Luther und die Sprache des Konflikts. Eine Bewertung der Türkengefahr anhand ihrer sprachlichen Darstellung durch Luther


Hausarbeit, 2017

20 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Luthers Meinung über die Türken
2.1 Aus politischer und gesellschaftlicher Sicht
2.2 Aus theologischer Sicht
2.3 Zusammenfassende Belegung der ersten These

3. Sprachliche Gestaltung Luthers
3.1 Allgemeines zur Sprachgestaltung Luthers
3.2 Belegung der zweiten These
3.3 Sprachliche Gestaltung gegen Juden und den Papst
3.4 Sprachliche Gestaltung gegen die Türken

4. Zusammenfassung

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„ERhalt uns HErr bey deinem Wort Und steur des Bapsts und Tuercken Mord, Die Jhesum Christum deinen Son Wollten stuertzen von deinem Thron.“1

Dieser Strophenabschnitt aus Luthers 1541 veröffentlichtem Kinderlied „Erhalt uns, Herr, bei deinem Wort“ verdeutlicht, welchen Themenschwerpunkt die folgende Hausarbeit hat. Ich möchte in dieser Ausarbeitung einen Einblick geben, in welchem Verhältnis Martin Luther mit dem muslimischen Glauben zu seiner Lebenszeit stand und welche Gefahr er im türkischen Volk gesehen hat. Dabei beziehe ich mich zum einen auf die politischen Ansichten Luthers, da zu seiner Zeit Europa teilweise von den Türken eingenommen und besetzt wurde (was wiederum einen Einfluss auf Lu- thers Denkweise über die Türken hat). Zum anderen wird aber auch die theologi- sche Perspektive und die Gefahr des Islams für das Christentum eine wichtige Rolle spielen. Ein weiterer Schwerpunkt der folgenden Hausarbeit wird die sprachliche Gestaltung der Aussagen Luthers über und gegen die Türken sein.

Meine zwei Forschungsthesen, die ich zu belegen versuche, setzen sich aus den oben genannten Themen zusammen und nehmen sowohl auf die historische, als auch auf die sprachwissenschaftliche Perspektive Bezug.

Meine erste These besagt, dass Luther im türkischen Volk nicht nur eine Gefahr für das Christentum, sondern auch für die Gesellschaft in Europa sieht. Die zweite These beschäftigt sich mit der sprachlichen Darstellung Luthers Ansichten in Bezug auf die Türken. So möchte ich belegen, dass man anhand der klaren und konkreten Sprachgestaltung Luthers erkennen kann, wie ernst er die Türkengefahr nimmt und welchen Stellenwert sie hat.

Für die erste These ist es wichtig, weltliche Schriften Luthers zu betrachten und herauszufinden, was er über das Volk der Türken denkt. Außerdem ist es für den theologischen Aspekt von großer Bedeutung, auch Kritik Luthers am Islam zu be- trachten. Für die zweite These ist es meiner Ansicht nach vor allem sehr wichtig, ei- nen Vergleich anzustellen, der die sprachlichen Unterschiede zwischen verschiede- nen Gegnern Luthers deutlich macht. Hier kann man als Beispiele politische oder theologische Konkurrenten, Glaubensgegner (wie beispielsweise das Judentum), oder auch den Papst als christliches Oberhaupt - der in der oben genannten Strophe ebenfalls mit dem Türken als Gefahr erwähnt wird - in Betracht ziehen.

2. Luthers Meinung über die Türken

2.1 Aus politischer und gesellschaftlicher Sicht

Für die Beantwortung der Thesen ist eine historische Betrachtung der Weltge- schehnisse unverzichtbar. Wie bereits in der Einleitung erwähnt, spielt die Ausdeh- nung des osmanischen Reiches zur Lebenszeit Luthers eine sehr wichtige Rolle für die europäischen Staaten und damit ebenfalls für die Herzogtümer des Heiligen Römischen Reiches.

