Gewalt aus der Sicht von Kindern und Jugendlichen. Kommunikationsformen und Präventionsmöglichkeiten


Hausarbeit, 2017

25 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Forschungsstand und Beispielstudien
2.1 Zusammenfassender aktueller Forschungsstand
2.2 Untersuchung vier zentraler empirischer Studien (qualitativ und quantitativ)
2.3 Gegenuberstellung, Abwagung und Perspektive

3 Forschungsdesiderate
3.1 Erorterung der Fragestellung in Bezug der Praventions- und Teilhabemoglichkeiten von Kindern und Jugendlichen in Hinblick auf den Forschungsstand zwischen Grenzen und Moglichkeiten
3.2 Scharfung der Forschungsfrage auf die Moglichkeiten zur Selbstermachtigung und Kommunikabilitat von Kindern und Jugendlichen

4 Forschungsfrage und Forschungsskizze (Die Kinderzeichnung und Objektive Hermeneutik)
4.1 Feldzugang und Sampling in der Kinder- und Jugendforschung
4.2 Erhebungsmethodische Expertise
4.3 Bildanalytische Auswertungsmethode der Sequenzanalyse
4.4 Objektiv-hermeneutische Rekonstruktionslogik in Bezug auf die mogliche Beantwortung der Forschungsfrage

5 Fazit und Ausblick

6 Literatur

7 Anhang 1

1 Einleitung

Kommunikationsformen und Praventionsmoglichkeiten sexueller, korperlicher und emotiona- ler Gewalt aus der Sicht von Kindern und Jugendlichen treten in vielerlei Hinsicht auf. Dieses Thema wird hier untersucht, da die Auspragungen der Gewalt vielfaltig sind und sowohl se- xuellen, korperlichen und emotionalen Missbrauch einbeziehen. Gerade weil diese Formen der Gewalt zu groBen Teilen in der Familie oder in Institutionen stattfinden, sind die Be- troffenen entweder in Abhangigkeitsverhaltnisse eingeschlossen oder von direktem Macht- missbrauch betroffen.

Die konkrete Forschungsfrage lautet deshalb, inwieweit es Kindern durch angebotene Praven- tions- und Kommunikationsformen uberhaupt moglich ist, sich mittels vertrauensvoller Mittei- lungen aus dem Kreislauf der sehr hermetisch stattfindenden sexuellen, korperlichen und emotionalen Gewalt zu befreien.

Nach der allgemeinen Aufarbeitung des Forschungsstands gehort die Darstellung und Diskus- sion zentraler empirischer Studien aus dem Themenbereich zur Untersuchung, welche die Fragestellung, den methodischen Zugang und die Ergebnisse in ihrem Zusammenhang auf- greift und etwaige Forschungslucken, aber auch Entwicklungsressourcen reflektiert. Hierfur wird eine Fokussierung auf Kommunikationsmedien fur Kinder und Jugendliche erfolgen, welche im Forschungsstand begrundet sind und in der Forschungsskizze am Beispiel von Kinderzeichnungen1 methodisch naher untersucht werden. Mit Ulrich Oevermanns Objektiver Hermeneutik wird eine mogliche Auswertungsmethodik theoretisch situiert. Das Forschungs- desiderat dieser Untersuchung fur die Kindheits- und Jugendforschung ist die Herausstellung einer geeigneten und zu wenig beachteten Kommunikationsmoglichkeit als Praventionsform fur Kinder und Jugendliche, welche Opfer emotionaler, sexueller und korperlicher Gewalt wurden.

2 Forschungsstand und Beispielstudien

Bevor der Forschungsstand rekapituliert wird, soll sexuelle, emotionale und korperliche Ge­walt, wie sie hier verwendet wird, definiert werden. Unter sexuellem Missbrauch und Gewalt

1 Aufgrund einer fehlenden besseren Bezeichnung in der Forschungsliteratur gilt der Begriff Kinderzeichnung im Folgenden sowohl als Ausdrucksform fur Kinder, als auch fur Jugendliche.

