Dystopien in aktueller Kinder- und Jugendliteratur und ihre didaktische Relevanz für den Deutschunterricht

Am Beispiel der Trilogie "Die Tribute von Panem"


Bachelorarbeit, 2015
49 Seiten, Note: 2,0
Anonym (Autor)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Theoretische Grundlagen der Kinder- und Jugendliteratur
2.1 Definition und Begriffsdifferenzierung
2.2 Geschichte

3. Zentrale Merkmale klassischer Dystopien in Die Tribute von Panem
3.1 Von der Utopie zur Dystopie
3.1.1 Das Genre der Utopie
3.1.2 Das Genre der Dystopie/ Anti- Utopie
3.1.3 Dystopie oder Anti- Utopie - Eine Begriffsbestimmung
3.2 Dystopien als Gattung aktueller Kinder- und Jugendliteratur
3.3 Zentrale dystopische Merkmale in Die Tribute von Panem
3.4 Zentrale utopische Merkmale in Die Tribute von Panem
3.5 Gattungsbestimmung

4. Didaktische Relevanz
4.1 Definition
4.2 Kind- und Jugendgemäßheit der „Tribute von Panem“
4.2.1 Kind- und Jugendgemäßheit als literarische Norm
4.2.2 Bewertung

5. Die Tribute von Panem im Deutschunterricht
5.1 Kernlehrpläne als Grundlage
5.2 Vorteile der Verwendung von aktueller Kinder- und Jugendliteratur im Deutschunterricht
5.3 Mögliche Umsetzung der Tribute von Panem im Deutschunterricht

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Der unendliche Spaß an der Apokalypse“1 betitelt Tilmann Spreckelsen seinen Artikel in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung im Januar 2011 und verweist damit auf den noch immer anhaltenden Erfolg dystopischer Romane für Kinder und Jugendliche. Auslöser für seinen Artikel war das Erscheinen des dritten und letzten Bandes von Suzanne Collins Trilogie Die Tribute von Panem, der somit eine der erfolgreichsten dystopischen Romanreihen für Kinder und Jugendliche vollendet. Allein in Deutschland wurde die Trilogie, welche die Titel Die Tribute von Panem. Tödliche Spiele2, Die Tribute von Panem. Gefährliche Liebe3 und abschließend Die Tribute von Panem. Flammender Zorn4 beinhaltet, über eine Million mal verkauft und mehrfach prämiert (u.a. mit dem Preis der Jugendjury des deutschen Jugendliteraturpreises)5.

Die Trilogie Die Tribute von Panem spielt in dem durch Kriege und Naturkatastrophen zerstörten Nordamerika, in einer nicht näher bestimmten Zukunft. Aus den Trümmern Nordamerikas entstand der despotische Staat Panem, dessen Name sich aus dem Ausspruch „Panem et circenses“ (lat. Brot und Spiele) ableitet, denn mit Brot und Spielen sollten die Bürger des alten Roms davon abgehalten werden, sich gegen den Staat zu richten. In Panem erleichtern Luxus und Technik den privilegierten Bewohnern des reichen, regierenden Kapitols das Leben. In den umliegenden, vom Kapitol ausgebeuteten Distrikten herrscht Hunger und Armut. Zur Machtdemonstrierung und als Strafe für frühere Aufstände der Distrikte finden alljährlich die sogenannten Hungerspiele statt, in die jeder der verbliebenen 12 Distrikte ein Mädchen und einen Jungen, im Alter von 12- 18 Jahren, schicken muss. Die in ganz Panem im Fernsehen übertragenen Spiele kann jedoch nur eines der Tribute überleben.6

Obwohl der Erfolg dystopischer Romane für Kinder und Jugendliche unumstritten ist und vor allem in der Presse vielfach diskutiert wurde, hält sich die literaturwissenschaftliche Forschung bedeckt. Auch die Literaturdidaktik für den Deutschunterricht hält sich meist zurück und greift bei der Literaturauswahl für die Schülerinnen und Schüler auf Altbewährtes (wie zum Beispiel Werke von Johann Wolfgang Goethe und Friedrich Schiller) zurück, aber der anhaltende 'Boom' aktueller Kinder- und Jugendliteratur und somit auch dystopischer Kinder- und Jugendromane macht eine Betrachtung der Eignung eben dieser für den Unterricht notwendig.7

Aufgrund dessen soll diese Arbeit einen kleinen Beitrag zur Erforschung der Dystopie als Gattung der Kinder- und Jugendliteratur8 leisten und sich mit der Frage nach der didaktischen Relevanz aktueller KJL für den Deutschunterricht auseinander setzen. Dies wird beispielhaft an der Trilogie Die Tribute von Panem gezeigt. Somit werden die Romane vor allem unter einem didaktischen Blickwinkel betrachtet.

