Zugehörigkeitsmanagement von Jugendlichen mit Migrationshintergrund unter dem Einfluss alltäglicher Rassismuserfahrungen

Wie kann Soziale Arbeit bei der Bewältigung unterstützen?


Bachelorarbeit, 2016

86 Seiten, Note: 1,4


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Definition der Schlüsselbegriffe
2.1 Jugendliche mit Migrationshintergrund
2.2 Zugehörigkeit im Kontext von Migration
2.3 Alltagsrassismus
2.4 Lebensbewältigung

3 Das Phänomen der Migration
3.1 Deutschland als Migrationsgesellschaft - ein Rückblick
3.2 Migration als Differenzlinie
3.3 Migration und soziale Benachteiligung
3.4 Zusammenfassung

4 Lebenssituation von Jugendlichen mit Migrationshintergrund
4.1 Die Herausforderung der Identitätsfindung im Jugendalter
4.2 (Nicht-)Zugehörigkeit und Zugehörigkeitsmanagement
4.3 Alltägliche Rassismuserfahrungen von Jugendlichen mit Migrationshintergrund
4.3.1 Facetten von Alltagsrassismus
4.3.2 Folgen von Alltagsrassismus
4.4 Zusammenfassung

5 Einfluss von Alltagsrassismus auf Lebensbewältigung und Zugehörigkeitsmanagement
5.1 Exkurs: Die Kapitaltheorie nach Bourdieu
5.2 Lebensbewältigung und Migration
5.3 Herausforderungen der Zugehörigkeitsbewältigung
5.4 Zusammenfassung

6 Unterstützungsmöglichkeiten der Sozialen Arbeit in Bezug auf die Bewältigung alltäglicher Rassismuserfahrungen junger Migrantinnen und Migranten
6.1 Unterstützung des Individuums
6.2 Wissen und Haltung der Sozialarbeitenden
6.2.1 Lebensweltorientierung
6.2.2 Interkulturelle Kompetenz
6.2.3 Diversität
6.2.4 Intersektionalität
6.2.5 Handlungsempfehlungen für Sozialarbeitende
6.3 Unterstützung auf institutioneller Ebene
6.4 Zusammenfassung

7 Fazit

8 Quellenverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Basiskomponenten der interkulturellen Kompetenz

Abbildung 2: Achsen der Intersektionalität

Abbildung 3: Handlungsempfehlungen für Sozialarbeitende

„ Ich sag mal so, in der Gesellschaft brauchst du dich selber nicht einstufen. Das machen die anderen für dich. Die lassen dir auch keinen Raum, die lassen dir auch keine Zeit, dich selbst einzustufen [ … ] selbst zu finden, wo du hingeh ö rst. Du wirst als erstes in deine

Schublade gesteckt - abgestempelt. “

(Harun und G ü lhan, in: SCHARATHOW, 2014: 223)

Vorwort

Vorurteile, Stereotype und Diskriminierung prägen das Bild der deutschen Gesellschaft. Dabei machen Gruppen, welche als minderwertig determiniert werden, immer häufiger die Erfahrung, fremdbestimmt und von einer dominanteren Gruppe eingeordnet zu werden. Das Schubladendenken ist ein Problem in der Gesellschaft, welches überwiegend durch rassistische Anfeindungen zum Ausdruck gebracht wird. Für Menschen mit Migrationshintergrund sind diese Erfahrungen nahezu alltäglich und bestimmen ihre Lebensrealität kontinuierlich.

Die vorliegende Bachelorarbeit beschäftigt sich mit dem Thema Alltagsrassismus gegenüber Jugendlichen mit Migrationshintergrund. Das besondere Erkenntnisinteresse dieser Arbeit liegt auf dem Zugehörigkeitsmanagement von Jugendlichen mit Migrationshintergrund, da die prek ä re Zugehörigkeit gegenüber der Integration meist in den Hintergrund rückt und im gesellschaftlichen Kontext unausgesprochen bleibt. Dabei soll untersucht werden, durch welche Bewältigungsstrategien die Soziale Arbeit das betroffene Individuum unterstützen kann. Das Thema Migration hat mich bereits das gesamte Studium über fasziniert, weshalb ich meine Seminar- und Studienarbeiten sowie die erforderlichen Referate stets an dem Thema orientiert habe. Aus diesem Grund war es mir eine Freude, mich im Rahmen der Bachelorarbeit ausführlich mit Migration zu beschäftigen. Migration in Verbindung mit Rassismus und der daran anschließenden Zugehörigkeitsfrage von Jugendlichen mit Migrationshintergrund bot eine hochinteressante Grundlage für die Bachelorarbeit.

Bedanken möchte ich mich besonders bei Prof. Dr. Barbara Schramkowski für die kompetente Betreuung und die Begleitung über die gesamte Zeit der Vorbereitung wie auch im Schreibprozess. Auch einen herzlichen Dank an dieser Stelle für die zahlreichen Literaturhinweise, die mir eine große Hilfe waren. Einen großen Dank möchte ich auch an meine Korrekturleserinnen und Korrekturleser aussprechen, die sich die Zeit genommen haben, die Bachelorarbeit auf Rechtschreib- und Formulierungsfehler zu überarbeiten und mich auf inhaltliche Unstimmigkeiten hinzuweisen. Diese Arbeit wäre ohne externe Hilfe nicht so zu realisieren gewesen.

1 Einleitung

In der Stra ßenbahn geschah es, dass ich mit einem ä lteren Herrn zusammenprallte, der dann mit einem ‚ Türken raus! ‘konterte.1

Die unangenehmsten Situationen [ … ] sind f ü r mich die nonverbalen. Also wenn jemand etwas sagt, ist es für mich nicht so schlimm, wie Leute in der Bahn oder im Bus, die mit Blicken diskriminieren, die versuchen, verachtend zu gucken.2

Durch mein Aussehen ist das immer die erste Frage woher ich komme. ( … ) Dann f ä ngt die Raterei an. Wenn ich dann eben nicht sage wo ich herkomme, oder sage ‚ Ich komme aus Kiel ‘ , dann kommt immer die Frage woher ich denn wirklich komme. Je mehr ich dann verheimliche, woher ich komme desto gr öß er ist dann auch die Neugierde. Das steht meistens im Vordergrund.3

Diese Ausschnitte geben einen ersten Eindruck davon, wie der Alltag von Jugendlichen mit Migrationshintergrund in Deutschland aussieht. Das Aufwachsen und das Leben in einer Gesellschaft wie Deutschland, die durch eine starke kulturelle Vielfalt geprägt ist, werden häufig von Auseinandersetzungen mit vielfältigen Ausgrenzungserfahrungen bestimmt. Die Alltäglichkeit der durch Rassismus erzeugten prekären Zugehörigkeiten ist dabei für die Mehrheit der deutschen Bevölkerung nicht sichtbar und findet deshalb in der pädagogischen Praxis wenig Aufmerksamkeit. Für junge Migrantinnen, Migranten stellt dies jedoch eine Normalität dar, die für die Jugendlichen in ihrer Lebensphase kaum tragbar erscheint.

