Rilke und Rodin. Eine Gedichtinterpretation des "Archaischen Torso Apollos" von Rainer Maria Rilke unter Berücksichtigung des Einflusses von Auguste Rodin


Essay, 2017

4 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Gedichtinterpretation: „Archaischer Torso Apollos“ unter Berücksichtigung des Einflusses von Auguste Rodin

„A mon grand Ami Auguste Rodin“ – betrachtet man die Widmung, die der Sammlung von Rilkes „Neuen Gedichten“ vorausgeht, so ist man geneigt, Ralph Freedman zuzustimmen, wenn er von einer „Rodin-Besessenheit“[1] Rilkes spricht. Im Folgenden soll das Sonett „Archaischer Torso Apollos“ Rilkes interpretiert werden, unter besonderer Berücksichtigung des Einflusses des französischen Bildhauers Auguste Rodin.

Bereits zu Beginn des Sonetts bildet das lyrische Ich eine Einheit mit dem Leser, als es durch die Verwendung des Personalpronomens „Wir“ (V. 1) von der gemeinsamen Unkenntnis spricht. Interessant ist aber die Verwendung des Präteritums („kannten“, V. 1). Hiermit könnte auf das erste Apollo-Sonett Bezug genommen werden, in dem der Leser eine detaillierte Beschreibung des apollinischen Hauptes erfahren hat. Demnach wäre dieses anfängliche Unwissen nicht mehr präsent, es kann viel mehr als Ironie gedeutet werden. Im zweiten Vers wird abermals auf nicht Sichtbares eingegangen: Im abwesenden „Haupt“ befinden sich „Augenäpfel“. Diese Metapher wird durch die Wahl des Wortes „reifen“ neu belebt: Die Bildlichkeit des Wortes „Augapfel“ wird durch diese Formulierung verdeutlicht, ja mehr noch, durch die Kombination mit dem Verb „reifen“ regelrecht hervorgehoben.

Der nun folgende Vergleich zwischen dem Torso und einem Kandelaber scheint gewagt, wird aber durch das vorrausgegangene Enjambement (Vv. 2-3) besonders stark betont. Dadurch rückt auch der sich erhellende Torso ins Zentrum der ersten Strophe: Die Dunkelheit der Unkenntnis (V. 1) entwickelt sich zur glänzenden Erkenntnis. Apollon, als Gott des Lichts, eignet sich hervorragend zu dieser Darstellung. Rilke selbst schreibt seiner Frau Clara Rilke-Westhoff begeistert von seiner Arbeit mit dem großen Rodin. Die Zusammenarbeit mit seinem Idol lässt ihn erkennen, dass Vollständigkeit eines Kunstwerks nicht unbedingt Vervollkommnung bedeutet: „Und doch, je näher man zusieht, desto tiefer fühlt man, daß alles das weniger ganz wäre, wenn die einzelnen Körper ganz wären“. Rilke geht sogar noch weiter: Es ist die Aufgabe des Gelehrten, durch Interpretation das Kunstwerk als Ganzes zu verstehen.