Da es sich bei Die Tribute von Panem hauptsächlich um Romane für Jugendliche handelt, soll zur Einführung die KJL als Grundlage der Arbeit definiert sowie die historische Entwicklung dieser Literaturgattung dargestellt werden.

Nachdem somit einsteigend die KJL definiert und die historische Entwicklung zu Grunde gelegt worden ist, sollen in einem nächsten Schritt zunächst zentrale Merkmale der Gattungen Utopie und Dystopie dargelegt werden sowie eine Begrifflichkeitsgrundlage durch Abgrenzung der verschiedenen und zum Teil unterschiedlich verwendeten Begriffe Anti- Utopie, Dystopie etc. erfolgen. Da es sich bei der primär erfolgten Gattungsdefinition um Definitionsgrundlagen der 'Erwachsenen-Utopie bzw. Dystopie' handelt, soll im Anschluss spezifisch auf die Dystopie als Gattung der KJL eingegangen werden. Durch den Fakt, dass in der Literaturwissenschaft vielfach diskutiert wird, in welche Gattung Romane wie Die Tribute von Panem einzuordnen sind, werden zunächst zentrale in den Romanen vorkommende Merkmale von Utopien sowie Dystopien dargelegt, um eine abschließende Gattungseinordnung vornehmen zu können.

In einem nächsten theoretischen Teil wird zunächst die in der Arbeit verwendete Auffassung von Didaktik vorgestellt, dann auf die von HansHeino Ewers beschriebene literarische Norm der Kind- und Jugendgemäßheit eingegangen, um dann exemplarisch an Die Tribute von Panem zu zeigen, dass sich die Gattung der Dystopie als an Kinder und Jugendliche gerichtete Texte eignet.

Auf Basis der zuvor erlangten Untersuchungsergebnisse soll in einem letzten Schritt gezeigt werden, dass sich in der aktuellen KJL spezifisch Dystopien für den Deutschunterricht eignen. Dabei soll Bezug auf die Kompetenzlehrpläne für die Sekundarstufe I des Landes Nordrhein- Westfalen genommen werden. Es wird vor allem nur die Sekundarstufe I berücksichtigt, da es sich durch die engen Vorgaben für das Zentralabitur zurzeit schwierig erweist, dystopische Jugendromane in der Sekundarstufe II zu behandeln. Es werden sowohl Vorteile wie mögliche Umsetzungen im Unterricht genannt.

2. Theoretische Grundlagen der Kinder- und Jugendliteratur

2.1 Definition und Begriffsdifferenzierung

Seit Entstehen dieses Literaturzweiges ist eine unüberblickbare Menge an Büchern veröffentlicht beziehungsweise von Kindern und Jugendlichen gelesen worden. Eine einzige allgemeingültige Definition von KJL zu geben gestaltet sich deshalb schwierig. Die Kinder- und Jugendliteraturforschung gibt aktuell eine große Menge an Definitionen, welche sich nicht alle gegenseitig ausschließen, sondern vielmehr nebeneinander bestehen können, da sie sich mit verschiedenen Gesichtspunkten auseinandersetzen.9

Vorwegzunehmen ist, dass die KJL keineswegs als eine Textsorte zu klassifizieren ist, welche an bestimmten Textmerkmalen wie zum Beispiel „an vermeintlicher Einfachheit, Linearität, Regelhaftigkeit, Handlungsdominanz (…)“10 etc. erkennbar ist. Vielmehr existiert durch die Annäherung der KJL an die Erwachsenenliteratur auch hier eine Vielfalt künstlerischer Präsentationen, Gattungen und Genres.11

Grundlegend für die Arbeit sollen Hans-Heino Ewers Forschungen zur KJL sein. Er merkt an, dass Kinder- und Jugendliteratur kein klar umgrenzter Gegenstandsbereich ist, sondern mit einer Vielzahl beziehungsweise einer Gruppe kultureller Felder korrespondiert, die zwar ein hohes Maß an hberschneidungen haben, doch unterschiedliche Ränder aufweisen.12

