Das rhetorische Potential von Flashmobs


Bachelorarbeit, 2016
34 Seiten, Note: 1.0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis
1.
Einleitung _____________________________________________________________ 1
2.
Der Flashmob __________________________________________________________ 2
2.1
Geschichte des Flashmobs __________________________________________________ 2
2.2
Definition ________________________________________________________________ 4
2.2.1
Bisherige Definitionen in der Forschungsliteratur und den Massenmedien __________________ 4
2.2.2
Flashmob als Kommunikationsverfahren ____________________________________________ 7
2.2.3
Definition _____________________________________________________________________ 8
2.3
Unterschiedliche Formen des Flashmobs ______________________________________ 8
2.3.1
Smartmob _____________________________________________________________________ 9
2.3.2
Bashmob ______________________________________________________________________ 9
2.3.3
Carrotmob ____________________________________________________________________ 10
2.4
Abschließende Eingrenzung des Themas _____________________________________ 10
3.
Methode und Fragestellung ______________________________________________ 11
3.1
Das rhetorische Potential __________________________________________________ 11
3.1.1
Die Rhetorik als Untersuchungsmethode strategischer und erfolgsorientierter Kommunikation _ 11
3.1.2
Der Orator ___________________________________________________________________ 12
3.1.3
Telos und Zertum ______________________________________________________________ 12
3.1.4
Widerstände __________________________________________________________________ 13
3.1.5
Die Orientierungsaspekte ________________________________________________________ 13
3.2
Fragestellung ____________________________________________________________ 13
3.3
Herausforderungen bei der Untersuchung ____________________________________ 14
4.
Analyse ______________________________________________________________ 14
4.1
Die Beispiele _____________________________________________________________ 14
4.1.1
Die Auswahlkriterien der Beispiele ________________________________________________ 14
4.1.2
Der Love-Rug-Flashmob von Bill Wasik____________________________________________ 15
4.1.3
Frozen Grand Central ___________________________________________________________ 15
4.1.4
Flashmob gegen die Bahn-Privatisierung ___________________________________________ 16
4.2
Untersuchung der Beispiele ________________________________________________ 17
4.2.1
Orator/Zertum/Telos ____________________________________________________________ 17
4.2.2
Widerstände __________________________________________________________________ 21
4.2.3
Persuasion und Orientierungsaspekte ______________________________________________ 25
5.
Zusammenfassung/Fazit ________________________________________________ 28
Literaturverzeichnis ________________________________________________________ 30

1
1. Einleitung
Der 23. März 2015 in Tübingen am Lustnauer Tor. Zwei Menschen, ein Mann und eine Frau,
kommen, Sirtaki tanzend, aus Richtung der Filiale der Deutschen Bank. Die vorbeieilenden
Passanten werfen den Tanzenden leicht irritierte Blicke zu. Ein weiterer Mann gesellt sich zu
den Tänzern, dann noch eine Frau. Immer noch laufen die Fußgänger schnell an ihnen vorbei.
Innerhalb der nächsten 20 Sekunden kommen neun weitere Menschen zu den Tanzenden und
reihen sich ein. Einige Passanten ignorieren das Ereignis, andere bleiben stehen und schauen
mit belustigtem Gesichtsausdruck zu. Nach zwei Minuten sind es schon so viele Tänzer, dass
Fußgänger auf die Straße ausweichen müssen, wollen sie vorbeikommen. Doch die wenigsten
Passanten laufen noch weiter, wenn sie auf die Tanzenden treffen. Die meisten bleiben stehen
und schauen der Aufführung zu, bei der auch einige Kinder mitmachen. Die Tanzenden schei-
nen großen Spaß bei ihrer Aktion zu haben. Einige Menschen haben ihre Handys gezückt und
filmen oder fotografieren die Choreographie. Nach fast vier Minuten ist der Tanz vorbei, die
Tänzer applaudieren sich gegenseitig, einige Passanten fallen in den Applaus ein, dann löst
sich die Gruppe so schnell auf, wie sie gekommen ist. Ein Mann hält ein Schild hoch, auf dem
geschrieben steht: ,,für das Europa der Menschen, nicht das des Kapitals Lasst Griechenl.