Zum einen breitet sich das osmanische Reich als politische Macht aus und bedroht damit immer mehr Teile Europas. Damit einher gehen selbstverständlich auch Ver- änderungen in der Regierungsweise und in der Kultur. Viele Herzogtümer sehen ihre Einflussgebiete gefährdet. Weiterhin kommt es durch die Lage der Weltpolitik dazu, dass große Teile der europäischen Bevölkerung ein stark negatives und grau- sames Bild von Türken und dem osmanischen Reich bekommen. Dieser Tatsache ist sich auch Martin Luther bewusst. So schreibt er bereits 1528 in seiner Schrift „Vom Kriege wider die Türken“ zu diesem Thema: „Zu welchem schutz (scl. seiner Untertanen) solt den Keyser nicht allein bewegen seine schuldige pflicht, Ampt und Gotes gebot, Nicht allein das unchristlich und wuest Regiment, das der Tuerck ynn die land bringet … sondern auch der iamer und das elend, so den unterthanen ge- schicht.“2 Durch dieses Zitat kann man mehrere Tatsachen feststellen. Zum einen bezieht sich Luther auf den Kaiser, der durch sein Amt, seine Pflicht und durch Got- tes Gebot dazu verpflichtet ist, seine Bevölkerung vor dem wüsten Regiment zu be- schützen, welches der Türke nach Europa bringt. Hier wird deutlich, dass Luther nicht nur gut informiert über das politische Weltgeschehen war, sondern auch enga- giert im Sinne der Publikation von politischer Meinung und Kritik. Weiterhin wird durch die Beschreibung der Verpflichtung des Kaisers deutlich, wie sehr Politik und Glauben miteinander verbunden waren. Zum anderen erwähnt Luther hier das Elend und den Jammer der Bevölkerung, die unter den Türken leidet. Auch die Grausamkeiten, mit denen die Bevölkerung durch das osmanische Reich konfron- tiert wird, beschreibt Luther in seiner Schrift: „gleich wie mit eym viehe: schleifft, schleppt, treibt, was fort kan, was aber nicht fort kan, flugs erstochen, es sei iung odder alt etc.“3 Allgemein kann man durchaus behaupten, dass Luther die Türken als ein sehr kriegerisches und streitsüchtiges Volk ansieht, welches er im Gegensatz zu den Fürsten, dem Kaiser und dem Papst schon in den 1520er Jahren durchaus als ernstzunehmende Gefahr betrachtet.

Luther macht damit deutlich, welche politischen Gefahren mit dem Wachstum des osmanischen Reiches und der Machtergreifung der Türken einher gehen. Eine andere Sichtweise hat Luther jedoch auf die türkische Gesellschaft und Kultur, welche jedoch sehr kontrovers zu betrachten ist. Hier kann man beobachten, dass Luther zum einen die kulturellen Leistungen der Türken anerkennt und schätzt, zum anderen bezeichnet er sie in anderen Schriften jedoch wieder als Barbaren. Beginnend mit der Würdigung lobt Luther besonders die staatliche Ordnung und die Treue der Bevölkerung gegenüber dieser. So schreibt er: „Man sagt, das keyn feyner weltlich regiment yrgend sey, dan bey dem Tuercken, der doch wider geyst- lich noch weltlich recht hat, szondern allein seinen Alkoran…“4

Weiterhin bewundert Luther auch die gute Erziehung der türkischen Bevölkerung, die der Jugend zuteil wird. In diesem Zusammenhang erkennt er sogar ein nachah- menswertes Vorbild für das Christentum (vgl. Blöchle, S. 1675 ). Die aber mit Ab- stand lobendsten Worte verliert Luther über die Wissenschaften der islamischen Welt, wobei er sich hier nicht speziell nur auf die Türken bezieht. So erkennt er bei- spielsweise die philosophischen Leistungen von Averros und Avicenna, sowie auch die ausgezeichneten medizinischen und astronomischen Fortschritte islamischer Gelehrter an (vgl. Blöchle, S. 1676 ).

Negativ sieht Luther allerdings beispielsweise die Sexualität der Türken. So kritisiert er scharf die Möglichkeit der Türken, mehrere Frauen gleichzeitig zu haben und ne- benbei mit Konkubinen verkehren zu dürfen: „Er lesst zu, viel Eheliche weiber zu haben, Dazu Beischlefferin und Megde, Und so viel einer derselben im kriege fan- gen und erneeren mag, Und der andern Ehefrawen im Kriege rauben und neh- men…“7

Im Zitat wird zum einen die schon erwähnte Kritik an der muslimischen Ehe deutlich, zum anderen jedoch auch die Einschätzung Luthers hinsichtlich des völkischen Verhaltens der Türken. Auch hier kann man wieder sehen, dass Luther die Türken als raubendes und kriegerisches Volk betrachtet. In diesem Bezug geht Luther auch oft auf die türkischen Vorfahren ein, die Tataren (In seinen deutschen Schriften be- zeichnet er sie als Tattern). So sagt er auch über sie, sie seien ein „wild reubisch volck, das nicht nach heusern fraget, sondern wie das vihe wonen sie ynn huetten als unter dechern und schauren, zu raub und krieg jmer bereit…“8 Hier wird die kriegerische und räuberische Verbindung deutlich, die Luther überwiegend auch an- hand der Abstammung erklärt, wobei auch ein Großteil der kriegerischen Taten Lu- thers Ansicht nach auch durch den Koran vermittelt werden. Auch das nomadenarti- ge Leben der Tataren verwendet Luther hier als Mittel, den Türken oder zumindest seine Vorfahren als besonders wild darzustellen.

Wie bereits erwähnt, erscheint Luthers Meinung über die Türken in seinen Schriften teilweise sehr kontrovers, da er sich selbst oftmals entweder widerspricht, oder sei- ne Meinung über das Volk von Schrift zu Schrift ändert. Als Beispiel soll hier noch einmal das menschliche Verhältnis zwischen Christen und Türken bzw. dem Islam dienen9. Wie beschrieben, ist Luther der Meinung, das Prinzip der Ehe sei im Islam nicht angemessen und würde auch die Frau als Menschen nicht genug würdigen. Allerdings schreibt er in seiner 1522 verfassten Schrift „Vom ehelichen Leben“ fol- gendes über die Ehe zwischen Türken und Christen: „Darumb wisse, daß die ehe eyn eußerlich leyplich ding ist wie andere weltliche hanttierung. […] alßo mag ich auch mit yhm ehelich werden und bleiben, …“10 Obwohl Luther also starke Kritik an der Ehe im Islam ausübt, bejaht er dennoch die Ehe zwischen Christ und Türke.