Zu unterscheiden sind die deskriptiven und die normativen Kinder- und Jugendliteraturdefinitionen. Deskriptive Definitionen legen als Korpus bildendes Kriterium die kommunikativen Handlungen, die „Adressierung eines literarischen Werks oder einer (Buch-) Publikation an Kinder- und Jugendliche“13 zu Grunde, welche ein empirisch belegbares Faktum darstellen. Kinder- und jugendliterarische Kommunikation meint hier nicht alle literarischen Kommunikationen, an denen Kinder und Jugendliche beteiligt sind, sondern nur jene, in denen sie als Adressaten einer literarischen Botschaft in Erscheinung treten. Ewers unterscheidet drei Formen der Kinder- und Jugendlektüre, wobei diese darin übereinstimmen, dass sie ihren Gegenstand als einen Korpus von Texten beziehungsweise von literarischen Werken mit spezifischen Gemeinsamkeiten ansehen. Er bezeichnet die Gesamtheit der von Kindern und Jugendlichen tätlich konsumierten Literatur als faktische Kinder- und Jugendlektüre. Davon abzugrenzen ist allerdings die Schullektüre, da diese im Gegenzug zu der außerhalb der Schule konsumierten Literatur verpflichtend ist.14

Einen weiteren Korpus bildet die intendierte Kinder- und Jugendlektüre. Es handelt sich hierbei um die Literatur, welche nach Vorstellung der Gesellschaft, Autoren, Verleger, Eltern, Lehrer, Buchhändler etc. für Kinder und Jugendliche geeignet ist. Dazu zählen hier beispielsweise Werke, die ursprünglich nicht für diese Adressatengruppe vorgesehen waren, aber durch Empfehlung dazu wurden, aber auch originäre KJL, welche bereits in ihrer Erstpublikation an Kinder und Jugendliche adressiert war. Bei der nicht-intendierten Kinder- und Jugendlektüre handelt es sich hingegen um die Lektüre, die faktisch konsumiert, jedoch nicht an Kinder und Jugendliche adressiert ist.15

Im Gegensatz zu den deskriptiven Definitionen von KJL wollen normative Definitionen festlegen, wie ein literarisches Angebot geschaffen sein muss, um als Kinder- und Jugendmedium zu gelten.16

Im Zentrum dieser Definitionen stehen nicht kommunikative Handlungen, sondern die übermittelte literarische Botschaft als solche. Nur wenn diese bestimmte Eigenschaften bzw. Merkmale aufweise, dürfe sie als eine kinderund jugendliterarische Botschaft angesehen werden.17

Hier liegen also die Beschaffenheit literarischer Werke in formaler sowie inhaltlicher Hinsicht und die Aufmachung und Ausstattung der Publikationen im Vordergrund der Betrachtung. Stellt man normative Definitionen auf, bedeutet das, dass man nicht die Gesamtheit der für Kinder und Jugendliche als geeignet ausgegebenen Menge an Literatur für gut befindet, sondern nur die Teilmenge daraus, die dem eigenen Konzept, der für gut beziehungsweise geeignet befundenen Literatur entspricht.18

Die Trilogie Die Tribute von Panem lässt sich folglich, unter Berücksichtigung der Altersempfehlung des Verlages (ab 14 Jahren), der Verkaufszahlen, Rezensionen und den Kommentaren der Autorin, als intentionale, intendierte Kinder- und Jugendlektüre definieren. Ob und in wie weit die Romane normativen Kriterien und hier vor allem der am häufigsten zur Klassifizierung herangezogenen literarischen Norm der Kind- und Jugendgemäßheit entsprechen, soll im didaktischen Teil der Arbeit analysiert werden.

2.2 Geschichte

Die Geschichte und die Entwicklung der Kinder- und Jugendliteratur in Deutschland soll nicht im Detail dargestellt werden; ferner werden der Vollständigkeit halber einige zentrale Entwicklungen in der KJL aufgeführt und es wird mit Blick auf die folgenden Teile vorwegnehmend Bezug zur Utopie und Dystopie genommen werden.

Da es sich bei der KJL um eine Vermittlerliteratur handelt, was meint, dass es die Vermittler sind, welche die Literatur für Kinder und Jugendliche produzieren, verkaufen, empfehlen, prämieren etc., muss sie vermittleraffin sein, um bei anderen Vermittlern erfolgreich sein zu können. Dieser Aspekt ist vor allem deshalb auch für die Geschichte der KJL von so großer Bedeutung, da jeder Vermittler, so auch die Autoren, über ein epochentypisches Bild bzw. eine epochentypische Vorstellung von Kindheit und Jugend verfügen muss, welches beziehungsweise welche er in seine Werke einfließen lässt. Das lässt den Schluss zu, dass KJL immer einem bestimmten epochentypischen Kindheitsbild geschuldet ist.

