On what there is. Zur Rolle der Sprache als erkenntnistheoretischem Fundament der Wahrnehmung sozialer Welt in der Theorie Pierre Bourdieus


Hausarbeit, 2002
9 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

0. Abstract

In dieser Arbeit soll die von Bourdieu in verschiedenen Werken gegebene Charakterisierung von Sprache als Instrument und Ergebnis der Erzeugung sozialer Distinktion nachgezeichnet und anschließend hinsichtlich ihrer Relevanz für die Grundlagen sozialen Wissens bzw. Wissens um die soziale Welt untersucht werden.

Bourdieu zufolge ist festzuhalten, daß sowohl die Art der Eigen- und Fremdwahrnehmung der Akteure im sozialen Raum (d.h. für den Habitus) als auch das, was es in diesem Raum überhaupt gibt (Entitäten im weitesten Sinne verstanden; Strukturen, Probleme etc.)[1], was von den Akteuren als existent wahrgenommen wird[2], von zwei Faktoren abhängt, nämlich erstens davon, welche Akteure aus welchen Feldern die herrschende Klasse im Feld der Macht bilden und damit in der Lage sind, ihre ´Sicht der Dinge` zu artikulieren, und zweitens davon, ob diese Sicht auch von den anderen Akteuren als die richtige und damit legitime anerkannt wird. Erst dann, wenn beiden Faktoren Genüge getan ist, können künftige Benennungsakte erfolgreich verlaufen.

Diese Deutung der Konstruktion sozialer Welt bedeutet für Bourdieus Ansatz, daß, da es die Sozialwissenschaften immer mit schon Benanntem zu tun haben[3], für den Fall, daß sie sich dennoch nicht einfach in den herrschenden Diskurs eingliedern und damit das vorgegebene Inventar an sozialen Entitäten wie Klassen, Schichten, Machtstrukturen usw. als schlicht so seienden Arbeitsmittelbestand anerkennen wollen, es ihre vornehmliche Aufgabe sein muß, hinter diese Kennzeichnungen zurück zu gehen und erstens zu ermitteln, welche objektiven Kräfte hier auf welche Weise ihre legitimierte Weltsicht[4] durchsetzen und zweitens den (zwangsweise) Verstummten, d.h. aufgrund ihres sprachlichen Klassenhabitus aus dem herrschenden Diskurs Ausgeschlossenen Möglichkeiten des Widerstands gegen diese subtile Form der sprachlichen Enteignung an die Hand zu geben.[5]

1. Phänomenologie und Ontologie des sprachlichen Tauschs

Die Sprachtheorie Bourdieus läßt sich hinsichtlich zweier Dimensionen verstehen, die, obgleich sowohl ursächlich als auch bezüglich ihrer Wirkmacht eng zusammenhängend, dennoch verschiedene Ebenen der Ausprägung sprachlichen Ausdrucks beschreiben. Dieser Multifunktionalität soll hier durch die separate Untersuchung beider Dimensionen Rechnung getragen werden; so wird auch die gesonderte Behandlung der Phänomene des sprachlichen Austauschs unter werkimmanenter Perspektive verständlich. Hiermit ist der Unterschied gemeint zwischen der auf der einen Seite eher auf die Analyse der Bedingungen der Möglichkeit der Entstehung einer habituellen, mit der Klassenzugehörigkeit gleichzeitig koinzidierenden und sie beständig reproduzierenden Gesamtverfassung abzielenden Untersuchung in „Die feinen Unterschiede“[6], derzufolge die Sprache zunächst nur ein Distinktionsmerkmal unter anderen ist, und der, auf der anderen Seite, auf die Analyse der Produktion, Legitimation und Distinktion von (Lebens-)Welt und Klassenzugehörigkeit von und durch Sprache absteigenden Erwägungen in „Was heißt Sprechen?“.