LEBEN" (sic!). Nach kurzer Zeit ist auch er weg. Wenige Minuten nach dem Start der Aktion
lässt nichts mehr darauf schließen, dass der Flashmob, der zur Solidarisierung mit Griechen-
land aufrufen sollte, stattgefunden hat.
1
Ein Flashmob, das ist ein relativ neuartiges Phänomen, das in der allgemeinen Auffassung
daraus besteht, dass sich eine größere Menge von Personen, die sich untereinander nicht ken-
nen, an einem öffentlichen Ort scheinbar plötzlich zusammenschließt und für sehr kurze Zeit
eine bestimmte, meist zweckbefreite Aktion ausführt, um dann ebenso plötzlich, wie sie ge-
kommen ist, wieder zu verschwinden.
2
Dadurch, dass sich das Phänomen des Flashmobs erst im Jahr 2003 entwickelt hat, existiert
bisher nur eine überschaubare Menge an Forschungsliteratur; die verschiedenen Aspekte des
Flashmobs, sei es in gesellschaftlicher, künstlerischer oder kommunikativer Hinsicht sind zum
jetzigen Zeitpunkt noch nicht erschöpfend untersucht worden.
3
1
Beschreibung anhand der eigenen Rezeption und des Videos der Aktion auf Vimeo: Solidarität mit Griechen-
land - Sirtaki in Tübingen -ZAK (30.03.2015). URL: https://vimeo.com/123643432. Zuletzt aufgerufen:
02.08.2016.
2
Vgl. zu dieser allgemeinen, unwissenschaftlichen Auffassung etwa den Wikipedia-Artikel: Flashmobs. URL:
https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Flashmob&direction=next&oldid=156688198. Zuletzt aufgeru-
fen: 25.08.2016.
3
Vgl. Julia Jochem: Performance 2.0. Zur Mediengeschichte des Flashmobs. Boizenburg 2011. S. 23f.

2
In dieser Arbeit soll das Phänomen des Flashmobs in Hinsicht auf rhetorische Aspekte genau-
er betrachtet werden. Der Flashmob scheint als ein Zusammenschluss von Menschen, die den
öffentlichen Raum betreten, um gemeinsam eine Aktion vor Zuschauern durchzuführen, auf
ein kommunikatives Interesse hinzuweisen. Ein solches kommunikatives Interesse soll in der
vorliegenden Arbeit herausgestellt und anschließend unter rhetoriktheoretischen Gesichts-
punkten untersucht werden, um letztendlich das rhetorische Potential, also ob, und wenn ja,
wie und warum Flashmobs rhetorische Wirksamkeit entfalten können, bestimmen zu können.
Sehr vereinfacht gesagt soll es um die Frage gehen, ob Flashmobs sich für die Teilnehmer
eignen, eine Botschaft an die Zuschauer zu senden und in ihnen zu verankern.
Um die Frage nach dem rhetorischen Potential zu beantworten wird als erstes die Entwick-
lungsgeschichte des Flashmobs nachgezeichnet und dann eine Eingrenzung des Themas vor-
genommen, die nötig ist, um dem begrenzten Rahmen dieser Arbeit entsprechen zu können.
Dafür wird eine Arbeitsdefinition des Phänomens Flashmob entwickelt, um dann die ver-
schiedenen Arten von Flashmobs kurz aufzuzeigen und die für eine rhetoriktheoretische Un-
tersuchung fruchtbarsten Varianten für eine weitere Untersuchung herauszustellen.
Danach wird auf die Rhetorik als Untersuchungsmethode eingegangen, mit deren Hilfe das
rhetorische Potential von Flashmobs untersucht werden soll. In diesem Abschnitt werden
ebenfalls die Schwierigkeiten behandelt, die das Thema mit sich bringt, um schließlich ge-
nauere Fragen aufzustellen, aus deren Beantwortung auf das rhetorische Potential von
Flashmobs geschlossen werden kann. Diese Fragen werden im anschließenden Teil anhand
von konkreten Beispielen und der dargestellten Methode analysiert, um am Ende der Arbeit
fundierte Antworten auf die Frage nach dem rhetorischen Potential von Flashmobs zu geben.
