"Leicht grünlich eingefärbte Bilder einer billigen Überwachungskamera flimmern rauschend über den Bildschirm. Aus einer leicht erhöhten Perspektive heraus ist eine Frau zu sehen, die das Gesicht eines alten Mannes abwischt, schnell und lieblos, dann noch einmal, schneller, aggressiver diesmal. Der Vorgang wiederholt sich, die Aggressivität der Frau steigert sich, sie beschimpft ihn. Der alter Mann ist wehrlos und versucht den Kopf wegzudrehen, was ihm aber nicht gelingt.
Szenenwechsel: Dieselbe Frau und derselbe alte Mann sind erneut zu sehen, diesmal liegt der Bettlägerige kaum bekleidet auf der Seite; die Frau schlägt auf seine Hüfte ein, wieder und wieder. Trotz des unscharf wirkenden Bildes, das den Eindruck von Reality-TV noch verstärkt, ist unverkennbar, daß sie ihre Wut über den Wehrlosen entlädt, harte Schläge auf einen ausgemergelten Körper austeilend."
Dann bricht die Filmsequenz ab, und der Moderator der Sendung erscheint. Nach einer kurzen, scheinbar genau berechneten Pause moralischer Entrüstung folgt sodann die Erklärung der verstörenden Bilder.
Das Video stammt aus einer Funküberwachungskamera, welche die Frau, die das 91jährige Opfer der gezeigten Mißhandlung in der häuslichen Umgebung pflegte, selbst in dessen Zimmer zur besseren Aufsicht angebracht hatte. Ein Funkamateur, der die Signale zufällig auffing und so verstärkte, daß er das Leiden des pflegebedürftigen Mannes auf Video bannen konnte, benachrichtigte nach seiner Entdeckung die Polizei, welche die Wohnung ausfindig machen konnte und den alten Mann in ein Krankenhaus bringen ließ. Zitiert werden die Beamten mit den Worten, daß das Opfer vor Erleichterung geweint habe, als es abtransportiert wurde.
Dieser Fall, der sich zwar nicht in einer Institution, sondern in der häuslichen Pflege zutrug, zeigt trotz der vordergründigen moralischen Entrüstung der Fernsehmacher und dem verständlichen Mitleid der zitierten Beamten mit dem Opfer aber mehr als nur eine Mißhandlungssituation. Während in dem Nachrichtenbeitrag bei RTL darüber spekuliert wurde, inwiefern hier die Bereitschaft der Frau, als Pflegende aufzutreten, mit der Zahlung des Pflegegeldes zusammenhing, wurde übersehen, daß die gezeigten Übergriffe im Rahmen der Pflegesituation begangen wurden - nämlich einmal während des Säuberns des Gesichts und beim zweiten Mal anscheinend während der Reinigung des Opfers von Exkrementen.
Inhaltsverzeichnis
1. - Einführung und Themenbeschreibung:
1.1 - Begrifflichkeiten:
1.1.1 - Psychische Disposition:
1.1.2 - Tötung:
1.2 - Allgemeine Betrachtung der Einflußfaktoren und Zusammenhänge:
2. - Klassifikation von (Mehrfach-)Tötungen durch Ärzte, Pflegende und Pflegekräfte innerhalb und außerhalb von Krankenhäusern und Heimen:
2.1 - Motivlage 1.1.1:
2.2 - Motivlage 1.1.2:
2.3 - Motivlage 1.1.3:
2.4 - Motivlage 1.1.4:
2.5 - Motivlage 2.1.1:
2.6 - Motivlage 2.1.2:
2.7 - Motivlage 3.1.1:
2.8 - Motivlage 3.1.2:
2.9 - Motivlage 3.1.3:
2.10 - Motivlage 3.1.4:
2.11 - Zeitliche und geographische Dimensionen:
2.12 - Gemeinsame Merkmale von Tätern und Taten der Motivlage 3.1.4:
2.13 - Zusammenfassende Tätertypologisierung und Tatumfeldtypologisierung:
2.13.1 - Tätertypologisierung:
2.13.2 - Tatumfeldtypologisierung:
3. - Der Fall Rudi Z. (Wuppertal):
3.1 - Lebenslauf:
3.2 - Tötungsdelikte, Tatumfelder und Täterverhalten:
3.2.1 - Tatumfelder und Täterverhalten:
3.2.2 - Die Tötungsdelikte:
3.3 - Psychosozialer Befund:
3.3.1 - Allgemeine Charakterisierung des Täters:
3.3.2 - Persönlichkeitsbildung des Täters - Erklärungsansätze hinsichtlich verschiedener psychologischer Theorien:
3.3.2.1 - Stufenmodell nach Erikson:
3.3.2.1.1 - Einflüsse während der oral-sensorischen Phase (Vertrauen vs. Mißtrauen):
3.3.2.1.2 - Einflüsse während der anal-muskulären Phase (Kompetenz vs. Minderwertigkeit):
3.3.2.1.3 - Einflüsse während der genital-lokomotorischen Phase (Initiative vs. Schuld):
3.3.2.1.4 - Einflüsse während der Latenzphase (Kompetenz vs. Minderwertigkeit):
3.3.2.1.5 - Einflüsse während der Pubertätsphase oder genitalen Phase (Identität vs. Identitätsdiffusion):
3.3.2.2 - Ich, Über-Ich, Es und Abwehrmechanismen:
4. - Verhalten und (zugeschriebene) Merkmale der Heimbewohner / Patienten in Beziehung zur Tatauslösung:
4.1 - Die Rolle des Kranken bzw. Heimbewohners:
4.1.1 - Krankenhaus - Patientenrolle:
4.1.2 - Altenheim - Bewohnerrolle:
4.1.3 - Gemeinsame Aspekte von Krankenhäusern und Alten- bzw. Pflegeheimen:
4.1.4 - Zusammenfassung:
5. - Institutionelle und strukturell-rechtliche Bedingungen:
6. - Mögliche Maßnahmen zur Prävention und Aufdeckung:
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit analysiert Hintergründe, Zusammenhänge und die Klassifikation von Gewalt- und Tötungsdelikten in Einrichtungen der Gesundheitsversorgung. Ziel ist es, ein besseres Verständnis für die Motive der Täter, die psychologischen Hintergründe sowie die institutionellen Rahmenbedingungen zu schaffen, um Präventionsansätze zu identifizieren.