gegenuber Kindern und Jugendlichen wird jedwede Handlung sexueller Natur angesehen, welche bei den Opfern entgegen ihrem Willen, aus Mangel an Entwicklung ausgeubt wird und in ein Machtgefalle eingewoben ist (vgl. Rorig 2014a). Hier wird ebenfalls die in der For- schung bevorzugte Begrifflichkeit der Gewalt verwendet (vgl. ebd.). Unter emotionaler oder psychischer Gewalt sind insgesamt verletzende Kommunikationsformen gegenuber Personen zu verstehen, welche mit diskriminierenden, kontrollierenden und erniedrigenden Handlungen ausgefuhrt werden (vgl. Bundesverband Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe 2017b). Zuletzt wird korperliche Gewalt verstanden als Angriff auf die physische Unversehrtheit von Personen, welche durch Verletzungen meist direkt wahrnehmbar ist (vgl. ebd. 2017a).

Da die Argumentation aus Sicht von Kindern und Jugendlichen erfolgt, wird im Folgenden laut der vorhergehenden Definitionen in einer holistischen Perspektive insgesamt von allen Formen sexueller, korperlicher und emotionaler Gewalt gesprochen. Diese stehen immer in einem Machtgefalle und haben vielfaltige Auswirkungen auf die Betroffenen, ihren Korper, ihre Psyche, ihr Verhalten und ihre Kommunikationsfahigkeit.

2.1 Zusammenfassender aktueller Forschungsstand

Der Forschungsstand zu den so definierten Formen der Gewalt gegenuber Kindern und Ju­gendlichen ist weitlaufig und divers. Einen umfassenden Uberblick bietet die Literaturliste des Unabhangigen Beauftragten fur Fragen des sexuellen Missbrauchs (vgl. Rorig 2014b). Zusammenfassend lassen sich anhand aktueller Studien folgende allgemeine Ergebnisse zent- ralisieren. Die Tater sind vor allem Manner (vgl. Barz/Helfferich/Kavemann 2006, S. 121­123) und der Tatort ist oft in Institutionen (Schulen, Vereine, etc.), aber vor allem in der Fa- milie selbst, wo die Kommunikation durch Abhangigkeiten besonders erschwert ist (vgl. Bo- jack/Heitmeier 2016, S. 181), was insgesamt als „Tabuzone des Schweigens“ (ebd.) proble- matisiert wird.

Fur wirksame PraventionsmaBnahmen muss einer Vergleichsstudie zufolge gerade bei Kin­dern und Jugendlichen die institutionelle Verankerung von Hilfsangeboten stattfinden (vgl. Bundesministerium der Justiz/Bundesministerium fur Familie, Senioren, Frauen und Ju- gend/Bundesministerium fur Bildung und Forschung 2012, S. 21). Das Einbeziehen der Kin­der und Jugendlichen selbst wird fur die Wirksamkeit als grundlegend betrachtet und auch die Art und Weise der Verfahren, die sich auf das Alter, das Geschlecht und die Qualifikation der Ansprechpartner beziehen (vgl. ebd., S. 22). Fur eine brauchbare Gewahrleistung geeigneter und notwendiger Interventionsmoglichkeiten wird eine hinreichende Kommunikation und Dokumentation benotigt (vgl. ebd., S. 23), bei der die Aufarbeitung des Erlebnisses im Mit- telpunkt steht (vgl. ebd., S. 26). Kinder und Jugendliche finden allerdings selten Zugang zum Beratungsnetzwerk, was sowohl durch die Dynamik der Machtverhaltnisse, als auch durch nachgewiesene Problematiken der Anlaufstellen bedingt ist (fehlendes Personal, Finanzie- rung, etc.) (vgl. ebd., S. 32). Insgesamt stellte sich die Spezialisierung der Beratung, die Of- fentlichkeitsarbeit, die Qualifikation der Fachpersonen (vgl. ebd., S. 33), eine Informierung der Eltern und eine Sensibilisierung zu diesem Thema direkt bei den Kindern und Jugendli- chen als zentral heraus (vgl. ebd. S. 38). Es zeigte sich auBerdem, dass die Forschung unter- stutzt werden muss, die sich im Bildungsbereich befindet und nicht nur die Gefahr der Gewalt betrifft, sondern kulturelle und padagogische Moglichkeitsraume anbelangt, die Kindern und Jugendlichen zur Verfugung gestellt werden, um eine Ermachtigung ihrer Kommunikations- fahigkeit zu ermoglichen (vgl. ebd. S. 44). Die Reprasentativbefragung stellte fest, dass die Gesellschaft zum Thema solcher Gewaltformen sensibilisiert werden muss, um die Kommu- nikations- und Praventionsfahigkeit effektiv zu fordern (vgl. ebd., S. 49).