Auch in der zweiten Strophe tauchen irritierende Metaphern auf, wie etwa der blendende „Bug der Brust“ (Vv. 5-6). Hier wäre es einerseits möglich, dass von einer gebogenen Stelle am Oberkörper gesprochen wird, andererseits scheint das Wort „Bug“ aus dem Seefahrerjargon weitaus geläufiger. Folgt man letzterer Interpretation würde die Brust des Gottes Apollos mit einem mächtigen Schiffbug gleichgesetzt werden – ein eindrucksvolles Bild. Auch hier wird der Betrachter geblendet (V. 6). Anders als der Kandelaber wird der Teil eines Schiffes zunächst nicht als etwas, das blenden kann, betrachtet. Hierbei muss aber auf den Modus geachtet werden. Es wird von „könnte“ (V. 5) gesprochen, nicht von „kann“. In den ersten beiden ist also eine sonettinterne Entwicklung erkennbar: Anfangs wird von einem imaginären Haupt gesprochen, dass sich in ein irreales Zentrum bewegt. Rilke markiert hier die Überlegenheit der Poesie über die Kunst. Der Poesie gelingt es nämlich – im Gegensatz zur Kunst – die Imaginationskraft des Rezipienten anzuregen und einem Werk Dynamik zu verleihen. Nun stellt sich natürlich die Frage, warum Rilke dies mit seinem Gedicht vermittelt, schließlich bewundert er Auguste Rodin und sieht in ihm ein Vorbild. Über eine mögliche Antwort kann nur gemutmaßt werden. Vielleicht ist es zu verwegen, vorzuschlagen, dass Rilke trotz – oder eben gerade wegen – seiner Bewunderung für den französischen Bildhauer versucht, durch seine Werke von der Überlegenheit seiner eigenen Arbeit über die von Rodin zu berichten, sich selbst also höher als Rodin zu heben? Schließlich adelt es Rilkes literarisches Schaffen, wenn es doch einen höheren Mehrwert im Vergleich zu seinem Idol hat. Nichtsdestotrotz – über eine Antwort auf diese Frage kann nur spekuliert werden.

Im weiteren Verlauf der zweiten Strophe lenkt Rilke allerdings weiterhin – ganz im Rodinschen Sinne – den Blick auf das Wesentliche: Die Mitte der Statue, und sogleich auch die Mitte des Sonetts. Das Zentrum der Statue sind die Lenden, es wird ganz konkret von der „Zeugung“ (V. 8) gesprochen, nicht aber etwa von einem „Zeugungsorgan“ oder Ähnlichem. Man kann also annehmen, dass es sich hierbei um eine metonymische Darstellung des Phallus handelt. Aber auf eine genaue Beschreibung wartet man vergebens. Auch hier steht wieder der Konjunktiv „könnte“ (V. 7), auch hier streift der Blick wieder ab und wendet sich zur Imagination hin. Auf diese Stelle wird besonders durch eine ungewöhnliche Klangstruktur aufmerksam gemacht. „Blenden“ reimt sich auf „Lenden“.

Im ersten Terzett mutet der Vergleich des schönsten aller Götter mit einem „entstellten Stein“ (V. 9) ein wenig ungewohnt an. In Kombination mit einer dritten möglichen Interpretation des Wortes „Bug“ (V. 5), nämlich der der Schulter eines Tieres, könnte man vermuten, dass Rilke in seinem Gedicht Apollon mit einem deformierten Tier gleichsetzt. Dies wird mit dem Begriff „Raubtierfelle“ (V. 11) unterstrichen. Das Raubtierfell ist eine typische Beigabe in Darstellungen des Dionysos, nicht aber des Apollon. Ebenfalls wird Dionysos häufig als Tier abgebildet. Es scheint, dass dem Rezipienten hier die Einheit der beiden Götter nahegelegt wird. Aus diesem Grund muss der Blick auf das von Nietzsche geprägte apollinisch-dionysische Begriffspaar geworfen werden. Die darin dargestellten antagonistischen Charaktereigenschaften, nämlich apollinische Ordnung und dionysische Rauschhaftigkeit, wobei letztere daher rührt, dass Dionysos der Gott des Weines ist, werden im Sonett nun eingesetzt, um keinen Blickwinkel der Wirklichkeit auszulassen. Mit dem Ausdruck „Raubtierfelle“ wird bereits auf das zweite Terzett übergeleitet, indem es als glänzendes Objekt beschrieben wird. In den letzten drei Versen des Sonetts nämlich, wird wiederum Bezug zum Anfang genommen, wo ebenfalls Begriffe des Wortfeldes „leuchten“ verwendet werden. Rilke spricht von einem brechenden Stern, ja mehr noch, einem Stern, der aus seinen Rändern ausbricht. Ähnlich verhält es sich auch mit dem Torso im Gedicht, dessen fragmentarische Gestalt keine Grenzen gesetzt werden. Darüber hinaus stellt Rilke dieses „Überwinden von Beschränkungen“ auch formal dar, indem er metrisch gegen die strengen Regeln der Sonettstruktur verstößt (s.o., Vv. 6-7)