In der Politik, den Medien aber auch in der Gesellschaft gewinnt das Thema Rassismus durch die stark steigenden Flüchtlingszahlen zunehmend an Relevanz. Es ist zu beobachten, dass ein Teil der deutschen Gesellschaft Menschen mit anderer kultureller Abstammung ausgrenzt, sodass ihnen die Teilhabe am Alltagsleben verwehrt bleibt. Besonders in den nächsten Jahrzehnten wird die Zugehörigkeitsthematik und die damit verbundenen Rassismuserfahrungen an Bedeutung gewinnen, da die Zahl der Migrantinnen, Migranten zweiter und höherer Generationen durch die anhaltende Zuwanderung kontinuierlich zunehmen wird. Besonders für die Soziale Arbeit stellt das eine Herausforderung dar, da diese dazu aufgerufen ist, aktiv dagegen vorzugehen. Die problematische Lebenssituation von Jugendlichen mit Migrationshintergrund soll in der folgenden Arbeit ausführlich erörtert und dargestellt werden. Dabei spielt die Soziale Arbeit eine bedeutende Rolle, da diese dazu angehalten ist, die Problematik zu erkennen, dessen Entstehung zu verhüten und die Folgen zu lindern.

Die Bachelorarbeit mit dem Thema ‚ Zugeh ö rigkeitsmanagement von Jugendlichen mit Migrationshintergrund unter dem Einfluss allt ä glicher Rassismuserfahrungen ‘ möchte dazu anregen, die Lebensrealitäten von Jugendlichen mit Migrationshintergrund ernst zu nehmen sowie deren Auseinandersetzung mit rassistischen Erfahrungen zu erkennen und nicht ausschließlich den Blick auf mögliche kulturelle Differenzen zu richten.

Des Weiteren möchte sie darauf aufmerksam machen, wie alltägliche Rassismuserfahrungen in Form von Vorurteilen oder Diskriminierungen die Lebensgestaltung der Jugendlichen sowie deren Zugehörigkeitswünsche beeinflusst. Der Fokus liegt dabei auf jugendlichen Migrantinnen, Migranten. Hinsichtlich der Lebensphase Jugend sind die Jugendlichen mit komplexen Entwicklungsaufgaben konfrontiert, die es zu bearbeiten gilt. Die Kombination aus Anforderungen der Jugend und Migrationshintergrund stellt dabei eine besondere Herausforderung für die Bewältigung dar.

Die Soziale Arbeit ist, aufgrund der angespannten Grundstimmung in der Gesellschaft, dazu aufgerufen, durch ihren fachlichen Anspruch eine vermittelnde Position zwischen den jugendlichen Migrantinnen, Migranten und der Gesellschaft einzunehmen. Dabei soll aufgezeigt werden, wie die Soziale Arbeit auf den verschiedenen Ebenen bei der Bewältigung der alltagsrassistischen Erfahrungen unterstützend mitwirken kann und welche Schlüsselkompetenzen erforderlich sind, um gegen Alltagsrassismus vorzugehen. Die alltäglichen Rassismuserfahrungen der Jugendlichen und die daraus resultierende prekäre Zugehörigkeit stehen dabei im Mittelpunkt der Arbeit.

Im Folgenden soll ein kurzer Überblick über den Aufbau der Arbeit gegeben werden: Für die vorliegende Arbeit ist es zunächst von Bedeutung, grundlegende Schlüsselbegriffe, auf welche die Bachelorarbeit aufbaut, zu erläutern (2). Anschließend wird das Phänomen der Migration mit den damit verbundenen Auswirkungen auf die Einwanderungsgesellschaft dargestellt (3). Dies dient als Grundlage für die Beschreibung der Lebenssituation von Jugendlichen mit Migrationshintergrund in Deutschland (4), in dessen Kontext auf die verschiedenen Problemlagen eingegangen wird. Daraufhin wird untersucht, welchen Einfluss Alltagsrassismus auf die Lebensbewältigung und das Zugehörigkeitsmanagement von jungen Migrantinnen, Migranten hat (5). Im sechsten Kapitel werden verschiedene Unterstützungsmöglichkeiten durch die Soziale Arbeit aufgezeigt, die auf der individuellen, der professionellen und der institutionellen Ebenen verortet sind (6). Die Arbeit wird mit einem Fazit abgeschlossen (7).

2 Definition der Schlüsselbegriffe

Die im Folgenden aufgeführten Begriffe bilden die Grundlage dieser Arbeit. Auf die Beschreibung der Zielgruppe (2.1) folgt eine Zugehörigkeitsdefinition im Kontext von Migration (2.2) und die prägnante Erläuterung des Begriffs Alltagsrassismus, welcher im Fokus dieser Arbeit steht (2.3). Am Ende dieses Kapitels wird die Lebensbewältigung im Kontext von Migration eingegrenzt (2.4).

2.1 Jugendliche mit Migrationshintergrund

Migration beschreibt „ die dauerhafte Verlagerung des Lebensmittelpunktes von Individuen, Familien oder sozialen Gruppen an einen anderen Ort [ … ]4, während in diesem Kontext die Nachkommen zugewanderter Gruppen und Familien miteingeschlossen werden.5 Einen Migrationshintergrund haben demzufolge alle Personen, die neu zugewandert sind, d.h. die in einem anderen Land geboren wurden, unabhängig der Staatsbürgerschaft sowie Personen, die in Deutschland geboren wurden und ausländische Vorfahren haben. Im Kontext des Migrationshintergrundes wird zusätzlich zwischen Zugewanderten (erste Generation) und in Deutschland geborenen (zweite Generation und höher) unterschieden.6

Laut einer Erhebung des Statistischen Bundesamtes im Jahre 2014 ist bei rund 20 % der in Deutschland lebenden Menschen ein Migrationshintergrund nachweisbar. Dies betrifft rund 16,3 Millionen Personen, wovon ca. 5,4 Millionen Menschen der zweiten Generation zugehörig sind. Im Jahr 2012 stammten ca. 32 % der Kinder und Jugendlichen aus einer Familie mit Migrationshintergrund. In Großstädten haben rund 46% der Kinder und Jugendlichen einen Migrationshintergrund. Davon sind ungefähr zwei Drittel nach Deutschland eingewandert. Ca. ein Drittel ist bereits in Deutschland geboren.7,8