2. Der Flashmob
2.1
Geschichte des Flashmobs
Der erste Flashmob, der auch diesen Begriff geprägt hat,
4
fand am 17. Juni 2003 in einem
New Yorker Kaufhaus statt. Mehr als hundert Menschen strömten in die Filiale und fragten
die Verkäufer nach einem Liebesteppich für ihre Kommune.
5
Initiator dieser Aktion war der
4
Vgl. Judith A. Nicholson: Flash! Mobs in the Age of Mobile Connectivity (2005). URL:
http://six.fibreculturejournal.org/fcj-030-flash-mobs-in-the-age-of-mobile-connectivity/. Zuletzt aufgerufen:
01.08.2016.
5
Vgl. Judith A. Nicholson: Flash! Mobs in the Age of Mobile Connectivity (2005). URL:
http://six.fibreculturejournal.org/fcj-030-flash-mobs-in-the-age-of-mobile-connectivity/. Zuletzt aufgerufen:
01.08.2016.

3
US-amerikanische Journalist Bill Wasik, der mit dieser Aktion den Willen junger Leute, un-
bedingt Teil eines neuen Trends sein zu wollen, aufdecken wollte. Mithilfe von eMails, in
denen geschrieben stand, wo und wann sie sich versammeln, und was genau für eine Hand-
lung sie vollziehen sollten, brachte er die Menschen für diese Aktion zusammen.
6
Doch die
zugrundeliegende Idee des spontanen und sinnlosen Auftritts hat sich im Gegenteil zu Wasiks
Intention selbstständig gemacht, ein eigenes Phänomen begründet und zahlreiche Nachahmer
gefunden.
7
Einen bedeutenden Sprung in der Geschichte des Flashmobs stellte der Start der Video-
Plattform Youtube im Mai des Jahres 2005
8
dar.
9
Dadurch, dass es für Privatpersonen, zu-
sammen mit dem immer erschwinglicher werdenden Videoequipment, nun deutlich einfacher
war, selbst Videos zu produzieren und zu veröffentlichen, war die Rezeption von erfolgrei-
chen Flashmobs nicht mehr nur von Medienberichten abhängig.
10
Flashmobs haben seitdem viele, diverse Formen angenommen. Neben ästhetischen Tanz- oder
Choreographie-Flashmobs, die nach dem oben beschriebenen Beispiel ablaufen, lassen sich
viele weitere, mehr oder weniger auf den ersten Blick sinnentleerte
11
Aktionen beobachten,
wie etwa die Freeze-Flashmobs, bei denen die Teilnehmer plötzlich mitten in der Bewegung
erstarren.
12
Oder aber es wird als Flashmob bezeichnet, wenn viele hundert Jugendliche alle
zusammen ein Schnellimbiss-Restaurant stürmen und mit Bestellungen überhäufen.
13
Auch
diverse Protestbewegungen haben den Flashmob bereits für sich entdeckt.
14
Die Varianten
scheinen endlos.
Manche Ideen, die als Flashmob begonnen haben, wie etwa der International Pillow Fight
Day sind inzwischen allerdings zu festen Veranstaltungen geworden, die kaum noch etwas mit
6
Vgl. Clay Shirky: Here comes everybody. The Power Of Organizing Without Organizations. New York 2008. S.
165.
7
Vgl.
Peter
Kümmel:
Der
kurze
Sommer
der
Anarchie
(11.09.2003).
URL:
http://www.zeit.de/2003/38/Flashmobs. Zuletzt aufgerufen: 29.07.2016.
8
Vgl. die offizielle ,,About"-Seite von Youtube. URL: https://www.youtube.com/yt/about/de/. Zuletzt aufgeru-
fen: 29.07.2016.
9
So steigen die Ergebnisse, die man mit Google unter dem Suchwort ,,Flashmob" bekommt, von 2004 auf 2005
um fast das doppelte an. URL: Flashmob-Ergebnisse von 2004: http://bit.ly/2bJCHHF. Zuletzt aufgerufen:
29.07.2016. Flashmob-Ergebnisse von 2005: http://bit.ly/2bS9Wbi. Zuletzt aufgerufen: 29.07.2016.
10
Vgl. Heinz Schütz: Stadt-Theater als sozial-medialer Prank. In: Kunstforum 224 (2014). S. 184 ­ 193. Hier:
186.
