Logopädische Therapie bei kindlicher Wortfindungsstörung. Evaluation und Wirksamkeit


Akademische Arbeit, 2012

30 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1 Zum Begriff der Qualität in der Sprachtherapie
1.1Qualität in der Sprachtherapie
1.2Sprachtherapie in Deutschland
1.3Qualität im Mittelpunkt
1.4Qualität in Deutschland
1.5Qualitätsmanagement
1.6Qualitätssicherung
1.6.1 Strukturqualität
1.6.2 Prozessqualität
1.6.3 Ergebnisqualität
1.6.4 Wirtschaftlichkeit
1.7Evaluation
1.7.1 Ziele
1.7.2 Evaluationsmethoden
1.7.3 Standards und Richtlinien
1.7.4 Richtlinien für die Strukturqualität
1.7.5 Richtlinien für die Prozess- und Ergebnisqualität
1.8Bezug auf das Fallbeispiel ‘Daniel’
1.9Zusammenfassung der Qualität in der Sprachtherapie

2 Evidenzbasierte Medizin
2.1Entwicklung der evidenzbasierten Medizin
2.2Definition der evidenzbasierten Medizin
2.3Evidenzbasierte Praxis
2.4Evidenz³basierte Praxis
2.5Effizienz und Effektivität
2.6Evidenzbasierte Therpieprinzipien
2.7Evidenzhierarchien

3 EBP/ E³BP-Prinzipien im therapeutischen Alltag
3.1Patientenpräferenz
3.2Klinische Expertise
3.2.1 Fachwissen
3.2.2 Problemlösefähigkeiten
3.3Externe Evidenz

4 Clinical Reasoning
4.1Strategien beim Clinical Reasoning
4.2Mustererkennung (Pattern recognition)
4.3Formen des Clinical Reasoning
4.3.1 Prozedurale Entscheidungsfindung
4.3.2 Interaktive Entscheidungsfindung
4.3.3 Prognostische Entscheidungsfindung
4.3.4 Ethische Entscheidungsfindung
4.3.5 Didaktische Entscheidungsfindung
4.3.6 Narrative Entscheidungsfindung

5 Therapieevaluation
5.1Anamnese
5.2Diagnostik
5.3Therapieplan
5.4Therapiedurchführung
5.5Verlaufskontrolle

6 Wirksamkeitsprüfung
6.1Einzelfalluntersuchung
6.2Therapieeffekte
6.3Statistische Aspekte
6.4Einzelfalluntersuchungspläne
6.5Darstellung von Therapieeffekten mit dem PND-Verfahren
6.6Weitere Arten der Datenerhebung

7 Therapiedokumentation:
7.1Anforderungen
7.2Dokumentationsaufbau
7.3Dokumentationsempfänger
7.4Häufige Fehler
7.5Vor- und Nachteile verschiedener Dokumentationsarten
7.6Gliederung

8 Der Fall Daniel, eine Therapieverlaufsdokumentation bei 23 einem Kind mit Erwerbs- Speicher- und Wortfindungs- störung von 12 TE’s
8.1Übersicht und Einführung
8.1.1 Mottiertest
8.1.2 WWT
8.1.3 SLRT
8.1.4 Artikulationsstörung
8.1.5 MFS
8.1.6 TROG-D
8.1.7 BAKO 1-4
8.1.8 AVWS
8.2Darstellung der Therapieeinheiten
8.2.1 Therapiebedingungen und Inhalte
8.2.2 Therapiebeschreibung
8.3Darstellung der Evaluation
8.3.1 Einzelfallversuchsplan
8.3.2 Darstellung der Übungseffekte
8.3.3 Darstellung der Generalisierungseffekte
8.3.4 Darstellung der Kontrollaufgabe
8.4Interpretation der Therapieeinheiten und der Evaluation
8.4.1 Zu den Übungseffekten
8.4.2 Zu den Generalisierungseffekten
8.4.3 Zu der Kontrollaufgabe
8.5 Prognose und Aussichten