Als Jugend wird aus jugendsoziologischer und psychologischer Sicht die Lebensphase zwischen Kindheit und Erwachsensein bezeichnet. Die Phase der Jugend ist geprägt durch eine besondere Dynamik und wird durch unterschiedliche Prozesse in biologischer, psychologischer und sozialer Ausprägung begleitet. Eine große Rolle im Rahmen der Sozialisation spielt die Bewältigung besonderer Entwicklungsaufgaben. Diese umfassen u.a. die Verinnerlichung von Normen, das Verankern des moralischen Bewusstseins, die Bestärkung des Selbstwertgefühls sowie die Identitätsfindung und die Entwicklung eines stabilen Selbstkonzepts. Jugendliche können in dieser Phase anfällig für Rollenunsicherheiten sein und leicht in ihrem Selbstbild schwanken. Die Erfüllung der aufgeführten Entwicklungsaufgaben ist nicht nur Voraussetzung für eine gelingende positive Entwicklung, sie ist ebenso verantwortlich für das Herausbilden positiver Potentiale zur Bewältigung sich wandelnder soziokultureller Strukturen.9

Jugendliche mit Migrationshintergrund müssen sich aufgrund ihrer Herkunft im Zusammenspiel mit der Bewältigung der Entwicklungsaufgaben einer besonderen Herausforderung stellen, was spezielle Kompetenzen erfordert. Demnach bilden jugendliche Migrantinnen, Migranten nicht mehr nur eine marginale Gruppe. Der Migrationshintergrund stellt vielmehr ein bedeutsames soziostrukturelles Merkmal der deutschen Gesellschaft dar.10 Im Mittelpunkt dieser Arbeit stehen jugendliche Migrantinnen, Migranten zweiter und höherer Generation. Diese Jugendlichen wurden in Deutschland geboren und sind in der deutschen Gesellschaft sozialisiert. Die Problematik der Zugehörigkeit und des Alltagsrassismus zeigt sich hier verstärkt, da die Jugendlichen, trotz vermeintlicher deutscher Angehörigkeit, diskriminiert werden und ihre Andersartigkeit hervorgehoben wird. Demzufolge werden Jugendliche mit Migrationshintergrund durch ihre Mehrfachzugehörigkeit in besonderem Maße mit der Herausforderung der Migration und der Lebensphase Jugend konfrontiert. Grund hierfür sind Spannungen zwischen Normen des Elternhauses und der deutschen Gesellschaft.11 An dieser Stelle ist anzumerken, dass in dieser Arbeit eine Trennung in das gesellschaftliche ‚ Wir ‘ und das gesellschaftliche ‚ Die ‘ vorgenommen wird, um bestimmte Phänomene untersuchen zu können, die mit dem Migrationshintergrund in Zusammenhang stehen. Es besteht jedoch keinerlei wertende Intentionen gegenüber der Gesellschaftsgruppe.

2.2 Zugehörigkeit im Kontext von Migration

„ Der soziale und politische Integrationsanspruch besteht [ … ] im Kern auf der fraglosen Einordnung der MigrantInnen in das national-kulturelle Kollektiv der Mehrheitsgesellschaft. “ 12

Zugehörigkeit ist für den sozialen und politischen Anspruch der Integration ein fundamentaler Bestandteil und Voraussetzung für eine gelingende Eingliederung. Im Kontext von Migration wird stets über die Problematik der Heterogenität, Differenz und Ungleichheit diskutiert, die aufgrund von Grenzen als Resultat der Migration entstehen können (vgl. 3.2). Mit Grenzen sind hier nicht nur territoriale Grenzen gemeint, sondern auch symbolische Grenzen wie die Zugehörigkeit. Migration problematisiert somit Zugehörigkeitsverhältnisse und macht sie in individueller, sozialer und gesellschaftlicher Hinsicht zum Thema.13,14

Zugehörigkeit im Kontext von Migration beschreibt den Kampf um die Teilhabe in einer Gesellschaft, die „ ihre aktuelle Vielfalt noch nicht oder nicht immer in ihr Selbstverst ä ndnis aufgenommen hat [ … ]15 und verkörpert „ eine spezifische Beziehung zwischen der Mehrheitsgesellschaft und den MigrantInnen als Angeh ö rige von alten oder neuen Minderheiten16. Migrantinnen, Migranten zweiter und nachfolgender Generationen können in diesem Zusammenhang als mehrfach-zugehörig charakterisiert werden, da sie meist durch mehrere Kulturen und Traditionen geprägt wurden und sich deshalb ihre Zugehörigkeit nicht exakt einordnen lässt. Aufgrund der Mehrfachzugehörigkeit wird die Zugehörigkeit zu Deutschland seitens der Mehrheitsgesellschaft vermehrt in Frage gestellt. Dies kann damit begründet werden, dass Migrantinnen, Migranten ab der zweiten Generation im Wesentlichen in Deutschland sozialisiert sind, sie jedoch aufgrund von ethnischen, rassistischen und/oder kulturellen Merkmalen nicht der idealtypischen Vorstellung von ‚ Standarddeutschen ‘ entsprechen. In der Forschung wird deshalb von einer prek ä ren Zugehörigkeit von Jugendlichen mit Migrationshintergrund ausgegangen. Aus diesem Grund werden besonders Menschen mit Migrationshintergrund, die bereits in Deutschland geboren sind, aber ausländische Wurzeln haben, mit der Zugehörigkeitsfrage konfrontiert.

Laut P. MECHERIL sind Menschen mit Migrationshintergrund ständig mit der Frage nach der Zugehörigkeit konfrontiert. Den Umgang mit der Erfahrung prekärer Zugehörigkeitsverhältnisse beschreibt er deshalb als Zugeh ö rigkeitsmanagemen t. Zugeh ö rigkeitsmanagement ist somit ein wissenschaftliches Konstruktionswort, welches er im Kontext von Migration und Zugehörigkeit verwendet. In dieser Arbeit wird das Zugeh ö rigkeitsmanagement verwendet, um den Umgang von Migrantinnen, Migranten mit alltäglichen Rassismuserfahrungen im Kontext der prekären Zugehörigkeit zu untersuchen.17

2.3 Alltagsrassismus

Nach B. ROMMELSPACHER geht es bei Rassismus um „ die Markierung von Unterschieden, die man dazu braucht, um sich gegen ü ber anderen abzugrenzen18. Die Intention der ausgrenzenden Handlung besteht darin, der ausschließenden Gruppe einen privilegierten Zugang zu bestimmten materiellen und symbolischen Ressourcen zu sichern, während der auszuschließenden Gruppe dieser Zugang systematisch verwehrt bleibt. Durch diese Handlungsbereitschaft werden Macht- und Herrschaftsverhältnisse seitens der überlegenen Gruppe zum Ausdruck gebracht. Dabei werden willkürliche Merkmale, wie beispielsweise Hautfarbe oder Sprache, zur Markierung einer Fremdengruppe verwendet, um so dessen Mitgliedern eine bestimmte Wesensart zuzuschreiben und diese bewusst oder unbewusst herabzuwürdigen. Gleichzeitig dient Rassismus der Aufwertung der eigenen Gruppe. Rassismus kann somit als ein System von Diskursen und Praxen definiert werden, das bestimmte Machtverhältnisse legitimiert und reproduziert. In dem Prozess der Legitimierung werden soziale und kulturelle Differenzen naturalisiert und soziale Beziehungen zwischen Menschen als unveränderlich bestimmt (Naturalisierung). Dabei findet eine Homogenisierung der Menschen statt, wo diese vereinheitlicht und in Gruppen zusammengefasst werden. Diese gemachten Gruppen stehen den Anderen unvereinbar gegenüber (Polarisierung) und bilden so eine strenge gesellschaftliche Rangordnung (Hierarchisierung).

