„Heym liebte das Leben. Mit großer Alb-Angst zitterte er vor dem Aufhören. Aber er beneidete gleichwohl diejenigen, die aufgehört hatten.“ (Schneider, Heym, 2000)
Eine solche Einstellung gegenüber dem Leben gleichwie dem Tod ist typisch für Georg Heyms gesamtes Werk, das immer wieder die Gratwanderung zwischen diesen beiden Gegensätzen thematisiert. Auch sein Gedicht Ophelia 2 reflektiert diese Tendenz.
Ziel dieser Hausarbeit ist es, den Zustand des Todes unter dem Aspekt der Vitalität zu betrachten. Wird der Tod wirklich als etwas Abgeschlossenes und Trostloses dargestellt? Inwiefern schafft es Heym, die Tote Ophelia in eine Wechselwirkung mit der Natur treten zu lassen? Wird am Ende der Tod sogar als Wunschvorstellung angesehen, als ein Zustand, der im Gegensatz zum Leben als erstrebenswert gilt?
Zu diesem Zweck erscheint es sinnvoll, die Ophelia-Figur in ihrem literarischen Kontext zu sehen und Heyms Adaption mit Shakespearesches Ursprungstext zu vergleichen. Die Parallelen zu Rimbaud, welchen Heym überaus bewunderte, erscheinen auch inhaltlich von signifikanter Bedeutung, weswegen darauf im Folgen näher eingegangen wird.
Neben diesem literaturhistorischen Überblick liegt das Hauptaugenmerk natürlich auf Heyms Werk selbst und seiner Darstellung des Todes. Dafür ist die Gegenüberstellung von Natur und Stadt elementare Grundlage sowie die symbiotischen Verhältnisse, welche Ophelia mit der Natur eingeht. Dadurch soll die Lebhaftigkeit des Todes in den Vordergrund geschoben werden und die anfängliche These von einer morbiden Vitalität grundlegend stützen. Dass der Tod eine Wunschvorstellung ist, wird zuletzt mithilfe der Freudschen Triebtheorie sowie Tagebucheinträgen von Heym selbst beleuchtet.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2. Das Ophelia-Motiv in der Literatur
2.1 Die Ursprünge bei Shakespeare
2.2 Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu Rimbauds Adaption
2.3 Die Vitalität des Todes bei Heym
2.3.1 Gegenüberstellung von Natur und Stadt
2.3.2 Der Tod in Symbiose mit der Natur
2.3.3 Der Tod als Wunschvorstellung
3 Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht Georg Heyms Gedicht „Ophelia“ unter dem Aspekt der „morbiden Vitalität“. Dabei wird der Frage nachgegangen, inwieweit der Tod in Heyms Darstellung nicht als trostlose Endstation, sondern als ein Zustand der aktiven Wechselwirkung mit der Natur und als erstrebenswerte Wunschvorstellung begriffen werden kann.
- Vergleichende Analyse des Ophelia-Motivs (Shakespeare, Rimbaud, Heym)
- Die ästhetische und symbolische Gegenüberstellung von Natur und Stadt
- Symbiotische Verhältnisse zwischen der Figur Ophelia und der Natur
- Psychologische Deutung des Todes als Triebziel (basierend auf Sigmund Freud)
Auszug aus dem Buch
2.3.2 Der Tod in Symbiose mit der Natur
Am Beispiel der Wasserraten wurde bereits eine Symbiose zwischen der Natur und Ophelia deutlich, obgleich man darüber streiten kann, ob es sich in diesem Fall nicht eher um ein parasitäres Verhältnis handelt. Immerhin hat Ophelia keinen augenscheinlichen Nutzen davon, dass Ratten sich in ihrem Haar einnisten. Sie erscheint anfangs passiv, aber eine Dynamik wird schon früh angedeutet, wenn ihre Hände wie „Flossen“(V 3) geformt sind. Auch das scheint zuerst ein ekelerregendes, deformiertes Auflösen von Ophelias menschlichem Antlitz zu sein. Doch erzeugen Flossen auch eine starke Dynamik, sie werden von Fischen zur Fortbewegung genutzt und sind ein Symbol für Vitalität.
Ophelia selbst benutzt ihre Flossen auch gegen Ende des Gedichts, wo es heißt: „Unsichtbar schwimmt sie in der Flut Geleit“(V 37) und bereits in Rimbauds Gedicht „schwimmt Ophelia bleich“(V 2). Schwimmen ist ein Verb, das ein Mindestmaß an Aktivität voraussetzt und diese Dynamik wird durch die vielen Enjambements bei Heym unterstrichen.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Einführung in die Thematik der morbiden Vitalität im Werk Georg Heyms und Formulierung der leitenden Forschungsfrage zur Darstellung des Todes.
