Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) bei Kindern und Jugendlichen im Kontext Krieg- und Fluchterleben

Grundlagen im Hinblick interkultureller kunsttherapeutischer Praxis


Hausarbeit, 2016
26 Seiten, Note: 1,0
Anonym

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Der Begriff »Trauma«
2.1 Phänomenologische Definition
2.2 Klassifikationsbasierte Definition
2.3 Bandbreite traumatisierender Ereignisse nach Leonore Terr

3 Diagnosekriterien der PTBS bei Kindern nach DSM-IV-TR

4 Pathogenese der PTBS
4.1 Wie funktioniert unser Gehirn bei Gefahr?
4.2 Wie funktioniert unser Gehirn bei einem traumatischen Ereignis?
4.3 Entstehungsmodell der PTBS nach Ehlers und Clark
4.3.1 Gedächtnisdefizite
4.3.2 Dysfunktionale kognitive Bewertungen
4.3.3 Aufrechterhaltung dysfunktionalen Verhaltens
4.4 Risikofaktoren zur Entwicklung einer PTBS

5 Traumatherapeutische Ansätze
5.1 Die drei Phasen der Traumatherapie
5.1.1 Stabilisierung
5.1.2 Traumabearbeitung (Exposition)
5.1.3 Integration
5.2 Traumafokussierte kognitive Verhaltenstherapie (Tf-KBT)
5.3 Narrative Expositionstherapie (KIDNET)
5.4 Aspekte interkultureller Kunsttherapie
5.4.1 Interkulturelle Fähigkeiten in der Kunsttherapie
5.4.2 Zielsetzungen interkultureller kunsttherapeutischer Arbeit
5.4.3 Kunsttherapeutische Ansätze

6 Schlussbemerkung und Ausblick

7 Literaturverzeichnis

8 Weiterführende Literatur.

Abbildungs- und Tabellenverzeichnis

Abbildung 1: Klassifikation potenziell traumatisierender Ereignisse

Tabelle 1: DSM-IV-TR Diagnosekriterien einer PTBS

1 Einleitung

Sara steht auf dem Balkon der kleinen Wohnung und schaut sich um: Wieder einmal sind Schüsse gefallen, mitten im Wohngebiet. Ob es Tote gibt? Scharf- schützen haben Stellung bezogen, in der Nähe des Hauses, in dem sie wohnt. (...) Sie ist fünf Jahre alt. Erinnerungen an friedliche Zeiten hat sie nicht (...). Ihre Heimat ist Aleppo, die umkämpfte Stadt in Syrien, die inzwischen zu einem Symbol des Krieges geworden ist: Dort gehört der Terror des Assad-Regimes und islamistischer Gruppen zum Alltag. Kinder, die dort aufwachsen, leiden besonders. (...) Dramatische Entwicklungen haben dafür gesorgt, dass Saras Familie Syrien den Rücken gekehrt hat. (Mettelsiefen, 2016, o.S.)

Laut UNHCR-Jahresbericht (UNHCR, 2015) sind knapp 60 Millionen Menschen auf der Flucht vor Kriegen, Konflikten und Verfolgung. Die meisten kommen aus Syrien, Afghanistan, dem Irak und Somalia. Die Hälfte der Flüchtlinge sind Minder- jährige. Viele werden konfrontiert mit dem Verlust der Eltern und Geschwister, se- hen zu wie andere Flüchtlinge sterben, müssen permanent selbst Angst um das eigene Leben haben oder erfahren Gewalt. Endlich im Aufnahmeland vermeintlich in Sicherheit, müssen sie mit dem Gefühl der Isolation und Entwurzelung leben und sich den Herausforderungen der Integration in eine für sie fremde Kultur stellen. Solch traumatische Ereignisse hinterlassen oft tiefe seelische Wunden. Auf der Homepage der Bundes Psychotherapeuten Kammer wird in einem BPtK- Standpunkt (BPtK, 2015) darauf hingewiesen, dass Studien, die mit Kindern von Flüchtlingen in Deutschland durchgeführt wurden, belegen, dass nahezu die Hälfte der Kinder deutlich psychisch belastet ist.

