Die vorliegende Arbeit befasst sich mit der Freiraumplanung für Menschen mit sensorischer Einschränkung. Das Interesse gilt der Freiraumplanung für die Menschen mit einer Sehbehinderung. Zu Beginn ist anzumerken, dass in dieser Arbeit der Oberbegriff „Sehbehinderung“ der Bauliteratur entsprechend für die Unterkategorien „Blindheit“ und „Sehbehinderung“ verwendet wird. Ein Mensch mit uneingeschränkter Sehkraft nimmt die Umwelt zu 80-90 % über die Augen, zu 10 % über das Gehör wahr. Wie also findet sich ein Sehbehinderter in seiner Umwelt zurecht? Wie gilt es einen Freiraum dementsprechend zu gestalten, um diesen für die besondere Menschengruppe zugänglich und nutzbar zu machen?
Sich mit dem Thema der Sehbehinderung zu beschäftigen, ergab sich aus meiner persönlichen Zustimmung der Aussage von Herbert Bienk, Staatskoordinator für die Gleichstellung behinderter Menschen der Freien und Hansestadt Hamburg, die folgendermaßen lautet: „Die Frage, ob etwas rollstuhlgerecht ist, wird oft diskutiert. Hindernisse, die man wegen einer Sinnesbehinderung überwinden muss, sind vielen nicht automatisch bewusst.“ Ziel dieser Arbeit soll es sein, die Anforderungen dieser besonderen Menschengruppe an einen öffentlichen Freiraum herauszufinden und entsprechende grundlegende bauliche sowie gestalterische Maßnahmen zu nennen. Es soll dargestellt werden, durch welche Maßnahmen ein Freiraum als Mittel zur Inklusion Sehbehinderter dienen kann. Zu Beginn der Arbeit wird die Definition der Sehbehinderung gemäß des deutschen Rechts aufgezeigt. Es findet eine Kategorisierung des Oberbegriffs „Sehbehinderung“ in „Blindheit“ und „Sehbehinderung“ statt. Die Definition und Kategorisierung einer Sehbehinderung stellen das zweite Kapitel dar. Im Anschluss folgt das dritte Kapitel, das sich mit den Ursachen einer Sehbehinderung und einer Blindheit beschäftigt. Neben den Ursachen wird in diesem Kapitel die entsprechende Sinnesbeeinträchtigung durch Abbildungen dargestellt. Dieses Kapitel wird die unterschiedlichen Sinnesbeeinträchtigungen durch bildliche und tabellarische Darstellungen deutlich vermitteln. Das vierte Kapitel thematisiert die räumliche Wahrnehmung Sehbehinderter und Blinder.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2. Definition Sehbehinderung
2.1 Kategorisierung Sehbehinderung und Blindheit
2.2 Zahlen und Altersverteilung
3. Ursachen einer Sehbehinderung oder Blindheit
3.1 Formen einer Sehbehinderung
3.2 Formen einer Blindheit
3.3 Zwischenfazit
4. Bauliche Anforderungen eines öffentlichen Freiraums Sehbehinderter und Blinder in Bezug zu ihrer räumlichen Wahrnehmung
4.1 Wahrnehmung der Umgebung – Optimale Unterstützung des „Restsinns“
4.2 Persönliche Hilfsmittel sehbehinderter Menschen
4.3 Alternative Wahrnehmung
4.4 Hilfsmittel blinder Menschen
4.4.1 Fortbewegung blinder Menschen mit dem Langstock
4.4.2 Fortbewegung blinder Menschen mit dem Blindenführhund
4.4.3 Verkehrsschutzzeichen
4.5 Zwischenfazit
5 Prioritätsstufen nach C. Ruhe
6. Grundlegende Planungsanforderungen
6.1 Relevante Normen
6.2 Visuell kontrastierende Anforderungen
6.2.1 Leuchtdichtekontrast
6.2.2 Farbkombinationen
6.2.3 Schriftarten
6.2.4 Piktogramme
6.2.5 Belichtung und Beleuchtung
6.3 Taktil und haptisch kontrastierende Anforderungen
6.3.1 Tastkanten
6.3.2 Bodenindikatoren
6.3.2.1 Leitstreifen
6.3.2.2 Aufmerksamkeitsfelder
6.3.3 Tastmodell
6.3.4 Brailleschrift an Handläufen
6.4 Auditiv kontrastierende Anforderungen
6.5 Bauliche und gestalterische Maßnahmen von Freiraumelementen für Sehbehinderte und Blinde
6.5.1 Leitsystem
6.5.2 Gehweggestaltung
6.5.3 Überquerungssituation
6.5.4 Treppenanlage
7 Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit analysiert die grundlegenden baulichen Anforderungen blinder und sehbehinderter Menschen an öffentliche Freiräume, um deren selbstständige Orientierung und Teilhabe durch inklusive Planungsprinzipien zu ermöglichen.