Der letzte Satz des Gedichts, der Appell an den Leser „du mußt dein Leben ändern“ (V. 14) fasst die Gegenwärtigkeit des Torsos zusammen. Das Werk wird nicht mehr nur fragmentarisch betrachtet, sondern dank der genauen und lebendigen Beschreibungen des Nicht-Vorhandenen wird es, wie Peter Horst Neumann feststellt, zur „Torso-Gestalt seines eigenen Lebens“. Am Ende des Gedichtes steht also nicht nur der konsternierte Befund, dass das jeweilige Leben ein Torso, also unvollständig ist, sondern auch die konkrete Aufforderung an den Rezipienten, das Leben zu ändern. Genau an dieser Stelle geht das Gedicht von der bloßen Beschreibung bzw. Imagination über das Vergangene in eine Aufforderung über. Eine Aufforderung, die nur dem Dichter, nicht aber den Künstler möglich ist.

Literatur

Textquelle

- Rainer Maria Rilke: Archaischer Torso Apollos. In: Der Neuen Gedichte Anderer Teil. Leipzig 1908. (Die Gedichte. Sonderausgabe), Frankfurt am Main 2014, S. 483.

Forschungsliteratur

- Georg Braungart: Leibhafter Sinn. Der andere Diskurs der Moderne. Tübingen 1995 (Studien zur deutschen Literatur, Bd. 130), S. 242-282.

- Roland Duhamel: Rilkes Gedicht Archaischer Torso Apollos. In: Zeitschrift für Germanistik 11 (1990), S. 21-25.

- Ralph Freedman: Rainer Maria Rilke: Der junge Dichter 1875-1906. Leipzig u.A. 2001.

- Wolfram Groddeck: Blendung. Betrachtung an Rilkes zweitem Apollo-Sonett. In: Gedichte von Rainer Maria Rilke, Stuttgart 1999, S. 87-103.

- Klaus-Dieter Hähnel: Einige Nachfragen zu Roland Duhamels Rilke-Interpretation. In: Zeitschrift für Germanistik 11 (1990), S. 26-28.

- Hansgeorg Schmidt-Bergmann: „Irgendwie muß auch ich dazu kommen, Dinge zu machen; nicht plastische, geschriebene Dinge.“ Rainer Maria Rilkes Überwindung der Kunst Auguste Rodins. In: Ebneter, Curdin (Hrsg.): Rilke & Rodin. Paris 1902-1913, Sierre 1997, S. 69-84.

[...]


[1] Vgl. FREEDMAN, Ralph: Rainer Maria Rilke: Der junge Dichter 1875-1906. Leipzig u.A. 2001, S. 268.

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Details

Titel
Rilke und Rodin. Eine Gedichtinterpretation des "Archaischen Torso Apollos" von Rainer Maria Rilke unter Berücksichtigung des Einflusses von Auguste Rodin
Veranstaltung
Rilke. Das Gesamtwerk
Note
1,3
Autor
Jahr
2017
Seiten
4
Katalognummer
V377101
ISBN (eBook)
9783668547742
ISBN (Buch)
9783668547759
Dateigröße
395 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
rilke, rodin, eine, gedichtinterpretation, archaischen, torso, apollos, rainer, maria, berücksichtigung, einflusses, auguste
Arbeit zitieren
Sina Ramsperger (Autor:in), 2017, Rilke und Rodin. Eine Gedichtinterpretation des "Archaischen Torso Apollos" von Rainer Maria Rilke unter Berücksichtigung des Einflusses von Auguste Rodin, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/377101

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