Gabriele von Glasenapp stellt vor allem zwei Kindheitsbilder in den Vordergrund, da diese die KJL nachhaltig geprägt haben und bis heute Einfluss auf die Entwicklungen eben dieser haben.19 Chronologisch ist zunächst das Kindheitsbild der Aufklärung zu betrachten. Zentral für „die Darstellungsprinzipien der Kinderliteratur dieser Epoche ist vor allem das Erzählen in lehrhaften Beispielen“20, was bedeutet, dass die kindlichen Akteure ihren Lesern sowohl als positives, als auch als negatives Beispiel dienen sollen. Durch die beständige Erzählerinstanz erhalten die Lügner, die Vorlauten, eben jene, die nicht der sozialen Norm der Zeit entsprechen, stets ihre gerechte Strafe, wohingegen sozial konformes Verhalten belohnt wird. So ergibt sich, dass derjenige, der den Vorgaben der Erziehungsinstanz in Form des Erzählers folgt, ein im Sinne der Aufklärung „guter, gebildeter, eben aufgeklärter Mensch“21 ist - und umgekehrt.

Den größten Wandel hat die KJL durch die Veränderung des Kindheitsbildes in den 1970er Jahren durchlebt; bis dahin war vor allem der lehrhafte Charakter zentral für die KJL. So will man Kinder und Jugendliche nun mit Hilfe der Literatur mit der Welt, in der sie leben, konfrontieren. Von Glasenapp definiert diese Art der Konfrontation wie folgt:

Konfrontation ist hier eindeutig zu verstehen als Synonym für 'Aufklärung', die Leser sollen durch Literatur über die Verfasstheit, die gesellschaftlichen und politischen Mechanismen ihrer näheren, aber auch ferneren Umwelt buchstäblich „aufgeklärt“ werden. Diese Aufklärung (…) ist kein Selbstzweck; die kindlichen wie jugendlichen Leser sollen in letzter Konsequenz durch die Lektüre in die Lage versetzt werden, die Welt in ihrem So- Sein nicht nur zu verstehen, sondern sie durch ihr Verständnis in einem zweiten anschließenden Schritt dann auch zum Besseren zu verändern.22

Auch das in Texten dieser Art eingeschriebene Bild von Kindheit und Jugend knüpft zwar an das Bild der Aufklärung an; denn es handelt sich um „eine ihrem Charakter nach explizit didaktische und didaktisierte Literatur, der wie im 18. Jahrhundert die Fähigkeit eingeschrieben ist, ihre Leser auch erziehen zu können.“23 Was hierbei jedoch neu ist, ist das Faktum der Aktualität, denn es werden in den gesellschaftskritischen Werken (hier lässt sich der Bezug zur Dystopie vorwegnehmen) aktuelle Problematiken aufgenommen und verhandelt.24

3. Zentrale Merkmale klassischer Dystopien in Die Tribute von Panem

3.1 Von der Utopie zur Dystopie

Der folgende Teil widmet sich vorrangig der literarischen Utopie und Dystopie; weiter führende Forschungen, die vor allem die Philosophie, Politik, Kunst etc. betreffen, bleiben hierbei größtenteils ausgeklammert, auch wenn man die literarische Utopie/ Dystopie als Gattung nicht völlig von unter anderem philosophischen und politischen hberlegungen trennen kann.

Chronologisch soll zunächst der Vollständigkeit halber die Gattung25 der Utopie in ihren Grundzügen erläutert werden, da diese grundlegend für die Entstehung der Dystopie war und, wie im Folgenden zu sehen, als Antonym verwendet und angesehen werden kann. Die Arbeit verfolgt jedoch nicht den Anspruch, allgemeingültige Gattungsdefinitionen zu geben und eine vollständige hbersicht über die literaturwissenschaftlichen Utopie- und Dystopieforschungen zu erstellen.

