"Wir sind keine Barbaren". Eine Tragikomödie im Stile Dürrenmatts?


Seminararbeit, 2016
13 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Gliederung

1. Ein komisches Stuck, das tragisch endet

2. „Wir sind keine Barbaren“ - Ein Theaterstuck im Stile Durrenmatts?
2.1 HerkunftdesDramas
2.2 Tragik und Komik im Theaterstuck „Wir sind keine Barbaren“

3. EskannnureineDramaturgiegeben-diedesKomischen

4. Anhang

Ein komisches Stuck, das tragisch endet

Das Publikum kann sich der Komik der Figuren auf der Buhne nicht verwehren, die in dem Stuck „Wir sind keine Barbaren“ von Philipp Lohle durch ihre Handlungen und Dialoge so wirken wie ein uberzeichnetes Abbild der eigenen Gesellschaft. An vielen Stellen ist eine Identifikation sogar unvermeidbar. Die Lacher sind oftmals heiter-laustark und geradezu ansteckend. Wie beeindruckend ist unter diesen Voraussetzungen das fatale Ende, welches den Betrachter fassungslos und mit im Hals feststeckenden Lachen aus dem Zuschauerraum entlasst.

„Wir sind keine Barbaren“ ist eine Komodie mit tiefer Tragik, doch vor allem ist sie komisch. Zwangslaufig denkt man an die Worte Durrenmatts, der feststellte, dass die ,,Komodie als einzig mogliche, weil Distanz schaffende Form des Dramas“ uberhaupt erst in der Lage sei, das Publikum zur Selbstreflexion zu bewegen. Viele Parallelen zwischen diesem bedeutenden Schriftsteller des 20. Jahrhunderts und diesem neuen, wohl thematisch seit Jahrtausenden aktuellem Stuck sind nach meinem Empfinden erkennbar. Worin sie genau bestehen, mochte ich im Rahmen dieser Arbeit skizzieren. Dazu werde ich auf das Kommunikationsmodell im Drama eingehen. Dramaturgisches Denken im Sinne Durrenmatts und die Bedeutung der soziopolitischen Reflexion im Drama sollen anschliefiend die Bedeutung der tragischen Komodie fur das Publikum, welches eine besondere Rolle einnehmen muss, zu erfassen ermoglichen. Tragische und komische Elemente des Stuckes ,,Wir sind keine Barbaren“ werde ich exemplarisch nennen und erlautern, wobei ich keinen Anspruch auf Vollstandigkeit erheben mochte. Einfache Begriffsdefinitionen mochte ich voranstellen.

2. „Wir sind keine Barbaren“ - Ein Theaterstuck im Stile Durrenmatts?

2.1 Herkunft des Dramas

Die Entstehung des Dramas in der griechischen Antike im 6. Jahrhundert vor Christus ist sicherlich der Beginn der Auseinandersetzung mit den gesellschaftlichen Gegebenheiten. Aristoteles, der vermutlich grofite Philosoph der antiken Welt, gilt als Ideengeber fur die klassischen drei Einheiten, die das Drama ausmachen. Die Handlung muss innerhalb von 24 Stunden stattfinden, der Ort der Handlung darf nicht gewechselt werden und alle Nebenhandlungen mussen mit dem Haupthandlungsstrang verbunden sein. Die beiden klassischen Grundformen des Dramas sind die Tragodie und die Komodie. Pauschal kann man feststellen, dass sich die Komodie von der Tragodie dadurch unterscheidet, dass sie oftmals eine gutes Ende nimmt und der Protagonist meist nicht stirbt. Zu ihrem Wesen gehort weiterhin zweifellos die humoristische Darstellung einflussreicher Personen, Werte und Normen, wodurch das Publikum Erheiterung finden soll. In der Moderne tritt sie oft in Verbindung mit anderen humoristischen Ausdrucksarten auf, wie beispielsweise dem Schwank oder auch der Groteske. Diese ist ein Hauptelement in Durrenmatts Buhnenstucken, wie „Der Besuch der alten Dame“ oder auch ,,Die Physiker“. Sie eignet sich nicht nur innerhalb Durrenmatts Schaffen zur Entlarvung politischer Machtstrukturen und zur Darstellung von Absurditaten im Rahmen menschlicher Existenz. Sie dient, wie sich daraus unschwer erkennen lasst, als eine Art Projektionsflache, als ein Abbild der Gesellschaft und ihrer Strukturen.

