Die Absurditäten der karnevalistischen Literatur des Mittelalters

Analysiert an "Die drei Mönche zu Kolmar" und "Die Tinte"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2017

15 Seiten, Note: 2.0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Karnevalisierung

2. Die vier Mönche zu Kolmar?

3. Der maskierte Teufel

Fazit

Literaturverzeichnis

Einleitung

Die Aufgabe dieser Hausarbeit wird es sein, die Werke „Die Tinte“ von Hans Rosenplüt und „Die drei Mönche zu Kolmar“ von Niemand, in Hinsicht auf die irrationalen, meist absurd-dargestellten Handlungsweisen der Charaktere zu analysieren. Inspiriert wurde diese Themenwahl von dem Satz in „Literatur und Karneval“ von Michael Bachtin; „ Parodieren ist die Herstellung eines profanierenden und dekouvrierenden Doppelg ä ngers, Parodie ist umgest ü lpte Welt. “ (Bachtin 1985: 54).

Der Fakt, dass die karnevaleske Literatur des Mittelalter die Doppelgänger oder die Verwechslungen von Identitäten als Parodie und somit als versteckte Kritik an den Ständen oder an Werten und Normen sieht, war anstoßgebend für die exemplarische Auseinandersetzung mit diesem Themengebiet und der Wahl der Texte.

Diese Hausarbeit wird damit beginnen, dass das Vierkategorien-Muster von Bachtin erklärt und später als Raster für die Geschichten genutzt wird. Das Muster wird Hinweise darauf geben, welche Eigenheiten diese Texte aufwerfen und wie diese zu interpretieren sind. Der Vergleich wird Aufschluss darauf geben, ob Parallelen in Hinsicht auf das Hauptthema - die Entstehung von Komik durch das irrationale Handeln - vorhanden sind.

Der Hauptteil wird aus der Analyse der Texte bestehen. Dabei wird speziell die Figurenkonstellation berücksichtigt und wie diese, aus verschiedenen Klassen der Gesellschaften kommenden Individuen, miteinander in Verbindung stehen. Fragen, die sich hierzu stellen, sind: Warum haben beide Autoren Protagonisten aus dem Klerus und aus dem Bürgertum gewählt? Wieso sind in beiden Texten die Mönche als lüsterne Männer dargestellt, die es mit ihrem Gelübde nicht so ernst nehmen und warum erkennt der Mönch in „die Tinte“ nicht seine Mätresse als eine Frau, sondern als einen Teufel? Wieso kann der Student in „die drei Mönche zu Kolmar“ nicht die Differenz zwischen vier verschiedenen Mönchen aus vier verschiedenen Klöstern herausstellen und warum kann er nicht das ambivalente und unfaire Verhältnis zwischen Geld und Arbeit entschlüsseln?

Das Interessante bei dem Vergleich ist nun die Fragestellung; wie lässt sich anschaulich erklären, dass in beiden Schlüsselpunkten der Geschichten die Protagonisten nicht dazu imstande sind, die prekäre Situation zu dechiffrieren und rational zu handeln? Sind die verschiedenen Handelsweisen der Personen nur stilistisches Mittel, um schwankhafte, komödiantisch-tragische Situationen zu kreieren, die den Leser erheitern sollen oder steckt in der Konzeption von diesen naiven Personen noch mehr als ein unterhaltender Faktor?

1. Karnevalisierung

Die Karnevalisierung beschreibt den Zustand in der Literatur des Mittelalters, in der Sitten und Normen zwischen den handelnden Individuen stark verändert und weitestgehend ad absurdum geführt werden. Gesetze, Verbote und Beschränkungen, die alltägliche Ordnungen bestimmen, werden in dieser schwankhaften Literatur ausgehebelt. Konkrete Symbolformen, die dem Leser aus den Feiertagen des Mittelalters und der damit zusammenhängende Karneval bekannt waren, finden sich auch in den ausgewählten Werken wieder. Hierbei ist es wichtig zu erwähnen, dass der Karneval im Mittelalter zeitlich begrenzt und auf öffentlichen Karnevalsplätzen zu finden war - die Handlungen in der Literatur des Karnevals waren jedoch nur auf Zeit, nicht im Raum, beschränkt (Bachtin 1985: 46). Bachtin spricht in diesem Kontext über die Übertragung des Charakters des Karnevals in die Sprache der Literatur (Bachtin 1985: 46). Damit diese karnevaleske Literatur auch als solche Identifiziert werden kann, schuf Bachtin ein Raster aus vier Kategorien, die im Hauptteil als Untersuchungswerkzeug dienen wird.

