Diese Arbeit zeigt, dass die Säkularisierung keineswegs linear von der Aufklärung bis zur heutigen Zeit fortschritt, sondern, dass es auch Zeiten gab, in denen ein "Rückschritt" zu sehen ist. Als Beispiel soll die Entstehung der Heilsarmee im England des 19ten Jahrhunderts dienen.
Dies hat mehrere Gründe: Zum einen trägt die Betrachtung eines anderen europäischen Landes dazu bei, einen Vergleich zwischen zwei Nachbarländern aufzustellen, zum anderen ist gerade das 19ten Jahrhundert ein interessantes Jahrhundert, da auch in Deutschland so etwas wie eine "Rückkehr" zur Kirche wahrgenommen wurde. Um die Rolle der Heilsarmee im viktorianischen London genauer untersuchen zu können ist es wichtig, sich die Argumente der "Säkularisierungstheorie" vor Augen zu führen. Wie bereits der Titel des Aufsatzes von Gangolf Hübinger sagt, ist diese Theorie in der Forschung nicht unumstritten.
Daher beschäftigt sich das erste Kapitel mit der genauen Definition dieser These und der Frage nach Alternativen, wie der Pluralisierungsthese. Für dieses Kapitel wird zusätzlich zu Hübingers Aufsatz auch ein Aufsatz von Detlef Pollack diesem Thema zu Grunde gelegt. Im zweiten Kapitel wird die Entstehung der Heilsarmee in Bezug auf die Säkularisierungsthese untersucht. Dabei wird zunächst das religiöse Umfeld Englands betrachtet um die Ausgangslage besser einschätzen zu können. Die Heilsarmee war schon von Anfang an eine Kirche, die sich durch eine große soziale Arbeit auszeichnete, daher untersucht das zweite Kapitel beide Seiten und zeigt ob und wie die Heilsarmee Einfluss auf die Gesellschaft genommen hat. Zur Untersuchung dieser Thematik werden sowohl Richard Colliers Biographie über William Booth als auch zwei Monographien über die Entstehung der Heilsarmee von Norman H. Murdoch und Glenn Horidge verwendet. Die zwei letztgenannten Autoren weisen in der Einleitung in ihren Untersuchungen darauf hin, dass es zum einen wenig Literatur über die Gründung der Heilsarmee gibt und zum anderen, dass die vorhandenen Werke oft mit einer bestimmten Absicht geschrieben wurden. Objektive, wissenschaftliche Literatur ist hingegen kaum vorhanden. Die meiste Literatur zu diesem Thema wurde von der Heilsarmee selbst herausgebracht, aber es finden sich auch zahlreiche Zeitungsartikel aus dem 19. Jahrhundert, die allerdings nicht digitalisiert wurden und daher schlecht einsehbar sind.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Säkularisierungstheorie
3 Die Ursprünge der Heilsarmee
3.1 Christliche Kirchen im viktorianischem London
3.2 Die Heilsarmee als Kirche
3.3 „Heart to God and Hand to Men“: Die Sozialarbeit der Heilsarmee in London
3.3.1 Die soziale Arbeit am Beispiel des Prostitutionsalters
3.3.2 Die soziale Arbeit am Beispiel der Streichholzfabrik
4 Fazit
5 Bibliografie
5.1 Quellen
5.2 Literatur
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die Entstehung der Heilsarmee im England des 19. Jahrhunderts als historisches Gegenbeispiel zur Säkularisierungstheorie. Dabei wird analysiert, inwiefern die Heilsarmee durch ihre Verbindung von Missionierung und sozialem Engagement der gesellschaftlichen Marginalisierung der Religion entgegenwirkte und einen Einfluss auf Politik sowie Arbeitsbedingungen ausübte.
- Definition und Kritik der Säkularisierungstheorie im historischen Kontext.
- Die religiöse Ausgangslage und die Etablierung der Heilsarmee im viktorianischen London.
- Wechselwirkung zwischen missionarischem Eifer und sozialer Programmatik („Suppe, Seife, Seelenheil“).
- Einfluss der Heilsarmee auf Gesetzesänderungen (Prostitutionsalter) und Arbeitspraktiken (Streichholzindustrie).
Auszug aus dem Buch
3.3.1 Die soziale Arbeit am Beispiel des Prostitutionsalters
Vereinzelte Beispiele von Sozialarbeit, wie sie im oberen Kapitel beschrieben wurde, gab es schon vor der Veröffentlichung von „In Darkest England and the Way Out“. Ein Beispiel dafür ist die Arbeit mit Frauen und Mädchen, die Prostituierte waren. Angefangen hat die Arbeit mit Prostituierten in den Slums von Ostlondon. Elizabeth Cottrill, eine Heilssoldatin, die im East End lebte, öffnete ihre Wohnung für Frauen, die Prostituierte, obdachlos oder schutzlos waren. Cottrill gab ihnen Essen und die Gelegenheit sich zu waschen. Die Arbeit mit den Prostituierten wurde damals von mehreren Frauen ausgeführt, die, nachdem sie Heilssoldaten wurden, in den Slums lebten, um der armen Bevölkerung durch ihre Lebensweise ein Vorbild sein zu können. Diese Frauen wurden von der Bevölkerung „Slum Sisters“ genannt. Bald nach Beginn der Arbeit musste auf Grund der hohen Nachfrage ein eigenes Gebäude gekauft werden, um die Frauen unterzubringen. Viele der Frauen waren außerdem noch schwanger, was dazu führte, dass die Heilsarmee ein Nebengebäude kaufte und zu einer Geburtsklinik umfunktionierte, die bis zum Jahre 1986 in Betrieb blieb.