9 Zusammenfassung
9.1Zur Qualität in der Sprachtherapie
9.2Zur Evaluation in der Sprachtherapie
9.3Zu den PND-Verfahren in der Sprachtherapie

10 Literaturverzeichnis

11 Anhang:
11.1 Fallbeispiel Daniel, Seminar vom 20. - 21.01.2012
11.2 Therapieauswertungsbögen des Fallbeispiels ‘Daniel’
11.2.1 Therapiematerial, Kriterien
11.2.2 Protokollbögen der Wortsammlertherapie
11.2.3Protokollbögen PND - Auswertung
11.2.3Auswertung der Therapie mit Grafik

Abkürzungen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Das Wort Qualität kommt aus dem Lateinischen „qualitas“ und bedeutet „Beschaffenheit, Merkmal, Eigenschaft, Zustand“. Der Begriff hat zwei Bedeutungen:

1) neutral: die Summe aller Eigenschaften eines Objektes, Systems oder Prozesses

2) bewertet: die Güte aller Eigenschaften eines Objektes, Systems oder Prozesses (http://de.wikipedia.org/wiki/Qualit%C3%A4t, 02.06.2012)

1 Zum Begriff der Qualität in der Sprachtherapie (Giel & Baumgartner 268 ff)

1.1 Qualität in der Sprachtherapie

Das Thema Qualität findet in den sprachtherapeutischen Berufen seit einigen Jahren viel Aufmerksamkeit. Die Qualität soll im Mittelpunkt der Aktivitäten und Aufgabenfelder aller Beteiligten stehen, wobei die menschliche Kommunikation und deren Störungen gemeint sind (vgl. Baumgartner 1998, in: Grohnfeldt, Bd. 1, 268).

1.2 Sprachtherapie in Deutschland

Nicht nur dort, sondern in nahezu allen Bereichen der Logopädie in Schulen, Hochschulen, Krankenhäusern, Reha- und Frühfördereinrichtungen in Deutschland entwickelt man Konzepte, was Qualität ist und wie man sie überprüfen kann. Eine weitere Grundprämisse in der Logopädie stellt die möglichst hoch entwickelte Profession der Therapeuten dar.

1.3 Qualität im Mittelpunkt

In der Praxis soll mit Verfahren gearbeitet werden, die ihre Wirksamkeit nachgewiesen haben. Hierbei fällt auf, dass neben der objektiven Messung der verbesserten Sprachauffälligkeiten auch das Maß der Zufriedenheit des Betroffenen eine Rolle für den Erfolg spielt. Die Einsicht, dass die Qualität in der fehleranfälligen alltäglichen Behandlungsroutine immer wieder neu belegt werden muss, gewinnt an Konsens (Zit. Giel, 269).

1.4 Der Begriff Qualität in Deutschland

Die Beschreibung von des Begriffs Qualität ist ein schwieriges Unterfangen. In der DIN ISO 9004 ist Qualität als „die Gesamtheit von Eigenschaften und Merkmalen eines Produkts oder einer Dienstleistung gemeint, die sich auf deren Eignung zur Erfüllung festgelegter oder vorausgesetzter Erfordernisse bezieht“ (Zit.: Giel, 269). In der Sprachtherapie gibt es jedoch ein Dilemma. Die Qualität einer Leistung hat objektive Kriterien, die gemessen werden können und Gesundheitsaspekte der subjektiven Einschätzung des Patienten, die sehr bedeutsam sind und schlecht objektivierbar sind.

1.5 Qualitätsmanagement

Der Vater des Qualitätsmanagements im Gesundheitswesen A. Donabedian (1966, 1982, vgl. Giel, 220), hat daher Qualität in technische und interpersonelle Qualität aufgeteilt. Die technische Qualität in der Sprachtherapie drückt sich aus in der

Evaluation von Diagnose-, Beratungs- und Therapieverfahren. Die zwischenmenschliche Qualität zeigt sich in der optimalen Patientenzufriedenheit auf der einen Seite und in der Kunst der Logopädie, der Art und Weise, wie die Dienstleitung erbracht wird (vgl. Beushausen 2009, 51 ff). Hiermit wirkt also die Patientenwirklichkeit erfasst.