Die Kategorien, an denen die Texte untersucht werden, sind: zwischenmenschlicher Kontakt, Exzentrizität, Mesalliance und Profanation (Bachtin 1985: 48f.).

Die Kategorie des zwischenmenschlichen Kontakts bezieht sich auf die Umstülpung der kommunikativen Normen zwischen den Ständen. Die Normen werden in den Texten der Karnevalisierung gebrochen und die Interaktion zwischen den Protagonisten in karnevalistischen Texten wird „unverblümt“ ausgeführt (Bachtin 1985: 48). Nicht nur werden jegliche Normen der Interaktionsbräuche abgebaut, sondern es findet sogar eine Aufhebung der Distanz zwischen den Menschen statt. Die Hierarchie der Stände und die bestehenden Schranken werden in den Texten weitestgehend abgebaut und sind kaum noch vorhanden1. Dies bedeutet, dass weder Stand, Alter, noch die allgemeine Rangstufe für die Kommunikationsweisen ausschlaggebend sind. Benehmen, Gesten und Wortschatz lösen sich aus den bekannten Standesvorschriften. Da diese Mischform als eine Realität in der Literatur angeboten wird, entstehen neue Mensch-zu-Menschbeziehungen, in denen die mittelalterlichen Ordnungen gebrochen werden dürfen. Dieser Bruch der Ordnung erschafft in den Texten von Hans Rosenplüt und Niemand Komik.

Komik basiert auf Entzweiung, die wiederrum auf das Spiel mit unterschiedlichen Normsystemen, sei es historisch, sozial oder geschlechtlich, basieren. Ohne die literarische Darstellung der Autoren würden diese Gegensätzlichkeiten sonst nicht aufeinander bezogen werden und es könnte somit kaum Komik in den schwankhaften Geschichten kreiert werden2.

Die nächste Kategorie von Bachtin ist Exzentrizität. Die karnevalistische Literatur zeichnet sich damit aus, dass es dort möglich ist über die unterschwellige Natur des Menschen zu reden und diese auch Ausdruck zu verleihen (Bachtin 1985: 48f.). Es können somit Themen wie sexuelle Begierde, Mordlust oder Diebstahl als Plot gewählt werden.

Mesalliance beschreibt die Vereinigung von unterschiedlichen Werten, Gedanken und Phänomenen. Die Mesalliance ist einer der wichtigen Punkte, die es in oben genannten Texten zu beachten gilt. Denn das Wort inkorporiert, dass Gegensätze einander zugänglich gemacht werden. Individuen, die durch die hierarchische Weltanschauung als getrennt galten, können jetzt Kontakte miteinander eingehen (Bachtin 1985: 48f). Diese mögliche Eigenschaft der karnevalistischen Literatur kann nun, wie schon erwähnt, für Komik sorgen. Die miteinander vereinigten Gegensätze geben dem Autor die Möglichkeit Kritik am Glauben oder an Normen und Werten zu äußern und es den Lesern über die allegorischen Darstellungen von den Figuren in den Geschichten deutlich zu machen.

