Obdachlosigkeit in Berlin und Potsdam. Ein eigener Habitus?

Eine Beobachtungsstudie obdachloser Menschen


Hausarbeit, 2015
22 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Gliederung

1 Einleitung

2 Bourdieus Habituskonzept

3 Obdachlosigkeit
3.1 Begriffsdefinition
3.2 Lebenswirklichkeit

4 Beobachtungsstudie des Alltagslebens obdachloser Menschen
4.1 Erhebungsmethode Beobachtung
4.2 Erstellung des Beobachtungsbogens
4.3 Durchführung der Beobachtung
4.4 Auswertung der Beobachtungsergebnisse

5 Zusammenfassung

6 Selbstreflektion und Fehleranalyse

1 Einleitung

„2006. Berlin Alexanderplatz. Wie so oft sitzen wir, wenn nicht im Volkspark Friedrichshain, unter der Weltzeituhr. Heute Nacht hatte sich die Truppe bei Bluti eingenistet, der zurzeit ne Wohnung in der Neuen Bahnhofsstraße vom Amt bekommen hat. Streetworker hatten ihm dabei geholfen sich erst OFW (ohne festen Wohnsitz) zu melden, um dann nen FW zu bekommen. Super Sache, so haben immerhin ca. zwanzig Leute nen DPP (dauerhaften Pennplatz). Nachdem wir uns von den Resten des Vortags der umliegenden Bäckerei wohlgenährt hatten, gings mit der Bahn ab zum Alex. Kurz ne Runde schnorren um den ersten Pivo kaufen zu können. Man könntes als billigen Martini-Verschnitt beschreiben, unser absolutes Lieblingsgetränk zurzeit. So hat man mehr Prozente in einer Flasche, so viel Molle tragen is schwer irgendwann und die süffelt man ja so schnell leer. Aber Schnapskinder wollten wa auch nich sein. So dümpelte also der Tag zwischen Pivo, Hunden, Schnorren, Touristen ärgern und sich mit dem Ordnungsamt streiten dahin. Endlich 16 Uhr und der KUB-Wagen kommt. Es gibt belegte Brote, Eier und Obst. Die Vollverpflegung am Alex. Dienstag und Donnerstag kommt der KUB. Mittwoch bringt Karuna e.V. warmes Essen. Da wird sich der Magen richtig voll geschlagen, reicht als Mahlzeit für einen Tag, so kann man die erschnorrte Kohle für anderen Schabernack ausgeben. Und nun ab zum Park…”

Diese Beschreibung einer Alltagssituation des obdachlosen Straßenlebens entstammt meinen eigenen Erinnerungen aus dem Jahr 2006. In diesem Jahr lebte ich für ca. vier Monate von Mai bis September selbst „auf der Straße” in Berlin und war in der Punkszene unterwegs. Ich habe den Wohnsitz bei meiner Mutter nicht mehr wahrgenommen und galt als vermisst gemeldet, war demnach ohne festen Wohnsitz und musste mir jeden Abend erneut Gedanken um meinen Schlafplatz machen. Aus dieser Szenerie lässt sich ein exemplarischer Tag im Straßenleben ablesen: Nahrungsmittelbeschaffung, Schlafplatzsuche, Gruppenleben und Alkohol sind zentrale Lebenskategorien, die die Strukturieren und Organisation des Alltags bestimmen. Denn auch im Leben „auf der Straße” gilt es die Ressource Zeit sinnvoll zu füllen und eine Art der Lebensführung zu gestalten. Hieraus lässt sich ein Spezifikum moderner Gesellschaften ablesen: Der Zwang zur individuellen Lebensgestaltung bei sich einer immer weiter ausdifferenzierenden Gesellschaft. Unterschiedliche individuelle Lebenskonzepte und die soziale Lage (welche hauptsächlich durch Erwerbsarbeit und Eigentum bestimmt ist) führen zu verschiedenen Formen der Alltagsgestaltung, also zu typischen Tagesarrangements mit Regelmäßigkeiten und Routinen. Ein „Obdachlosenalltag” ist eine Form der Lebensgestaltung und soll im Folgenden näher beleuchtet werden.