Ich werde zunächst schildern, wie sich die Zusammenhänge von Sprache und sozialer Welt an der Oberfläche darstellen, um danach auf die dahinterliegenden Strukturen der Spracherzeugung und –bewertung einzugehen.

a) Phänomenologie des sprachlichen Tauschs

Beim Versuch, die Rolle von Bourdieus Sprachtheorie innerhalb des den sozialen Raum durch das quasi-antinomische Verhältnis von inkorporierter Klassenzugehörigkeit und überindividuellem Habitus ausbildenden Rahmens zu positionieren, wird die ausgezeichnete epistemische und, damit eng verknüpft, politische Macht konstituierende Rolle der Sprache offenbar:[7] der habitualisierten Sprache (die sie immer ist, s. Fußnote 10) kommt eine herausragende gesellschaftliche Differenzierungs- und damit Konstruktionsrolle zu; allerdings ist ihre Wirkung als Distinktionsmittel nur eine notwendige Bedingung für ihre wesentliche und wirkungsträchtigere Funktion als Mittel zur Ausübung symbolischer Macht – die wieder nur das Ziel hat, Distinktion zu schaffen bzw. bestehende Unterschiede zu bekräftigen.[8] Damit ist jedoch nicht nur die üblicherweise als unvermittelte Machtausübung verstandene, explizit imperativische Sprachverwendung gemeint[9] ; vielmehr ist jede Äußerung der mächtigen Akteure, getätigt unter entsprechenden rituellen bzw. ritualisierten Umständen, derjenigen Akteure also, die über das Recht auf Benennung[10] der sozialen Entitäten durch ihre von den Beherrschten entweder durch Stillschweigen[11] oder durch ausdrückliche Anerkennung empfangene Legitimation verfügen, als imperativisch zu verstehen, und zwar im Sinne eines ontologisch-epistemischen „Befehls“[12] der Form „Es sei x“: „Wenn die politische Arbeit im Wesentlichen eine Arbeit vermittels Worten ist, heißt das, daß die Worte dazu beitragen, die soziale Welt zu erzeugen. [...] Von Arbeiterklasse sprechen, die Arbeiterklasse zum Sprechen bringen (indem man für sie spricht), sie repräsentieren, bedeutet, dieser Gruppe, die von den Euphemismen des gewöhnlichen Unbewußten (die „kleinen Leute“, die „einfachen Menschen“, der „Mann auf der Straße“, der „Durchschnittsfranzose“ oder bei bestimmten Soziologen „die einfachen Schichten“) zum Verschwinden gebracht wird, zu einer anderen Existenz für sich selbst und für die anderen zu verhelfen.“[13] Wer im Besitz der Benennungsmacht ist, schafft das, was es in der sozialen Welt gibt, und zwar nicht nur die Entitäten, sondern auch die (problematischen) Verhältnisse, in denen diese miteinander stehen.[14] - Dennoch handelt es sich meist nicht um eine creatio ex nihilo, sondern um eine Verabsolutierung (oder Objektivierung) vorhandener Unterschiede, die als solche nichts über einen ihnen unabdingbar zukommenden Modus der Bewertung als „intellektuell“, ja nicht einmal „intelligent“ aussagen – daher spricht Bourdieu von einem „wohlbegründeten Wahn“: eine gelungene, d.h. akzeptierte Benennung ist „ein symbolischer Willkürakt, aber cum fundamento in re.“[15]

Dieser „phänomenologischen“ Beschreibung der Praxis von Weltkonstitution und Sprachmacht sollen vor der kurzen Schilderung der Genese dieser Autorität noch zwei Beispiele angeschlossen werden, die, wie ich finde, außerordentliche Aussagekraft bezüglich der ontologischen Distinktionsversuche von Akteuren durch sprachliche Mittel besitzen, weil sie Einsätze in einem Markt sind, auf dem wegen der Anonymisierung nur der sprachliche Einsatz und die Wahl des Mediums entscheiden können, ob der Distinktionsgewinn gelingt: bei Heiratsanzeigen.[16] Die erste stammt aus einem kostenlosen Anzeigenblatt mit nur regionaler Verbreitung, die zweite aus der „Zeit“; die Rubriken nennen sich „Wünsche von Herz zu Herz“ bzw., distanzierter, „Zusammenleben“.