Profanation beschreibt die karnevalistischen Ruchlosigkeiten. Dieser Kategorie wird zugeschreiben, dass es das System der karnevalistischen Erniedrigung oder auch „Erdung“ ausdrückt (Bachtin 1985: 49). Damit meint Bachtin unteranderem, dass selbst heilige Texte oder Aussprüche zur Zeit des Karnevals parodiert werden dürfen und selbst der König oder der Papst als Schelm dargestellt werden kann3. Hier zeichnet sich ein weiterer wichtiger Punkt der karnevalesken Literatur ab: Die Krönung und der Fall des Karnevalskönigs. Der Ritus der Krönung macht es möglich, dass selbst ein Narr oder Sklave eine hohe, mit Macht erfüllte Position einnimmt. Diese dichotome Ambivalenz kreiert den Kern der karnevalistischen Weltempfindung, denn es spiegelt den Missbrauch von Zeremonien wieder, der die bekannten, alltäglichen Normalitäten aushebelt. In dem Text von Niemand werden z.B. die Mönche als Karnevalskönige gekrönt, denn ihre sexuelle Begierde verbunden mit ihrem Glauben und den festen Gelübden des Klerus werden ihnen bitter schaden. „Der König wird seiner Machtinsignien beraubt, wird ausgelacht und geschlagen. “ (Bachtin 1985: 51). Dieser Satz macht klar, dass im Brauch des Karnevals ein ambivalenter Brauch der Erhöhung und der Erniedrigung stattfindet - wobei die Erhöhung, ganz im Sinne des klassischen Aufbaus von Dramatik, nur dafür da ist, um den „Erhöhten“ fallen zu sehen. Sei es nun mit einer komödiantischen oder episch-dramatischen Absicht verknüpft.

Abschließend kann hierzu gesagt werden, dass die genannten vier Kategorien die gesamte Logik der Karnevalswelt beherrschen. Der springende Punkt ist nun, dass Umkehrung und Veränderung wesentliche Bestandteil der karnevalistischen Literatur sind, in der das Auslachen als Provokation zur Erneuerung dient. Dieses Konzept lässt zu, dass Kritik an bestimmten Institutionen als solche verstanden und das daraus eine erneute Betrachtung von den kritisierten Aspekten gefordert wird. Die Parodien im Karneval werden von Bachtin als „umgestülpte Welt“ bezeichnet, als eine Art Doppelgänger, mit dem eine Verkehrung der Normen und Werte einhergehen. Dieses Bild des Doppelgängers und der damit verbundene Zusammenhang aus Komik und Karneval wird nun im letzten Abschnitt des Hauptteils beispielhaft an den Identitätsverwechslungen der Personen in „die Tinte“ und „die drei Mönche zu Kolmar“ erklärt.

2. Die vier Mönche zu Kolmar?

„Die drei Mönche zu Kolmar“ soll als Märe auf einer wahren Geschichte beruhen. Diese Behauptung ist aber relativ schnell zu entkräften. Nicht nur, dass die überspitze Darstellung der Gegebenheiten dies verdeutlicht, sondern der Verfasser nennt sich im letzten Vers, ganz nach der Art des Odysseus, „Niemand“. Desweiteren hat der Forscher Jospeh Bédier vierzehn Fassungen der Geschichten nachgewiesen und die Geschichte der Mönche zu Kolmar ist auf eine Geschichte von drei Buckeligen zurückzuführen (Schupp 1983: 232). Die Annahme, dass die Märe auf Wirklichkeit beruht, wird durch die Nennung von den verschiedenen Orden, der Stadt und dem Fluss Rhein gestärkt. Dies bewirkt, dass die Geschichte an Kredibilität gewinnt und als manifestiertes Beispiel zur Kritik des Klerus exponiert werden kann (Schupp 1983: 233).

Die Märe „die drei Mönche zu Kolmar“ handelt von einem Spiel der Intrigen zwischen drei Parteien. Die erste Partei wird hier als die Mönche zusammengefasst. Die Mönche aus drei verschiedenen Orden bieten einer hübschen Frau Geld, damit sie heimlich mit ihr den Beischlaf vollführen dürfen. Die Frau - die als sehr rechtschaffen beschrieben wird - wollte jedoch nur die Osterbeichte ablegen (V 9-14). Der erste Orden bot ihr etwas Geld, der Zweite mehr und der Dritte am meisten.

Schon auf den ersten zwei Seiten der Märe finden wir schon drei der vier Kriterien, die auf karnevalistische Literatur hinweisen, erfüllt. Die Weise, in der die Mönche als skrupellose, affektgesteuerte Männer präsentiert werden, die nicht nur auf ihr heiliges Gelübde zur Enthaltsamkeit keinen Wert legen, sondern die vertraute aber distanzierte Beichte entweihen, lässt erkennen, dass hier schwankhafte und explizite Literatur präsentiert wird, die in der fortlaufenden Geschichte wohl noch prekärer wird.

