1980 wurde eine Theorie präsentiert, die die Rolle, die der Metapher in unserer Sprache zugeschrieben wird, grundlegend veränderte. Die Kernaussage dieser von George Lakoff und Mark Johnson erarbeiteten Position besagt, dass Metaphern ihren Ursprung in unserem Denken haben und dieses somit großteils metaphorisch strukturiert ist. Mit dieser Feststellung kommt der Metapher freilich eine ungleich wichtigere Bedeutung zu, als nur die eines oberflächlichen Stilmittels: Sie ist wichtiger Bestandteil alltäglicher Kommunikation. Aus dieser Alltäglichkeit erwächst das wichtigste Postulat der kognitiven Metapherntheorie von Lakoff und Johnson. Es behauptet, dass Metaphern nicht nur unsere Sprache, sondern ebenso unser Denken und deshalb auch unser Handeln beeinflussen. Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit Metaphern genau unter diesen Vorzeichen. Ihr Ziel ist es, das eben vorgestellte Postulat empirisch zu überprüfen. Hierfür wird die kognitive Theorie auf authentisches Sprachmaterial angewandt, welches exemplarisch einem Teilbereich der Alltagssprache entnommen wurde: der Börsensprache. Anhand der Analyse des zusammengetragenen Textkorpus aus diesem Bereich wird beurteilt werden, ob die Metaphern der englischen Börsensprache wirklich das sind, was Lakoff und Johnson mit dem Titel ihres revolutionären Buches von 1980 behaupten: Metaphors We Live By ‚Metaphern, nach denen wir leben’.
Begonnen werden soll vorab mit einer simpel scheinenden Frage: Was ist eigentlich eine Metapher? Um eine Antwort auf diese Frage zu finden, liegt es nahe, zunächst einmal das Oxford English Dictionary (OED) zu konsultieren: “A figure of speech in which a name or descriptive word or phrase is transferred to an object or action different from, but analogous to, that to which it is literally applicable” (s.v.). Auf den ersten Blick scheint hier eine treffende Definition angeboten zu werden, die auch weitgehend dem allgemeinen, ‚landläufigen’ Verständnis einer Metapher entspricht. Wendet man sich in einem zweiten Schritt den verschiedenen Theorien zu, die sich mit Metaphern beschäftigen, sind zwei Dinge besonders auffallend: Zum Einen haben sich seit der Antike ausnehmend viele Personen, darunter einige der größten Denker der Geschichte, immer wieder mit dem Phänomen der Metapher beschäftigt.
Inhaltsverzeichnis
1 Vorwort
1.1 Metaphernverständnis im Wandel
1.2 Life metaphors – who lives by them?
2 Zielsetzung und Aufbau dieser Arbeit
3 Die Metapher, bevor sie unser Leben bestimmte
3.1 Substitutions-/Vergleichstheorie
3.2 Interaktionstheorie
3.2.1 Die Fundamente der Theorie bei I.A. Richards
3.2.2 Ausbau durch Max Black
3.3 Vorläufer einer kognitiven Theorie
4 Die kognitive Theorie nach Lakoff und Johnson
4.1 Philosophische und psychologische Grundlagen
4.1.1 Objektivismus
4.1.2 Erfahrungsrealismus
4.1.2.1 Grundlagen
4.1.2.2 Der Gestaltbegriff
4.1.2.3 Der Begriff der image schemata von Mark Johnson
4.1.2.4 Der Begriff Idealized Cognitive Model (ICM) von George Lakoff
4.2 Die kognitive Charakterisierung der Metapher
4.3 Highlighting and Hiding
4.4 Das Invarianzprinzip
4.5 Unidirektionalität
4.6 Entailment relations und zwischenmetaphorische Kohärenz
4.7 Typologie
4.7.1 Strukturmetaphern
4.7.2 Orientierungsmetaphern
4.7.3 Ontologische Metaphern
4.7.4 Kritische Würdigung dieser Typologie