Somit handelt es sich bei Rassismus keinesfalls um individuelle Vorurteile, sondern um das systematische Legitimieren von gesellschaftlichen Hierarchien, die auf der Diskriminierung von unterlegenen Gruppen basieren. Rassismus spiegelt folglich ein gesellschaftliches Verh ä ltnis, das plausibel macht, gesellschaftliche Ungleichheitsverhältnisse zu legitimieren und zu stabilisieren. Zusammengefasst weist Rassismus in Bezug auf kulturelle Hintergründe jedem Gesellschaftsmitglied einen legitimen Platz zu, ohne auf dessen Bedürfnisse und Wünsche zu achten.19,20,21

Allgemein gesehen wird dann von Rassismus gesprochen, wenn folgende Kriterien zutreffen:22

1. Menschen werden in Bezug auf ihre Herkunft in soziale Gruppen des ‚ Wir ‘ s ‘ und der ‚ Anderen ‘ geteilt. Es erfolgt eine Zuschreibung von abweichenden Eigenschaften, während Individuen hinter rassistischen Kategorien unsichtbar werden.

2. Die zugeschriebenen Eigenschaften werden so bewertet, dass eine gesellschaftliche Schlechterstellung plausibel erscheint.

3. Der strukturelle Zugang zu privilegierten Positionen in der Gesellschaft wird gezielt erschwert oder bestimmtes Handeln Dritter gänzlich verwehrt.

Der Begriff des Alltagsrassismus wurde von P. ESSED (1991) geprägt und macht „[…] auf das Zusammenwirken und die Allt ä glichkeit von strukturellen und individuellen Ausgrenzungspraxen23 aufmerksam. Darüber hinaus sollten laut C. MELTER neben der Konstruktion, Einteilung und Hierarisierung von Gruppen auch benachteiligende, verletzende oder ausgrenzende Handlungen, als konstituierender Teil von Alltagsrassismus, die Definition von ESSED ergänzen. Im deutschsprachigen Raum wurde Alltagsrassismus in Anlehnung an R. LEIPRECHT definiert. LEIPRECHT geht davon aus, dass Alltagsrassismus „ vor allem als individuell praktizierte, subtile, schwer erkennbare Form von Rassismus in Alltagssituationen [ … ]24 verstanden werden kann.25,26

Alltagsrassismus ist somit eine Art des Rassismus und verkörpert alltägliche Erfahrungen von Menschen mit Migrationshintergrund, die infolge ihrer zugeschriebenen Andersartigkeit Ausgrenzung und vielfältige Stigmatisierungen erfahren. Ein weiteres Charakteristikum von Alltagsrassismus sind die Erfahrungen des Ausgeschlossenseins von Angeh ö rigen der Mehrheitsgesellschaft in ihrer ausgrenzenden Bedeutung nicht erfasst und bleiben trotz ihrer zentralen Relevanz [ … ] unber ü cksichtigt27. Die Mehrheitsgesellschaft entwickelt alltagsrassistische Denkund Handlungsmuster von undifferenzierten und vorurteilsbehafteten Vorstellungen, wer z.B. als deutsch und somit als Gesellschaftsmitglied anerkannt werden darf. Somit trägt Alltagsrassismus dazu bei, eine immer größer werdende soziale Distanz zwischen Eingewanderten und Mitgliedern der Mehrheitsgesellschaft zu schaffen. Hinzu kommt, dass das Zugehörigkeitsempfinden von Migrantinnen, Migranten kontinuierlich beeinträchtigt bzw. gänzlich verunsichert wird.28

2.4 Lebensbewältigung

„ Lebensbew ä ltigung meint [ … ] das Streben nach subjektiver Handlungsf ä higkeit in Lebenssituationen, in denen das psychosoziale Gleichgewicht - im Zusammenspiel von Selbstwert, sozialer Anerkennung und Selbstwirksamkeit - gef ä hrdet ist. “ 29

Bestimmte Lebenskonstellationen werden vor allem dann als kritisch bewertet, wenn die bisher verfügbaren personalen und sozialen Ressourcen für die Bewältigung nicht mehr ausreichen. Demzufolge können sich sozialstrukturelle Probleme negativ auf das Wohlbefinden einer Person auswirken und die Entstehung von kritischen Lebensereignissen begünstigen. Eine kritische Lebenskonstellation kann sich neben tiefenpsychischen Erfahrungen des Selbstwertverlusts auch durch Erfahrungen sozialer Orientierungslosigkeit und des fehlenden sozialen Rückhalts sowie die Suche nach erreichbaren Formen der sozialen Integration kennzeichnen. Erreichbare Formen sozialer Integration meint in diesem Kontext die Suche nach sozialem Anschluss und Anerkennung durch die Mehrheitsgesellschaft. Eine erfolgreiche Lebensbewältigung bildet somit das Fundament für die Anerkennung und Zugehörigkeit zur Mehrheitsgesellschaft.

Seitens der Sozialen Arbeit wurde zur Unterstützung der individuellen Lebensbewältigung ein sozialpädagogisches Bewältigungskonzept entwickelt, welches das Individuum befähigt, nach seiner psychosozialen Handlungsfähigkeit zu streben. Im Rahmen des sozialpädagogischen Konzepts wird ein Zusammenhang geschaffen, in dem das Zusammenwirken von strukturellen und psychosozialen Einflussfaktoren thematisiert und strukturiert werden kann. In Bezug auf die Erfahrung von Alltagsrassismus und das Erarbeiten der Zugehörigkeit scheint die gelingende Lebensbewältigung ein grundlegendes Element zu sein, um eine positive Lebenskonstellation zu gewährleisten. Zunächst muss die Soziale Arbeit junge Migrantinnen, Migranten dabei unterstützen, individuell handlungsfähig zu werden, um dadurch die Entwicklung von personalen und sozialen Ressourcen zu gewährleisten. Diese sind für die Bewältigung von Rassismuserfahrungen erforderlich.30

3 Das Phänomen der Migration

Immer mehr Menschen wandern, pendeln und lassen sich an einem Ort nieder, der nicht ihrem Geburtsort entspricht. Das Phänomen der Migration ist somit eines von vielen Merkmalen der modernen Gesellschaft. Oft wird Migration von Seiten der Mehrheitsgesellschaft als Gefahr für die eigene Kultur, die Gewohnheiten und vor allem für das Wohlergehen gesehen, weshalb eine strikte Trennung von den ‚ Anderen ‘ und dem ‚ Wir ‘ vollzogen wird. Es entstehen Differenzlinien in der Gesellschaft, die wiederum soziale Probleme begünstigen, die insbesondere Eingewanderte zu spüren bekommen.