2. Das Ophelia-Motiv in der Literatur: Literarhistorische Einbettung der Figur durch Vergleich der Ursprünge bei Shakespeare mit den Adaptionen von Rimbaud und Heym.
2.1 Die Ursprünge bei Shakespeare: Analyse der grundlegenden Charakteristika der Ophelia-Figur und ihrer Beziehung zur Natur im Ausgangstext.
2.2 Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu Rimbauds Adaption: Untersuchung der Personifizierung der Natur und der Dynamik der Figur im Vergleich zu Rimbauds Version.
2.3 Die Vitalität des Todes bei Heym: Darstellung von Heyms spezifischer Ästhetik des Hässlichen und der Aufwertung des Todes durch lebendige Naturbezüge.
2.3.1 Gegenüberstellung von Natur und Stadt: Analyse der symbolischen Farbsymbolik und des Kontrasts zwischen dem natürlichen Flussraum und der künstlichen Stadtwelt.
2.3.2 Der Tod in Symbiose mit der Natur: Erläuterung der Verbindung von Ophelia mit der Natur, insbesondere durch das Bild der Wasserraten und die Dynamik der Bewegung.
2.3.3 Der Tod als Wunschvorstellung: Psychologische und philosophische Interpretation des Sterbens als Sakralisierung und als Erfüllung eines Wunschzustands.
3 Fazit: Zusammenfassende Betrachtung der hoffnungsvollen Grundaussage des Gedichts und Reflexion über die Bedeutung der morbiden Vitalität.
Schlüsselwörter
Georg Heym, Ophelia, Morbide Vitalität, Todestrieb, Naturlyrik, Expressionismus, Symbiose, Literaturvergleich, Sigmund Freud, Monismus, Ästhetik des Hässlichen, Wasserleiche, Transformation, Triebtheorie, Identitätsauflösung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert das Gedicht „Ophelia“ von Georg Heym und untersucht, wie der Autor das klassische Motiv der toten Ophelia neu interpretiert, indem er den Zustand des Todes mit einer besonderen Lebendigkeit und Naturverbundenheit verknüpft.
Welche Autoren werden neben Heym zum Vergleich herangezogen?
Um die Besonderheiten von Heyms Interpretation herauszuarbeiten, wird sein Werk primär mit dem Original von William Shakespeare und der Adaption von Arthur Rimbaud verglichen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es zu belegen, dass Heyms Darstellung des Todes nicht trostlos, sondern als eine „morbide Vitalität“ zu verstehen ist, die den Übergang in einen naturnahen, wünschenswerten Zustand markiert.
Welche theoretischen Ansätze werden zur Analyse verwendet?
Neben literaturwissenschaftlichen Methoden nutzt die Arbeit die Freudsche Triebtheorie (Eros und Thanatos) sowie die Philosophie des Monismus, um Ophelias Einheit mit der Natur und das Sterben als Wunschzustand zu deuten.
Was ist das zentrale Thema des Hauptteils?
Der Hauptteil behandelt die detaillierte Analyse der Natur- und Stadtsymbolik, die symbiotische Beziehung von Ophelia zur Flora und Fauna sowie die psychologische Dimension des Sterbens.
Welche Rolle spielt die „Ästhetik des Hässlichen“?
Sie dient als Abgrenzung zu klassischen Schönheitsidealen und wird bei Heym durch realistische, teils makabre Details (wie die Ratten) so transformiert, dass sie eine neue, vitalere Form der Ästhetik erzeugt.
Wie deutet der Autor die „Wasserratten“ im Gedicht?
Die Ratten werden nicht nur als ekelerregend, sondern funktional interpretiert: Sie nutzen den toten Körper als Lebensraum, womit Heym verdeutlicht, dass der Tod eine notwendige Grundlage für neues Leben schafft.
Warum wird der Tod bei Heym als „Wunschvorstellung“ gesehen?
Der Autor argumentiert, dass Ophelia im Tod aus der „stummen Qual“ des Lebens erlöst wird und durch die „Synchronisation“ mit der Natur eine Form von innerem Frieden und Erlösung findet, die im Leben unerreichbar bleibt.
- Citar trabajo
- N. Felicissimus (Autor), 2015, Die Vitalität des Todes in Georg Heyms "Ophelia". Das Ophelia-Motiv in der Literatur, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/377800