3.1.1 Das Genre der Utopie

Zerlegt man den Begriff der Utopie zunächst in seine sprachlichen Wurzeln, so kann er dabei sowohl auf ou-tópos (von griech. „Nicht- Ort“), als auch auf das, auf Englisch ausgesprochen gleich klingende, eu-tópos (von griech. „guter Ort“) zurückverfolgt werden.26

Das 1516 veröffentlichte Werk, Utopia, des britischen Humanisten Thomas Morus gilt als Geburtsstunde für die Gattung der Utopie und das, obwohl sich diese Idee schon seit der Antike in Platons Politea (370 v. Chr.) oder Ciceros De Re Publica (54-51 v. Chr.) oder in anderen politischen und philosophischen Schriften finden lässt. Morus Utopia setzt dieses Thema aber erstmals literarisch um.27 Der fiktionale Reisebericht erzählt von der Insel Utopia, auf der der Mensch „ein sorgenfreies, angenehmes Leben [leben kann], das eine verschwenderisch großzügige Natur den Menschen schenkt.“28 Auf der Insel sind keine gesellschaftsregelnden Gesetze nötig, denn das Wesen des Menschen ist hier durch Freundlichkeit und Sanftheit geprägt.

So lässt sich an dieser Stelle die Utopie als Konstrukt des Möglichkeitsdenkens des Menschen und nicht als Urtraum des einen Glückes definieren, sondern ist immer von der Epoche bzw. der jeweiligen geschichtlichen Situation abhängig. Die Utopie kritisiert so indirekt die Politik, Staatsform und Gesellschaft der jeweiligen Zeit und beansprucht immer die Konzeption der besten Staatsverfassung, welche bei Morus auf der Insel Utopia realisiert wurde.

Mit Loslösen von Morus Werk wurde der Begriff der Utopie zur Bezeichnung einer literarischen Gattung, der des utopischen Staatsromans.29

Der unglückliche Terminus >>Staatsroman<<, der noch heute Verwirrung stiftet, bedeutet hier >>nicht- zukünftige<<, d. h. nicht staatsrechtlich orientierte Beschäftigung mit Staats- und Gesellschaftsentwürfen.30

Durch das Entstehen vieler weiterer utopischer Romane lässt sich für diese aber immer schwieriger eine allgemeingültige Definition finden. Jedoch lassen sich einige charakteristische Merkmale festhalten, die den meisten utopischen Romanen zu eigen sind. Grundlegend handelt es sich bei ihnen um erzählende Prosawerke, welche eine fiktionale, ideale Gesellschaft, einen Idealstaat oder etwas Ideales im Allgemeinen darlegen. Die Fiktionalität ist vor allem maßgebend, da die Werke zwar als unmittelbare Handlungsentwürfe beziehungsweise idealer Gesellschaftsentwurf zu verstehen sind (welche hypothetisch betrachtet umsetzbar wären), diese aber in eine fiktionale Geschichte eingebaut werden. Durch das Einbetten in eine fiktionale Geschichte gelten utopische Romane im Laufe der Zeit immer mehr als Phantasiegeschichten beziehungsweise Science-Fiction, obwohl, wenn auch unwahrscheinlich, die Möglichkeit einer Umsetzung bestünde.31 Die geographische Lage und die natürlichen Voraussetzungen als Merkmale des utopischen Romans meinen zunächst vor allem die geographische Isoliertheit (wie bei Morus beispielsweise die Insel Utopia); denn erst in späteren Werken wird die gesamte Welt als utopischer Raum genutzt. Optimale ökonomische Basis bietet fruchtbarer Boden und angenehmes Klima. Weiteres Merkmal ist der nicht vorhandene Kontakt zur Außenwelt, denn die Utopie strebt stets an, „sich vor fremdem Einfluss zu bewahren, der die perfekte Organisation des Staates untergraben könnte.“32 Demnach lässt sich utopische Literatur als gesellschaftskritische Auseinandersetzung mit der Entstehungszeit charakterisieren.

Politisch bewegt sich die Utopie meist zwischen Demokratie und Oligarchie, und will so auf die Missstände des Individuums unter Absolutismus, Monarchie und Despotismus hinweisen. Familiär betrachtet leben in Utopien meist Großfamilien. Außerdem wird meist monogam gelebt und eheliche Treue vorausgesetzt.

Des Weiteren soll das Merkmal der Arbeit in der utopischen Gesellschaft betrachtet werden. Die Arbeit spielt im Vergleich zur Realität eine weniger wichtige Rolle, da vor allem Arbeiten ausgeführt werden, die der Allgemeinheit nützen und bei denen sich somit auch niemand ausschließen kann.

[...]