In diesem Kapitel wird zunächst auf die Geschichte der Migration im vermeintlichen Einwanderungsland Deutschland eingegangen (3.1). Anschließend wird geprüft, inwiefern Migration als gesellschaftliche Differenzlinie funktioniert und auch so gesehen werden kann (3.2). Migration dient außerdem des Öfteren als Begründung sozialer Probleme. Diese Behauptung wird ausführlich beleuchtet (3.3).

3.1 Deutschland als Migrationsgesellschaft - ein Rückblick

Wanderungen gibt es seit Beginn der Menschheitsgeschichte [ … ]31, so G. AUERNHEIMER. Dies zeigt die nur schwer erfassbare Weite der Migrationsgeschichte, die jedoch nur wenig Rückschlüsse auf Migrationsmotive, -ziele und -bedingungen zulässt.32 Aus diesem Grund wird im Folgenden ausschließlich auf die Migrationsgeschichte des 20. und 21. Jahrhunderts eingegangen.

Die Bundesrepublik ist seit jeher ein von Zu- und Abwanderungsprozessen gekennzeichnetes Land. Bereits vor der Arbeitsmigration der 60er Jahre wurde Deutschland durch starke Zuwanderung geprägt. Es wurde mehrheitlich davon ausgegangen, dass ein enger Zusammenhang zwischen der Arbeitsmarktpolitik und der Einwanderungspolitik besteht, was sich durch Anwerbeabkommen mit Ländern wie Italien, der Türkei oder Spanien und Griechenland zeigte.

Zuvor wurde das Gesellschaftsbild der Bundesrepublik stark durch den zweiten Weltkrieg und dem anschließenden Einfluss des NS-Regimes geprägt. Während des zweiten Weltkrieges wanderten viele Menschen zur Unterstützung der deutschen Kriegswirtschaft zu. Nach dem Krieg kam es zu einer nahezu vollständigen Vertreibung der deutschsprachigen Bevölkerung durch Alliiertengruppen, die Zuflucht in Ost- und Westdeutschland suchten. Bereits zu dieser Zeit waren Geflüchtete aufgrund ihrer Andersartigkeit zahlreichen Diskriminierungen ausgesetzt und wurden als ‚ Fremde ‘ betrachtet.

Aus Engpässen auf einigen deutschen Teilarbeitsmärkten im Jahre 1952 resultierten kurzfristig geplante und relativ unorganisierte Anwerbungen ausländischer Arbeitskräfte. Das Wirtschaftswachstum in der Bundesrepublik hielt an, weshalb 1955 der erste Anwerbevertrag mit Italien abgeschlossen wurde. Somit wurde Deutschland zum

offiziellen Einwanderungsland erklärt. Die eigentliche Phase der Gastarbeiterbeschäftigung begann mit dem Mauerbau 1961, da die kontinuierliche Zuwanderung seitens der DDR ausblieb. Die Bundesrepublik war nun auf die Zuwanderung ausländischer Arbeitskräfte angewiesen, die durch systematisches Anwerben nach Deutschland geholt wurden.

Mit dem Anwerbestopp 1973 sank die Zahl der ausländischen Arbeitskräfte in den Folgejahren um rund eine Million. Dieser Verlust wurde jedoch durch die Zuwanderung von Familienangehörigen ausgeglichen was zu einer relativ konstanten Ausländerrate von etwa 3,6 Millionen Menschen führte.

Eine neue Struktur von Migrationsbewegung ist seit 1989 mit der ost- und mitteleuropäischen Revolution zu verzeichnen. Die Migrationsprozesse sind weniger vom deutschen Arbeitsmarkt gesteuert, sondern viel mehr von politischen Prozessen abhängig. Bis 2012 nahm der Umfang der Wanderung stark zu, woraus sich ein Wanderungsüberschuss von etwa 4,7 Millionen Menschen ergab. Die Hauptzuwanderungsgruppen seit den 90er Jahren sind neben EU-Bürgern vor allem Spätaussiedlerinnen, Spätaussiedler, Familienangehörige von Eingewanderten, Arbeitsmigrantinnen, Arbeitsmigranten, Asylbewerberinnen, Asylbewerber und jüdische Kontingentflüchtlinge. Im Laufe des 21. Jahrhunderts wuchs die Anerkennung Deutschlands als Migrationsland von Seiten der Mehrheitsgesellschaft zunehmend. Es wird kontinuierlich an der deutschen Bürokratie gearbeitet, um die Einbürgerung zu erleichtern. Im Jahre 2005 wurde mit der Verabschiedung des Zuwanderungsgesetzes erstmals der Integrationsbegriff in die migrationspolitische Gesetzgebung mit aufgenommen, was ein großer Meilenstein in der deutschen Migrationsgeschichte darstellte. Des Weiteren öffneten sich die EU-Grenzen, wodurch Grenzüberschreitungen normalisiert wurden. Dennoch nahmen staatliche Kontrollen und Diskriminierungserfahrungen gegenüber Eingewanderten kontinuierlich zu. Lediglich in den Jahren 2008 und 2009 war ein negativer Migrationssaldo zu verzeichnen.

Aktuell sind immense Wanderungsbewegungen in Richtung Deutschland zu beobachten. Da belastbare Daten nicht zeitnah zur Verfügung stehen, ist es nicht möglich, differenzierte Informationen über Migrationsprozesse nach Deutschland zu geben. Aus diesem Grund wird sich schwerpunktmäßig auf das Jahr 2014 bezogen. 2014 sind laut der Wanderungsstatistik rund 1,34 Millionen Menschen nach Deutschland zugezogen, wovon die meisten Zugewanderten aus europäischen Ländern oder dem Bürgerkriegsland Syrien stammen. Da auch einige Menschen das Land verlassen haben schafft dies eine starke Bevölkerungsbewegung in Deutschland.33,34,35,36

Diese Ausführung zeigt, dass Migration nicht erst seit kurzem ein präsentes Thema in der Gesellschaft darstellt. Migration ist somit ein Normal- und kein Ausnahmezustand der deutschen Gesellschaft, auch wenn dies auf politischer Ebene lange negiert wurde.37

