Echokammer der Sozialen Medien. Anwendungsgebiete der theoretischen Konzepte von Ludwik Fleck


Bachelorarbeit, 2017

50 Seiten, Note: 1,6


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Hauptteil
2.1. Gesellschaftlicher Kontext
2.2. Flecks Erkenntnistheorie
2.2.1. Zur Person und wissenschaftlichen Einordnung
2.2.2. Theorie
2.2.2.1. Erkenntnis und Tatsache
2.2.2.2. Denkstil und Denkkollektiv
2.2.2.3. Intra-undinterkollektiverDenkverkehr
2.2.3. Kritik
2.2.4. Transit zu Medienwissenschaften
2.3. Soziale Medien und die Echokammer
2.3.1. Zur Infrastruktur der Sozialen Medien
2.3.2. Facebook und News Feed
2.3.3. Echokammer und Filterblase
2.4. Echokammer undFilterblase aus Fleck'scherPerspektive
2.4.1. Dynamik von populärem Wissen in Facebook
2.4.2. Algorithmischer,Denkverkehr'
2.4.3. Fleck'sche Medientheorie?

3. Fazit

4. Quellenverzeichnis

5. Anhang

Das Untersuchungsobjekt der Arbeit ¡st einzuordnen in die aktuelle Phase der kritischen bis pessimistischen Auseinandersetzung mit dem Internet nach der anfänglichen Phase mit vermehrten Hoffnung auf dessen Demokratisierungspotential - sichtbar an Themen wie „commercialization, surveillance, filter bubble, depoliticization, quantification, waste of time, loss of deep attention, being alone together, Nomophobia and FOMO (i.e. no mobile-phobia and the fear of missing out)."[1] Mit Filterblasen oder Echokammern wird meist die Polarisierung beziehungsweise Isolierung von Menschen in Gruppen von Gleichgesinnten gemeint, welche sich untereinander im befürchteten Extremfall nicht mehr auseinandersetzen. In der empirischen Auseinandersetzung werden zum einen personalisierende Filter, wie sie von Google oder Facebook genutzt werden, verantwortlich gemacht, zum anderen stellen sich aber noch Fragen bezüglich solcher Gruppenbildungen und -dynamiken.[2] Die kulturwissenschaftliche Bemühung allgemein internetbasierte Diskurse, aber vor allem solche in Sozialen Netzwerken zu beobachten, müsse sich vermehrt auf die Aspekte der Selbstreferenz und Konstruktion einlassen: „how selves (as discursive constructions) become instantiated in webs, how the nodes and ties of networks are created and strengthened through the moment by moment conduct of social interaction, and how people 'talk' with algorithms."[3]

In dieser konstruktivistischen Perspektive liegt die Motivation für die Auswahl der vergleichenden Erkenntnistheorie von Ludwik Fleck als Grundlage für diese Arbeit. Diese formuliert eine soziale weil sprachliche Bedingtheit der Wissensproduktion und damit auch Meinungsbildung. Flecks Theorie kommt ursprünglich aus der Wissenssoziologie, er verstehe es aber „Wissenschaftstheorie mit Kulturtheorie zu verbinden"[4]. Die eigene erste Beschäftigung mit Fleck im Rahmen eines sprachwissenschaftlichen Seminars hatte einen Fokus auf Verständigungs- und vor allem Abgrenzungsdynamiken verschiedener Meinungsgruppen. In Bezug auf Echokammern und Filterblasen erscheint mir das ein spannender Zugang und so wird als anfängliche Vermutung formuliert, das Fleck etwas zu der Thematik beitragen kann.

Die Fragestellung lautet: Wie lässt sich die Echokammer-Thematik aus Fleck'scher Sicht beobachten? Das mitlaufende Erkenntnisinteresse liegt darin, welchen Mehrwert Fleck dabei für die Medienwissenschaften mitbringen kann. Das ergibt sich vor allem daraus, dass eine Aneignung Flecks seitens der Medienwissenschaften noch nicht oder kaum stattgefunden hat. Hier bewege ich mich daher auf experimentellem und betont vorläufigem Terrain. Es soll sich deswegen auch nicht schon auf nur einen Teilaspekt der Theorie festgelegt werden, wie es in der Diskurslinguistik zum Beispiel mit der Analyse von Abgrenzungsdiskursen der Fall ist. Es wird sich dennoch zeigen, dass am Untersuchungsobjekt Soziale Medien vor allem die von Fleck beschriebene Dynamik von Wissensproduktion sowie Faktizität und deren Aushandlung im inter- wie intrakollektiven Denkverkehr stark zu machen sind. Die These lautet daher, dass im Bereich der Alltagssprache die dort dominierende Form der popularisierenden Wissensvermittlung bzw. popularisierten Wissenskommunikation im Zusammenspiel mit der Infrastruktur der Sozialen Medien einen Nährboden bietet für sogenannte Echokammern. Als Methodik ist somit das theoretische Arbeiten grundlegend, mit einer anschließenden Theorieüberprüfung an einem (teil)empirischen Phänomen im Sinne einer (soziologischen) Medientheorie.

