Die Schöpfungs-Erzählungen der Genesis sind keine historischen Fakten, erheben aber dennoch Wahrheitsanspruch. Sie ist keine literarische Neuproduktion, sondern enthält Einflüsse der sie umgebenden Schöpfungsmythen des Alten Orient, zu denen sich einzelne Parallelen aufweisen lassen. Die Arbeit entfaltet eine jüdisch-christliche Anthropologie und geht dabei vergleichend auf die altorientalischen Schöpfungsmythen ein. Dabei wird versucht, die Genesis-Erzählung von der Erschaffung des Menschen in einen literarischen Kontext zu den Schöpfungsmythen zu bringen und dabei das Spezifikum einer jüdisch-christlichen Anthropologie hervorgehoben.
Sowohl der religiöse als auch der säkulare Mensch unserer Zeit hat eine Vorstellung vom Anfang allen Seins und der Welt, die er mit dem Begriff „Schöpfung“ umschreibt. Schöpfung – darin sind sich beide einig – bezeichnet die Totalität der Natur, insofern sie hervorgebracht und gestaltet wurde. Erst in einer weiteren Konkretisierung der Schöpfungsfrage in Form des „wie“, „wann“, „woraus“ und vor allem „durch wen“ weichen die Vorstellungen voneinander ab. Dabei wird oftmals die biblisch-theologische Deutung der Schöpfung der naturwissen-schaftlich-evolutiven Erklärung der Welt und des Kosmos gegenübergestellt und nicht selten gegeneinander ausgespielt. Dieser Gegensatz trifft weniger im europäischen als vielmehr im amerikanischen Raum zu, in dem sich einzelne evangelikale Freichristen wie etwa z.B. die Kreationisten durch ein wortwörtliches Rezipieren der biblischen Schöpfungsberichte von der durch Darvin entwickelten Evolutionslehre bewusst absetzen. Dabei handelt es sich jedoch um fundamentalistische Extrempositionen, die allein für sich stehen, jedoch einem rationalen Diskurs nicht standhalten und so der eigentlichen Aussageabsicht der biblischen Texte nicht gerecht werden können. Die naturwissenschaftlichen Erklärungen über die evolutive Entstehung der Arten ist nachgewiesen und daher unumstritten. Ihre Nachvollziehbarkeit ist für den heutigen Menschen der Moderne so selbstverständlich, dass sie die biblischen Schöpfungsberichte der Genesis als vorwissenschaftlich erscheinen lassen und nahezu in den Bereich der Märchen für Kinder oder der defizitären Vorstellungswelt naiver Menschen verorten.
Inhaltsverzeichnis
1. Die Schöpfungsberichte der Genesis und ihre Bezüge zur altorientalischen Mythologie
1.1 Der babylonische Schöpfungsepos „Enuma elisch“
1.2 Der Schöpfungsmythos der Bassari in Nordtogo
1.3 Das Gilgamesch-Epos
2. Die Anthropologie der Genesis
2.1 Die Erschaffung von Mann und Frau als gleichberechtigte Wesen
2.2 Die Arbeit des Menschen als Dienst an ihm selbst
2.3 Der Sündenfall und der Bezug von Strafe und Freiheit
3. Das Spezifikum jüdisch-christlicher Schöpfungslehre gegenüber den mythologischen und epistemischen Weltentstehungstheorien
3.1 Die Offenbarung JHWHs als personales Gegenüber des Menschen
3.2 Die Gottesebenbildlichkeit des Menschen in ganzheitlicher Dimension
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die biblischen Schöpfungsberichte der Genesis im Kontext altorientalischer Mythen. Dabei verfolgt sie das Ziel, das spezifische Verständnis der jüdisch-christlichen Schöpfungslehre hinsichtlich der Anthropologie, der Stellung der Arbeit und des Gottesbildes herauszuarbeiten und von mythologischen Weltentstehungstheorien abzugrenzen.
- Vergleichende Analyse biblischer Erzählungen mit altorientalischen Mythen (Enuma elisch, Gilgamesch-Epos).
- Untersuchung der biblischen Anthropologie mit Fokus auf die Ebenbürtigkeit von Mann und Frau.
- Reflexion des Arbeitsbegriffs im Verhältnis zur Fürsorge Gottes.
- Theologische Einordnung der Gottesebenbildlichkeit des Menschen.
- Deutung der Sündenfall-Erzählung als Ausdruck menschlicher Freiheit.
Auszug aus dem Buch
Die Arbeit des Menschen als Dienst an ihm selbst
Von Anfang an erhält der Mensch von Gott den Auftrag den Garten von Eden zu bebauen und zu bewahren (vgl. Gen 2,15). Erst nach der Vertreibung aus dem Paradies erhält das Motiv der Arbeit „im Schweiße des Angesichtes“ (Gen 3, 19) eine negative Färbung. Sie erscheint mit als Strafe für die Übertretung des Gebotes. Zieht man nun zum Vergleich die altorientalischen Schöpfungsmythen heran, ist die Arbeit Anlass und Zweck zur Schöpfung des Menschen. Wie sich z.B. im babylonischen Schöpfungsepos Enuma elisch gezeigt hat, wurden die Menschen allein aus dem Grund geschaffen, den Göttern die Last der Arbeit abzunehmen, damit diese ein göttliches Leben führen können.