Sensibilisiert durch mein Studium der Kunsttherapie, fühle ich mich zur Thematik hingezogen. Seit März 2016 unterstütze ich deshalb im Rahmen eines Praxispro- jektes einen gemeinnützigen Verein, der humanitäre Hilfe für syrische Flüchtlinge in Bursa (Türkei) leistet. Unter anderem angeregt durch die Veröffentlichung Imagi- nation als heilsame Kraft von Luise Reddemann (2014), biete ich Workshops für Kinder in Form von künstlerischen Interventionen, die über gezielte Themenstel- lungen stabilisierende Erfahrungen ansprechen. Nicht jedes traumatische Ereignis führt zwangsläufig zu einer Traumafolgestörung. Aber ich stelle mir oft die Frage, wieviele Kinder das oft Unaussprechliche des Erlebten nicht verarbeiten können.

Mediziner des TUM-Klinikums rechts der Isar (Technische Universität München) haben in einer repräsentativen Stichprobe rund 100 syrische Kinder und Jugendliche in der Erstaufnahmeeinrichtung Bayernkaserne in München untersucht. 22 Prozent litten unter einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) (TUM, 2015).

Um in der Lage zu sein, eine mögliche Traumafolgestörung wie die PTBS zu erkennen und um im künstlerischen Setting darauf reagieren zu können, wollte ich im weiten Feld der Psychotraumatologie eine erste theoretische Grundlage erar- beiten und folgende Fragen beantwortet wissen: Was genau ist ein Trauma? Wann wird daraus eine PTBS? Mit welchen Symptomen ist zu rechnen? Welche Faktoren begünstigen ihre Entstehung? Und welche therapeutischen Ansätze sind bei Kindern (ab Grundschulalter) und Jugendlichen vor dem interkulturellen Hin- tergrund zielführend? Hierzu ein Hinweis zur Verwendung des Begriffes Kinder und Jugendliche. Insbesondere im Hinblick auf therapeutische Ansätze habe ich die Altersstruktur nur beispielhaft berücksichtigt und beziehe mich teilweise auf Kinder und/oder Jugendliche. Dabei sei erwähnt, dass in Bezug auf die Pathologie laut Landolt (2012) Kinder ab dem Schulalter und Erwachsene nach psychotrau- matischen Erlebnissen ähnliche psychophysische Symptommuster zeigen.

2 Der Begriff »Trauma«

Trauma stammt aus dem Griechischen und bezeichnet im Bereich der Chirurgie eine körperliche Verletzung. In Abgrenzung dazu existiert der Begriff Psychotrauma- tologie, der sich unter anderem mit der Entstehung und dem Verlauf seelischer Ver- letzungen beschäftigt. Hier gibt es verschiedene Definitionsmöglichkeiten wie beispielsweise eine Phänomenologische und Klassifikationsbasierte (Landolt, 2012).

2.1 Phänomenologische Definition

Eine phänomenologische Definition wäre beispielsweise jene von Tyson und Tyson (1990). Das psychische Trauma weist hier drei Merkmale auf: »(1) Es handelt sich um eine existenziell bedrohliche, überwältigende Lebenssituation. (2) Die Situation überfordert die Fähigkeit des Ich zur Organisation und Regulation. (3) Die Situation geht mit einem Zustand von Ohnmacht einher (Landolt, 2012, S.15).«

2.2 Klassifikationsbasierte Definition

Es gibt zwei international anerkannte Klassifikationssysteme, die maßgeblich sind für die fachgerechte Beurteilung psychischer Beschwerden. Das Internationale Klassifikations-System der WHO (ICD-10) und das DSM (Diagnostic and Statistical Manual of mental disorder) von der American Psychiatric Association (APA). Die aktuelle Version des Diagnostic and Statistical Manual of mental disorder ist DSM V. Meine Ausführungen beziehen sich auf die Vorgänger-Version DSM IVTR. Grund hierfür ist meine primäre Bezugsliteratur Psychotraumatologie des Kindesalters von Markus A. Landolt (2012).

Klassifikationsbasierte Definition nach ICD-10: Die Betroffenen sind einem kurzen oder längeren Ereignis oder Geschehen von außergewöhnlicher Bedrohung und mit katastrophalem Ausmaß ausgesetzt, das nahezu bei jedem tiefgreifende Verzweiflung auslösen würde.

Klassifikationsbasierte Definition nach DSM-IV-TR: Die Person wurde mit einem traumatischen Ereignis konfrontiert, bei dem die beiden folgenden Kriterien vorhanden waren: (1) Die Person erlebte, beobachtete oder war mit einem oder mehreren Ereignissen konfrontiert, die tatsächlichen oder drohenden Tod oder ernsthafte Verletzung oder eine Gefahr der körperlichen Unversehrtheit der eigenen Person oder anderer Personen beinhaltet. (2) Die Reaktion der Person umfasste intensive Furcht, Hilflosigkeit oder Entsetzen.