[...]


[1] Das heißt besonders: was diskutierbar und diskussionsfähig ist; s. a. Bourdieu, Pierre: Die verborgenen Mechanismen der Macht. Schriften zur Politik und Kultur 1. Hamburg 1997, S. 82, im folgenden ´(VM)`

[2] Bourdieu würde die Frage, ob es Entitäten in der sozialen Welt gibt, die keinem Akteur bekannt sind, wahrscheinlich verneinen – es scheint, als zöge er, der phänomenologischen Tradition folgend, zumindest jedoch als Neu-Kantianer, eine ähnliche ontologische Trennlinie zwischen dem, „was es gibt“ und dem, „was ist“. „Es gibt“ dürfte auch nach Bourdieu als zweistelliges Prädikat zu verstehen sein (´Es gibt x für y`, in diesem Falle für die Akteure im sozialen Raum).

[3] Bourdieu, Pierre: Was heißt Sprechen? Die Ökonomie des sprachlichen Tauschs. Wien 1990, S. 73, im folgenden ´(WS)`

[4] Tatsächlich ist der Begriff der Weltsicht hier gar nicht weit genug zu fassen: Strukturen, Entwicklungen, Machtverhältnisse, kurz alle Formen komplexer sozialer ´Gefüge` und Probleme sind, als abstrakte, den Einzelfall transzendierende Entitäten, ja gar nicht anders auf sprachliche Weise zu gewahren.

[5] (VM), S. 8. – Genüge getan hat Bourdieu selbst diesem Anspruch sicherlich mit der Schaffung von „Das Elend der Welt“, dessen Ehrgeiz es eben ist, diejenigen, die sonst nicht gehört bzw. deren Aussagen sofort als zu subjektiv, zu ungenau, schlicht unqualifizierte abgetan werden, Gehör zu verschaffen. (Bourdieu, Pierre et al.: Das Elend der Welt. Zeugnisse und Diagnosen alltäglichen Leidens an der Gesellschaft. Konstanz 1997)

[6] Bourdieu, Pierre: Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft. Frankfurt a. M. 1982, im folgenden ´(FU)`

[7] Die prägnantesten Aussagen hierzu finden sich im Abschnitt „Politik, Bildung und Sprache“ und „Die verborgenen Mechanismen der Macht enthüllen“ in (VM) sowie im ersten Teil und dritten Teil von (FU).

[8] (WS), S. 56: „Die zu erwartenden Rezeptionsverhältnisse gehören nämlich mit zu den Produktionsverhältnissen [...]“ – wie auch auf dem Gütermarkt nur dann Umsätze erwartet (und nicht nur erhofft) werden, wenn die Absatzchancen bekannt sind.

[9] Der von den Mächtigen realistischerweise zu erwartende Grad des Gehorsams dem direkten politischen Befehl gegenüber, der Grad seiner Realisierbarkeit, ist vielmehr erst Ergebnis des Ergebnisses des Konflikts um die Macht, soziale Welt durch Sprache zu konstruieren; s. z.B. (VM), S. 83.

[10] Der Begriff der Benennungsmacht stammt aus (WS). Zu benennen ist hier durchaus in ontologischen Dimensionen zu verstehen: benennen heißt kreieren („Die Welt ist, was ich vorstelle.“ – S. 72)