Dieser Erfahrungszusammenhang ist, wie andere Lebenserfahrungen, Teil meiner Lebenswirklichkeit. Aus dieser Lebenswirklichkeit resultieren bestimmte Deutungs- und Wahrnehmungsmuster, welche sich auch in meinem wissenschaftlichen Zugang zum Thema Obdachlosigkeit widerspiegelt. Obwohl ich versucht habe, meine Erfahrungswerte nicht auf die folgende soziologische Forschung zu übertragen, sollte dem Leser bewusst sein, dass ich eine „subjektive” Wirklichkeit in dieser Arbeit formuliere, die ich aufgrund wissenschaftlicher Beobachtungen in einen Sinnzusammenhang gestellt habe. Dieser ist als Angebot zu betrachten und nicht als „objektive” Wirklichkeit oder Wahrheit. Im Sinne des Forschungsstands der Vertreter der sogenannten „kulturalistischen Wende” habe ich hiermit versucht mich und meine Lebenswirklichkeit und damit meinen Forschungszugang offen zu legen.

Das Forschungsinteresse galt dem Alltagsleben obdachloser Menschen, im Sinne ihres Ess-, Trink-, Aufenthalts- und Kleidungsverhaltens. Auffällig ist, dass in sozialstrukturellen Modellen der Gliederung von modernen Gesellschaften soziale Randgruppen teilweise nicht berücksichtigt sind. Als Hintergrund dessen kann man eruieren, dass Sozialstrukturanalyse immer noch auf Grundlage von Einkommen und Status der Erwerbsarbeit fußt. Da sich aber obdachlose Menschen ohne festen Wohnsitz und meist ohne Erwerbsarbeit durchs Leben bewegen und daher gesellschaftlichen Normen der Behausung und Grundsicherung widersprechen, gilt dieses Lebensmodell als abnorm und fällt aus Sozialstrukturmodellen heraus. Allein darin steckt bereits die soziale Ungleichheit: In einem sozialstrukturellen Gesellschaftsmodell nicht erfasst und daher soziologisch nicht besonders wahrgenommen zu werden. Hier drückt sich bereits gesellschaftliches Desinteresse aus. Daher war es mir ein besonderes Anliegen diese soziale Gruppe stärker soziologisch unter die Lupe zu nehmen1: Wie organisieren obdachlose Menschen ihren Tagesablauf? (Wenn doch nichts strukturell durch Ausbildung oder Erwerbsarbeit vorgegeben ist) Wie kommen diese an lebensnotwendige Dinge wie Essen, Kleidung, Getränke und Schlafplatz und wie werden diese konsumiert? Wie ist das Verhalten untereinander in der Gruppe? Welchen Lebensstil also legen obdachlose Menschen an den Tag?

Pierre Bourdieu konnte in seinen Forschungen feststellen, dass Milieus und soziale Gruppen ihre Zugehörigkeit und Abgrenzung untereinander durch einen bestimmten Habitus deutlich machen. Das also die Mitglieder einer bestimmten sozialen Gruppe einen bestimmten Habitus entwickeln, der sich in Kleidung, Nahrung, Konsumverhalten, Gestik und Mimik usw. ausdrückt. Haben demnach obdachlose Menschen einen eigenen Habitus? Wie spiegelt sich die Lebenswirklichkeit in diesem Habitus wieder?

Diesen Fragen versucht die Arbeit Antwort zu geben, die ein Angebot sind, die Lebenswelt obdachloser Menschen zu deuten. Zuallererst soll das Habituskonzept von Bourdieu verdeutlicht werden, um anschließend zum Begriff und zur Lebenswirklichkeit der Obdachlosigkeit zu gelangen. Daran schließt sich unsere Beobachtungsstudie obdachloser Menschen in Berlin und Potsdam an, bei welcher der Versuch unternommen wurde, die Lebenswelt im Sinne des Alltagslebens anhand bestimmter Kategorien zu erfassen. Zum Ende hin soll aufgrund der Beobachtungsergebnisse geklärt werden, ob und welchen Habitus obdachlose Menschen, als Mitglieder einer sozialen Gruppe, entwickeln und ausbilden.

2 Bourdieus Habituskonzept

In Bourdieus Konzeption des sozialen Raums kommt dem Begriff des Habitus eine zentrale Schlüsselposition zu, um seine Position im sozialen Raum, also seine Milieuzugehörigkeit zum Ausdruck zu bringen. Hierbei kann der Habitus grundsätzlich als innere und äußere Haltung eines Menschen bezeichnet werden. Es sind bestimmte Denk- und Handlungsschemata, die gesellschaftlich erzeugt sind und ein Mittel zur Distinktion gegenüber anderen Milieus.