Ausgegrenzt werden daher (eigene) sprachliche, inhaltliche oder tiefere empirische Analysen und überwiegend die Betrachtung der individuellen Ebene. Ebenso wird der Aspekt der bewussten Manipulation (des Diskurses) in Sozialen Medien nicht behandelt.[5] Auch wird Werbung als wesentlicher Motor der Personalisierung im Netz nicht tiefer ausgeführt. Im Fokus liegt der Versuch einer strukturellen Betrachtung von sogenannten Echokammern. Als mitlaufendes Beispiel dient Facebook, da dort Personalisierung genutzt wird und es das dominanteste Soziale Netzwerk ist.

Im an die Einleitung anschließenden Teil wird mit der Computergesellschaft ein gesellschaftlicher Kontext skizziert, der die Durchdringung von Medien und Gesellschaft berücksichtigt und aufzeigt, dass die Digitalisierung der Medien und die Vernetzung der Kommunikation die basalen Kulturtechniken des Lesens, Schreibens und Erzählens beeinflusst.[6]

Dann folgt der größte Theorieteil der Arbeit über „lokale Dynamiken und Praktiken des Wissens"[7] nach Fleck. Auch wenn im ersten Eindruck die wissenschaftstheoretischen Ausführungen (vor allem zu Erkenntnis und Tatsache') etwas ausführlich erscheinen, soll das Verständnis vom Denkstil und dessen Automatismen für den späteren Gebrauch im diskursiven Bereich sehr deutlich gemacht werden. Dafür wird die Theorie sehr eng am Originaltext vorgestellt. Fleck arbeitet dort die Perspektivität und Relativität von Wissen heraus: „Das Wissen war zu allen Zeiten für die Ansichten jeweiliger Teilnehmer systemfähig, bewiesen, anwendbar, evident. Alle fremden Systeme waren für sie widersprechend [...]."[8] Diese Teilnehmer' sind nach Fleck in Denkkollektiven organisiert, durch deren spezifische, kollektive Auseinandersetzung mit einem Wissensbestand ein Denkstil entsteht. Dieser konditioniert überwiegend unbewusst die Wahrnehmung und bewirke dementsprechende Färbungen des Sinns von Begriffen oder auch Geräten. Bei Austausch im selben Kollektiv (intrakollektiver Denkverkehr) wird der Sinn eher verstärkt, zwischen verschiedenen Kollektiven (interkollektiver Denkverkehr) ändert sich der Sinn oder die zu verschiedenen Konnotationen machen eine Verständigung unmöglich. Im Anschluss werden erste Schnittstellen der Theorie zu den Medienwissenschaften genannt.

Es folgt eine Darstellung gewisser Eigenschaften des Internets und der Sozialen Medien allgemein, wie von Facebook und der dortigen Personalisierung im News Feed im Besonderen. Die Vorstellung der Echokammer-Thematik, die für die spätere eher funktionale Betrachtung möglichst objektiv referiert werden soll, teilt in eine nutzerseitige Perspektive (Echokammer) und in eine technikseitige Perspektive (Filterblase), die beide mit Studien unterfüttert werden.

In der Anwendung der Fleck'schen Theorie zeigt sich bezüglich Echokammern vor allem die Dynamik von Faktizität in Denkstilen und popularisiertem Wissen. Bezüglich der technikseitigen Perspektive werden Vorschläge für eine Fleck'sche Betrachtung der maschinenlernenden Algorithmen diskutiert. Abschließend wird der Mehrwert Flecks für eine medienwissenschaftliche Nutzung mit Bezug der hier erfolgten Anwendung abgewägt. Im Fazit werden einige Ausblicke formuliert und die Arbeitsweise reflektiert.