Die Steigerung des Geldes verführt die Frau nicht, sondern setzt sie stätig unter Druck. Die Vermehrung des Geldes pro Kloster ist ein stilistisches Mittel, dass dem Leser vermitteln soll, dass die Frau tatsächlich eine treue, rechtschaffende Person ist, obwohl sie in den Beichten möglicherweise Themen angesprochen hat, die für die Mönche als erotisierend zu empfinden waren. Der Tabubruch wird in dieser Form der satirischen Auseinandersetzung mit dem Mönchgelübde durch das wiederholende Dreierschema noch verstärkt und wird sich im Laufe der Geschichte mehrfach wieder finden lassen (Schupp 1983: 236). Desweiteren wird hier deutlich, dass die Beziehungen zu den Klöstern entweder von Anfang an nicht freundlich war oder die Mönche, auf Grund der Frau, diese Beziehung gefährden und sich selbst profilieren wollten. Hierbei weise ich auf das Zitat: „Ihr Orden [die Augustiner] war nicht so geizig (V. 122)“ hin. Dadurch vergleicht der Mönch der Augustiner sich mit dem der Dominikaner und der Barfüßermönche und hofft dadurch ihre Gunst zu erlangen. Diese Kombination aus Erniedrigung (der Orden) und Erhöhung (des Geldes) lässt auf die Ambivalenz und die Umstülpung der Normen des mittelalterlichen Klerus schließen. Zur Nötigung zur Prostitution ist zusagen, dass dies auf die Kategorie Exzentrizität zurückzuführen ist. Durch den Anspruch und die Übertreibung dieses Themas macht Niemand es möglich, dass durch komödiantische Weise Kritik an dem Klerus und der - mal mehr oder mal weniger - ernstgenommenen Keuschheit der Mönche genommen wird. Desweiteren wird deutlich, dass die Frau von den Mönchen als Objekt betrachtet wird. Sie wollen diese direkt mit dem Druckmittel des Geldes und ihrer hierarchisch höhergestellten Position als Mittel zur Befriedigung ihrer Triebe benutzen und nehmen keine Rücksicht auf die Empfindung des Gegenübers.

Schlussendlich ging die Frau nach Hause, sodass sie nach dem letzten Besuch ihrem Mann von den Handlungen der Mönche weinend berichtete (V. 136-144) Hier formiert sich somit die zweite Partei, der Mann und die Frau, die den Mönchen das Geld stehlen und die Mönche töten möchte. Der Mann will mit Hilfe der Frau den drei Mönchen eine Falle stellen und sie laden die drei Mönch an einem Abend, aber zu unterschiedlichen Zeiten, zu sich nach Hause ein (V. 170). Die Mönche, die untereinander nichts von der Intrige der zweiten Partei wissen, kommen nach und nach zu der Frau, im Wissen darüber, dass der Mann nicht zuhause sein sollte. Der Kernmoment ist nun der, dass der Mann wartet bis der Mönch eingetreten, eine kurze Zeit vergangen ist und der Mönch das Geld übergeben hat (V. 220-226). Folglich kommt der Mann aus seinem Versteck hinter der Tür und überrascht den Mönch mit dem Klopfen an der besagten Tür. Der Mönch, erschrocken von der unbekannten Situation, fürchtet sich und nimmt den Rat der Frau wahr und springt in den heißen Zuber und stirbt im kochendem Wasser (V. 240-248). Dieser Vorgang wiederholt sich mehr oder weniger ähnlich drei Mal, bis alle Mönche tot und die Silberlinge bei der zweiten Partei sind. Durch diese Szenen wird deutlich, dass Niemand das Kernthema des Schwanks und der Mönchsatire anwendet: die Übertrumpfung (Schupp 1983: 235). Die Übertrumpfung findet durch die Erdung und Täuschung der Mönche statt. Die Sünde findet ihre Strafe und der Schlaue den Schlaueren (Schupp 1983: 235). Durch den Mord an den drei Mönchen festigen sich verschiedene Stellungswechsel der bis dato aufgetretenen Charaktere. Die Mönche, die sich durch ihren Status und ihres Geldes als mächtiger empfanden, wurden von zwei Niederen reingelegt und die Frau, die als rein und rechtschaffend galt, ist nun eine Diebin und Mörderin.