[11] Das Schweigen derer, die vom Diskurs bzw. Konflikt um die legitime Sprache ausgeschlossen sind, durch den Diskurs selbst zu verursachen, stellt den Gipfel sprachlicher Macht dar. Hier sei nur kurz darauf hingewiesen, daß dieses Schweigen ein sorgsam reproduziertes ist; „an sich“ verfügt niemand über den ordnungsgemäßen Sprachgebrauch, ebenso wenig wie über „Gossensprache“, den Akzent, den Soziolekt oder ähnliches - sie existieren nicht an sich (z.B. Bourdieus Auseinandersetzung mit der traditionellen Linguistik in (WS), S. 18-21.). Und aufgrund ihrer sozialen Bedingtheit sind all diese Ausdrücke nach Bourdieu auch nicht nur als deskriptive, sondern gleichzeitig im selben Maße als evaluative i.S.v. Erkenntnis über den eigenen Standpunkt im sozialen Raum bildende zu verstehen, welche sich durch den sog. Theorie-Effekt (s. Fußnote 11) zur Selbstverständlichkeit ausprägt.

[12] Im Prinzip meint dies dieselbe Wirkung, die Bourdieu mit dem Begriff „Theorie-Effekt“ bezeichnet - u.a. (WS), S. 112): hier wird sozusagen ein Imperativ in re ausgesprochen.

[13] (VM), S. 84

[14] Siehe z.B. Bourdieus außerordentlich interessanten Überlegungen zur Kritik der „öffentlichen Meinung“ (in: Bourdieu, Pierre: Soziologische Fragen. S. 212-224. Frankfurt a.M. 1993, im folgenden (SF))

[15] (WS), S. 86 - Dass es dort zu einer Fülle von Konflikten zwischen den Legitimierten und denen, die es gerne wären, kommt, nimmt nicht wunder; im Prinzip ist jede Äußerung im politischen Diskurs des Alltags und der politischen Sphäre wie im sprachlichen Diskurs der Hochschulen und des literarischen Felds ein Zug im Spiel um die Benennungsmacht, selbst wenn er nicht als solcher intendiert ist.

[16] Die Distinktion muß nicht explizit angestrebt werden, wie in der ersten Anzeige deutlich wird; hingegen sind die Versuche, nicht nur Spannung, Abstand, Distinktion hinsichtlich des „Simplen“, sondern selbst noch innerhalb der eigenen Position zu erzeugen, in der zweiten ersichtlich. - Methodisch bieten sich Heiratsanzeigen für diesen Vergleich auch an, weil hier die Akteure tatsächlich „alles was sie haben“ (in ökonomischer, kultureller und sozialer Hinsicht) zu formulieren gezwungen sind und gleichzeitig Eigen- und angestrebte Fremdwahrnehmung anschaulich werden – es wird jeweils nur ein Partner gefunden werden können, der nach den selben Regeln spielt bzw. zu spielen gezwungen ist, indem er dieselben Regeln bemüht. – Satzbau und Sperrungen sind übernommen.

Ende der Leseprobe aus 9 Seiten

Details

Titel
On what there is. Zur Rolle der Sprache als erkenntnistheoretischem Fundament der Wahrnehmung sozialer Welt in der Theorie Pierre Bourdieus
Hochschule
Universität Hamburg  (Institut für Soziologie)
Veranstaltung
Lektürekurs Pierre Bourdieu
Note
2,0
Autor
Jahr
2002
Seiten
9
Katalognummer
V37783
ISBN (eBook)
9783638370387
Dateigröße
536 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
In dieser Arbeit wird das Verhältnis zwischen sprachlichem Tausch und der Wahrnehmung der sozialen Welt in der Theorie Bourdieus beleuchtet. Dabei wird vor allem auf Sprache und Sprachproduktionsmechanismen als Mittel sozialer Distinktion eingegangen.
Schlagworte
Rolle, Sprache, Fundament, Wahrnehmung, Welt, Theorie, Pierre, Bourdieus, Lektürekurs, Bourdieu
Arbeit zitieren
Frank Lachmann (Autor), 2002, On what there is. Zur Rolle der Sprache als erkenntnistheoretischem Fundament der Wahrnehmung sozialer Welt in der Theorie Pierre Bourdieus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/37783

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