1.6 Qualitätssicherung

In den letzen Jahren wurde in der Sprachtherapie der Versuch unternommen,

Qualität in Anlehnung an das Drei-Ebenen-Modell nach Donabedian zu beschreiben (Giel, 270). Es soll der Nachweis, die Sicherung und die Beurteilung von Behandlungserfolgen ermöglicht werden (vgl. Bundesarbeitsgemeinschaft der Heilmittelverbände 1998).

1.6.1 Strukturqualität

Hier werden Voraussetzungen für die qualitative gute Sprachtherapie dargestellt. Berufliche Qualifikation, Fort- und Weiterbildungen, personale, sachliche und organisatorische Bedingungen gehören dazu.

1.6.2 Prozessqualität

Sprachtherapeutische Handlungen und Maßnahmen wie Befunderhebung, Beratung, Therapieplanung, Zielformulierung, Methodenauswahl, Therapieverlauf, interdisziplinäre Kooperation, Dokumentation und Berichterstattung gehören zur Prozessqualität. Ebenso gehören dazu ein aktuelles sprachtherapeutisches Wissen und aktuelle Diagnose-, Beratungs-, und Therapieverfahren.

1.6.3 Ergebnisqualität

Im Sinne der „technical und interpersonal quality“ (Giel, 271) werden hier die Veränderungen des Symptomatik, die Veränderungen der Kommunikationsfähigkeit und der Patientenzufriedenheit gemessen, welche zu Beginn der Behandlung gemeinsam formuliert wurden. Die Zielsetzung schwankt hier nach der Indikation und der erwartbaren Entwicklung des typischen Krankheitsverlaufes. (vgl. WHO, siehe auch Grafik über Qualitätsebenen Giel, 272). Zit.: „Sprachtherapie entspricht wegen der nicht reduzierbaren Komplexität der auf Kommunikation ausgerichteten Behandlungssituation selten den Laborbedingungen exakter und objektiver Forschung“ (Grohnfeldt, 2005, Giel, S. 281).

1.6.4 Wirtschaftlichkeit

Die Qualitätsfrage ist nicht nur ein souveränes Ermessen des fachlichen Anbieters, sondern auch eine Entscheidung des Geldgebers, z. B. des Gesetzgebers. Die Sozialgesetzgebung SGB V., § 124 regelt die Zulassung für den Bereich Heilmittel (Gerrlich 305). In SGB V., § 125 fordert der Gesetzgeber „Rahmenempfehlungen über die einheitliche Versorgung mit Heilmitteln“ (Giel, 273) zu erstellen.

1.7 Evaluation

In den letzten 20 Jahren wurden eine Vielzahl von Diagnose-, und Therapieverfahren für die unterschiedlichen Störungsbilder entwickelt. Aber in den seltensten Fällen wurden diese unter Alltagsbedingungen evaluiert. Selten werden Rückmeldungen nach der Therapie im Sinne einer Katamnese eingeholt. Auch werden selten Patientenbefragungen durchgeführt. (Giel, 289-290).

Man unterscheidet summative und formative Evaluation. Die summative Evaluation wird nach Abschluß einer Entwicklung einer Therapie in Form einer Zielerreichung und Effekte sowie Nebeneffekte beschreiben. Die formative Evaluation wird während der Entwicklungsphase eines Projektes eingesetzt, die durch gezielte Rückkopplungsschritte beschrieben wird, die dann den Verlauf in Form von Zwischenschritten und Zwischenzielen beschreiben (Giel, 291).