„Der Mensch lacht uber den Menschen, wenn er ihm als Clown erscheint; der Clown ist der vom Menschen distanzierte Mensch, der unmenschliche Mensch.“‘

Die Komodie ist gerade durch ihre Freiheit, im Unterschied zur Tragodie, dazu geeignet, den Menschen selbst zu entlarven. Das Potenzial, so scheint es fur Durrenmatt, hat die Tragodie nicht, oder zumindest nicht allein. Das mag der Strenge der Form geschuldet sein, durch die sich die Tragodie auszeichnet. Der unlosbarer Konflikt einer Gruppe von Figuren, die nicht das Publikum spiegeln, sondern den Anschein haben aufien vor zu sein, in einer eigenen Welt mit spezifischen Problem zu existieren, vermag wohl nicht die personliche Reflexionsebene des Zuschauers anzusprechen. Sicherlich ist die unbestreitbare Absicht der Tragodie die Katharsis des Zuschauers. Diese „Reinigung“ stellt auch einen zentralen Begriff innerhalb von Aristoteles' Poetik dar. Durch die Identifikation des Zuschauers mit dem Leid des Helden, der in Folge des unlosbaren Konfliktes unausweichlich untergehen muss, soll das Publikum die Lauterung erfahren. Die menschliche Fahigkeit zum Mitleid ist bei dieser Art von Drama der Ausgangspunkt fur die Frage nach wirksamer Inszenierung. Der Konflikt, an dem der Protagonist zugrunde geht, knupft an die Ursituation des Menschen an, der sich wiederholt die Fragen nach beispielsweise Freiheit, Schuld, Individualitat und gesellschaftlicher Verantwortung stellt.

Die Selbstentlarvung des Menschen scheint fur mich im Rahmen der Tragodie unmoglich zu sein.[1]

,,Die Tragodie rennt gegen die Welt an und zerschellt, die Komodie wird zuruckgeworfen,fallt auf den Hintern und lacht.“[2]

Gerade in der modemen Zeit, und ich beziehe das 20. Jahrhundert in diese Uberlegung ein, ist die Gesellschaft von einem Drang nach Individualist und Selbstbestimmung gepragt, die teilweise einem Egozentrismus nahe kommt. Wie, wenn nicht durch die Entlarvung von Gesellschaftsstrukturen, kann man den Machtstrukturen und den damit einhergehenden Denkmustern beikommen?

Aus diesem Grund hat Philipp Lohle in seinem Theaterstuck „Wir sind keine Barbaren“ die Kombination aus tragischen und komischen Elementen fortgefuhrt.

2.2 Tragik und Komik im dramatischen Theaterstuck „Wir sind keine Barbaren“

Wie das Drama seinen Ursprung in der griechischen Antike hat, so ist auch der Begriff „Barbar“ griechischen Ursprungs und sicher nicht zufallig fur den Titel ausgewahlt worden. Der Titel greift einen Begriff auf, der erstmals von den Griechen verwendet wurde, umjene zu benennen, die in ihren Augen keine eigene Kultur, Sprache, Kunst und Manieren besafien. Sie bezeichneten mit diesem Wort als Erste einen ihnen fremden Menschen, der sich vor allem dadurch von ihnen unterschied, dass er als Nicht-Grieche identifiziert werden konnte. Der Begriff ,,Barbar“ enthalt eine negative Wertung und impliziert eine Andersartigkeit, mit der sich der Verwender nicht identifizieren mochte. Die Verwendung dieses Wortes ist allerdings lediglich aus einer subjektiven Betrachtungsposition heraus moglich. Wer ein ,,Barbar“ ist, liegt immer im Auge des Betrachters. Der Titel des Stucks suggeriert in diesem Sinn wohl, dass wir (die Zuschauen, die Deutschen, die Leser) nicht unzivilisiert, wild oder roh sind. Wir sind die intellektuellen Gewinner, die Huter der Moral und Ordnung. Dieses ,,Wir“ wird dem Publikum gleich zu Beginn des Stuckes durch den Auftritt des Chores verbildlicht, der laut skandiert, dass ,,Wir“ wir sind. Bereits in der antiken Tragodie betrat der Chor zuallererst die Buhne. Die chorale Sprechweise vermittelt den Eindruck eines starken Kollektivs und versetzt den Zuschauer oder den Leser sogleich in eine erhabene Stimmung. Der Chor ermoglicht es dem Leser, das typisch deutsche, meiner Ansicht nach allgemein europaische Werte- und Normensystem wiederzuerkennen. Jeder Einzelne in seinem Anspruch auf Eigenstandigkeit und Individualitat ist ein Bestandteil der Gesellschaft. Es ist immer fraglich, ob es uberhaupt moglich ist, ganz anders zu sein als die anderen. Hierin deutet sich bereits zu Beginn eine soziopolitische Reflexionsebene an, die dem Leser einen sprichwortlichen Spiegel vorzuhalten gedenkt. Im Verlauf des Stuckes zeigt es sich, dass ahnlich wie bei Durrenmatt auch hier das Gesellschaftssystem unserer Zivilisation und das Verhaltnis des Einzelnen zu eben diesem dargestellt werden soll.[3] Der Durchschnittsmensch aus dem Chor kann unweigerlich als Stellvertreter fur die westliche Zivilisation gelten. Das „Wir“ ist im Text immer grofi geschrieben und intensiviert sich durch die permanente Wiederholung, sodass es durch den Kopf hallt und immer lauter zu werden scheint. Der Heimatchor ist die Allegorie des Wohlstands, in dem wir leben. Es handelt sich dabei um Wohlstand, der sich in Wertpapieranlagen, elektronischen Autos und dem Genuss von Prosecco ausdruckt. In mir verstarkt sich bereits zu Beginn der Eindruck einer Gesellschaft, die sich nur fur ihre eigenen Belange zu interessieren scheint, die den Geist des Biedermeier wiederbelebt hat und im Spiegel, den der Chor mir vorhalt, kann ich nur allzu deutlich mich erkennen. Doch am Anfang uberwiegt die Heiterkeit bei Konfrontation mit den Klischees, die in unserer Zivilisation fest verankert sind.

