzen und ihre Machtbasis aufrecht zu erhalten. Al Sayyad zieht folgende Charakteristika heran, die von den meisten fundamentalistischen Gruppierungen geteilt werden: es handele sich bei ihnen in der Regel um eine Reaktion auf die Marginalisierung von Religion aus dem öffentlichen Raum. „Fundamentalisten“ haben eine dualistische Weltsicht, die die Welt in gut und böse teilt und eine Sichtweise ihrer Selbst,
Zusammenfassung der Kapitel
I) Einleitung: Diese Einleitung führt in die historische Marginalisierung der Schiiten im Libanon ein und skizziert die Rolle der Hisbollah als einflussreiche, fundamentalistische Akteurin, die Beirut transformiert.
II) Konzept des Fundamentalismus: Das Kapitel definiert den Begriff "Fundamentalismus" sowie die "fundamentalistische Stadt" nach Nezar AlSayyad und diskutiert die Relevanz des Orientalismus-Diskurses für diese Thematik.
III) Das politische System des Libanons und politische Mobilisierung der Schiiten: Es wird die Genese des libanesischen politischen Systems des Kommunitarismus erläutert und aufgezeigt, wie der rurale Exodus der Schiiten und ihre politische Mobilisierung den Aufstieg der Hisbollah begünstigten.
IV) Die Hisbollah in Beirut: Dieser Hauptteil analysiert die räumliche, soziale und politische Dominanz der Hisbollah in Al Dahiye sowie deren Organisationen und Kontrollmechanismen.
V) Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass die Hisbollah das Vakuum der Marginalisierung durch eine eigene soziopolitische Identität füllte und die Schiiten nun als politisch relevante Akteure im Zentrum der Macht positioniert sind.
Schlüsselwörter
Hisbollah, Libanon, Beirut, Al Dahiye, Schiiten, Fundamentalismus, Politische Mobilisierung, Orientalismus, Politischer Kommunitarismus, Soziopolitische Identität, Widerstandsgesellschaft, Urbanisierung, Raummarkierung, Nichtregierungsorganisationen, Machtverhältnisse
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die Rolle der Hisbollah bei der soziopolitischen Strukturierung der schiitischen Bevölkerung in den südlichen Vororten Beiruts (Al Dahiye) und untersucht deren Wirken als fundamentalistische Akteurin.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Zu den zentralen Themen gehören das Konzept des Fundamentalismus im urbanen Raum, das libanesische politische System des Kommunitarismus, orientalistische Narrative in der Stadtplanung sowie die Organisationsstruktur der Hisbollah.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das primäre Ziel ist es, zu untersuchen, wie die Hisbollah Al Dahiye in eine "Hisbollah-Hauptstadt" transformiert hat, um die einstige Marginalisierung der Schiiten durch eine autonome soziopolitische Identität und ein eigenes Dienstleistungssystem zu überwinden.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoretisch fundierte Analyse, die postkoloniale Ansätze (Edward Said) mit sozialwissenschaftlichen Theorien zur Urbanisierung und dem "religiösen Revival" (Nezar AlSayyad) verknüpft, um die Entwicklungen im Libanon zu interpretieren.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil befasst sich detailliert mit der räumlichen Strukturierung und Symbolisierung durch die Hisbollah, der Rolle ihrer Satellitenorganisationen sowie der Reaktion des libanesischen Staates und anderer gesellschaftlicher Akteure auf die Präsenz der Hisbollah.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren diese Arbeit?
Wichtige Schlüsselbegriffe sind Hisbollah, Libanon, Al Dahiye, Schiiten, Fundamentalismus, Raummarkierung und politischer Kommunitarismus.
Welche Funktion hat die "hâla islamiyyah" in den Vororten Beiruts?
Die "hâla islamiyyah" (islamische Stimmung) fungiert als ein von der Bewegung internalisierter Rahmen, der den Alltag der Bewohner durch religiöse Codes, Normen und Werte prägt und so die Widerstandsgesellschaft territorial und kulturell festigt.
Wie reagiert die Hisbollah auf Krisensituationen wie nach dem 33-tägigen Krieg 2006?
Die Hisbollah nutzt ihre Organisation "Jihad al-Binaa" sowie Projekte wie "Waad", um den Wiederaufbau autonom zu organisieren, die Loyalität der Bevölkerung zu sichern und ihre politische und soziale Hegemonie in Al Dahiye zu demonstrieren.
- Citation du texte
- Caro Feistritzer (Auteur), 2014, Etablierung der Hisbollah in Beirut, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/376609