2.1Gesellschaftlicher Kontext

Wissens- oder Informationsgesellschaft, Digitales Zeitalter: Es kursieren verschiedene Begriffe für die aktuelle Gesellschaftsform, manche wirtschaftlich und manche medientechnisch motiviert. Im Sinne der Arbeit wird versucht, ein Gesellschaftsbild zu skizzieren, dass die Verbindung von Gesellschaft und Medien berücksichtigt.[9]

Der Soziologe Dirk Baecker, dem in diesem Abschnitt größtenteils gefolgt wird, gründet seine Beschreibung der Gesellschaft auf der These Luhmanns, dass neue Verbreitungsmedien die Gesellschaft stets mit einem Überschuss an Kommunikationsmöglichkeiten konfrontieren, der die bisherigen Kulturformen überfordert. Wird das neue Medium eingeführt, müssen also zwangsläufig Umstellungen erfolgen, die den neuen Möglichkeiten gerecht werden oder dies zumindest versuchen.[10] Als bisherige Neuerungen dieser Art werden die Sprache, die Schrift und der Buchdruck genannt, deren Einführung die Gesellschaft nur bewältigen konnte, indem sie „so genannte Kulturformen des selektiven Umgangs mit dem durch die neuen Medien produzierten Überschusssinn"[11] gefunden hat. Der gesellschaftliche Druck zum Umbruch entstehe dadurch, dass weiter die Wahrscheinlichkeit von Anschlusskommunikation gewährleistet werden muss. Denn nach Luhmann ist Gesellschaft rekursiv und reproduziert sich fortlaufend durch die Beschäftigung mit sich selbst und dem Realisieren von Anschlusskommunikation.[12] Baecker formuliert die Vermutung, dass die „Einführung des Computers für die Gesellschaft ebenso dramatische Folgen hat"[13] wie zuvor nur Sprache, Schrift und der Buchdruck. Auf diese musste die Gesellschaft angesichts des jeweiligen (Referenz-, Symbol- und Kritik-)Überschusses reagieren und habe dadurch beispielsweise Grenzen, soziale Schichten und die Kultur entwickelt.[14] Wichtig im Rahmen dieser Arbeit ist auch, dass als Kulturform der Moderne die Wissenschaft genannt wird. Diese biete eine Praxis im Umgang mit Wissen/Nicht-Wissen und sei gleichzeitig stark mit der Gesamtgesellschaft verknüpft, da sie als Rückversicherung des Weltbildes dient.[15]

„[D]er gedächtnisfähige Computer [beginnt] in der Gesellschaft mitzukommunizieren"[16] und produziert dabei einen Kontrollüberschuss: Der Computer sei nämlich ein genauso komplexer Akteur wie vorher nur der Mensch, da er neben nachvollziehbarem In- und Output auch nach eigenen Regeln auf eigene Zustände reagiert.[17] So erweitert sich die Kommunikation sowohl um „Mensch-Maschine- [und] Maschine-Maschine-lnteraktion[en] als auch Mehrfachkombinationen daraus"[18], deren Dynamiken nicht mehr (durch bisherige Kulturtechniken) erfassbar und einsehbar sind. Angesichts dieses Kontrollverlustes konstatiert Klawitter ein „Zeitalter der Ungewissheit"[19], das die vorher genannte gesellschaftliche Funktion der Wissenschaften noch stärker fordert und diese in die digitale und internetbasierte Kommunikation einzugliedern versucht[20]. Es komme aber zu einer Diskrepanz zwischen den verfügbaren Datenmengen und der Informiertheit der Menschen, auch aufgrund der mangelnden Überprüfbarkeit der vielen Quellen und ökonomischen Interessen der „alten" Medienstrukturen, die noch im Internet dominieren.[21] Als grundlegende Trends neuer Kommunikationsformen kristallisieren sich die Vereinfachung von Technik und dem Zugang dazu, massive Integration in den Alltag, das Verschmelzen bisheriger Mediengefüge (Träger, Anzeige- und Speichermedium) und die ökonomische Verwertung von Nutzerdaten heraus.[22]

Abschließend kann der mediengeschichtliche und -soziologische Kontext der Arbeit als Zeit des Umbruchs zur Computergesellschaft verstanden werden. Dabei ist der sozio-technische Kontext als nicht mehr trennbarer Teil der Kommunikation anzusehen.[23] So scheint die Perspektive auf Sozialen Medien als mögliche (neue) selektive Umgangsform in Anbetracht des konstatierten Kontrollüberschusses durch den Computer geeignet für eine funktionale Betrachtung (auch des Echokammer-Phänomens). Begrifflich soll im weiteren Verlauf deswegen von der Computergesellschaft gesprochen werden.[24]

Die Theorie Ludwik Flecks

2.2.1 Zur Person und wissenschaftlichen Einordnung

Ludwik Fleck wurde 1896 als Sohn jüdischer Polen in Österreich geboren. Während und nach seinem Medizinstudium assistierte er dem Typhus-Spezialisten Rudolf Weigl, später avancierte er selbst zu einem der führenden Immunologen Europas. Unter der deutschen Besatzung wurde Fleck deportiert und musste als Laborant in den Konzentrationslagern Auschwitz und Buchenwald arbeiten. Nach dem Krieg begann zusammen mit seiner universitären Karriere auch die „Phase intensivster medizinischer Forschungstätigkeit"[25], welche bis 1957 andauerte. In diesem Jahr emigrierte er mit Frau und Sohn nach Israel, wo er dann 1961 an Herzversagen starb.