- Grundlagen zur Wahrnehmung von Sehbehinderung und Blindheit
- Methoden der barrierefreien Freiraumplanung und Orientierungssysteme
- Anwendung des Zwei-Sinne-Prinzips zur Kompensation visueller Defizite
- Einsatz von Leitsystemen, Tastkanten und taktilen Bodenindikatoren
- Integration von Sicherheitsaspekten durch das Prioritätsstufenmodell nach C. Ruhe
Auszug aus dem Buch
4.3 Alternative Wahrnehmung
Der wesentliche Unterschied zwischen Menschen mit einem gesunden Sehvermögen und denen, die blind oder hochgradig sehbehindert sind, liegt in der Art der räumlichen Wahrnehmung.
Während Menschen mit einem gesunden Sehvermögen einen Raum vorerst durch einen Gesamteindruck und dann im Detail wahrnehmen, stellen sich Blinde bzw. hochgradig Sehbehinderte den Raum durch die Summe an taktilen, haptischen und akustisch wahrnehmbaren Details in ihrem Kopf vor (vgl. Rau 2013: 34).
Hauptaugenmerk in der Freiraumplanung für blinde Menschen liegt demnach in der baulichen Umsetzung der einzelnen Bestandteile eines Freiraums. Als Bestandteile eines Freiraums sind in diesem Kontext beispielsweise die Oberflächengestaltung, Sitzbänke, Lichtsignalanlagen, Beschilderungen etc. gemeint.
Generell sind Blinde und hochgradig sehbehinderte Menschen auf eine alternative Wahrnehmung angewiesen. Die Orientierung in einem öffentlichen Raum muss durch den Reiz der verbleibenden Sinne „Hören“ und „Tasten“ stattfinden. Wobei hier zu sagen ist, dass der Geschmacksinn sowie der Geruchssinn bewusst nicht genannt wurden, da diese in der baulichen Gestaltung eine untergeordnete Rolle spielen. (vgl. Rau 2013: 33)
Der Reizverlust der visuellen Wahrnehmung muss über die verbleibenden Sinne kompensiert werden. Man spricht bei dieser alternativen Wahrnehmung vom Zwei-Sinne-Prinzip. (vgl. Rau 2013: 33):
„statt sehen - hören oder/ und tasten bzw. fühlen“ (Rau 2013: 33)
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Arbeit thematisiert die Notwendigkeit barrierefreier Freiraumgestaltung in Deutschland, um Inklusion und gesellschaftliche Teilhabe von Menschen mit Sehbehinderungen zu fördern.
2. Definition Sehbehinderung: Es erfolgt eine gesetzliche Einordnung und Kategorisierung von Sehbehinderungen sowie eine Analyse der altersbedingten Zunahme dieser Einschränkungen im Kontext des demographischen Wandels.
3. Ursachen einer Sehbehinderung oder Blindheit: Dieses Kapitel untersucht krankheits- und erblich bedingte Ursachen sowie deren unterschiedliche Auswirkungen auf die visuelle Wahrnehmungsfähigkeit.