3.2 Migration als Differenzlinie

Alltagstheoretische Vorstellungen von Nationen, Kulturen und Ethnizität stehen oft in enger Verbindung mit festen Gedanken über (Nicht-)Zugehörigkeiten von Personen. Die zugeschriebene kulturelle Andersartigkeit dient in dieser Konstruktion als Begründung für das Ausgrenzen von Eingewanderten, die „ nicht zur von der Mehrheitsgesellschaft homogen geachteten nationalen Gemeinschaft geh ö ren38. Begründet wird dieser Ausschluss mit der Andersartigkeit der Kultur, da diese ‚ nicht zu uns passt ‘. Unter Kultur wird Folgendes verstanden:39

„ Kultur wird als ein im Zuge der Sozialisation erlerntes und gesellschaftlich (re-) produziertes Orientierungssystem definiert, das gemeinsame Lebensweisen und Deutungsmuster einer Gruppe vereint, den Angeh ö rigen Handlungsmuster und durch die Gruppenzugeh örigkeit ein Gefühl von Sicherheit gibt. “ 40

Durch die konstante Einwanderung nach Deutschland finden immer mehr Kulturen Einzug in die Gesellschaft. Die deutsche Gesellschaft wird zunehmend von einer kulturell- ethnischen Pluralisierung geformt, was in Form einer ethnischen und sprachlichen sowie einer kulturellen und religiösen Heterogenität zum Ausdruck kommt. Hinzu kommt, dass aufgrund der zugeschriebenen Andersartigkeit der Zugewanderten, Hierarchien und damit verbundene Herrschaftsverhältnisse entstehen, die dazu dienen, die Besserstellung der eigenen Gruppe gegenüber der Anderen zu sichern. Im Zuge dieser Entwicklung entstanden verschiedene Strukturkategorien, die Ungleichheiten in der Gesellschaft erklären und ein Stück weit legitimieren. Eine dieser Strukturkategorien ist die Kategorie der Rasse als soziale Konstruktion, die „ durch spezifische, ä u ß erlich wahrnehmbare oder behauptete physiologische Unterschiede sozial konstruiert [ … ]41 wird.42,43,44

Differenzlinien werden durch das Zusammenspiel von strukturellem, institutionellem und individuellem Rassismus errichtet und durchziehen unsere Gesellschaft in Form von unsichtbaren Mauern. Rassismus funktioniert hier als ‚ Zugeh ö rigkeitsregime ‘, welches die Einzelne, den Einzelnen im jeweils relevanten Kollektiv als dazugehörig erklärt oder davon ausschließt. Ist die Herausforderung der Pluralisierung für die Gesellschaft nicht zu bewältigen, kann sich daraus eine massive Überforderung entwickeln, die zur Bildung von Segregationslinien beiträgt. Dabei können unterschiedliche Formen der Segregation differenziert werden, die wiederum soziale Benachteiligung begünstigen. Im Folgenden werden einige bekannte Formen der Segregation aufgeführt, um deren Relevanz für das Verständnis der sozialen Benachteiligung von Migrantinnen, Migranten darzustellen.45

1. Die ökonomische Segregation drückt sich vor allem in Form der hohen Arbeitslosenquote (14,6 % (Migrationshintergrund) gegenüber 6,2 % (ohne Migrationshintergrund)) und dem hohen Armutsrisiko von Eingewanderten (26,8 % (Migrationshintergrund) gegenüber Diese Ausprägung der Segregation setzt Benachteiligungen im Bildungssektor voraus, die durch die PISA-Studie belegt wurden: Schülerinnen, Schüler mit Migrationshintergrund sind gegenüber Schülerinnen, Schüler ohne Migrationshintergrund sozialökonomisch benachteiligt. Schülerinnen, Schüler ohne Migrationshintergrund haben lerntechnisch einen Leistungsvorsprung von rund einem Schuljahr.46,47

2. Basis der politischen Segregation sind Ungleichbehandlungen durch den Gesetzgeber. Diese zeigen sich überwiegend in Form von hohen Hürden bei der Erlangung der Staatsbürgerschaft, die Verweigerung der doppelten Staatsbürgerschaft und die Sonderregelungen des Zuwanderungsgesetzes.48 Zugewanderte werden infolgedessen von vornherein anders behandelt als Mitglieder der Mehrheitsgesellschaft. Dem können massive Zuschreibungsprozesse zugrunde liegen, woraus sozialer Ausschluss und Benachteiligung resultiert.

3. Die soziale Segregation charakterisiert sich durch den Umgang der Bevölkerung miteinander. Dies zeigt sich beispielsweise in der Bereitschaft von Kindern, mit Kindern anderer ethnischer Herkunft Freundschaft zu schließen und eine Beziehung aufzubauen. Ein weiterer Indikator für soziale Segregation wäre die Akzeptanz von binationalen Ehen seitens der Mehrheitsgesellschaft.49 Jugendliche mit Migrationshintergrund gelten in diesem Zusammenhang als sozial benachteiligt, wenn ihnen die Teilhabe am Leben der Gemeinschaft verwehrt bleibt und sie dadurch keinen gleichberechtigten Zugang zu bestimmten Ressourcen, wie z.B. einer strukturierten Freizeitbeschäftigung, haben.

4. Die kulturelle Segregation meint die oft unbewusst vollzogene Teilung in das ‚ Wir ‘ und die ‚ Anderen ‘. Dabei wird Kindern meist von klein auf ein Bild vermittelt, das Andere zu Fremden macht, von welchen es sich fernzuhalten gilt. In engem Zusammenhang mit der kulturellen Segregation steht die Zuteilung der symbolischen Macht, dessen Begriff in den Jahren 1982/83 durch den französischen Soziologen P. BOURDIEU geprägt wurde. Hier geht es um die Bedeutung, die Menschen in der Gesellschaft einnehmen: Wer ist wichtig und anerkannt, wer hat Prestige, wessen Stimme wird gehört und welche Stimmen werden zum Schweigen gebracht (vgl. 5.1).50 Symbolische Macht im Kontext von kultureller Segregation zeigt somit auf, wer dazugehört und wer draußen bleiben muss. Dadurch werden soziale Ungleichheiten geschaffen, wodurch sich minderwertige Gruppen sozial benachteiligt fühlen.