11
Vgl. Ulrike Knöfel: Die Nonsens-Meute (01.09.2003). URL: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-
28471108.html. Zuletzt aufgerufen: 30.07.2016.
12
Vgl. Julia Jochem: Performance 2.0. Zur Mediengeschichte des Flashmobs. Boizenburg 2011. S. 86ff.
13
Vgl. Stefan Strauss: Am Wochenende kauften und vertilgten Teenager auf einmal 10 354 Klopse im Brötchen.
Das soll lustig sein Die neue Burger-Bewegung (31.03.2008). URL: http://www.berliner-zeitung.de/am-
wochenende-kauften-und-vertilgten-teenager-auf-einmal-10-354-klopse-im-broetchen--das-soll-lustig-sein-
die-neue-burger-bewegung-15885470. Zuletzt aufgerufen: 29.07.2016.
14
Vgl. Clay Shirky: Here comes everybody. The Power Of Organizing Without Organizations. New York 2008.
S. 165f.

4
der spontanen, überraschenden Idee des Flashmobs zu tun zu haben scheinen.
15
All diese Er-
eignisse werden in den öffentlichen und privaten Medien mit dem Begriff des Flashmobs be-
zeichnet. Ob diese Bezeichnung für alle der bezeichneten Phänomene zutrifft, wird noch zu
zeigen sein.
Trotz allem erfreuen sich Flashmobs nach wie vor einiger Beliebtheit. So gibt es nicht nur
Foren für die Organisation landesweiter Aktionen
16
und zahlreiche Facebook-Gruppen für
Aktionen in bestimmten Städten,
17
sondern auch Organisationen, die sich auf die (teilweise
sogar kommerzielle) Ausführung von Flashmobs spezialisiert haben.
18
2.2
Definition
2.2.1 Bisherige Definitionen in der Forschungsliteratur und den Massenmedien
Da der Begriff des Flashmobs aufgrund seiner Neuartigkeit nicht eindeutig definiert ist
19
und
im allgemeinen Sprachgebrauch mit Phänomenen verbunden werden kann, die für die in die-
ser Arbeit als Flashmob bezeichneten Phänomene keinerlei Relevanz besitzen oder gänzlich
davon verschieden sind, muss als erstes eine Arbeitsdefinition aufgestellt werden, um
Flashmobs von ähnlichen Formen abzugrenzen.
Die Rezeption von Flashmobs in den Massenmedien ist durchzogen von negativen Beiklän-
gen: ,,Der Flash Mob hingegen ­ zu Deutsch: Blitzmeute ­ ist ein zwielichtiges, zappeliges
Geschöpf des Reichtums, ein Phänomen dieses heißen Sommers. [...] Menschen, die einander
nicht kennen, verabreden sich über Internet und SMS zu Blödsinnstheateraktionen in der Öf-
fentlichkeit."
20
Dabei wird in erster Linie stets der Aspekt der ,,ruckartig auftretende[n] Zu-
sammenrottung"
21
und des gemeinschaftlichen, sinnlosen Handelns betont, dessen Organisa-
tion ihren Ursprung im Internet genommen hat.
22
Auch die Forschungsliteratur hat bisher keine eindeutige Definition des Flashmobs hervor-
bringen können. Als einer der ersten hat der Medientheoretiker Howard Rheingold Worte für
15
Vgl. Julia Jochem: Performance 2.0. Zur Mediengeschichte des Flashmobs. Boizenburg 2011. S. 17.
16
Vgl. etwa das Flashmob-Forum ,,flash-mob.de". URL: http://www.flash-mob.de/. Zuletzt aufgerufen:
29.07.2016.
17
Vgl.
etwa
die
Facebook-Seite
von
,,Flashmob-Community
Hamburg".
URL:
https://www.facebook.com/FlashmobHamburg/?fref=ts. Zuletzt aufgerufen: 29.07.2016.
18
Vgl. die Webseite von ,,Flashmob America". URL: http://www.flashmobamerica.com/. Zuletzt aufgerufen:
29.07.2016.