4. Bauliche Anforderungen eines öffentlichen Freiraums Sehbehinderter und Blinder in Bezug zu ihrer räumlichen Wahrnehmung: Es wird analysiert, wie unterschiedliche Sinneswahrnehmungen bauliche Anforderungen an das Leitsystem und die Orientierung stellen.
5 Prioritätsstufen nach C. Ruhe: Die Einführung des Prioritätenmodells dient der gezielten Anwendung des Zwei-Sinne-Prinzips, um Informationsflut zu vermeiden und Sicherheit an entscheidenden Knotenpunkten zu gewährleisten.
6. Grundlegende Planungsanforderungen: Das Kapitel verknüpft theoretische Anforderungen mit konkreten baulichen Maßnahmen wie Kontrastgestaltung, Bodenindikatoren und akustischen Signalen.
7 Fazit: Die Arbeit schließt mit der Erkenntnis, dass eine inklusive, nach dem Zwei-Sinne-Prinzip konzipierte Freiraumplanung nicht nur die Selbstständigkeit behinderter Menschen sichert, sondern einen allgemeinen Mehrwert für alle Nutzergruppen darstellt.
Schlüsselwörter
Barrierefreiheit, Freiraumplanung, Sehbehinderung, Blindheit, Orientierungssystem, Leitsystem, Zwei-Sinne-Prinzip, Bodenindikatoren, Taktile Wahrnehmung, Visueller Kontrast, Inklusion, Öffentlicher Verkehrsraum, Mobilitätseinschränkung, Tastkanten, Orientierungshilfen
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit den Anforderungen an eine inklusive Freiraumplanung, die sehbehinderten und blinden Menschen eine selbstständige und sichere Teilhabe am öffentlichen Leben ermöglicht.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Zentrale Themen sind die Kategorisierung von Sehbehinderungen, die verschiedenen Arten der räumlichen Wahrnehmung sowie die baulichen und gestalterischen Anforderungen an eine barrierefreie Infrastruktur.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, Prinzipien für eine Freiraumgestaltung zu identifizieren, die durch eine Kombination verschiedener Wahrnehmungsreize eine eigenständige Orientierung für Menschen mit Sehschädigungen gewährleisten.
Welche wissenschaftliche Methode wird primär verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine tiefgehende Literaturanalyse sowie die Untersuchung normativer Grundlagen (DIN 18040-3), ergänzt durch die Erläuterung von Praxisbeispielen und Kategorisierungsmodellen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden die unterschiedlichen Wahrnehmungsweisen von Sehbehinderten und Blinden analysiert und darauf aufbauend spezifische bauliche Maßnahmen wie Leitsysteme, Kontrastvorgaben und taktiler Orientierungshilfen detailliert hergeleitet.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung?
Die zentralen Schlagworte sind Barrierefreiheit, Inklusion, Zwei-Sinne-Prinzip, Orientierungssysteme, taktile Bodenindikatoren sowie visuelle und akustische Kontraste.
Wie unterscheidet sich die Planung für Sehbehinderte von der für blinde Menschen?
Während Sehbehinderte durch visuelle Kontraste und Schriftgrößen unterstützt werden, sind blinde Menschen auf taktil-haptische (z. B. Leitstreifen) und akustische Signale angewiesen, da ihr Sehvermögen keine visuelle Orientierung zulässt.
Welche Bedeutung hat das „Zwei-Sinne-Prinzip“ in dieser Arbeit?
Es dient als essenzielles Planungsprinzip, bei dem Informationen nicht nur über einen, sondern über mindestens zwei Sinne (z. B. visuell und taktil) vermittelt werden, um maximale Sicherheit und Orientierbarkeit zu erreichen.
Wie trägt das Prioritätsstufenmodell nach C. Ruhe zur Planung bei?
Es hilft Planern dabei, Ressourcen effizient einzusetzen, indem es wichtige Funktionen wie Sicherheit und Information priorisiert, um eine Informationsüberflutung zu vermeiden.
- Citar trabajo
- Elsa Günther (Autor), 2017, Eine Analyse der grundlegenden Anforderungen sehbehinderter und blinder Menschen an einen öffentlichen Freiraum, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/376629