Eindeutig spannt der Text einen Bogen von Dreierschema zu Dreierschema4. Dieses Schema und die absurde Annahme, dass das Hineinspringen in kochendes Wasser einen unmittelbaren Tod nach sich zieht, sorgt dafür, dass die Leser diese skrupellose Tat als komisch empfinden. Die Formulierungen, in denen die Geschichte verfasst worden ist, wurden von Niemand zwar schwerfällig aber auch mit Absicht kurz gehalten. Die Situation des Mordes wurde soweit verkürzt oder abgewandelt, dass der Leser bei jeder Wiederholung mehr ins Lachen gekommen sein muss. Dass eine der Voraussetzungen zum Komischen die Mitleidlosigkeit in sich korporiert, ist schon seit den Geschichten über den Schelm Dyl Ulenspegel bekannt. Die einhergehende Schadensfreude wird durch die Figur eines erwartungsvollen, triebgesteuerten Mönches noch verstärkt. Dadurch kitzelt der Autor einen Nerv, der allein durch ihr „Auftreten in ungemäßer Umgebung“ eine starke „ vis comica “ (Schupp 1983: 236) erzeugt. Die Krönung des Karnevalskönigs wird durch den Ritus des blutlosen Mordes oder auch der korrumpierten Taufe - und die damit resultierende Reinigung - beendet und leitet zum nächsten Teil der Geschichte über.

Nach der Tat packte der Mann die Mönche an den Haaren und zerrte den Ersten vor die Tür, wo er einen betrunkenen Studenten vorfand. Neben der Absurdität, dass der Mann die Mönche an ihren Tonsuren aus den Hause schleift, ist interessant, dass die Frau kein weiteres Auftreten in der Märe findet. Die Frau, als Charakter, dem am meisten Moral zugesprochen werden kann, tritt deshalb nicht mehr auf, damit der Leser keine Störung in der Komik durch Reue oder Selbstvorwürfen, durch den Standpunkt der Frau, empfinden kann (Schupp 1983: 238). Der Student stellt hier die dritte Partei dieses Intrigenspiels wider. Diesem wurde Geld versprochen, damit er die Mönche in den Rhein werfen soll (V. 294). Sobald der Student zurückkehrte, saß der selbe Mönch wieder vor der Tür. Dem Studenten fiel dies nicht auf und er brachte den angeblich zweiten Mönch wieder in den Rhein. Der Junge brachte letztendlich die drei Mönche in den Rhein. Bei dem dritten Fußmarsch zum Mann zurück begegnete ihm ein vierter Mönch, den er - voller Wut und Verzweiflung - dann als Wiedergänger bezeichnete und eigenständig tötete (V. 320-370). Diese mechanisierte und wenig detailliert-beschriebene Handlung kreiert Komik. Sie schafft es dem Leser zum Lachen zu bringen, weil der Student als jemand vorgestellt wird, der einen geringen Moral- Minimalstandart aufweist und der dazu noch betrunken ist. Die Absurdität des Leichentransports5, im Zusammenhang mit der Verwirrtheit des Studenten, kann nun als Legitimation für dessen Handlungen aufgefasst werden und als Leser empfindet man diese seltsame Handlung als komisch. Mehr Rationalität im Handeln des Studenten würde dem Text die Komik nehmen und eher eine tragische oder gar schaurige Geschichte erschaffen (Schupp 1983: 239). Desweiteren gelingt es Niemand eine Übertreibung der dreifachen Wiederholung zu erschaffen, indem ein unschuldiger Mönch durch das naive Handeln des Studenten ums Leben kommt. Diese Unwahrscheinlichkeit in Kombination mit der Täuschung erschafft eine Situation in der Tod und Leben vom Studenten nicht mehr auseinandergehalten werden kann und die eine solche „Begriffsstutzigkeit“ kreiert, die dem Leser, in Anbetracht seiner rationalen und analytischen Denkweise, zum Kopfschütteln und Lachen bewegt (Schupp 1983: 240). Setzen wir hier wieder den Maßstab der Rationalität an, so wird einem schnell bewusst, dass das Handeln des Mannes nicht durchdacht ist. Der Student, egal wie gut man ihn bezahle, ist ein Mitwisser an einem Verbrechen, welches Kleriker inkludierte. Die Mitwisserschaft müsste dem Mann eigentlich befürchten lassen, verraten zu werden und vielleicht die Erwägung mit sich ziehen, dass dieser die Leichen alleine entsorgen sollte, um den Kreis der mitwissenden Personen möglichst klein zu halten. Die Anfangsfrage, die zu dieser Situation gestellt wurde, ist: Warum kann der Student die Mönche nicht auseinanderhalten? Die Antwort ist: weil Niemand es nicht zulässt. Die Komik, die mit der Verwirrung des Studenten einhergeht, ist zu passend für diese vereinfachte Darstellung der Geschichte, dass Niemand entscheidet dem Studenten, genauso wie den anderen Charakteren, eine tiefere Einsicht in das rationale Denken zu verwehren, damit schwankhaft-witzige Poeten auftreten können.