„Der Habitus ist das generative und vereinheitlichende Prinzip, das die intrinsischen und relationalen Merkmale einer Position in einen einheitlichen Lebensstil rückübersetzt, das heißt in das einheitliche Endemble der von einem Akteur für sich ausgewählten Personen, Güter und Praktiken.”2

Das heißt, dass bestimmte Praktiken, Besitztümer und Meinungsäußerungen mithilfe sozialer Wahrnehmungskategorien zu symbolischen Unterschieden werden. Es ist eine mittels bestimmter Symbole vermittelte Sprache des gemeinsamen Lebensstils. Also ein „systematisches Ensemble von Gütern und Eigenschaften, die untereinander durch Stilaffinität verbunden sind.”3 Symbole können Geschmacksvorlieben hinsichtlich Speisen, Getränke, Kleidung und Konsumgüter sein, sowie Auftreten, Gestik, Mimik usw. Unsere nachfolgende Forschung konzentriert sich aufgrund der Erhebungsmethode vor allem auf den symbolischen Ausfluss des Habitus hinsichtlich der Vorlieben bei Speisen, Getränken, Kleidung, Konsumgütern und Schlaf- und Aufenthaltsplätzen.

3 Obdachlosigkeit

„Jeder Stadtbewohner und jede Stadtbewohnerin kennt sie durch Augenschein: Männer und immer häufiger auch Frauen, die regelmäßig an bestimmten öffentlichen Plätzen zu finden sind und dort allein oder in kleinen Gruppen, mehr oder weniger abgerissen aussehend, ihre Habseligkeiten um sich herum ausgebreitet und umringt von Flaschen mit billigem Wein oder Fusel, ihre Tage und nicht selten auch ihre Nächte verbringen. Menschen, bei denen schon durch ihr Äußeres und durch ihr Verhalten leicht zu erkennen ist, daß sie ein Leben außerhalb der „bürgerlichen Normalität” führen.”4

Wann ist ein Mensch obdachlos und an welchen Symbolen, anhand seiner spezifischen Lebenswirklichkeit, lässt sich dies erkennen? Eine Begriffsdefinition und Beschreibung der Lebenswirklichkeit.

3.1 Begriffsdefinition

Laut ETHOS (European Typologie on Homelessness und Housing Exklusion) gelten Menschen als obdachlos, „die auf der Straße leben, an öffentlichen Plätzen wohnen, ohne eine Unterkunft, die sich in Verschlägen, Parks oder unter Brücken etc. aufhalten.

Obdachlos sind aber auch Menschen in Notunterkünften, die keinen festen Wohnsitz haben und in Wärmestuben, Notschlafstellen oder anderen niederschwelligen Einrichtungen übernachten.“5

Laut dieser Definition gelten Menschen als obdachlos, die sich in keinem festen oder vorübergehenden Wohnverhältnis befinden (keinen festen Wohnsitz haben6 ) und keiner geregelten oder überhaupt keiner Arbeit nachgehen. Im Unterschied zur „Wohnungslosigkeit”7 befinden sie sich auch nicht für einen bestimmten Zeitraum in einer Einrichtung mit begrenztem Aufenthalt wie bspw. Asylheime und Herbergen. Insofern ist das bestimmende Merkmal der Obdachlosigkeit, dass der Schlafplatz ungesichert ist und jeden Abend neu organisiert werden muss. Einen Abend übernachtet ein Obdachloser in einer Wohnung die ihm zur Verfügung gestellt wird, den nächsten Abend im Park und dann vielleicht mehrere Nächte in einem verlassenen Haus, dass er entdeckt hat. Außerdem ist die soziale Komponente des täglichen Aufenthaltsortes Straße, auf welcher sich der Alltag und die sozialen Kontakte abspielen, von zentraler Bedeutung. Hierbei ist einzufügen, dass die soziale Komponente des „Straßenlebens” trotz festem Wohnungsverhältnis fortgeführt werden kann und daher das Wohnverhältnis zum Teil nicht von langer Dauer ist. Trotz rechtlichem Wohnverhältnis werden die Symbole der Obdachlosigkeit weitergetragen, daher sind auch diese Menschen nach meinem Verständnis in die Definition einzuschließen.8

3.2 Lebenswirklichkeit

„Das grundlegende Problem eines Stadtstreichers ist zunächst die Frage des Überlebens in einer Situation, in der das Notwendigste fehlt. Wie kommt man ohne eine eigene Wohnung und unter den Bedingungen materieller Not zurecht? Durch den Verlust der Wohnung verliert eine Person nicht nur ihren Platz zum Schlafen, sondern auch ihre Waschmöglichkeit, ihre Kochgelegenheit und ihren Platz für den persönlichen Besitz.”9