- Klassifikation von Tötungsdelikten in Institutionen
- Psychologische und sozialmedizinische Erklärungsansätze für Täter
- Analyse des Einflusses von institutionellen Arbeitsbedingungen
- Untersuchung der Opferrolle und des Verhaltens von Patienten/Bewohnern
- Präventionsmaßnahmen und Aufdeckungsmöglichkeiten
Auszug aus dem Buch
1. - Einführung und Themenbeschreibung:
30.11.2004, 18:45 Uhr: Leicht grünlich eingefärbte Bilder einer billigen Überwachungskamera flimmern rauschend über den Bildschirm. Aus einer leicht erhöhten Perspektive heraus ist eine Frau zu sehen, die das Gesicht eines alten Mannes abwischt, schnell und lieblos, dann noch einmal, schneller, aggressiver diesmal. Der Vorgang wiederholt sich, die Aggressivität der Frau steigert sich, sie beschimpft ihn. Der alter Mann ist wehrlos und versucht den Kopf wegzudrehen, was ihm aber nicht gelingt.
Szenenwechsel: Dieselbe Frau und derselbe alte Mann sind erneut zu sehen, diesmal liegt der Bettlägerige kaum bekleidet auf der Seite; die Frau schlägt auf seine Hüfte ein, wieder und wieder. Trotz des unscharf wirkenden Bildes, das den Eindruck von Reality-TV noch verstärkt, ist unverkennbar, daß sie ihre Wut über den Wehrlosen entlädt, harte Schläge auf einen ausgemergelten Körper austeilend.
Zusammenfassung der Kapitel
1. - Einführung und Themenbeschreibung: Diese Einleitung führt in das sensible Thema der Gewalt und Tötungen in Pflegeeinrichtungen ein und grenzt die Begrifflichkeiten ab.
2. - Klassifikation von (Mehrfach-)Tötungen durch Ärzte, Pflegende und Pflegekräfte innerhalb und außerhalb von Krankenhäusern und Heimen: Dieses Kapitel systematisiert verschiedene Tätertypen und Tatmotive anhand von Fallbeispielen.
3. - Der Fall Rudi Z. (Wuppertal): Eine detaillierte Fallstudie zu Rudi Z., die dessen Lebenslauf und Taten sowie eine psychologische Analyse bietet.
4. - Verhalten und (zugeschriebene) Merkmale der Heimbewohner / Patienten in Beziehung zur Tatauslösung: Untersuchung der Rollen von Patienten und Bewohnern sowie deren Einfluss auf Konfliktsituationen.
5. - Institutionelle und strukturell-rechtliche Bedingungen: Beleuchtung der organisatorischen und rechtlichen Rahmenbedingungen, die Tatbegünstigung fördern können.
6. - Mögliche Maßnahmen zur Prävention und Aufdeckung: Zusammenfassung konkreter Handlungsoptionen zur Prävention und besseren Aufdeckung solcher Delikte.
Schlüsselwörter
Patiententötung, Serienmord, Pflegepersonal, Altenheim, Krankenhaus, Motivlage, Psychologische Disposition, Institutionelle Bedingungen, Gewaltprävention, Tätertypologie, Opferrolle, Sterbehilfe, Soziale Isolation, Machtmissbrauch, Burn-Out-Syndrom
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Hintergründe und Ursachen von Gewalt- und Tötungsdelikten, die durch medizinisches und pflegerisches Personal in Krankenhäusern und Heimen begangen werden.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Zentrale Themen sind die Tätertypologie, die Rolle der Opfer, die institutionellen Rahmenbedingungen sowie psychologische Erklärungsmodelle für das Handeln der Täter.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, durch die Analyse der Motive und Umstände präventive Maßnahmen zu erarbeiten und die Mechanismen besser zu verstehen, die solche Taten ermöglichen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine qualitative Analyse, die Fallstudien und biographische Daten mit psychologischen Theorien (insbesondere dem Stufenmodell von Erikson) verknüpft.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil widmet sich der Klassifikation verschiedener Motivlagen, einer detaillierten Fallstudie (Rudi Z.), sowie der Analyse von Täterpersönlichkeiten und institutionellen Faktoren wie Dienstplänen und Hierarchien.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Patiententötung, Serienmord, Pflegende, Institutionelle Bedingungen, Tätertypologie und Gewaltprävention.
Welche Rolle spielen Medikamente bei den untersuchten Taten?
Medikamente dienen den Tätern oft als Tatmittel, da sie aufgrund der beruflichen Tätigkeit leichten Zugang haben und der Missbrauch durch unzureichende Dokumentation oft lange unbemerkt bleibt.
Warum wird im Fall von Rudi Z. das Stufenmodell nach Erikson angewendet?
Um die Entwicklung der Persönlichkeit und die psychischen Defizite des Täters im Kontext seiner Kindheit und Jugend zu verstehen und zu erklären, warum er eine narzisstische Persönlichkeitsstörung entwickelte.
- Citation du texte
- Uwe Janatzek (Auteur), 2005, Täter in Weiß - Gewalt und Tötungen in Krankenhäusern und Heimen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/37820