Fleck publizierte viel in Fachzeitschriften, wobei er sich neben seinem medizinischen Schwerpunkt auch vermehrt mit Wissenschaftstheorie und -Soziologie auseinandersetzte. Hervorzuheben sind dabei seine Monographie „Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache" (1935) sowie ein Aufsatz im selben Jahr und ein weiterer 1936[26], in denen das grundlegende Theoriegebäude und auch die Basis für diese Arbeit zu finden sind. Seine darin entwickelte, vergleichende Erkenntnistheorie' ist konstruktivistisch-relativistischer Natur und proklamiert die vollständige historische und soziale Durchdringung von Sprache, die daraus resultierende Bedingtheit jeglicher Tatsache und Erkenntnis. Damit richtete sich der Ansatz gegen den zu seiner Zeit vorherrschenden, positivistisch geprägten Logischen Empirismus, was neben den zeithistorischen Konsequenzen seines jüdischen Glaubens sicher den größten Einfluss auf die geringe Beachtung der Theorie zu Lebzeiten Flecks hatte.[27] Erst ein Verweis im Vorwort[28] von Thomas S. Kuhns „The Structure of Scientific Revolution" (1962) stieß eine Wiederentdeckung an, vorerst nur im wissenssoziologischen Feld. Im Gegensatz zum von Kuhn geprägten Begriff des Paradigmenwechsels, sei Fleck aber kein Denker der Brüche, sondern „der Differenz und Fluktuanz".[29] Fleck grenzt sich neben den grundsatzbedingten Unterschieden zum Tatsachen-Objektivismus oder zu objektiv erachteten, empirischen

Methoden auch zu anderen Konstruktivsten ab, indem er von deren klassischem Dualismus - sei es eine vorausgesetzte, objektive oder aber konstruierte Wirklichkeit (1), und das Subjekt (2)[30] - axiomatisch abweicht und als drittes Element das Denkkollektiv installiert. Ab der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts nahmen die konstruktivistischen Ansätze zu[31] und entfalten sich bis heute vor allem in den Sozial- und Kulturwissenschaften. Beispielsweise plädiert auch Baecker im oben beschriebenen Zusammenhalt der Gesellschaft in Form einer Netzwerksynthese für eine konstruktivistische Sicht.[32] Die Wissenschaftstheorie formuliert jedoch vor allem im Hinblick auf die physikalische Welt weiter eine objektive, sprach- und subjektunabhängige Realität, momentan durch Positionen des Wissenschaftlichen Realismus.[33]

2.2.2 Theorie

„Gedanken kreisen vom Individuum zum Individuum, jedesmal etwas umgeformt, denn andere Individuen knüpfen andere Assoziationen an sie an. Streng genommen versteht der Empfänger den Gedanken nie vollkommen in dieser Weise, wie ihn der Sender verstanden haben wollte. Nach einer Reihe solcher Wanderungen ist praktisch nichts mehr vom ursprünglichen Inhalte vorhanden. Wessen Gedanke ist es, der weiter kreist? Ein Kollektivgedanke eben [...]. Erkenntnisse [...] wandern innerhalb der Gemeinschaft, werden geschliffen, umgeformt, verstärkt oder abgeschwächt, beeinflussen andere Erkenntnisse [...]."[34]