1.7.1 Ziele

In der Sprachtherapie wird der Nachweis von Erfolg und Wirksamkeit einer Methode, einer Technik etc. im Vordergrund stehen. Die Erstellung von Richt- und Leitlinien kann im Rahmen der Qualitätssicherung ein Evaluationsziel sein. Zum Beispiel hat der Gesetzgeber einen Indikationskatalog erstellt, der auf breit abgesicherte Forschung gestützt ist.

1.7.2 Evaluationsmethoden

Trotz der geführten Methodendiskussion mündet die heutige Erkenntnis in einer sinnvollen Verknüpfung von quantitativen und qualitativen Methoden (Giel, 2005, 294). Als quantitative Evaluationsmethoden können die klassischen Gütekriterien Objektivität, Reliabilität und Validität gelten. Bei qualitativen Untersuchungen wird mit Techniken wie der Triangulation und der kommunikativen Validierung gearbeitet (Giel, 2005, 294). Subjektive Bewertungsmaßstäbe beziehen sich auf die Kundenzufriedenheit. Sie besteht aus fachlicher Professionalität, Information, emotionale Unterstützung, mitmenschliches Interesse und zielorientierte Behandlungskontinuität. Weitere Erhebungs- und Auswertungsinstrumente sind:

Fragenbögen, Leitfadeninterviews mit vorgegebenen Fragen, offene Interviews, focusierte Interview, siehe auch sozialwissenschaftliche Methoden (Giel, 2005, 294-295).Des Weiteren bringen berufsinterne Qualitätszirkel, in denen bestimmte Störungen im Mittelpunkt stehen (Giel, 2005, 295) evaluative Effekte.

1.7.3 Standards und Richtlinien

Der Begriff Standard ist in Deutschland durch Leitlinien und Richtlinien geprägt. Richtlinien der Sozialgesetzgebung, im Näheren für die Sprachtherapie sind in § 92 SGB V geregelt.

1.7.4 Richtlinien für die Strukturqualität

Im Bereich der Strukturqualität hat die CPLOL sog. Mindeststandards für Europa formuliert. In Deutschland haben die versch. Berufsverbände (dbl, dbs, dba) haben Standards festgelegt (vgl. dbl-ev.de/ …. Berufsleitlinien … 2010). Auch die Spitzenverbände der Krankenkassen formulierten Empfehlungen für die berufspraktische Erfahrungszeit und die Praxisausstattung.

1.7.5 Richtlinien für die Prozess- u. Ergebnisqualität

Für die Prozess- und Ergebnisqualität haben die Gesetzlichen Krankenversicherungen eine Diagnose-, Beratungs- und Therapiedokumentationspflicht festgelegt, wobei weder Dokumentationskriterien noch Dokumentationsleitlinien existieren. Der dbl und der dbs hat hierzu jeweils eigene Vorlagen ausgearbeitet, die den Mitgliedern der Berufsverbände zur Verfügung stehen (vgl. Beushausen, Wieck 2005, vgl. dbl-Dokumentationsleitlinien 2012).

Bei Berichten über Patienten werden Therapieziele formuliert, quantitative und qualitative Analysen belegt, ICF-Kriterien erfasst und die Wirksamkeit belegt.

1.8 Fallbeispiel Sprachentwicklungsstörung, semantisch-lexikale Störung

Die Darstellung eines Falls, die Darlegung der Qualitätsmerkmale, die Darstellung des PND - Verfahrens nach Scruggs und die Auswertung der Signifikanz werden später vorgestellt.

1.9 Zusammenfassung der Qualität in der Sprachtherapie

Nach mehr als 20 Jahren Qualitätsbeschreibungen im deutschen Sprachraum hat sich in der Sprachtherapie im Gesundheitswesen vieles zugunsten einer verbesserten Versorgung von Patienten mit Heilmitteln entwickelt. Richtlinien, Standard und Qualitätsmanagementsysteme tragen dazu bei, die verschiedenen strukturellen, prozesshaften und ergebnisorientierten Qualitätsebenen zu verbessern.