Diese Meinung verneint er allerdings teilweise wieder in seinem großen Katechis- mus mit der Auslegung des III. Glaubensartikels. So sagt er: „Daruemb scheiden und sondern diese Artickel des glaubens uns Christen von allen anderen Leuten auff erden.“11

Es wird also sehr deutlich, dass Luther in verschiedenen Schriften sehr unterschied- liche Meinungen über bestimmte Aspekte der türkischen Bevölkerung oder des Is- lam vertritt und diese aus durchaus wieder im Laufe seiner Lebenszeit zurückzieht. Zum einen kann das darauf zurückzuführen sein, dass Luther durch seine Schriften oftmals auch Kritik ausüben möchte, die gegen die christliche Obrigkeit gerichtet ist. Dadurch ist es meiner Meinung nach oftmals der Fall, dass Luther sehr provokant wirkt, wenn es um Äußerungen geht, die auch die eigene Kirche betreffen.

Andererseits können die Meinungsänderungen auch durch immer wieder wechseln- de politische Spannungsverhältnisse zwischen dem osmanischen Reich und Europa auftreten.

Zusammenfassend kann man in Bezug auf meine erste These mit diesem Einblick erkennen, dass Luther im Türken zumindest für die Bevölkerung in Europa eine Ge- fahr sieht. zum einen durch die kriegerischen und räuberischen Eigenschaften, die Luther immer wieder erwähnt, zum anderen aber auch durch die Beschreibung des Umgangs der Türken mit den Bürgern. Sei es die Ermordung der alten und jungen Bevölkerung, die für die Türken nicht nützlich gewesen ist, oder aber auch der Voll- zug der Ehe mit Frauen, die sie auf ihren Raubzügen entführt haben. Aus gesell- schaftlicher Sicht kann man also definitiv von einem Feindbild gegenüber dem Tür- ken sprechen.

2.2 Aus theologischer Sicht

Um meine erste These weiterhin belegen zu können, muss man die Meinung Lu- thers über die Türken auch aus theologischer Sicht betrachten. Zwar kann man er- kennen, dass Luther den Türken aus politischer Sicht als Feind angesehen hat. Das macht ihn aber noch nicht ebenso zu einer gleichen Bedrohung für den Christen und das Christentum, auch wenn Kirche und Staat in mittelalterlicher Zeit nicht von- einander trennbar waren.

Im Allgemeinen kritisiert Luther den Islam in seiner Glaubensart sehr scharf und be- zieht sich dabei nicht nur auf einen Bereich der islamischen Glaubensausrichtung. Zuerst bezeichnet er den islamischen Glauben als Religion, die sich lediglich aus Teilen der anderen großen Religionen zusammensetzt.

[...]


1 Herbert Blöchle: Luthers Stellung zum Heidentum im Spannungsfeld von Tradition, Hu- manismus und Reformation. S. 175

2 Herbert Blöchle: Luthers Stellung. S. 172

3 Herbert Blöchle: Luthers Stellung. S. 271

4 Ebd. S. 167

5 Ebd. S. 167

6 Ebd. S. 168

7 Johannes Ehmann: Luther, Türken und Islam. S. 171

8 Herbert Blöchle: Luthers Stellung. S.156

9 In Luthers Schriften ist es teilweise schwer festzustellen, in welcher Hinsicht er mit seinen Äußerungen nur den Türken oder die gesamte islamische Religionsgemeinschaft meint, da das türkische Volk für Luther den Hauptvertreter des Islams darstellt. Somit kann man davon ausgehen, dass ein Großteil seiner vor allem religiösen Kritiken auf den Islam und das türkische Volk zutreffen.

10 Herbert Blöchle: Luthers Stellung. S. 184

11 Herbert Blöchle: Luthers Stellung. S. 185

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Luther und die Sprache des Konflikts. Eine Bewertung der Türkengefahr anhand ihrer sprachlichen Darstellung durch Luther
Hochschule
Technische Universität Dresden  (Institut für Sprachwissenschaften)
Veranstaltung
Martin Luther und die deutsche Sprache
Note
1,0
Autor
Jahr
2017
Seiten
20
Katalognummer
V378601
ISBN (eBook)
9783668556225
ISBN (Buch)
9783668556232
Dateigröße
509 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Luther, Lehramt, Germanistik, Türken, Sprache, Konflikt, Gefahr, Türkengefahr, Deutsch, Martin, Reformation, Streitschriften, Mittelalter, deutsche Sprache, Martin Luther
Arbeit zitieren
Josef Kerkhoff (Autor), 2017, Luther und die Sprache des Konflikts. Eine Bewertung der Türkengefahr anhand ihrer sprachlichen Darstellung durch Luther, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/378601

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