4.8 Metapherneuschöpfungen
4.9 Lebensmetaphern
5 Methodologische Überlegungen zur Korpusanalyse
5.1 Zum der Untersuchung zugrunde gelegten Verständnis der konventionellen Metapher
5.2 Zum Korpus
5.3 Zur Untersuchung
6 Korpusanalyse
6.1 Die Orientierungsmetapher der vertikalen Bewegung
6.2 Die Personifizierung
6.3 Der Ursprungsbereich des Kampfes
6.4 Die ontologische Behältermetaphorik
6.5 Der Ursprungsbereich des Sportes
7 Sind Börsenmetaphern Lebensmetaphern? – Der Vergleich mit den Ergebnissen von Axel Hübler
7.1 Die Kriterien der Kohärenz, Konventionalität und fundamentalen Erfahrung
7.2 Das Kriterium des handlungsstrukturierenden Potentials
8 Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das Postulat der kognitiven Metapherntheorie von Lakoff und Johnson, wonach Metaphern nicht bloß stilistische Mittel sind, sondern unser Denken und Handeln maßgeblich strukturieren. Ziel ist die empirische Überprüfung dieses Postulats anhand der englischen Börsensprache, um zu beurteilen, ob diese als „Lebensmetaphern“ fungieren.
- Analyse der kognitiven Metapherntheorie und ihrer philosophischen Grundlagen
- Vergleich historischer Metapherntheorien mit dem kognitiven Ansatz
- Methodik der korpusgestützten Analyse englischer Börsenberichte
- Identifikation konzeptueller Metaphern in der Börsensprache
- Überprüfung der Ergebnisse anhand der Kriterien für „Lebensmetaphern“
Auszug aus dem Buch
4.1.1 Objektivismus
Die objektivistische Weltsicht, die dem klassischen Metaphernverständnis zugrunde liegt, ist eine tief in unserer westlichen Kultur verankerte Denkweise, die ihren Ursprung bereits in vorsokratischer Zeit hat. Es wird postuliert, dass den Dingen in der Welt objektiv feststellbare Merkmale anhaften (Baldauf 1997, 49). Ein Stuhl etwa hat demnach eine bestimmte Zahl von Kennzeichen. Vorstellbar wären z.B. das Vorhandensein einer Sitzfläche, Lehne, von Füßen, usw. Diese Kriterien sind außerhalb jeder sprachlichen oder kognitiven Sphäre existent: Sie unterliegen also keinerlei individueller Interpretation oder Subjektivität und sind ganz und gar unabhängig von unserer menschlichen Wahrnehmung. Aufgrund der Existenz dieser objektiven Merkmale gibt es objektive Kategorien, in die sich Dinge einordnen lassen (Baldauf 1997, 49). Die Merkmale dienen als Kriterien für diese Einordnung: Hat ein Ding eine Sitzfläche, Lehne und vier Füße, wird es in die Kategorie ‚Stuhl’ eingeordnet. Die Kategoriezugehörigkeit erfolgt also aus der Erfüllung von notwendigen und hinreichenden Bedingungen.
Völlig analog zu den Kategorien in der realen Welt werden auch mentale Kategorien gesehen: Sie sind naturgetreue Abbilder der Umwelt. Denken wird als „Spiegel der Realität“ (Baldauf 1997, 61) verstanden. Dieses objektivistische Konzeptverständnis schließt Subjektivität völlig aus: Wie wir unsere Welt verstehen und mental strukturieren, hängt nicht von uns und unseren individuellen Erfahrungen und Vorraussetzungen ab, sondern ist für alle Menschen gleich (vgl. Baldauf 1997, 62). Wie Lakoff es formuliert: „The objectivist account of cognition, meaning and rationality makes no mention of the nature of who or what is doing the thinking. The nature of the human organism and the way it functions is irrelevant to the objectivist account of meaningful thought and reason.” (Lakoff 1987a, 173).