Aus dieser Vorstellung heraus deutete man in der altorientalischen Welt den Grund warum Menschen Acker bebauen, Vieh züchten, Städte und Kanäle bauen. Die Menschen setzten nur das fort, was durch die Götter schon lange voraus erschaffen wurde. So waren Sie im Grunde genommen nichts weiter als ein Ersatz für die Götter, dazu erschaffen, ihnen zu dienen für sie zu arbeiten und sie zu verehren. Im zweiten Kapitel der Genesis-Erzählung ist die Reihenfolge der Schöpfung umgekehrt: Gott erschafft zuerst den Menschen und setzt ihn dann in den Garten Eden, um ihn zu bebauen, zu pflegen und zu hüten, damit er von seinen Früchten leben kann. Die Arbeit ist jedoch hier nicht Anlass und Zweck seiner Schöpfung. Der Mensch muss nicht arbeiten, um Gottes Arbeit zu übernehmen und ihn dadurch zu entlasten. Vielmehr dient die Arbeit zum Erhalt des Gartens und des Menschen selbst. JHWH setzt den Menschen in einen Garten. Damit drückt sich ein Akt seiner Fürsorge aus. Es findet sich im Schöpfungsakt nirgends ein Hinweis darauf, dass JHWH irgendein Eigeninteresse dabei verfolgt hätte. Die Arbeit wird an keiner Stelle in irgendeiner Form mit einem Dienst an Gott verbunden und sakralisiert. Sie ist nicht Ausdruck zum Ruhme Gottes, sondern dient dem Menschen zu seinem Lebenserhalt allein um seiner selbst willen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Die Schöpfungsberichte der Genesis und ihre Bezüge zur altorientalischen Mythologie: Dieses Kapitel stellt die zwei Schöpfungsberichte der Genesis vor und vergleicht sie mit Mythen wie dem Enuma elisch und dem Gilgamesch-Epos, um motivgeschichtliche Parallelen aufzuzeigen.
2. Die Anthropologie der Genesis: Hier wird das biblische Menschenbild analysiert, wobei insbesondere die Gleichberechtigung der Geschlechter, der Sinn menschlicher Arbeit sowie die Bedeutung des Sündenfalls als Akt der Freiheit beleuchtet werden.
3. Das Spezifikum jüdisch-christlicher Schöpfungslehre gegenüber den mythologischen und epistemischen Weltentstehungstheorien: Das abschließende Kapitel hebt die Einzigartigkeit der jüdisch-christlichen Offenbarung hervor, die den Menschen als personales Gegenüber Gottes in einer partnerschaftlichen Beziehung begreift.
Schlüsselwörter
Schöpfung, Genesis, Jahwist, Enuma elisch, Gilgamesch-Epos, Anthropologie, Gottesebenbildlichkeit, Freiheit, Arbeit, Sündenfall, JHWH, Ebenbürtigkeit, Mythos, Offenbarung, Altes Testament.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Analyse der biblischen Schöpfungsberichte und deren theologischer Abgrenzung gegenüber zeitgenössischen altorientalischen Mythen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf der vergleichenden Religionsgeschichte, der biblischen Anthropologie, dem Verständnis von Arbeit und der Beziehung zwischen Gott und Mensch.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die spezifische Aussageabsicht der Genesis aufzuzeigen, insbesondere in Bezug auf die Würde und Freiheit des Menschen im Gegensatz zu rein utilitaristischen Schöpfungsmythen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine historisch-kritische sowie exegetische Vorgehensweise gewählt, um die Texte in ihrem kulturellen und traditionsgeschichtlichen Kontext zu verstehen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die literarischen Parallelen zu Mythen, die Anthropologie der Geschlechterrollen und die theologische Bedeutung von Arbeit und menschlicher Freiheit als Antwort auf die biblische Erzählung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Schöpfung, Gottesebenbildlichkeit, Freiheit, Genesis und das Verhältnis von Gott und Mensch.
Wie unterscheidet sich die biblische Schöpfung vom babylonischen Epos?
Während im babylonischen Mythos der Mensch als Ersatz für Götter zur Arbeit geschaffen wurde, erschafft Gott in der Genesis den Menschen aus Fürsorge und um seiner selbst willen.
Welche Rolle spielt die Schlange in den untersuchten Mythen?
Die Schlange fungiert in mehreren Mythen als ein Element, das den Verlust des ursprünglichen Lebens oder der Unsterblichkeit einleitet, etwa durch Verführung oder Diebstahl des Lebenskrauts.
Was bedeutet Gottesebenbildlichkeit nach der Genesis?
Sie bezeichnet nicht ein bloßes Abbild, sondern die ganzheitliche Hinordnung des Menschen auf Gott, die ihn zu einem verantwortungsbewussten Gegenüber Gottes macht.
- Citation du texte
- Maximilian Bekmann (Auteur), 2017, Exegese zur Genesis des alten Testaments, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/377677