Die Skepsis gegenüber der ethnisch-kulturellen Vielfalt kann somit als Ursache für die Abgrenzung in Form von Segregation aufgeführt werden. Bestimmte Ausgrenzungsmechanismen, wie z.B. alltägliche Rassismuserfahrungen, wirken demzufolge als Segregationslinien, die unsere Gesellschaft durchziehen. Aus der Perspektive der Mehrheitsgesellschaft spiegeln sich diese Differenzen sowohl in individuellen Einstellungen und kollektiven Meinungsbildern wieder, als auch beim Zugang zu gesellschaftlichen Ressourcen und Positionen, was als interpersoneller und institutioneller Umgang mit Migrantinnen, Migranten subsumiert werden kann.51,52,53

Kulturen legitimieren demzufolge die Grenzziehung zu anderen Gruppen, wodurch gesellschaftliche Differenzlinien entstehen können, die wiederum das Fundament für soziale Ungleichheiten bilden. Die Strukturkategorie Rasse ist somit nicht nur eine Linie von Differenzen zwischen unterschiedlichen Individuen, sie bildet viel mehr das Grundmuster von gesellschaftlich-politisch relevanter Ungleichheiten, die die Grenzziehung zwischen dem Uns, der deutschen Eigengruppe, einerseits und den zugewanderten, fremden Anderen, der Fremdgruppe andererseits, legitimiert.54,55,56

3.3 Migration und soziale Benachteiligung

Migrantinnen und Migranten werden seitens der Mehrheitsgesellschaft immer öfter als Problemgruppe gesehen. Besonders junge, männliche Migranten rücken in das Visier der Justiz und der Medien. Dadurch verankert sich ein Bild der jungen, muslimischen, sozial benachteiligten und gewaltbereiten Migranten, welches oft unbedacht auf eine gesamte Minderheit übertragen wird. Es bilden sich Differenzlinien (vgl. 3.2), die sich im Denken und Handeln der Mitglieder der Mehrheitsgesellschaft manifestieren und in Form von rassistischen Anspielungen gegenüber Zugewanderten zum Ausdruck kommen. Eine Umfrage der Shell-Studie für Kinder und Jugendliche zwischen zwölf und 25 Jahren zeigte, dass die Nationalität neben der sozialen Herkunft, dem äußeren Erscheinungsbild und dem Alter am vierthäufigsten als Grund für soziale Benachteiligung genannt wird.57,58

Doch auch in der Realität sind viele Migrantinnen, Migranten von sozialer Benachteiligung und einer generellen Schlechterstellung im gesellschaftlichen Kontext betroffen. Besonders junge Menschen mit Migrationshintergrund sind in ihrer Partizipation im gesellschaftlichen Alltag oft eingeschränkt, da sie aufgrund ihres anders klingenden Namens, der Sesshaftigkeit in weniger angesagten Wohnvierteln oder des südländischen Aussehens von der Teilhabe am Leben der Gemeinschaft ausgeschlossen werden. Sie bekommen das Gefühl vermittelt, etwas ‚ Schlechteres ‘ zu sein. Dies zeigt sich in B. SCHRAMKOWSKIs Beitrag: „ Ich empfinde mich hier in Deutschland nicht auf derselben Augenh ö he. Ich bin immer eins drunter.59. Diese Aussage zeigt, dass Menschen mit Migrationshintergrund sich als „ etwas Anderes, etwas Fremdes [ … ]60 behandelt fühlen und sich selbst als ‚ Mensch zweiter Klasse ‘ einstufen. Diese Erlebnisse führen zu Frustration bei den Betroffenen. Durch die Markierung als Andere verfügen Menschen mit Migrationshintergrund über geringere Möglichkeiten des Aufstiegs und der Zugang zu wertvollen Ressourcen und angesehenen Positionen bleibt ihnen verwehrt. Diese Faktoren erschweren die Partizipation und lösen „ eine Spirale von subjektiven Ausgrenzungserfahrungen und realem Scheitern [ … ] “ 61 aus.62,63,64

Soziale Benachteiligung im Kontext von Migration resultiert infolgedessen überwiegend aus gesellschaftlich erzeugten Differenzlinien, die Ausgrenzungsmechanismen begünstigen und dadurch minderwertige Gruppen in einen Kreislauf von sozialer Benachteiligung und sozialen Probleme verwickeln. Es ist folglich ein Zusammenhang zwischen der statistisch nachweisbaren sozialen Benachteiligung von jungen Migrantinnen, Migranten und dem Erfahren von alltäglichem Rassismus festzustellen, der sich wiederum in gesellschaftlichen Differenzlinien niederschlägt und somit den Individuen im Kontext der Migration die Teilhabe an zentralen Funktionssystemen erschwert. Aus diesem Grund ist davon auszugehen, dass es sich bei sozialen Benachteiligungen immer auch um soziale Probleme handelt, die das Handeln und Erleben des Individuums bestimmen bzw. beeinflussen können. Soziale Probleme sind laut S. STAUB- BERNASCONI „ sowohl Probleme von Individuen als auch Probleme einer Sozialstruktur und Kultur in ihrer Beziehung zueinander. [ … ] Das Individuum ist vor ü bergehend oder dauerhaft unf ä hig, seine Bed ü rfnisse und W ü nsche aufgrund seiner unbefriedigenden Einbindung in die sozialen Systeme seiner Umwelt, im Genaueren: aufgrund eigener Kompetenzen, Austauschbeziehungen im Sinne von Unterst ü tzungsnetzwerken oder der Verf ü gung ü ber Machtquellen zur Erl ö sung oder Erzwingung legitimer Anspr ü che, zu befriedigen65.

Die aus sozialen Problemen resultierende Benachteiligung junger Migrantinnen, Migranten ist auf der gesellschaftlichen Ebene verankert und entsteht aufgrund unterschiedlicher Einflussfaktoren. Ein Faktor, welcher soziale Probleme entstehen lässt und somit Benachteiligungen begünstigt, sind individuelle Ausstattungsprobleme. Diese charakterisieren sich in Bezug auf die soziale Benachteiligung von Jugendlichen mit Migrationshintergrund u.a. durch „ k ö rperliche Merkmale, die nicht der gesellschaftlichen ‚ Norm ‘ entsprechen [ … ]66, z.B. durch die Pigmentierung, Augen- oder Haarfarbe oder den Körperbau. Weitere individuelle Ausstattungsprobleme wären der zu geringe oder fehlende Zugang zu sozialökonomischen Ressourcen (Bildung, Erwerbsarbeit) und die damit verbundene unvollständige soziale Integration. Dies wird durch problematische Selbst-, Fremd- und Gesellschaftsbilder unterstützt, wodurch Vorurteile produziert und die Anerkennung der Andersartigkeit verwehrt wird. Demzufolge werden durch Ausstattungsprobleme fehlende bzw. be- oder verhinderte soziale Mitgliedschaften erzeugt, die das Bedürfnis nach sozialkultureller Zugehörigkeit, Mitgliedschaft und Anerkennung verletzen. Individuelle Ausstattungsprobleme bilden demzufolge ein Teil eines Fundaments, welches als Auslöser für soziale Benachteiligungsprozesse bei Jugendlichen mit Migrationshintergrund gesehen werden kann.67

Das Fundament wird ergänzt durch problematische Austauschbeziehungen, die eine weitere Säule sozialer Probleme darstellen. In Bezug auf junge Migrantinnen, Migranten werden soziale Probleme besonders durch kulturelle Verständnisbarrieren begünstigt. Unter kulturellen Verständnisbarrieren wird vor allem die ein- oder gegenseitige Etikettierung und Stigmatisierung verstanden, die meist den Alltag von jungen Migrantinnen, Migranten darstellt.68

Soziale Probleme können deshalb in unterschiedlicher Weise ausgeprägt sein. Trotzdem stellen sie immer eine Gefahr für soziale Benachteiligung dar. Jugendliche mit Migrationshintergrund erfahren in ihrem Alltag vielfältige Benachteiligungen, die sich meist in Form von sozialen Problemen verkörpern.