Anders als in der antiken Tragodie sind die vier Hauptfiguren des Stuckes auch selbst Bestandteil des Chors. Sie treten unmittelbar aus dem Chor heraus, sobald der Auftaktgesang beendet ist. Zwei Paare stehen nebeneinander und sich gegenuber, wobei die vermeintlichen Unterschiede sich im Verlauf des Stuckes wegrationalisieren. Das erste Paar sind Barbara und Mario. Barbara ist eine Kochin, die sich seit Neuestem der veganen Kulinarik verschrieben hat. Mit dieser Entscheidung folgt sie einem Trend, der im realen Leben Einzug in Funk, Fernsehen und den eigenen Bekanntenkreis gefunden hat. Die Zahl der Vegetarier und Veganer ist in den letzten Jahren, nicht nur in Deutschland, betrachtlich angestiegen und die mediale Prasenz von Alternativkuche in Verbindung mit einem skandierten neuen Gesundheitsbewusstsein ist fast im gleichen Atemzug gewachsen.[4] Mario entwickelt kunstliche Sounds fur Elektroautos, damit diese im Strafienverkehr gehort und ,,ernst genommen“ werden konnen. Das Nachdenken uber ein benzinfreies Fortbewegungsmittel beschaftigt schon seit Jahrzehnten Politiker, Umweltschutzer, Aktivisten und Wissenschaftler. Das Elektroauto an sich kann schon seit einigen Jahren kauflich erworben werden und hat sich ebenso zum Trend entwickelt wie die bewusste Ernahrung. Im Angesicht begrenzter fossiler Rohstoffe ist der Umweltschutz auch medial prasent.

[...]


[1] Song, Young-Jin: Die Entwicklung von Friedrich Durrenmatts dramentheoretischen Konzepzionen, 1. Aufl. Frankfurt a.M.: Peter Lang GmbH 2006, S. 27

[2] Ebenda, S. 25

[3] Kapelli, Patricia: Politische Systeme bei Friedrich Durrenmatt, Koln: Bohlau Verlag GmbH & Cie 2013, S. 51

[4] http://vegan.de/forum/topicslg/studienarbeit-vegan-als-trend-oder-wertewandel/. 19.03.2016, 10:43 Uhr

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Details

Titel
"Wir sind keine Barbaren". Eine Tragikomödie im Stile Dürrenmatts?
Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg  (Germanistik)
Note
1,7
Autor
Jahr
2016
Seiten
13
Katalognummer
V378022
ISBN (eBook)
9783668557369
ISBN (Buch)
9783668557376
Dateigröße
887 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
barbaren, eine, tragikomödie, stile, dürrenmatts
Arbeit zitieren
Jennifer Braune (Autor), 2016, "Wir sind keine Barbaren". Eine Tragikomödie im Stile Dürrenmatts?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/378022

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