Abschließend ist zu sagen, dass die irrationalen und absurden Handlungen der Charaktere von Niemand so gewählt worden ist, um der Geschichte einen schwanktypischen, komischen Inhalt aufzuweisen. Sollte die analysierten Übertreibungen und stilistischen Mittel nicht genutzt werden, könnte man der Geschichte einen horrorartigen und tragischen Kern zuschreiben. Da Niemand aber seine Erzählung in diesem Stil beschreibt, ist hier eine Geschichte über Mord und Betrug zu einer karnevalistisch, schwankhaften Erzählung geworden.

3. Der maskierte Teufel

In der Geschichte „Die Tinte“ von Hans Rosenplüt wird beschrieben, wie ein Mönch eine Frau dafür bezahlte mit ihr den Beischlaf zu vollführen. Sie wurde eingeladen dem Mönch in seinen Gemächern im Kloster zu besuchen und dort angetroffen, vollführten sie den Beischlaf, sodass der Mönch die ganze Nacht nicht schlafen konnte (V. 38-46). Am Morgen, noch verschwitzt von der Nacht, träufelte er sich Rosenwasser auf die Stirn, um das Schwindelgefühl zu beseitigen, damit er seine Pflichten auf der Frühmesse zu erfüllen vermöge (V. 50). Nach der Frühmesse - so versprach der Mönch - kehre er wieder zur Frau zurück und lege sich wieder ins Bett (V. 59). Nun allein im Zimmer überkam der Frau auch ein Schwindel und sie bestrich sich ihre Stirn mit Rosenwasser, um den Schwindel zu lösen. Doch als sie nach der Flasche griff, war es nicht das Rosenwasser sondern ein Tintenglas. Sie schmierte sich die Tinte ins Gesicht (V. 70-75). Die Identität der Frau wurde durch die Tinte unkenntlich gemacht und sie sah nun aus wie der Teufel. Als der Mönch wiederkam fand er nicht die Frau sondern den Teufel in seinem Bett wieder. Er erschrak sich und rief seine Ordensbrüder, die feststellten, dass dies der Teufel sein musste (V.85-89). Die Frau, erschrocken von der Anschuldigung, schaute sich im Spiegel an, entdeckte, dass sie voller Tinte war und lief davon (V. 95-100).

Die Kategorien von Bachtin sind auch hier alle wiederzufinden. Die Kategorie des zwischenmenschlichen Kontakts, eng verbunden mit der Mesalliance ist in den normenwidrigen Handlungen des Mönches wiederzufinden. Die Exzentrizität wird durch die Themenwahl des „lüsternen Mönches bezahlt eine Prostituierte“ erfüllt. Die Profanität ist hierbei der spannendste Analysepunkt. Man würde annehmen, dass der Mönch, weil in seinem Gemach eine nackte Frau mit einem durch Tinte zum Teufel maskierten Gesicht gefunden wurde, den Karnevalskönig darstellen muss. Dies ist aber nicht so. Durch die Vereinfachung der Gegebenheiten und der panischen Reaktion des Mönches wird er nicht der Karnevalskönig, sondern die Mätresse wird blamiert, obwohl sie kein solch großen Bruch an Normen begangen hat wie der Mönch.