3.4 Zusammenfassung

Die deutsche Geschichte ist geprägt durch kontinuierliche Zu- und Abwanderungsprozesse, welche die Bezeichnung ‚ Deutschland als Migrationsland ‘ legitimieren. Migration ist ein Prozess, der die deutsche Gesellschaft seit einigen Jahrhunderten formt und zum heutigen Deutschland gebracht hat. Aus diesem Grund sollte Migration als Normalzustand anerkannt und nicht durch die Regierung und Bevölkerung negiert werden. Die Entwicklung von Differenzlinien als eine Begleiterscheinung der Migrationsprozesse der letzten Jahrzehnte kann jedoch als kritisch angesehen werden. Die deutsche Gesellschaft ist geprägt von kulturellen Vielfalt, die Toleranz und Respekt seitens der Bevölkerung fordert. Die Gesellschaft kennzeichnet sich jedoch zunehmend durch eine problematisierte Bewältigung der pluralisierten Gesellschaftsform, was massive Überforderungen auslöst und die Grundlage für Segregationslinien bietet. Dabei wirken zahlreiche Abgrenzungsmechanismen in Form von alltäglichen rassistischen Anspielungen als Differenzlinien, die soziale Probleme und daraus resultierende soziale Benachteiligungen und Ungleichheiten begünstigen. Menschen mit Migrationshintergrund werden aufgrund von Äußerlichkeiten als andere markiert, indem sich unterscheidende Merkmale bewusst hervorgehoben werden und sich in den Köpfen der Mehrheitsgesellschaft manifestieren. Die Strukturkategorie Rasse dient hierbei als Legitimierung von gesellschaftlich errichteten Differenzlinien und leistet einen großen Beitrag zum Unterscheidungsprozess zwischen dem ‚ Wir ‘ und den ‚ Anderen ‘. Diese Produktion von sozialen Ungleichheiten, begünstigt durch Differenzlinien, bildet wiederum das Fundament für Rassismus, wodurch die scheinbar selbstverständliche Zugehörigkeit von Menschen mit Migrationshintergrund infrage gestellt wird.

[...]


1 TERKESSIDIS, 2004: 184

2 Ebd. 198

3 Ebd. 181

4 SCHIRILLA, 2016: 17

5 Vgl. ebd.: 17 ff.

6 Vgl. Statistisches Bundesamt, 2015: 4 f.

7 Vgl. SCHIRILLA, 2016: 19 f.

8 Vgl. Statistisches Bundesamt, 2015: 4

9 Vgl. HURRELMANN/QUENZEL, 2013: 11 ff.

10 Vgl. GEISEN, 2010: 28

11 Vgl. FREISE, 2005: 11

12 GEISEN, 2010: 39

13 Vgl. MECHERIL, 2010: 35

14 Vgl. GEISEN, 2010: 39

15 SCHIRILLA, 2016: 21

16 GEISEN, 2010: 39

17 Vgl. ebd.: 33 f.

18 ROMMELSPACHER, 2009: 25

19 Vgl. ROMMELSPACHER, 2009: 26 ff.

20 Vgl. Katholische Landesarbeitsgemeinschaft, 2015: 6 ff.

21 Vgl. MECHERIL, 2010: 150 ff.

22 Vgl. ebd.

23 MELTER, 2007: 108 f.

24 MECHERIL, 2010: 158

25 Vgl. ebd.

26 Vgl. MELTER, 2009: 280

27 SCHRAMKOWSKI, 2007a: 26

28 Vgl. ebd.

29 BÖHNISCH, 2012: 47

30 Vgl. ebd.: 47 f.

31 AUERNHEIMER, 2012: 15

32 Vgl. ebd.

33 Vgl. AUERNHEIMER, 2012: 15 ff.

34 Vgl. MECHERIL, 2010: 23 ff.

35 Vgl. HECKMANN, 2015: 36 ff.

36 Vgl. WILKENS, 2016: 20 ff.

37 Vgl. MECHERIL, 2010: 23

38 SCHRAMKOWSKI, 2007a: 57

39 Vgl. ebd.: 57 ff.

40 Ebd.: 58

41 WINKER/ DEGELE, 2009: 47

42 Vgl. ebd.

43 Vgl. ebd.: 37 ff.

44 Vgl. PEUCKER, 2012: 73 f.

45 Vgl. ROMMELSPACHER, 2009: 30

46 Vgl. PISA 2012: 12

47 Vgl. OECD Ländernotiz: 6

48 Vgl. ROMMELSPACHER, 2009: 30

49 Vgl. ebd.

50 Vgl. ebd.: 30 f.

51 Vgl. ROMMELSPACHER, 2009: 30 f.

52 Vgl. MECHERIL, 2010: 54 ff.

53 Vgl. PEUCKER, 2012: 73

54 Vgl. ebd.

55 Vgl. MECHERIL, 2010: 59

56 Vgl. SCHRAMKOWSKI, 2007a: 50 ff.

57 Vgl. SCHIRILLA, 2016: 120

58 Vgl. Statista, Gründe für Benachteiligung

59 SCHRAMKOWSKI, 2007b: 151

60 Ebd.

61 SCHIRILLA, 2016: 120

62 Vgl. ebd.

63 Vgl. ebd.

64 Vgl. SCHRAMKOWSKI, 2007b: 151 ff.

65 STAUB-BERNASCONI, 2007: 182

66 Ebd.: 183

67 Vgl. ebd.

68 Vgl. ebd.: 184

Ende der Leseprobe aus 86 Seiten

Details

Titel
Zugehörigkeitsmanagement von Jugendlichen mit Migrationshintergrund unter dem Einfluss alltäglicher Rassismuserfahrungen
Untertitel
Wie kann Soziale Arbeit bei der Bewältigung unterstützen?
Note
1,4
Autor
Jahr
2016
Seiten
86
Katalognummer
V377990
ISBN (eBook)
9783668553163
ISBN (Buch)
9783668553170
Dateigröße
959 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Migartion, Identität, Zugehörigkeit, Kultur, Diskriminierung, Rassismus, Lebensbewältigung
Arbeit zitieren
Tabea Meier (Autor), 2016, Zugehörigkeitsmanagement von Jugendlichen mit Migrationshintergrund unter dem Einfluss alltäglicher Rassismuserfahrungen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/377990

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