19
Vgl. Julia Jochem: Performance 2.0. Zur Mediengeschichte des Flashmobs. Boizenburg 2011. S. 19.
20
Peter Kümmel: Der kurze Sommer der Anarchie (11.09.2003). URL: http://www.zeit.de/2003/38/Flashmobs.
Zuletzt aufgerufen: 30.07.2016.
21
Ulrike Knöfel: Die Nonsens-Meute (01.09.2003). URL: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-28471108.html.
Zuletzt aufgerufen: 30.07.2016.
22
C. Aichner: Spontanpartys mit Folgen (17.05.2010). URL: http://www.sueddeutsche.de/digital/flashmobs-
spontanpartys-mit-folgen-1.74064. Zuletzt aufgerufen: 30.07.2016.

5
das neue Phänomen gefunden. Er sieht in Flashmobs ,,[s]elf-organized entertainment" als ,,the
overlooked ubermessage"
23
und definiert Flashmobs, oder Smart Mobs, wie er das Phänomen
der über neue Telekommunikationsmedien entstandenen Zusammenschlüsse von Menschen
nennt, über die Fähigkeit von Menschen, ,,to act in concert even if they don't know each
other."
24
Wichtig ist für ihn auch die Organisation über neue Medien.
25
Marc Amann, Diplompsychologe und Künstler, führt diese Ideen weiter aus: ,,Über eine kurze
eMail- oder SMS-Nachricht informiert, kommen Menschen, die sich größtenteils gegenseitig
nicht kennen, an einem bestimmten öffentlichen Ort zu einer bestimmten Zeit zusammen,
erhalten weitere Instruktionen und führen gemeinsam eine kurze, relativ absurd anmutende
Handlung aus."
26
Dabei sei weiterhin wichtig, dass ,,Flash Mobs [Hervorhebung im Original]
[...], zumindest nach der ursprünglichen Idee, nicht wie klassische politische Aktionen an
symbolträchtigen Protestorten statt[finden], [...] nicht eingebunden [sind] in politische Kam-
pagnen, [...] keine direkten Aktionen [sind], [...] keine Forderungen [beinhalten], [...] keine
offensichtlichen Inhalte [transportieren]."
27
Diese Definition deckt sich mit der allgemein
durch die Massenmedien transportierten, ohne deren negative Konnotation zu beinhalten.
Dahingegen ist für die Diplom-Medienwirtin Julia Jochem in ihrer Arbeit über Flashmobs
Performance 2.0 neben der Plötzlichkeit, Kürze, Vergänglichkeit und gemeinschaftlichen
Ausführung von einer Gruppe von Menschen ,,[d]as Publikum [...] ein essentieller Bestand-
teil" von Flashmobs, da ein Flashmob ,,nur dann Sinn [ergibt], wenn er von anderen wahrge-
nommen wird."
28
Amann hat dies bereits implizit über den Begriff ,,öffentlicher Ort"
29
ausge-
drückt. Auch besteht Jochem darauf, dass ein Flashmob keinem kommerziellen Interesse fol-
gen darf.
30
Weiterhin legt sie einen großen Fokus auf die Kommunikationsmittel des Web 2.0, die für
Flashmobs benutzt werden und ihrer Meinung nach eine Voraussetzung ,,für die gemeinsame
23
Howard Rheingold: Flash Mobs: Just An Early Form Of Self-Organized Entertainment (22.09.2003). URL:
http://www.thefeaturearchives.com/topic/Culture/Flash_Mobs__Just_An_Early_Form_Of_Self-
Organized_Entertainment.html. Zuletzt aufgerufen: 30.07.2016.
24
Howard Rheingold: Smart Mobs. The Next Social Revolution. Cambridge 2002. S. xii
25
Vgl. Howard Rheingold: Smart Mobs. The Next Social Revolution. Cambridge 2002. S. 169f.
26
Marc Amann: flash mobs. In: Marc Amann (Hg.): go.stop.act! Die Kunst des kreativen Straßenprotestes.
Frankfurt am Main 2005. S. 184 ­ 193. Hier: S. 188.
27
Ebd. S. 190.