Die Absurditäten, die in „die Tinte“ vorhanden sind, sind im Vergleich zu „die drei Mönche zu Kolmar“ komprimierter anzutreffen. Die Schlüsselszene, in der die meisten Absurditäten auftreten, ist die Szene, in der der Mönch von der Messe wieder in sein Schlafgemacht kommt. Als erstes wird auffallen, dass die umgestülpte Welt der Karnevalisierung eine Analogie zur Darstellung der Frau bildet. Eigentlich müsste der Mönch doch durch Antizipation der gegebenen Situation feststellen, dass dies nur seine Mätresse sein kann und dass ihre Statur - da sie erst am Ende der Szene vom Bettlaken verdeckt sei - Ähnlichkeiten zur Beischlafpartnerin aufweisen muss. Diese Verwechslung kann durch zwei Erklärungsmöglichkeiten nahbar gemacht werden. Erstens: der Mönch befürchtet bei seiner Missetat ertappt zu werden und die von ihm vorgefundene Situation bietet eine Gelegenheit zur Lösung dieser. Denn ein Problem könnte das Verlassen der Abtei darstellen, ohne dass die Frau von Ordensbrüdern entdeckt wird. Zweitens: der Mönch glaubt wirklich, dass der Teufel vor ihm steht. Hier müsste man aber nun zur Erklärung die Intention des Autors hinzufügen. Durch das beschriebene Verhalten der Frau und das Wissen der Leser kann festgehalten werden, dass die Frau nicht zu einem Teufel geworden ist. Seine panische Reaktion in Kombination mit der Erschöpfung einer ereignisreichen Nacht könnte ein solches Handeln rechtfertigen. Dies ist aber sehr unglaubwürdig. Das hier, genau wie im Text von Niemand, wieder einmal Mönche als Personen zum Transport der Komik genutzt worden sind, lässt sich ebenso auf das mittelalterliche Bild auf die komödiantische Wirkung der Mönche zurückschließen. Dies und dass es in der karnevalistischen Literatur möglich ist, einen solch mächtigen Stand auch zu demütigen, bietet die Möglichkeit die unnahbare Vertretung der Christlichkeit zu verspotten. Dieser Spott und die komödiantischen Resultate sind nur möglich, weil die umgestülpte, literarische Welt ein Aufeinandertreffen von Normbrüchen und alltäglicher Realität möglich macht.

Der Autor hat mit dieser Schlüsselszene vor, eine komödiantische Wirkung zu erzeugen. Ganz ähnlich wie in „die drei Mönche zu Kolmar“ wird die Übertreibung einer Gegebenheit in Kombination mit der Unglaubwürdigkeit eine Situation dargestellt, die komödiantisches Potential aufweist. Desweiteren präsentiert der Autor hier noch eine chaotische Moral durch die Auflösung der Szene. Die Moral der Geschichte ist, dass die Hurerei in Klöstern immer von Gott bestraft wird (V. 113). Da der Mönch aber keinerlei Schande mit sich tragen muss, da seine Tat verdeckt und nur die Frau als entstellte und nackte Person durch das Kloster rennen muss, wirkt die Moral irgendwie misslich zusammengefasst. Die Moral von Niemand ist ebenso absurd gewählt worden. Warum verfasst Niemand ein Ende, in dem ein Unschuldiger für die Schuld anderer büßen muss? Die Moral ist hier definitiv zweitrangig einzuordnen. Der Text von Niemand soll ein Werk sein, welches zur Unterhaltung dient und nur peripher eine Antizipation der Handlungen auf das wirkliche Leben bietet.

Fazit

Abschließend ist zu sagen, dass die Wahl der Charaktere, aus den verschiedenen Ständen der Gesellschaft von den Autoren mit Bedacht gewählt worden ist. Das komödiantische Potential, dass das Aufeinandertreffen von Norm und Normbruch, von Bürgertum und Klerus, von Prostitution und heiligem Gelübde bietet, wurde sowohl von Niemand, als auch von Rosenplüt durch die Interaktion von lüsternen Mönchen mit schönen Frauen ausgenutzt. Die Moral, die beide Geschichten dem Leser am Ende bieten, haben durch die nähere Analyse mit dem Text immer mehr an Wert verloren und sind mehr Beiwerk als ein wirkliches Werkzeug, welches man auf seinen Alltag übertragen kann.

