Im Frühjahr 2010 sitzen sich im Museum of Modern Art (MoMA) in New York zwei Menschen an einem Tisch gegenüber und tun weder etwas, noch sprechen sie miteinander. Den Reaktionen der auf den Stühlen sitzenden Personen nach zu urteilen, scheint dennoch viel in Bewegung zu geraten. Es handelt sich um die 1946 im ehemaligen Jugoslawien geborene Performance-Künstlerin Marina Abramović auf der einen und wechselnde Besucherinnen und Besucher des MoMA auf der anderen Seite des Tisches. Das gemeinsame Nichttun und Schweigen findet im Rahmen ihrer Performance „The Artist Is Present“ statt.
Nicht(s)tun, Nichthandeln und Nichtssagen. Häufig geht mit diesen Begriffen in unseren Breitengraden eine negative Konnotation einher, die nicht selten mit Passivität oder Faulheit in Verbindung gebracht werden. Im fernöstlichen Verständnis offenbart sich eine vollkommen andere Sichtweise von Handlungskonzeptionen als in der westlich geprägten philosophischen Tradition. Nicht das ereignisreiche, aktivistische Tun führt in erster Linie zu Wirksamkeit, sondern das zunächst als Gegenteil erscheinende Nichttun. Im Zuge der Frage, ob und unter welchen Bedingungen das Schweigen, Unterlassen und Nichttun in Abramovićs „The Artist Is Present“ ebenso performativ wirksam werden kann, wie Sprechakte und Handlungen, scheint dieser Blick spannende Perspektiven zu eröffnen, die in vorliegender Arbeit im Zuge einer analytischen Auseinandersetzung näher untersucht werden sollen.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 „Marina Abramović - The Artist Is Present“
3 Die anvisierte Wirkung im europäischen Kontext
4 Wirksamkeit als Konsequenz in der daoistisch geprägten Philosophie
4.1 Das Prozessdenken als zentrales Merkmal
4.1.1 Die Prozesshaftigkeit in „The Artist Is Present“
4.2 wu wei: nichts tun und nichts wird nicht getan
4.2.1 Elemente des wu-wei-Prinzips in Marina Abramovićs „The Artist Is Present“
4.3 Das Potential der Leere
4.3.1 Die Funktion der Leere bei Marina Abramović
5 Schlussbetrachtung und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, inwiefern das Schweigen und Nichttun in Marina Abramovićs Performance „The Artist Is Present“ performativ wirksam wird, indem sie diese Praxis mit daoistischen Handlungskonzeptionen sowie westlichen Vorstellungen von Theorie und Praxis in einen analytischen Dialog setzt.
- Analyse des performativen Nichttuns im Kontext der Performancekunst
- Gegenüberstellung europäischer Handlungstheorien mit daoistischen Prinzipien
- Untersuchung der Bedeutung des wu-wei-Prinzips für die Wirksamkeit von Kunst
- Reflektion über die Rolle von Präsenz und Leere in der Begegnung zwischen Künstler und Publikum
Auszug aus dem Buch
4.1.1 Die Prozesshaftigkeit in „The Artist Is Present“
Auch im MoMA werden im Rahmen der Performance narrative Strukturen aufgebrochen, wenn Marina Abramović bereits vor und bis nach Öffnungszeiten des MoMAs nahezu unverändert auf dem Stuhl sitzt und schweigt. Für die Besucherinnen und Besucher ist so weder ein Anfangs- noch ein Endpunkt der Performance auszumachen. Auch für die jeweilige Person, die sich Abramović gegenüber setzt, kann nicht im eigentlichen Sinne von einem Anfang oder Ende die Rede sein. Zwar ist es möglich den Zeitpunkt zu bestimmen, zu dem der- oder diejenige auf dem Stuhl Platz nimmt und diesen wieder verlässt. Dadurch, dass Abramović selbst allerdings bereits anwesend ist, wenn er oder sie sich hinsetzt und dies weiterhin der Fall ist, nachdem das Gegenüber wieder aufgestanden ist, wird dieses vielmehr eine Zeit lang Teil von etwas, was vorher bereits da war und auch hinterher weiter anhält. Dies verdeutlicht auf anschauliche Weise den fortlaufenden Wandlungsprozess, bei dem fließend Elemente ineinandergreifen und sich von innen heraus erneuern, anstatt auf ein Ziel hinzuarbeiten und zu geplantem Zeitpunkt eine geplante Handlung durchzuführen.