28
Julia Jochem: Performance 2.0. Zur Mediengeschichte des Flashmobs. Boizenburg 2011. S. 21.
29
Marc Amann: flash mobs. In: Marc Amann (Hg.): go.stop.act! Die Kunst des kreativen Straßenprotestes.
Frankfurt am Main 2005. S. 184 ­ 193. Hier: S. 188.
30
Vgl. Julia Jochem: Performance 2.0. Zur Mediengeschichte des Flashmobs. Boizenburg 2011. S. 20f. Marc
Amann ist hier offensichtlich anderer Ansicht, wenn er sagt, dass die Gefahr bestünde, dass Flashmobs kom-
merziell instrumentalisiert würden. So ist das zwar negativ zu bewerten, nimmt den Aufführungen aber nicht
ihre Definition als Flashmobs. Vgl. Marc Amann: flash mobs. In: Marc Amann (Hg.): go.stop.act! Die Kunst
des kreativen Straßenprotestes. Frankfurt am Main 2005. S. 184 ­ 193. Hier: S. 191.

6
Handlung"
31
der an einem Flashmob Teilnehmenden sind. Zwar wurden bereits von Amann
eMail und SMS als Kommunikationsmittel des Flashmobs definiert, doch Jochem besteht auf
einer gegenüber technologischen Neuerungen offeneren Definition, wenn auch mit einer sehr
unpräzisen Begründung. So führt sie aus, dass Menschen, die früher per E-Mail kommuniziert
haben, vielleicht bald schon per iPad kommunizieren werden.
32
Da die eMail aber ein be-
stimmtes Protokoll bezeichnet, über das Telekommunikationsgeräte miteinander kommunizie-
ren, das iPad aber ein Telekommunikationsgerät ist, das neben vielen anderen Protokollen
eben auch das der eMail beherrscht, lässt sich dieser Aussage wenig Sinn abgewinnen. Men-
schen konnten auch früher schon mit dem iPad über eMail kommunizieren.
Als konstitutives Merkmal für einen Flashmob bezeichnet sie außerdem ,,die Dokumentation
[Hervorhebung im Original] der Aktion in Form von Bildern oder Videos", da ,,[n]ur mithilfe
dieser medialen Aufzeichnungen [...] Flashmobs auch für diejenigen sichtbar [werden], die
im Moment der Aktion nicht vor Ort sind."
33
Stellen die Aspekte des Publikums und der Kommunikationsmedien, neben den bereits von
Amann und teilweise von Rheingold für Flashmobs angenommenen Attributen der Plötzlich-
keit, Kürze, Vergänglichkeit und gemeinschaftlichen Ausführung einer Gruppe von Men-
schen, durchaus sinnvolle Aspekte des Flashmobs dar, gibt der letzte Punkt Anlass zur Kritik.
Es ist nicht ersichtlich, warum die Dokumentation eines Flashmobs für dessen Definition aus-
schlaggebend sein sollte, da Flashmobs doch gerade durch ihre Momenthaftigkeit und Situa-
tivik
34
ausgezeichnet werden.
35
Sicherlich ist für eine kommunikationstheoretische Untersu-
chung eine bleibende Aufzeichnung der Aktion nützlich, doch wäre diese Aktion auch ohne
Video- oder Fotoaufnahmen in exakt der gleichen Weise abgelaufen und, viel wichtiger, rezi-
piert worden. Das gilt natürlich nur für das situative Publikum.
Auch die Protestforscherin Dr. Jasmina Gherairi geht in ihrer Dissertation auf den Flashmob
als Protestform ein und beschreibt ihn folgendermaßen: ,,Ein Flashmob ist eine punktuelle
Versammlung von Menschen für exakt fünf Minuten, in denen sie versuchen, durch eine auf
31
Julia Jochem: Performance 2.0. Zur Mediengeschichte des Flashmobs. Boizenburg 2011. S. 20.
32
Vgl. Julia Jochem: Performance 2.0. Zur Mediengeschichte des Flashmobs. Boizenburg 2011. S. 21.
33
Julia Jochem: Performance 2.0. Zur Mediengeschichte des Flashmobs. Boizenburg 2011. S. 21f.