2.2.2.1 Erkenntnis undTatsache

Erkennen ist nach Fleck die „am stärksten sozialbedingte Tätigkeit des Menschen"[35], da wir dabei auf (sprachlich vermitteltes) Vorwissen, erlernte Methoden und auf Sprache selbst zurückgreifen, durch die unser Denken strukturiert wird[36]. Der Fokus der Fleck'sehen Theorie liegt aufgrund dieser basalen Bedeutung für die Wissensproduktion auf der Sprache. Diese sei nicht von ihrer Entwicklungsgeschichte zu trennen, Begriffe daher stets historisch und sozial determiniert.[37] Die Rahmenbedingungen für Denken allgemein und für Erkennen im Besonderen sind demzufolge kollektiver Natur, sichtbar auch daran, dass der involvierte Wissensbestand die Kapazitäten eines Individuums übersteigt. Erkennen heißt bei Fleck, unter den gegebenen kollektiven Voraussetzungen „die zwangsläufigen Ergebnisse feststellen"[38]. Fleck betont aber nachdrücklich, dass diese soziale Bedingtheit des Erkennens keine Unzulänglichkeit bedeutet, da Erkennen ohne Gesellschaft eben gar nicht möglich wäre.[39] In Bezug auf die oben genannten wissenschaftstheoretischen Strömungen formuliert Fleck eine sozial konstruierte Realität, die den Rahmen, den Ursprung und den Vorgang der Wahrnehmung und Erkenntnis bildet. Dass Erkennen kollektiv beeinflusst ist, wird also nicht (pessimistisch) gewertet, es stellt ,einfach' den Normalfall dar. Die sozialen Einflussfaktoren auf das Erkennen sind im Alltag vorwiegend emotionaler Natur. Fleck beobachtet ausgehend von wissenschaftlichen oder sonstigen spezifischen Disziplinen, dass Erkennen sich nicht einfach ergibt, sondern gelernt werden muss.[40] Hier soll vor allem der Fokus auf der kognitiven, visuellen Ebene liegen; der zugrundeliegende sprachliche Einfluss wird weiter unten nochmal ausführlich betrachtet. Fleck spricht hierbei von einem Übergang vom unklaren, anfänglichen aber nie voraussetzungslosen Schauen hin zum entwickelten, unmittelbaren Gestaltsehen.[41] Nach Fleck sind Bilder immer als Sinn-Bilder zu sehen.[42] So wird als Beispiel angeführt, dass allgemein sowohl das Erkennen von Buchstaben oder genauer dann die Eigenarten von mikroskopischen Bildern einer durch Lehre vermittelten und trainierten Bereitschaft bedürfen.[43] Durch die Fähigkeit zur Wahrnehmung spezifischer Gestalten (Vordergrund) müsse aber zwangsläufig die Fähigkeit abnehmen, anderes (Hintergrund) wahrzunehmen, ein Prozess der Kontrastierung.

Bei Fleck ist die ,Erkenntnisproduktion' in drei Etappen gegliedert. Beim Erkennen ergebe sich durch den Prozess der Kontrastierung ein „Widerstandsaviso"[44], das gewisse Eindrücke hemmt und andere betont (1. Etappe). Tauschen sich Personen mit ähnlichem Vorwissen aus, entstehe durch dieses soziale Kreisen der Gedanken dann ein - für eben diese Personen - beweisbarer Gedanke (2. Etappe). Durch Wiederholung würden solche Tatsachen etabliert und müssten dann in ihrer Selbstverständlichkeit gar nicht mehr erklärt werden (3. Etappe).[45] Solche Selbstverständlichkeiten sind dann durch das Gestaltsehen unmittelbar erkennbar, auch wenn oder sogar völlig unabhängig davon, ob die spezifische Eigenschaft ein heilloses Durcheinander ist. Wie Fleck in einem Beispiel über die Betrachtung von Bazillen zeigt, wird die von einem Laien nur als Durcheinander wahrnehmbare Unordnung erst in der denksozialen Bereitschaft und geübten Tätigkeit zur spezifischen Eigenschaft: diese jene Unordnung wird eben ,charakteristisch'.[46] Erkennen ist also die (durch Lehre oder allgemein Sozialisation) sozial bedingte Tätigkeit, deren kollektive Ausführung eine Tatsache hervorbringt, die schließlich unmittelbar durch den unbewussten, schematischen Blick des Gestaltsehens wahrgenommen werden kann. Einmal zur Selbstverständlichkeit geworden scheint eine Tatsache, vor allem nach einem gewissen zeitlichen Abstand, wie losgelöst vom geraden skizzierten Prozess, und kann so dann als,objektive, naturgegebene Tatsache' wirken. Die darin angelegte Wechselwirkung ist der Fokus bei Fleck: „[...] bereits Erkanntes beinflußt die Art und Weise neuen Erkennens, das Erkennen erweitert, erneuert, gibt frischen Sinn dem Erkannten"[47].