Wenngleich sich argumentieren ließe, dass der gesamten Performance gewiss eine akkurate Planung vorangegangen ist und somit ein Modell konstruiert und anschließend ins Reale umgesetzt wurde, was der westlich geprägten Sichtweise von Theorie auf der einen und Praxis auf der anderen Seite entspräche, trifft dies bei genauerem Hinsehen nur bedingt zu. Zwar ist es wohl so, dass „The Artist Is Present“ ursprünglich eine Idee zugrunde liegt, die geplant und umgesetzt wird und dass gewisse Rahmenbedingungen bestehen, wie die Vorgabe nicht mit Abramović zu sprechen. Allerdings reicht ein zielgerichtetes Planen nur bis zum 14. März, als sich Marina Abramović zum ersten Mal auf den Stuhl im MoMA setzt und die Performance beginnt. Ab diesem Zeitpunkt wird kein konkretes Ziel mehr verfolgt, sondern es wird dem Geschehen seinen Lauf gelassen.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung führt in die Thematik des Nichttuns als performative Praxis ein und stellt die Performance „The Artist Is Present“ als zentrales Fallbeispiel vor.
2 „Marina Abramović - The Artist Is Present“: Dieses Kapitel gibt einen Überblick über die Hintergründe der Performance und ordnet sie in das Gesamtwerk der Künstlerin ein.
3 Die anvisierte Wirkung im europäischen Kontext: Hier wird das westliche, oft von einer Trennung zwischen Theorie und Praxis geprägte Handlungsverständnis kritisch reflektiert.
4 Wirksamkeit als Konsequenz in der daoistisch geprägten Philosophie: Dieses Hauptkapitel entwickelt anhand daoistischer Konzepte wie Prozessdenken, wu wei und der Leere einen alternativen theoretischen Rahmen für die Wirksamkeit performativer Akte.
4.1 Das Prozessdenken als zentrales Merkmal: Untersuchung der zeitlichen und strukturellen Dynamik des Handelns aus daoistischer Perspektive.
4.1.1 Die Prozesshaftigkeit in „The Artist Is Present“: Anwendung des Prozessbegriffs auf die konkrete Begegnungssituation im MoMA.
4.2 wu wei: nichts tun und nichts wird nicht getan: Erläuterung des daoistischen Konzepts des mühelosen Handelns jenseits bloßer Passivität.
4.2.1 Elemente des wu-wei-Prinzips in Marina Abramovićs „The Artist Is Present“: Analyse, wie Abramović durch das Schaffen von Bedingungen eine indirekte Wirksamkeit erzeugt.
4.3 Das Potential der Leere: Diskussion der ontologischen und funktionalen Bedeutung der Leere in der chinesischen Philosophie.
4.3.1 Die Funktion der Leere bei Marina Abramović: Reflexion über die Rolle des Raums und der Abwesenheit von Aktion für die Transformation der Teilnehmenden.
5 Schlussbetrachtung und Ausblick: Zusammenfassung der Ergebnisse und Überlegungen zur zukünftigen Bedeutung des performativen Nichttuns.
Schlüsselwörter
Marina Abramović, The Artist Is Present, Performancekunst, wu wei, Daoismus, Wirksamkeit, Prozessdenken, Nichttun, Schweigen, Performativität, Potentialität, Leere, Handlungsstrategien, Präsenz, Transformation.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Bachelorarbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die performative Wirksamkeit des Nichttuns und Schweigens, exemplarisch dargestellt am Werk „The Artist Is Present“ von Marina Abramović.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die Arbeit verknüpft Performance-Theorie mit ostasiatischer Philosophie, insbesondere dem Daoismus, und setzt diese in Kontrast zu westlichen Modellen von Handlung und Wirksamkeit.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Forschungsfrage lautet, inwiefern Prinzipien des daoistischen Konzepts wu wei in Abramovićs Performance sichtbar werden und wie das scheinbare Nichttun performativ wirksam werden kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine diskursive Analyse performativitätstheoretischer Ansätze und nutzt das philosophische Werk von François Jullien als theoretische Grundlage.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert das Prozessdenken, das Prinzip des wu wei sowie die Bedeutung der Leere und wendet diese Konzepte detailliert auf die Struktur und Wirkung der Performance an.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind insbesondere Performativität, Wirksamkeit, Prozessdenken, Leere und das daoistische wu-wei-Prinzip.
Wie unterscheidet sich die daoistische Sichtweise vom westlichen Handlungsbegriff?
Während westliche Modelle oft von einer Trennung zwischen Theorie, Planung und Praxis ausgehen, betrachtet die daoistische Philosophie Handeln als Teil eines fortlaufenden, nicht-narrativen Transformationsprozesses.
Welche Rolle spielt die Leere in der Performance?
Die Leere fungiert nicht als Nichts, sondern als notwendige Voraussetzung dafür, dass Wirksamkeit entstehen kann, indem sie Raum für Transformation und die eigene Wahrnehmung der Teilnehmenden bietet.
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- Ariadne Stickel (Author), 2017, Perspektiven der Wirksamkeit des performativen Nichttuns am Beispiel von Marina Abramovics "The Artist Is Present", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/378668