1 Tilmann Spreckelsen: Der unendliche Spaß an der Apokalypse. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung online, 19.01.2011. (http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/themen/jugendbuch-der-unendliche-spass-an-der- apokalypse-1577508.html, 13.08.2015).

2 Suzanne Collins: Die Tribute von Panem. Tödliche Spiele. Hamburg 2012.

3 Suzanne Collins: Die Tribute von Panem. Gefährliche Liebe. Hamburg 2010.

4 Suzanne Collins: Die Tribute von Panem. Flammender Zorn. Hamburg 2011.

5 Vgl. Pressemappe des Oetinger Verlages zu Die Tribute von Panem. (http://www.dietributevonpanem.de/presse/pressemappe/ 15.06.2015).

6 Vgl. ebd.

7 Vgl. Birgit Schlachter: Twilight, Die Tribute von Panem& Co im Deutschunterricht? Zur didaktischen Relevanz der populären Jugendliteratur. In: Leseräume. Ausgabe 2014/1. (http://webcache.googleusercontent.com/search?q=cache:5-2wzf0ndRkJ:xn--leserume- 4za.de/wp-content/uploads/2014/04/schlachter-twilight-2014- 1.pdf+&cd=1&hl=de&ct=clnk&gl=de, 24.09.2015).

8 Der Begriff der Kinder- und Jugendliteratur wird im Folgenden mit der Sigle KJL abgekürzt.

9 Vgl. Hans-Heino Ewers: Kinder- und Jugendliteratur- Begriffsdefinitionen. In: Günter Lange (Hrsg.): Kinder- und Jugendliteratur der Gegenwart. Grundlagen. Gattungen. Medien. Lesesozialisation und Didaktik. Baltmannsweiler 2011, S. 3.

10 Carsten Gansel: Moderne Kinder- und Jugendliteratur. Vorschläge für einen kompetenzorientierten Unterricht. (4., überarbeitete Auflage) Berlin 2010, S. 12.

11 Vgl. ebd. S.12.

12 Vgl. Hans-Heino Ewers: Literatur für Kinder und Jugendliche. Eine Einführung. Stuttgart 2000, S.15.

13 Hans-Heino Ewers: Kinder- und Jugendliteratur- Begriffsdefinitionen, a.a.O., S. 11.

14 Vgl. ebd., S. 3 ff.

15 Vgl. ebd., S. 4f.

16 Vgl. ebd., S. 3 ff.

17 Ebd., S. 11.

18 Vgl. ebd., S. 12.

19 Vgl. Gabriele von Glasenapp: Apokalypse now! Future- Fiction- Romane und Dystopien für junge LeserInnen. Vortrag gehalten auf der Tagung „Albtraum Zukunft. Politisierung von Jugend und Jugendliteratur“ der Evangelischen Akademie Tutzing, S.4. (http://www.uni-frankfurt.de/55285623/GlasenappBeitrag1.pdf, 18.07.2015).

20 Ebd. S. 4.

21 Ebd. S. 4.

22 Ebd. S. 6.

23 Ebd., S. 6 f.

24 Vgl. ebd., S. 7.

25 Die Begriffe Gattung und Genre werden im Folgenden synonym verwendet.

26 Vgl. Biesterfeld: Die literarische Utopie, a.a.O., S. 1 f.

27 Vgl. Hiltrud Gnüg: Der utopische Roman. München 2005, S.7f.

28 Ebd., S. 8.

29 Vgl. ebd., S. 8 f.

30 Biesterfeld: Die literarische Utopie, a.a.O., S. 3.

31 Vgl. Gnüg: Der utopische Roman, a.a.O., S. 10 ff.

32 Biesterfeld: Die literarische Utopie, a.a.O., S. 6.

Ende der Leseprobe aus 49 Seiten

Details

Titel
Dystopien in aktueller Kinder- und Jugendliteratur und ihre didaktische Relevanz für den Deutschunterricht
Untertitel
Am Beispiel der Trilogie "Die Tribute von Panem"
Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn
Note
2,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
49
Katalognummer
V377131
ISBN (eBook)
9783668547780
ISBN (Buch)
9783668547797
Dateigröße
1013 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
dystopie, kinderbuch, jugendliteratur, de tribute von panem, the hunger games
Arbeit zitieren
Anonym (Autor), 2015, Dystopien in aktueller Kinder- und Jugendliteratur und ihre didaktische Relevanz für den Deutschunterricht, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/377131

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