Die Notwendigkeit der Lehre sowie die sozial und historisch bedingte Sprache nennt Fleck „einen grundsätzlichen alogischen Faktor"[48] im Wissen, womit der wissenschafts­theoretische Dualismus unzureichend ist und ein drittes Glied benötigt wird:

„Definieren wir ,Denkkollektiv' als Gemeinschaft der Menschen, die im Gedankenaustausch oder in gedanklicher Wechselwirkung stehen, so besitzen wir in ihm den Träger geschichtlicher Entwicklung eines Denkgebiets, eines besonderen Wissensbestandes und Kulturstandes, also eines besonderen Denkstiles."[49]

2.2.2.2 Denkstil und Denkkollektiv

Vor der überwiegend getrennten Vorstellung der Konzepte Denkstil und Denkkollektiv soll schon einmal angeführt werden, dass diese als „Komplementärkategorien"[50] zu sehen sind; sie bedingen einander. Allgemein können sich nach Fleck schon Denkkollektive bei angeregten Unterhaltungen zweier Menschen bilden, sichtbar an der „besonderen Stimmung"[51], die sich einstellt. Diese bewirkt auch bei solchen zeitweiligen Kollektiven, dass es zu spezifischen Gedanken kommt, die einer der Menschen alleine oder eine andere Konstellation nicht hervorbringen würde. Der Fokus liegt aber auf „beständigen" (oder stabilen) Denkkollektiven, deren intellektuelle Stimmung sich über die Zeit festigt, sodass durch „[...] gegenseitige^]

Verständnis und genauso aus gegenseitigen Missverständnissen ein Denkgebilde"[52] entsteht: der spezifische Denkstil.

In dem Konzept des Denkstils ist die oben beschriebene Wechselwirkung des Erkenntnisprozesses eingeschrieben. Ein Denkstil beinhalte immer das „aktuelle soziale Kreisen der Gedanken innerhalb des Kollektivs"[53] und die Historizität der Sprache. Daher ist Denkstil nicht wie ,Stil' im Sinne einer inhaltlichen oder irgendwie ästhetischen Festlegung zu denken.

„Denkstile sind weder Methoden noch fixe Denkformen, [...] keine Epochen oder Weltanschauungen [...] und charakterisieren auch keine Individuen, sozialen Gruppen oder Institutionen, sondern Vorgänge: Zirkulationen von Ideen und sozialen Praktiken und die aus ihnen resultierende unbewußte stilgemäße Konditionierung von Wahrnehmung, Denken und Handeln".[54]

Denkstile sind also vielmehr als Motoren der Weltanschaungsproduktion zu sehen. Sind manche Begriffe anfangs noch „Äquivalente der Erlebnisse"[55], so gehe diese Bedeutung über die Zeit verloren. Vielmehr wirkt der Denkstil nach Fleck durch das Konzept der Präideen, die in Form von stilgemäßen Begriffen und Metaphern dem kollektiven Prozess des Erkennens zugrunde liegen.[56] Flecks Sprachverständnis ähnele aus heutiger Sicht stark einem kognitionslinguistischen Verständnis, das Begriffe als kognitive Konzepte fasst.[57] Präideen wirken als unbewusste bzw. vage, richtungsweisende Filter der Wahrnehmung. Dabei müssen Präideen keinen logischen Wert (mehr) haben, sondern einen heuristischen. Fest im Konsens verankert und schwer bis gar nicht mehr rekonstruierbar, weil von der ursprünglichen Bedeutung losgelöst, haben Präideen und daraus entsprungene Auffassungen also auch kein formal-logisches Verhältnis zu Beweisen,[59] sondern eher ein emotional-intuitives[58]. Die besagte Stimmung des Denkstils im Denkkollektiv ist es also laut Fleck, die die stilgemäße Bereitschaft zum gerichteten Wahrnehmen und Handeln unbewusst oder zumindest nur diffus spürbar bewirkt.[60] Am Beispiel der Syphilislehre zeigt Fleck auf, wie religiös bedingte, ethisch betonte Präideen vom ,verunreinigten Blut' über Jahrhunderte richtungsweisend wirken konnten, indem sie den Fokus auf Blutanalysen lenkten.[61] Es setze sogar ein „langdauerndes Beharren gegen alles neue Begreifen ein".[62] Den Präideen kommt so die ambivalente Rolle zu, einerseits stabilisierender Träger von Kontinuität im Denkstil zu sein und damit aber auch solche Beharrungstendenzen gegen konzeptuell Neues hervorzubringen. Dabei sei „Unmöglichkeit nur Inkongruenz mit dem gewohnten Denkstil"[63]. Durch den Denkstil entstehe so ein harmonisches Gebilde aus Meinungen und Ansichten, dass gleichsam sicher ist im ,Wahren' und in der (unbewussten) „Harmonie der Täuschungen"[64].

[...]