Zusätzlich zu der Betreuung dieser Frauen und Mädchen fing die Heilsarmee an gegen das grundsätzliche Problem dieser Frauen vorzugehen. Josephine Butler, eine Frauenrechtlerin, schrieb in der Mitte der 1880er Jahre einen Brief an Florence Booth und machte sie auf das Schicksal vieler Mädchen aus armen Familien aufmerksam, welche teilweise von ihren Eltern in die Prostitution verkauft wurden. Zusammen mit ihrem Mann Bramwell Booth und dem Herausgeber der „Pall Mall Gazette“ W.T. Stead wollten sie gegen das Problem der „weißen Sklaven“ vorgehen. Laut Collier wurde William Stead für einen der mächtigsten Menschen in England gehalten, weswegen er vor der Zusage den Booths zu helfen sicher sein wollte, dass diese Anschuldigungen auch stimmten. Nach gründlichen Untersuchungen, die hauptsächlich aus Interviews mit Opfern bestand, entschieden er und Bramwell sich dazu eine Heilssoldatin als Spionin in ein Bordell zu senden.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung führt in die historische Epoche des 19. Jahrhunderts ein und erläutert die Relevanz der Säkularisierungsthese für die Untersuchung der Heilsarmee.
2 Säkularisierungstheorie: Dieses Kapitel definiert die Säkularisierungstheorie, diskutiert deren wissenschaftliche Kontroversen und beleuchtet Ansätze wie die Pluralisierungsthese.
3 Die Ursprünge der Heilsarmee: Hier wird die Gründung der Heilsarmee vor dem Hintergrund des viktorianischen Londons analysiert, wobei besonders die methodistischen Wurzeln und die soziale Ausrichtung beleuchtet werden.
3.1 Christliche Kirchen im viktorianischem London: Eine Bestandsaufnahme zeigt, wie die Industrialisierung und demografische Veränderungen die etablierten Kirchen unter Druck setzten.
3.2 Die Heilsarmee als Kirche: Dieses Kapitel untersucht die Entwicklung der Heilsarmee von einer einfachen Mission hin zu einer global agierenden, militärisch strukturierten Organisation.
3.3 „Heart to God and Hand to Men“: Die Sozialarbeit der Heilsarmee in London: Der Abschnitt erläutert die Ausweitung der sozialen Arbeit als Reaktion auf die Not der Arbeiterklasse und die Notwendigkeit, Vertrauen zu gewinnen.
3.3.1 Die soziale Arbeit am Beispiel des Prostitutionsalters: Anhand dieses Fallbeispiels wird der Einfluss der Heilsarmee auf die Gesetzgebung und den Schutz gefährdeter Mädchen demonstriert.
3.3.2 Die soziale Arbeit am Beispiel der Streichholzfabrik: Dieses Kapitel zeigt, wie durch unternehmerisches Handeln und den Einsatz sichererer Materialien (roter Phosphor) Arbeitsbedingungen direkt beeinflusst wurden.
4 Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und bestätigt, dass die Heilsarmee ein signifikantes Gegenbeispiel zur linearen Säkularisierungsthese darstellt.
5 Bibliografie: Verzeichnis der verwendeten Primärquellen und Sekundärliteratur.
Schlüsselwörter
Heilsarmee, Säkularisierungstheorie, viktorianisches London, William Booth, Sozialarbeit, Arbeiterklasse, Industrialisierung, Prostitution, Streichholzfabrik, christliche Mission, Religion, soziale Gerechtigkeit, 19. Jahrhundert, Kirchengeschichte, Wohltätigkeit.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Entstehung der Heilsarmee im England des 19. Jahrhunderts und untersucht diese Organisation als Fallbeispiel im Kontext der Säkularisierungstheorie.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die Schwerpunkte liegen auf der Entwicklung der Religion in der Moderne, dem sozialen Engagement der Heilsarmee in den Londoner Slums und der Wirksamkeit dieser Organisation bei der Verbesserung von Lebens- und Arbeitsbedingungen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Hauptziel ist es zu belegen, dass die Heilsarmee als wirkungsvolles Gegenbeispiel zur These einer stetigen, linearen Säkularisierung in der Moderne fungierte und durch ihr soziales Programm aktiv Einfluss auf Gesellschaft und Politik nahm.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine historische Analyse, die auf der Auswertung von Biographien (z.B. über William Booth), zeitgenössischen Berichten, statistischen Daten und einer fundierten Auseinandersetzung mit soziologischen Theorien zur Säkularisierung basiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Fundierung der Säkularisierungstheorie, die historische Einbettung der kirchlichen Situation in England und eine detaillierte Untersuchung der sozialen Praxis der Heilsarmee, illustriert an den Beispielen Prostitution und Streichholzindustrie.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren diese Arbeit am besten?
Die wichtigsten Begriffe sind Heilsarmee, Säkularisierungstheorie, viktorianisches London, William Booth, Sozialarbeit und Arbeitsbedingungen.
Welche Rolle spielt William Booth bei der Gründung der Heilsarmee?
William Booth ist die zentrale Gründerfigur, die den radikalen Entschluss fasste, eine eigene Organisation zu schaffen, um die sozial benachteiligte Arbeiterklasse direkt zu erreichen, nachdem er mit den etablierten Kirchenstrukturen in Konflikt geraten war.
Warum war das Beispiel der Streichholzfabrik für die Heilsarmee so bedeutend?
Die Fabrik diente als praktischer Beweis dafür, dass eine religiöse Organisation aktiv gegen soziale Missstände wie Ausbeutung und gesundheitsgefährdende Arbeit (weißer Phosphor) vorgehen und dadurch Fabrikbesitzer sowie die öffentliche Meinung unter Druck setzen konnte.
- Citar trabajo
- Lucia Vitzthum (Autor), 2017, Die Ursprünge der Heilsarmee als Gegenbeispiel zur Säkularisierungsthese, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/376859