34
Begriff nach Knape: Joachim Knape: Medium is the Massage? Medientheoretische Anfragen und Antworten
der Rhetorik. In: Joachim Knape (Hg.): Medienrhetorik. S. 17 ­ 40. Hier: 30f.
35
Vgl. C. J. Englert; M. Roslon: Gemeinschaft für lau. Der Flashmob als kurzzeitige Form der Vergemeinschaf-
tung. In: merz. Medien + Erziehung. Zeitschrift für Medienpädagogik. 1 (2010). 54. Jahrgang. S. 64 ­ 68. Zi-
tiert
aus
Online-Quelle.
URL:
https://www.lmz-
bw.de/fileadmin/user_upload/Medienbildung_MCO/fileadmin/bibliothek/englert_flashmob/englert_flashmob
.pdf. Zuletzt aufgerufen: 08.08.2016. S. 2f.

7
den ersten Blick unverständliche Handlung einen Missstand zu thematisieren."
36
Werde der
Flashmob als Protestform benutzt, sei außerdem seine schnelle Auflösung und die Ausführung
im öffentlichen Raum ausschlaggebend und, dass es sich ,,[e]rstens [...] um eine mehr oder
weniger spontane Performanz handeln [kann], die sich ein strategischer Initiator überlegt und
via digitaler Medien [...] das Anliegen, den Ort, den Zeitpunkt und die Handlungsanweisung
bekannt gibt. [...] Zweitens kann es sich bei einem Flashmob um eine fünfminütige, jedoch
länger einstudierte Performance handeln, bei der eben nicht relativ spontan über die digitalen
Medien mobilisiert werden kann".
37
Bei dieser Definition fällt die etwas irritierende Festlegung von exakt fünf Minuten für die
Dauer eines Flashmobs auf,
38
ansonsten versammelt sie die vorher genannten Aspekte, behält
aber manche davon dem Flashmob vor, der als Protestform genutzt wird.
2.2.2 Flashmob als Kommunikationsverfahren
Um eine Realdefinition für das Phänomen des Flashmobs aufstellen zu können, muss ein
Oberbegriff, ein genus proximum, gefunden werden, um den Flashmob durch dessen spezifi-
sche Eigenschaften, die differentia specifica, vom Oberbegriff abzugrenzen.
39
Wie bereits in der Einleitung erwähnt, scheint der Flashmob ein kommunikatives Interesse
seiner Teilnehmer erkennen zu lassen. Dieser Schluss, der für eine rhetoriktheoretische Be-
handlung zwingend notwendig ist,
40
legt als genus proximum den Begriff des Kommunikati-
onsverfahrens nahe. Kommunikationsverfahren meint hier nach Gherairi das
,,erfolgsorientierte, pragmatische Handeln in einer kommunikativen Situation durch
daran gebundene, meist erlernte Handlungsabläufe [...]. Ein Kommunikations-
verfahren wird in der konkreten Situation durch ein bestimmtes Repertoire von an-
wendbaren sprachlichen, textlichen und medialen Techniken ausgeführt. Diese sind
i.d.R. so im Wissensvorrat der Gesellschaft verankert, dass der Adressat das Kommu-
nikationsverfahren intuitiv dekodieren und darauf angemessen reagieren kann. Das
bedeutet, dass es sich um ein Ablaufschema handelt, das auf den Einzelfall angepasst
36
Jasmina Gherairi: Persuasion durch Protest. Protest als Form erfolgsorientierter, strategischer Kommunikation.
Wiesbaden 2015. S. 331.
37
Jasmina Gherairi: Persuasion durch Protest. Protest als Form erfolgsorientierter, strategischer Kommunikation.
Wiesbaden 2015. S. 333f.
38
Es ist nicht nur anhand der bereits genannten Beispiele, sondern auch aus den restlichen Definitionen und ganz
realweltlichen Gründen ersichtlich, dass diese Voraussetzung nicht haltbar ist. Höchstwahrscheinlich wollte
Gherairi mit dieser Aussage nur auf die überaus kurze Aufführungsdauer von Flashmobs hinweisen.
39
Vgl. Jasmina Gherairi: Persuasion durch Protest. Protest als Form erfolgsorientierter, strategischer Kommuni-
kation. Wiesbaden 2015. S. 65.