Zusammenfassung der Kapitel
1 Vorwort: Einleitung in die kognitive Metapherntheorie und Vorstellung der zentralen Forschungsfrage bezüglich des Einflusses von Metaphern auf Denken und Handeln.
2 Zielsetzung und Aufbau dieser Arbeit: Beschreibung des methodischen Vorgehens, bei dem Ergebnisse von Axel Hübler als Arbeitshypothesen für eine eigene Korpusanalyse genutzt werden.
3 Die Metapher, bevor sie unser Leben bestimmte: Historische Einordnung der Substitutions-, Vergleichs- und Interaktionstheorie als Vorläufer der kognitiven Forschung.
4 Die kognitive Theorie nach Lakoff und Johnson: Detaillierte Darstellung der Grundlagen, zentralen Konzepte (ICMs, Bildschemata, Gestalten) und der Typologie metaphorischen Denkens.
5 Methodologische Überlegungen zur Korpusanalyse: Erläuterung der Auswahlkriterien für das Korpus sowie des Vorgehens bei der Identifikation und Validierung konventioneller Metaphern.
6 Korpusanalyse: Präsentation der Untersuchungsergebnisse, inklusive der Kategorisierung und Häufigkeitsverteilung der gefundenen Metaphern in der Börsensprache.
7 Sind Börsenmetaphern Lebensmetaphern? – Der Vergleich mit den Ergebnissen von Axel Hübler: Diskussion der empirischen Daten vor dem Hintergrund der Kriterien für Lebensmetaphern.
8 Zusammenfassung: Synthese der Ergebnisse und Bestätigung, dass Börsenmetaphern für Laien eine lebensbestimmende, kognitive Strukturierungsfunktion besitzen.
Schlüsselwörter
Kognitive Metapherntheorie, George Lakoff, Mark Johnson, Lebensmetaphern, Börsensprache, Korpusanalyse, Konventionelle Metapher, Bildschemata, Idealized Cognitive Models, Personifizierung, Orientierungsmetaphern, Strukturmetaphern, Ontologische Metaphern, Erfahrungsrealismus, Kognitive Linguistik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die kognitive Funktion von Metaphern. Es wird der Frage nachgegangen, ob Metaphern, wie von Lakoff und Johnson postuliert, unsere Wahrnehmung und unser Handeln beeinflussen („Lebensmetaphern“).
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Zentrale Themen sind die kognitive Linguistik, die Theorie der Metaphorik sowie deren empirische Anwendung auf die Börsensprache.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist die empirische Überprüfung, ob konventionelle Metaphern der Börsensprache als „Lebensmetaphern“ gelten können, die das Denken und Handeln von Laien im Finanzsektor strukturieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine korpusgestützte Analyse angewandt, die auf einer qualitativen Auswertung von 41 Zeitungsartikeln basiert, um metaphorische Konzepte zu identifizieren.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Fundierung (Lakoff & Johnson), eine methodische Vorbereitung und die anschließende Korpusanalyse sowie den Vergleich mit Vorstudien von Axel Hübler.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Kognitive Metapherntheorie, Lebensmetaphern, Börsensprache, Korpusanalyse, konzeptuelle Metaphern und Erfahrungsrealismus.
Welche Rolle spielen „Little People“ in der Argumentation?
Der Begriff bezieht sich auf Laien ohne Expertenwissen, für die Metaphern laut der Analyse als notwendige kognitive Werkzeuge dienen, um die komplexen Vorgänge an der Börse überhaupt begreifen zu können.
Wie unterscheidet sich die vorliegende Arbeit von der von Axel Hübler?
Die Arbeit widerlegt Hüblers These, dass das Kriterium der „Naturkatastrophen“ das zentrale Element für Börsenmetaphern ist, und zeigt stattdessen die Dominanz der vertikalen Bewegung und Personifizierung unter normalen Marktbedingungen.
- Arbeit zitieren
- Kerstin Nowak (Autor:in), 2008, Metaphorik der englischen Börsensprache, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/377967