[1] Simanowski, Roberto: Introduction. In: ders. (Hg.) (2016): Digital humanities and digital media. Conversations on politics, culture, aesthetics and literacy. First edition (Fibreculture Books). S.10.

[2] Bessi, Alessandro (2016): Personality traits and echo chambers on facebook. In: Computers in Human Behavior 65; Jg. 2016, S. S.320.

[3] Simanowski, Roberto; Jones, Rodney: The age of print literacy and 'deep critical attention' is filled with war, genocide and environmental devastation. In: Simanowski (Hg.): Digital humanities. S.235.

[4] Schäfer, Lothar; Schnelle, Thomas (1983): Vorwort. In: Fleck, Ludwik; Schäfer, Lothar (Hg.); Schnelle, Thomas (Hg.) (1983): Erfahrung und Tatsache, gesammelte Aufsätze. 1. Aufl. Frankfurt am Main: Suhrkamp. [im Folgenden abgekürzt: Fleck: ET] S.15.

[5] Vgl. dazu: Bessi, Alessandro; Ferrara, Emilio: Social bots distort the 2016 U.S. Presidential election online discussion, http://firstmonday.org/, Abruf: 12.01.2017 [vollständige URL der Internetquellen immer im Quellenverzeichnis].

[6] Lobin, Henning et. al.: Vorwort. In: Lobin, Henning et. al. (Hg.) (2013): Lesen, Schreiben, Erzählen. Kommunikative Kulturtechniken im digitalen Zeitalter. Frankfurt, M; New York, NY: Campus-Verlag (Interaktiva, 13). S.8.

[7] Schäfer; Schnelle: Vorwort. In: Fleck: ET, S.17.

[8] Fleck, Ludwik; Schäfer, Lothar (Hg.), Schnelle, Thomas (Hg.) ([1935] 1980): Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache. - Einführung in die Lehre vom Denkstil und Denkkollektiv. 1. Aufl. Frankfurt am Main: Suhrkamp. [im Folgenden abgekürzt: Fleck: EET] S.34.

[9] Die Problematik einer Datierung des Umbruchs - ob beispielsweise die Telegrafie oder aber auch schon Fotografie und Film gewisse Entwicklungen vorweggenommen haben - soll hier aber außeracht gelassen werden.

[10] Vgl. Baecker, Dirk (2007): Studien zur nächsten Gesellschaft. 1. Aufl. Frankfurt am Main: Suhrkamp, S.7.

[11] Ebd, S.10.

[12] Vgl. ebd., S.151.

[13] Ebd. S.7.

[14] Ebd. 74f.

[15] Vgl. Baecker: Studien zur nächsten Gesellschaft, S.222f.

[16] Ebd., S.9.

[17] Vgl. ebd., S.81

[18] Klawitter, Jana: Begriffe auf Wanderschaft: Denkkollektive in sozio-technischen Vernetzungen. In: Lobin, Henning et. al.: Lesen, Schreiben, Erzählen. S.242.

[19] Ebd., S.244.

[20] Vgl ebd., S.246.

[21] Vgl. Kißler, Leo (2007): Politische Soziologie. Grundlagen einer Demokratiewissenschaft. Konstanz: UVK- Verl.-Ges.. S.227.

[22] Vgl. Lobin et. al.: Vorwort. In: Lobin et. al.: Lesen, Schreiben, Erzählen. S.9f.

[23] Vgl. Klawitter: Begriffe aufWanderschaft. In: Lobin et. al.: Lesen, Schreiben, Erzählen. S.249.

[24] Für Biografie, vgl. Fleck: EET, S.Xff.

[25] Ebd., S. XVI.

[26] „Über die wissenschaftliche Beobachtung und die Wahrnehmung im allgemeinen" (1935) und „Das Problem einer Theorie des Erkennens" (1936); siehe: Fleck: ET.

[27] Vgl. ders.: EET, S.VII/VIII.

[28] Fleck sei eine Quelle, die viele seiner „eigenen Gedanken vorwegnimmt."; siehe: Kuhn, Thomas S. (1976): Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen. 2. Aufl. Frankfurt am Main: Suhrkamp, S.9.

[29] Werner, Sylwia; Zittel, Claus: Vorwort. In: Fleck, Ludwik; Werner, Sylwia (Hg.); Zittel, Claus (Hg.) (2011): Denkstile und Tatsachen, gesammelte Schriften und Zeugnisse. 1. Aufl. Berlin: Suhrkamp, Teil 1953, S.22.

[30] Mitterer, Josef: Realismus oder Konstruktivismus? Wahrheit oder Beliebigkeit?; http://www.pedocs.de/, Abruf: 07.02.2017.