2 Evidenzbasierte Medizin (EBM)

2.1 Entwicklung der evidenzbasierten Medizin

Aufgrund verschiedener Missstände forderte der schottische Arzt Sir Archibald Cochrane 1972 erstmals und nachdrücklich. Zitiert nach Beushausen 2011: „1. Standards für die Durchführung von Wirksamkeitsstudien zu entwickeln, 2. möglichst für jede Therapiemethode einen Wirksamkeitsnachweis zu erstellen, 3. die Ergebnisse der Wirksamkeitsstudien in einer sinnvoll aufgebaute Datenbank allen interessierten Fachkräften und Laien zugänglich zu machen und 4. für eine rasche Umsetzung der Forschungsergebnisse in den klinischen Alltag zu sorgen“.

2.2 Definition der evidenzbasierten Medizin

Zitiert nach Beushausen (2011, 3): „Evidenzbasierte Medizin ist der gewissenhafte, ausdrückliche und vernünftige Gebrauch der gegenwärtig besten externen, wissenschaftlichen Evidenz für Entscheidungen in der Versorgung individueller Patienten (…) durch die Integration individuellen klinischen Expertenwissens mit der bestauffindbaren externen Evidenz aus systematischer Forschung“ (Sackett & Rosenberg 1996, zitiert nach Beushausen 2005, 6). Das Deutsche Cochrane Zentrum hat das Ziel klinische Studien zur Bewertung von Therapien zu erstellen, zu aktualisieren und zu verbreiten (Beushausen 2011, 3). Das vom Bundesministerium geförderte Zentrum der Uni Freiburg bietet auch Infos zu anderen z. T. kostenlosen Plattformen, über die Literaturrecherchen möglich sind.

2.3 Evidenzbasierte Praxis

Die evidenzbasierte Praxis (EBP) in der Sprachtherapie hat das Ziel, die Grundgedanken der EBM für die Praxis aufzunehmen und Entscheidungen für Diagnose und Therapie auf der besten vorhandenen externen Evidenz (Beweiskraft), der individuellen klinischen Expertise (Fachwissen) des Klinikers und den individuellen Bedürfnissen eines Patienten abzuleiten. Diese Entscheidungen unterstützen gleichzeitig eine ethische Grundhaltung und verstärkt die Lernstrategie Wissenslücken zu entdecken und sie mit evidentem Wissen zu füllen (vgl. Scherfer 2006, in: Beushausen 2011, 4).

2.4 Evidenz³basierte Praxis

Um die Gleichgewichtung der Forschungsbelege, der fachlichen Urteilskraft und die Erwartungen der Patienten zum Ausdruck zu bringen, hat die amerikanische Sprachtherapeutin Christine Dollaghan 2007 den Begriff der E³BP eingeführt. Die EBP ist zwar nicht gesetzlich vorgeschrieben, sollte aber selbstverpflichtend sein.

2.5 Effizienz und Effektivität

Effizienz gibt die Wirtschaftlichkeit und Effektivität die Wirksamkeit an. Wenn man also einen brennenden Weihnachtsbaum mit Champagner löscht ist das zwar effektiv, aber nicht effizient (Beushausen, 2011, 6). Für die Therapie ist die Effektivität wichtiger als die Effizienz, da eine falsche Therapiemethode zwar effizient eingesetzt werden kann, aber keine Effektivität produziert (vgl. Kolominsky- Rabas 2005). In der Vergangenheit wurde sich in der Logopädie viel mehr um Entwicklung von Diagnoseinstrumente gekümmert, als um die Evaluation von Therapiemethoden. So gibt es nur selten ökologische valide Instrumente. Darunter ist zu verstehen, dass man zwar Tests entwickelte, die in einer abgeschlossenen Situation Sprachleistungen misst, aber keine Instrumente, die Fähigkeiten in Alltagssituationen messen (vgl. Beushausen 2011, 8). Für die Therapie von sprachgestörten Kindern gibt es meines Wissens keine Instrumente, alltagsrelevante Sprachleistungen zu messen. Zwar gibt es in anderen Therapiefeldern einige Instrumente von dieser Ausrichtungen, doch erfüllen keine dieser Werkzeuge valide Bedingungen.