Die Lebenswelt obdachloser Menschen ist vor allem durch Lebensbewältigung und der Sicherung der physischen Existenz geprägt. Die drei lebensnotwendigen Bereiche existenzieller Grundsicherung von Nahrung, Kleidung und Schlafplatz müssen tagtäglich gesichert werden. Zugänge zu den Ressourcen: Geld, durch Sozialhilfe, Betteln oder Zeitungsverkauf, Platz zum Schlafen, notwendigste Hygiene, warme Mahlzeiten, medizinische Versorgung, Kleidung und letztlich auch Alkohol, gilt es zu sichern. Daher ist der Tag, neben den sozialen Kontakten, vor allem der Lösung dieser drei Grundfragen und der Ressourcengewinnung gewidmet.10 Hierbei bauen sich Überlebensstrategien auf, die als Wissenssysteme fungieren und untereinander weitergegeben, erlernt und ausgebaut werden. Die soziale Funktion der Gruppe ist, sich in ihrem Gefüge die gegenseitig notwendige Unterstützung zu geben um mit dem Straßenleben fertig zu werden. Außerdem wirkt die soziale Bezugsgruppe als identitätsstiftend, indem sich der „Habitus der Notwendigkeit”11 und seine Überlebensstrategien in bestimmten Symboliken untereinander ausdrückt und die Zugehörigkeit deutlich macht.12 Dennoch ist das „Straßenleben” auch mit viel Einsamkeit und Gruppenkonflikten verbunden und letzten Endes jeder auf sich allein gestellt.

Als Lebensraum suchen sich viele obdachlosen Menschen Großstädte oder die Nähe von Großstädten. Da die „Flucht in die Anonymität der Großstadt”13 einerseits sozialer Ächtung, des als abnormal geltenden Lebensstils, entgehen soll, da man sich nicht an den Erwartungshaltungen anderer orientieren muss. Andererseits bieten Großstädte ein besser ausgebautes System von Hilfeeinrichtungen bezüglich der Bereitstellung von Nahrung und Schlafplätzen bzw. wird sich in der Großstadt eher weniger an auf der Straße oder in Parks nächtigenden Personen gestört. Noch dazu produziert eine Stadt stärkeren Überfluss und damit Überschuss an Konsumgütern, die Obdachlose für sich nutzen können (Pfandflaschen sammeln, weggeworfene Lebensmittel, verschenkte Kleidung).

[...]

1 Es existieren kaum soziologische Forschungen über obdachlose Menschen.

2 In: Bourdieu, Praktische Vernunft, S.21

3 In: Bourdieu, Praktische Vernunft, S.21

4 In: Kudera, Voß, Penneralltag, S. 7

5 In: Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe

6 Die Bezeichnung OFW, ohne festen Wohnsitz, ist eine staatlich-rechtliche Kategorisierung dieser Menschen.

7 Obdachlosigkeit wird in einigen Definitionen auch als Unterkategorie von Wohnungslosigkeit bezeichnet. Meiner Meinung nach sind dies aber getrennt voneinander zu betrachtende soziale Gruppen mit jeweils anderen Lebenswirklichkeiten. So schwierig die Unterscheidung manchmal scheint und auch hier Übergänge fließend sein können.

8 Demnach würde jemand als nicht mehr obdachlos gelten, wenn neben festem Wohnverhältnis, teilweise verknüpfend mit einer Erwerbsarbeit, das „Straßenleben” zugunsten einer anderen Alltagsorganisation aufgegeben wird. Auch ich konnte erleben, dass eine feste Wohnung nicht vor Obdachlosigkeit schützt, da dies als Bezugsgruppe wahrgenommen wird, bei welcher man trotz Wohnung nächtigt oder diese bei sich nächtigen lässt. Deshalb dauert das Wohnverhältnis meist nicht lange an, da sich nicht um die Wohnung gekümmert wird, sich Anwohner daran stören oder die nötige Ämterkommunikation nicht stattfindet.

9 In: Penneralltag, S. 99

10 Penneralltag, S. 16

11 Bourdieu

12 Girtler, Vagabunden, S.10

13 Girtler, S.34

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Obdachlosigkeit in Berlin und Potsdam. Ein eigener Habitus?
Untertitel
Eine Beobachtungsstudie obdachloser Menschen
Hochschule
Universität Potsdam  (Sozialwissenschaftliches Institut)
Veranstaltung
Soziale Ungleichheit und gesellschaftliche Differenzierung
Note
1,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
22
Katalognummer
V378406
ISBN (eBook)
9783668565388
ISBN (Buch)
9783668565395
Dateigröße
598 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Habitus, Bourdieu, obdachlos
Arbeit zitieren
Elisa Pfennig (Autor), 2015, Obdachlosigkeit in Berlin und Potsdam. Ein eigener Habitus?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/378406

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