[31] Ebd.

[32] Vgl. Baecker: Studien zur nächsten Gesellschaft, S.201.

[33] Vgl. Lauth, Bernhard; Sareiter, Jamei (2005): Wissenschaftliche Erkenntnis. Eine ideengeschichtliche Einführung in die Wissenschaftstheorie. 2. Aufl. Paderborn: Mentis. S.26.

[34] Fleck: EET, S.58.

[35] Ebd.

[36] Vgl. ders.: ET, S.103.

[37] Vgl. ders.: EET, S.31.

[38] Fleck: EET, S.56.

[39] Vgl. ebd., S.59ff.

[40] Vgl. ebd., S.60.

[41] Vgl. ebd., S.121.

[42] Vgl. Radeiski, Bettina (2017): Denkstil, Sprache und Diskurse. Überlegungen zur Wiederaneignung Ludwik Flecks für die Diskurswissenschaft nach Foucault. 1. Aufl. Berlin: Frank & Timme. Verlag für wissenschaftliche Literatur (Sprachwissenschaft, 33), S.191.

[43] Vgl. Fleck: ET, S.72.

[44] Ebd., S.75.

[45] Vgl. ebd. S.74f.

[46] Antos, Gerd; Fix, Ulla; Radeiski, Bettina (2014): Rhetorik der Selbsttäuschung. Berlin: Frank & Timme.

[47] Verlag für wissenschaftliche Literatur, S.13.

[48] Fleck: EET, S.60.

[49] Fleck: ET, S.109.

[50] Ebd., S.123.

[51] Werner; Zittel: Vorwort. In: Fleck; Werner; Zittel: Denkstile und Tatsachen, S.19.

[52] Fleck: EET, S.39.

[53] Vgl. ebd., S.35.

[54] Vgl. Klawitter: Begriffe auf Wanderschaft. In: Lobin et. al.: Lesen, Schreiben, Erzählen. S.233; für einen konkreten Bezug von Fleck auf die kognitive Metapherntheorien siehe: Fix, Ulla: Denkstil und Sprache. Die Funktion von ,Sinn-Sehen' und ,Sinn-Bildern' für die Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache'. http://home.uni-leipzig.de, Abruf: 11.01.2017.

[55] Vgl. Fleck: EET, S.40.

[56] Dazu: „die Beweise richten sich ebenso oft nach den Auffassungen wie umgekehrt die Auffassungen nach den Beweisen", Fleck: EET, S.40.

[57] Vgl. ders.: ET, S.109.

[58] Vgl. Fleck: EET, S.35; sehr anschaulich ist auch seine Darstellung der geschichtlichen Determination durch die identitätsstiftende Analogie von Feuer/Wärme und Leben, vgl. ET, S.97-103. Er argumentiert anhand von älteren Textstellen, die ,veraltete' Vorstellungen von Wärme enthalten, die beispielsweise nicht zwischen unserem heutigen physikalischen und poetisch-romantischen Verständnis unterscheiden. So sei diese Analogie trotz Loslösung von der ursprünglichen Bedeutung für die (frühere) Entwicklung von Thermodynamik, Energetik und der Vorstellung vom Stoffwechsel richtungsweisend gewesen. Interessanterweise spielt er auch ein alternatives Szenario durch mit morphologischer Analogie und entsprechender Aufmerksamkeit gegenüber der Morphogenese.

[59] Ebd., S.40.

[60] Ebd., S.66.

[61] Ebd., S.53.

[62] Ebd., S.64.

[63] Ebd., S.59.

[64] Vgl. ders.: ET, S.122.

Ende der Leseprobe aus 50 Seiten

Details

Titel
Echokammer der Sozialen Medien. Anwendungsgebiete der theoretischen Konzepte von Ludwik Fleck
Hochschule
Universität Paderborn  (Institut für Medienwissenschaften)
Note
1,6
Autor
Jahr
2017
Seiten
50
Katalognummer
V377789
ISBN (eBook)
9783668551442
ISBN (Buch)
9783668551459
Dateigröße
984 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ludwik Fleck, Erkenntnistheorie, Denkstil, Denkkollektiv, Soziale Kommunikation, Kommunikation, Massenmedien, Internet, Soziale Medien, Echokammer, Filter Bubble, Algorithmen, Personalisierung, Facebook
Arbeit zitieren
Niko Körner (Autor), 2017, Echokammer der Sozialen Medien. Anwendungsgebiete der theoretischen Konzepte von Ludwik Fleck, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/377789

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