2.6 Evidenzbasierte Therapieprinzipien

Die Effektivitätsnachweise in der Sprachtherapie sind zwar noch spärlich, in Anlehnung an die neurologischen Therapieprinzipien (Grötzbach 2004, 2005) könnten aber ähnliche Merkmale aufgestellt werden: 1. Ein frühester möglicher Zeitpunkt gemessen an der Indikation, 2. Eine angemessen hohe Therapiefrequenz, 3. Kontinuierlich steigende Anforderungen, 4. Einbettung der Therapie in einen sinnvollen Kontext, 5. Elternberatung für einen Transfer in den Alltag, 6. Einbeziehen von Institutionen (KiTa, Schule, Ausbildung, andere Therapeuten, Pädagogen, etc.) in die Anforderungen und die Fortschritte des Patienten im Alltag. Diese Prinzipien stellen nicht nur für die Logopädie eine Grundlage für das therapeutische Handeln dar, sondern lassen sich auch auf andere Fachrichtungen im Gesundheitswesen anwenden (Ergotherapie, Physiotherapie, Neurorehabilitation, etc.) vgl. Beushausen 2011, 9.

2.7 Evidenzhierarchien

Für die EBP gilt, dass Evidenzstufen (1a-4) an die Erfordernisse der EBP angepasst werden sollten und nur verwendet werden, um die Wahrscheinlichkeit von Bias (Voreingenommenheit) in therapeutischen Empfehlungen zu skalieren (Beushausen 2011, 26).

3 EBP/ E³BP-Prinzipien im therapeutischen Alltag

Im Weiteren soll die Umsetzung der E³BP-Prinzipien in der Praxis näher beschrieben werden, ebenso die Therapieplanung und die Umsetzung.

3.1 Patientenpräferenz

Der Kommunikation zwischen dem Therapeuten und dem Patienten wird im deutschen Gesundheitswesen ein hoher Stellewert zugeschieben. So nennt Dehn- Hindenberg 2008 die 5 „Key Driver“ der Patientenzufriedenheit: Kommunikation, Information, Emotionale Unterstützung, Koordination, Rücksicht, leibliches Wohlbefinden (Beushausen 2011, 38). In Anlehnung an Sänger 2007 unterteilt Beushausen 6 Patiententypen: den Vereinfacher, den zuhörenden Versteher, den nachlesenden Versteher, den Selbstbewerter, den Erfahrung Einholer und den Zweifeler (Beushausen 2011, 39). So werden auch Gesprächsphasen konstatiert: Erstgespräch, Anamnese, Diagnose, Arbeitsbündnis mit Zielsetzung, Therapie, Beratung, Therapieabschluss. Patientenpräferenzen werden mithilfe der Narration erhoben. Standardisierte Fragenbögen, Checklisten, Therapieziellisten oder ICF- Core Sets ergänzen die Narration lediglich (Beushausen 2011, 41). In der ICF werden die EBP und die Narration miteinander verbunden. Nicht nur Erwachsenen, sondern auch Kinder nehmen soziale Rollen in Familie, KiTa, Schule und Vereinen ein, die bei Störungen der Sprache die Teilhabe beeinträchtigen (Beushausen 2011, 42). Die ICF fördert die Autonomie des Patienten, seine Gleichberechtigung, eine gemeinsame Entscheidungsfindung und die optimale alltagsorientierte Therapie (siehe Bericht über ein Kind, Beushausen 2011, 43). Nach Grötzbach wird die paternalistische Zielsetzung (Bestimmung des Therapieziels durch den Fachexperten) durch eine Partizipatorische ersetzt (Beushausen 2011, 44). Zielvereinbarungen nach der ICF orientieren sich nach Grötzbach an Teilhabe, Aktivität, Kontextzielen und Funktionszielen (Beushausen 2011, 45).