40
Vgl. Kapitel 3.

8
ist, jedoch gleichbleibende Strukturmerkmale aufweist ­ es ist also wiederholbar, re-
gelgeleitet und routinisiert."
41
Auch bei einem ,,Flashmob führen Individuen ihnen bekannte Praktiken unter Vorgabe eines
Themas durch und geraten damit in kommunikative Prozesse mit anderen Teilnehmenden
[...]. Ein Flashmob ist deshalb immer auch ein kommunikatives Ereignis."
42
Der Erfolg für
die Teilnehmenden kann in verschiedenen Zielen bestehen, die im einfachsten Fall in einer
,,Form von Gemeinschaftung"
43
bestehen. Diese Kommunikation ist jedoch nicht exklusiv
intrinsisch, da ein Flashmob dann auch in einer abgeschiedenen, menschenleeren Gegend
stattfinden könnte, was kaum vorstellbar ist. Die intuitive Dekodierung des Kommunikations-
verfahrens durch einen Adressaten, der nicht Teil des Flashmobs ist, kann außerdem gerade in
der Verwirrung und Überraschung bestehen, die in dieser Situation eine angemessene und vor
allem erwünschte Reaktion darstellen kann.
44
2.2.3 Definition
Um für diese Arbeit ein möglichst fruchtbares Untersuchungsspektrum zu erhalten, soll nun
eine Arbeitsdefinition aufgestellt werden, die den kleinsten gemeinsamen Nenner der vorge-
stellten Definitionen übernimmt:
Flashmob bezeichnet ein Kommunikationsverfahren, das in einer punktuellen, über moderne
technische Kommunikationsmittel geplanten, scheinbar plötzlichen Versammlung von Men-
schen im öffentlichen Raum besteht, die für eine sehr kurze Zeit eine gemeinsame, für das
situative Publikum auf den ersten Blick unverständliche Handlung durchführen, um den Ver-
sammlungsort dann schnell wieder zu verlassen.
2.3
Unterschiedliche Formen des Flashmobs
Wie bereits in 2.1 erwähnt, existieren verschiedene Arten von Flashmobs. Diese Formen sol-
len hier nun kurz unterschieden, dargelegt und auf ihre Übereinstimmung mit der oben gege-
benen Definition untersucht werden. Dabei stellt der Begriff des Flashmobs nach wie vor den
41
Jasmina Gherairi: Persuasion durch Protest. Protest als Form erfolgsorientierter, strategischer Kommunikation.
Wiesbaden 2015. S. 62f.
42
C. J. Englert; M. Roslon: Gemeinschaft für lau. Der Flashmob als kurzzeitige Form der Vergemeinschaftung.
In: merz. Medien + Erziehung. Zeitschrift für Medienpädagogik. 1 (2010). 54. Jahrgang. S. 64 ­ 68. Zitiert
aus
Online-Quelle.
URL:
https://www.lmz-
bw.de/fileadmin/user_upload/Medienbildung_MCO/fileadmin/bibliothek/englert_flashmob/englert_flashmob
.pdf. Zuletzt aufgerufen: 08.08.2016. S. 3.
43
Ebd. S. 7.
44
Vgl. Marc Amann: flash mobs. In: Marc Amann (Hg.): go.stop.act! Die Kunst des kreativen Straßenprotestes.
Frankfurt am Main 2005. S. 184 ­ 193. Hier: S. 190.
Ende der Leseprobe aus 34 Seiten

Details

Titel
Das rhetorische Potential von Flashmobs
Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen  (Seminar für allgemeine Rhetorik)
Note
1.0
Autor
Jahr
2016
Seiten
34
Katalognummer
V377137
ISBN (eBook)
9783668538672
ISBN (Buch)
9783668538689
Dateigröße
691 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
flashmobs, rhetorik, allgemeine rhetorik, potential, telos, orator, ostentation, widerstände, orientierungsaspekte, persuasion, smartmob, bashmob, carrotmob, kommunikation, kommunikationsverfahren
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Peter Greza (Autor), 2016, Das rhetorische Potential von Flashmobs, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/377137

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