Die Schlüsselstellen in den beiden Texten, also der Mord an einem vierten Mönch und die Verwechslung der Frau mit dem Teufel, lassen nicht zu, den Charakteren in den Mären rationales Denken als eine Eigenschaft zuzuschreiben. Die Verwirrung, die durch die Verwechslung von Identitäten auftreten, sind Mittel zum Transport für Komik. Diese Absurditäten kann der Leser der Moderne nur mit Kopfschütteln und belustigter Miene begegnen, sollte man den Realitätsaspekt der Handelnden überprüfen. Um die eingangsgestellte Frage zu klären, ob die Naivität der Personen eine andere Motivation, als die Erzeugung von Komik zu unterstützen hat, ist zu sagen, dass diese Frage mit: nein beantwortet werden kann. Die Handlungsweisen der Charaktere sollen lediglich den Plot vorantreiben und eine überspitzte Darstellung der Geschehnisse Ausdruck verleihen.

Doch kann abschließend gesagt werden, dass die Analyse und der Vergleich der beiden Texte es ermöglicht hat, die versteckte Kritik an den Klerus zu dechiffrieren und zu erkennen, dass beide Texte als schwankhafte, karnevalistische Mären zu lesen sind. Bachtins Vierkategorienmuster ließ erkennen, dass beide Texte mit gleichem Hintergrund geschrieben worden sind. Hier soll eine umgestülpte, verkehrte Welt präsentiert werden, in der die Schilderung von irrationalem Handeln Komik erzeugt und trotz seiner Einfachheit eine unfertige Moral entsteht.

Literaturverzeichnis

Bachtin, Miachail (1985): Literatur und Karneval - Zur Romantheorie und Lachkultur, München: Carl Hanser Verlag

Schupp, Volker (1983): Das M ä re: die mittelhochdeutsche Versnovelle des sp ä teren Mittelalters, Darmstadt: Wiss. Buchges.

Niemand: Die drei M ö nche zu Kolmar in "Novellistik des Mittelalters -

Märendichtung", Hg.: Klaus Grubmüller (1996), Berlin: Deutscher Klassiker Verlag

Hans Rosenplüt: Die Tinte in "Novellistik des Mittelalters - Märendichtung", Hg.: Klaus Grubmüller (1996), Berlin: Deutscher Klassiker Verlag

[...]


1 Dieser Fakt lässt sich am besten an der Märe „Der Ritter unterm Zuber“ erklären. Dort wird der Ritterstand metaphorisch dem Bauernstand untergeordnet.

2 Dabei ist es wichtig anzumerken, dass diese Hausarbeit untersuchen wird, wie das Lachen im Text organisiert wird und nicht worauf es gründet.

3 Goutiert wird dies durch die legalisierte Freiheit des Lachens im Mittelalter.

4 Dies inkludiert das Auftreten der Mönche, den Mord an diesen und später die Entsorgung der Leichnamen.

5 Es ist zu erwähnen, dass der Rhein ca. 20 Kilometer von Kolmar entfernt liegt. Der Fußmarsch hin und zurück mit dem Transport von vier Mönchen wäre in einer Nacht unmöglich zu bewerkstelligen.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Die Absurditäten der karnevalistischen Literatur des Mittelalters
Untertitel
Analysiert an "Die drei Mönche zu Kolmar" und "Die Tinte"
Hochschule
Universität Potsdam  (Germanistik Institut)
Note
2.0
Autor
Jahr
2017
Seiten
15
Katalognummer
V376819
ISBN (eBook)
9783668571549
ISBN (Buch)
9783668571556
Dateigröße
503 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Karneval, Drei Mönche zu Kolmar, Die Tinte, Bachtin, Schwarzer Humor, PDF, Hausarbeit
Arbeit zitieren
Philipp Nern (Autor), 2017, Die Absurditäten der karnevalistischen Literatur des Mittelalters, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/376819

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