In Anlehnung an die Thematik der vorliegenden Arbeit möchte ich an dieser Stelle erwähnen, dass nach Landolt (2012) die klassifikationsbasierten Definitionen seit längerem in der Kritik stehen, weil sie nicht alle potenziellen traumatischen Er- fahrungen mit einschließen wie zum Beispiel die traumatische Trennung von Bezugspersonen. Ich denke in diesem Zusammenhang an unbegleitete minder- jährige Flüchtlinge (UMF). So weist eine Präsentation der Uniklinik Ulm während einer Fachtagung in Würzburg vom 9. September 2015 zum Thema Sichere Orte für Flüchtlingskinder - Hilfe und Zukunft explizit darauf hin, dass UMFs eine besonders vulnerable Gruppe darstellt (Fegert, 2015). Auf die speziellen trauma- tischen Risikofaktoren im Kontext Krieg und Flucht, die eine Entwicklung einer PTBS begünstigen, werde ich noch näher eingehen (vgl. Kapitel 4.4).

2.3 Bandbreite traumatisierender Ereignisse nach Leonore Terr

Zur Einordnung aller potenziell traumatisierender Ereignisse hat die amerikanische Kinderpsychaterin Leonore Terr eine Typologie entwickelt (vgl. Abbildung 1), die in Typ-I und Typ-II-Traumata unterschieden werden:

Unter Typ-I-Traumata werden akute, unvorhersehbare und einmalige Ereignisse subsummiert, wie beispielsweise ein Verkehrsunfall, ein Überfall oder eine Geiselnahme. Typ-II-Traumata treten dagegen wiederholt auf und sind teilweise vorhersehbar. Dazu gehören beispielsweise Traumatisierungen wie sie im Rah- men einer chronischen sexuellen Misshandlung, häuslicher Gewalt oder auch bei Aufenthalt in Kriegsgebieten vorkommen.« (Landolt, 2012, S. 16).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Klassifikation potenziell traumatisierender Ereignisse (Landolt , 2012, S.17)

»Die PTBS tritt am häufigsten nach Traumatisierungen durch andere Menschen auf (»man-made disasters«), seltener bei schicksalshaften Ereignissen wie Naturkatastrophen oder Verkehrsunfällen. Etwa die Hälfte der Vergewaltigungs-, Kriegs-, Vertreibungs- und Folteropfer leidet unter einer PTBS (BPtK, 2015, S.25)«.

3 Diagnosekriterien der PTBS bei Kindern nach DSM-IV-TR

Die PTBS ist eine von möglichen psychischen Folgestörungen nach einem traumatischen Ereignis. Für die fachgerechte Beurteilung, ob eine PTBS vorliegt, dienen die bereits erwähnten Klassifizierungssysteme. Vergleicht man die Diagnosekriterien der Klassifizierungssysteme ICD-10 und DSM-IV-TR, so besteht nach Landolt (2012) innerhalb der Symptomcluster mit Ausnahme der Gewichtung einzelner Symptome weitestgehend Übereinstimmung. Da insgesamt betrachtet die Kriterien im DSM strenger und spezifischer formuliert sind (Landolt, 2012), beziehe ich mich im folgenden darauf.

Die Existenz der PTBS bei Kindern wurde nach Landolt (2012) erst 1988 mit Ein- führung des DSM-III-R in der Fachwelt anerkannt. Eine PTBS liegt nach DSM-IV- TR vor, wenn das traumatische Ereignis über einen mehr als 4-wöchigen Zeitraum ständig wiedererlebt wird, Hinweisreize, die mit dem Trauma in Verbindung ste- hen, vermieden werden, sich anhaltende Symptome erhöhten Arousals (= Über- erregung) zeigen und das Störungsbild deutliches Leiden und Beeinträchtigungen im sozialen Umfeld erzeugt (Landolt, 2012). Sie wird durch drei Symptomcluster gekennzeichnet (Breuer & Krischer, 2015): (1) Symptome des Wiedererlebens: Meistens szenische Intrusionen, Flashbacks und Albträume. Flashbacks sind un- willkürliche Erinnerungen an Fragmente des Traumas. Auslöser sind Schlüssel- reize, die das Ereignis nochmal als real durchleben lassen. Intrusionen stehen generell für belastende Erinnerungen. Im Gegensatz zu Flashbacks bleibt der Traumatisierte im Jetzt verankert. Kinder sind oft auch von Albträumen geplagt, müssen aber keinen Bezug zum belastenden Ereignis haben. (2) Symptome der Vermeidung traumrelevanter Reize und der emotionalen Taubheit. Bei Kindern be- deutet dies: Sozialer Rückzug, reduzierter Affektspielraum, Verlust vorher erwor- bener dem Alter entsprechende Fähigkeiten und regressives Verhalten. Bei Ju- gendlichen bedeutet dies: Vermindertes Interesse an Dingen, die vor dem Trauma bedeutend waren, Gefühl der Entfremdung, Emotionslosigkeit, Perspektivlosigkeit und Wahrnehmung einer verkürzten Zukunft. (3) Übererregungssymptome: Hohe Wachsamkeit und Schreckhaftigkeit gibt es in allen Altersstufen. Charakteristisch sind Konzentrations- und Gedächtnisprobleme, Affektdurchbrüche und erhöhte Reizbarkeit. Ferner kommt es oft zu Schlafstörungen.