3.2 Klinische Expertise (Expertenwissen und Erfahrung)

Klinische Expertise beruht in der Sprachtherapie in Anlehnung an Guilford auf Fachwissen, Problemlösefähigkeiten, interpersonelles Fähigkeiten und „stilles“ Wissen (Beushausen 2011, 47).

3.2.1 Fachwissen

Sprachtherapeuten beziehen ihr Wissen aus verschiedenen Bezugswissenschaften, z. B. Medizin, Psychologie, Soziologie und Gesundheitswissenschaften. Durch die Beobachtung und Behandlung von Patienten bildet sich eigenes sog. Wissensbasis (Beushausen 2011, 46). Ein Teil des Wissens über eine bestimmte Krankheit differenziert sich durch die Erfahrung in einem gedanklichen Netzwerk mehr und mehr aus zu einem sog. Krankheitsskript, die Jacobs in Stadien der beruflichen Weiterentwicklung aufgeteilt hat (Beushausen 2011, 48).

3.2.2 Problemlösefähigkeiten

Therapeuten müssen im Therapieprozess vielfältige Probleme lösen. Dafür benötigen sie spezielle kognitive Befähigungen. Mit Modifikationstechniken sind Variationen von Techniken, Strategien und Vorgehensweisen gemeint. Unter Techniken des Therapiemanagements versteht man zeitliche, ergebnis- und planungsrelevante Aspekte der Therapie. Die Technik des Zeitmanagements ist als effizientes und effektives Nutzen der begrenzten Ressource Zeit zu verstehen. Die Auswahl und Beurteilung einer Technik im Bezug auf die Umsetzung eines Therapieziels ist eine weitere problemlösende Fähigkeit. Entscheidungsvermögen benötigt man für eine Balancefindung zwischen den Polen Rationalität und Emotion. Ethische Grundprinzipien werden in konkreten Therapiesituationen gefällt und erfordern bewusste Entscheidungen.

3.3 Externe Evidenz (verifizierte und falzifizierte Informationen aus Studien)

Bei der Berücksichtigung externer Evident sollten nach Beushausen (2011, 49 f) fünf Schritte durchgeführte werden: 1. Formulieren einer relevante Frage, 2. Recherche aktueller Expertenmeinungen/ Studien/ Leitlinien, 3. Bewertung der Ergebnisse, 4. Anwendung auf einen Klienten, 5. Evaluation der Behandlung. Bei dem Fall Daniel kann das PICO-Strategie angewandt werden, um eine relevante Frage für die Therapie zu stellen: P - Problem des Patienten, I - Intervention, C - Vergleichsbehandlung, O - Zielgröße, Endpunkt (Ergebnis, Effektivität). Führt die Wortschatzsammler-Strategie (I) bei Daniel als einem Kind mit Worterwerbs- und Speicherstörungen anstieg (P) zu einem signifikant größerem Wortschatz (O) als bei einer Elaborationstherapie nach Glück (C). Frau Tanja Ulrich von der Universität zu Köln hat dies in ihrer Therapiestudie 2011 nachgewiesen. Auf weiteren Darstellungen und Bewertungen der externen Evidenz möchte ich in dieser Arbeit nicht eingehen. Sie können aber bei Beushausen 2011 in Kapitel 4.3 nachgelesen werden.

[...]

Ende der Leseprobe aus 30 Seiten

Details

Titel
Logopädische Therapie bei kindlicher Wortfindungsstörung. Evaluation und Wirksamkeit
Veranstaltung
Weiterbildung Fachtherapeut Kinder
Note
1,7
Autor
Jahr
2012
Seiten
30
Katalognummer
V377008
ISBN (eBook)
9783668545687
ISBN (Buch)
9783668545694
Dateigröße
465 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
logopädische, therapie, wortfindungsstörung, evaluation, wirksamkeit
Arbeit zitieren
Klaus Wiebe (Autor), 2012, Logopädische Therapie bei kindlicher Wortfindungsstörung. Evaluation und Wirksamkeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/377008

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