Tabelle 1: DSM-IV-TR Diagnosekriterien einer PTBS (Landolt, 2012; nach Saß, Wittchen, Zaudig & Houben, 2003)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

4 Pathogenese der PTBS

Aber was ist der Auslöser der in Kapitel 3 genannten Symptome? Wie entstehen posttraumatische Störungen nach psychischen Traumata? In erster Linie für das Erwachsenenalter entstanden in den letzten Jahrzehnten eine Reihe von Entste- hungs-Modellen. Die relevantesten sind lerntheoretische und kognitive Modelle, psychodynamische Modelle und neurobiologische Modelle (Landolt, 2012). Ein anwendbares Modell für den Kinder- und Jugendlichenbereich stellt das kognitive Modell der PTBS nach Ehlers und Clark (2000) dar. Bevor ich darauf eingehe, wollte ich geklärt wissen, welche Vorgänge im Gehirn (reduziert auf neuro- anatomische Gesichtspunkte) bei bedrohlichen Ereignissen ablaufen.

4.1 Wie funktioniert unser Gehirn bei Gefahr?

Unser Gehirn wird unaufhörlich mit einer Vielzahl von Informationen konfrontiert. Bei der Verarbeitung spielt dabei unser Gedächtnis eine entscheidende Rolle. In- formationen werden nach Relevanz bewertet, verworfen, gespeichert und wieder abrufbar gemacht. Auf dieser Basis vollzieht sich Gedächtnisbildung. Wir lernen aus Erfahrung von klein an und entwickeln ein individuelles Verständnis für die Welt. Unter Einbeziehung unterschiedlicher Gedächtnisstrukturen werden Er- fahrungen zu Erinnerungen und machen Handeln in Gegenwart und Zukunft möglich. Streek-Fischer (2014, S.170) nennt dies »Verinnerlichung von steuern- den und strukturgebenden Objektbeziehungserfahrungen.« Verantwortlich für das Handeln ist das Arbeitsgedächtnis (= Kurzzeitgedächtnis), lokalisiert im präfrontal- en Cortex (= Stirnseite unseres Gehirns). Je besser bei Kindern der präfrontale Cortex funktioniert und auf strukturgebende Objektbeziehungserfahrungen zu- rückgegriffen werden kann, desto besser können Denkstrategien entwickelt und verschiedene Handlungsmöglichkeiten abgewogen werden. Dies gilt auch für den Umgang in bedrohlichen Situationen. Teamplayer sind Hippocampus und Amyg- dala als wesentliche Elemente in einem neuronalen Netzwerk beim menschlichen Angstverhalten. Ich möchte dies im Folgenden an einem selbst gewählten Beispiel (=kursiv gesetzt) erklären: Angenommen, ich höre bei einem Spaziergang plötzlich neben mir in einer Gasse lautes Knurren und Hundebellen. Visuelle und auditive Signale erreichen den Thalamus.

[...]

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Details

Titel
Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) bei Kindern und Jugendlichen im Kontext Krieg- und Fluchterleben
Untertitel
Grundlagen im Hinblick interkultureller kunsttherapeutischer Praxis
Note
1,0
Jahr
2016
Seiten
26
Katalognummer
V378204
ISBN (eBook)
9783668557925
ISBN (Buch)
9783668557932
Dateigröße
443 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kinder und Jugendliche, Krieg, Flucht, PTBS, Kunsttherapie, Flüchlinge, Erleben, Therapie
Arbeit zitieren
Anonym, 2016, Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) bei Kindern und Jugendlichen im Kontext Krieg- und Fluchterleben, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/378204

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