Die Ergebnisse einer bundesweiten Fortbildungsinitiative aus dezidierten Praxisbeispielen zeigten, dass die Implementation von Schutzstrukturen in institutionellen Einrichtungen mog- lich und notwendig ist (vgl. Eberhardt/Naasner/Nitsch 2016, S. 3). Die gesellschaftliche Be- deutsamkeit des Aufarbeitungsprozesses, was die Kommunikation und Pravention anbelangt wird insgesamt mehr und mehr betont (vgl. Fegert et al. 2011, S. 139), wie auch Anlaufstellen der telefonischen Beratung (vgl. Kavemann/Grieger/Kretschmann 2006, S. 5) oder MaBnah- men am oft stattfindenden Tatbereich des Sportvereins (vgl. Rulofs 2016, S. 8). Die Perspek- tive der Kinder und Jugendlichen wird aktuell immer starker in den Blick genommen, um diesen eine selbstbestimmte Handlungsfahigkeit zu ermoglichen (vgl. Hofer et al., 2017, S. 141-142). Gerade das Schweigen uber die verubte Gewalt wurde beispielsweise in der kirchli- chen Auseinandersetzung zentral nachgewiesen (vgl. Hallay-Witte/Janssen 2015, S. 17). Lei- der ist ein meist gezogenes Fazit, dass es kein signifikantes Angebot gibt, welches Kinder wahrnehmen konnen, um die an ihnen verubte Gewalt ausreichend zu kommunizieren (vgl. Struck 2007, S. 453). Aus diesem Grund werden im Folgenden vier zentrale empirische Stu- dien naher erlautert, um solche Kommunikationsmoglichkeiten weiter zu erforschen.

2.2 Untersuchung vier zentraler empirischer Studien (qualitativ und quantitativ)

Die Auswertung und Auswahl dieser Einzelstudien erfolgte deshalb, da sie fur die Prevention und Kommunikation wichtige Ergebnisse liefern und gleichzeitig im gemeinsamen Zusam- menspiel ein spezifiziertes Forschungsdesiderat weiterfuhren, welches im Anschluss disku- tiert wird.

2.2.1 Studie 1: Pravention von sexuellem Missbrauch — Ein Uberblick

In dieser Uberblicksstudie wird resumiert, dass langfristig nur MaBnahmen helfen, die auf mehreren Ebenen die Ursachen von Missbrauch und Gewalt bekampfen und aufdecken (vgl. Amann/Wipplinger 1998, S. 674). Bei den Opfern soll das Wissen um Taterstrategien, die eigene Gefuhlswelt und eine destigmatisierende Kommunikationsfahigkeit gestarkt werden (vgl. ebd., S. 658-659). Im Kindergarten und der Schule musse deshalb geeigneter Aufkla- rungsunterricht fundiert (vgl. ebd., S. 660) und bei Tatern Ursachenforschung und fruhe Vor- beugearbeit betrieben werden (vgl. ebd., S. 660-661). Nachgewiesen wird die Relevanz einer umfassenden Offentlichkeitsarbeit (vgl. ebd., S. 661-662) und vielfaltiger Umsetzungspro- gramme, die neben dem Gesprach weitere Kommunikations-Medien miteinbeziehen (Malbu- cher, Filme, etc.) (vgl. ebd., S. 662-664).

Die empirisch ausgewerteten Ergebnisse zeigten, dass sich durch Praventionsprogramme das Wissen zu den hier beschriebenen Gewaltformen steigern lieB (vgl. ebd., S. 664-665). Nicht uberpruft werden konnte allerdings die alltagliche Umsetzungseffizienz bei Eltern und Erzie- hern (vgl. ebd., S. 665-666). Die Thematisierung des Missbrauchs als Ursprung fur Angste bei Nichtbetroffenen lieferte ebenfalls keine Auffalligkeiten (vgl. ebd., S. 666). Jedoch zeigte die Aufdeckung von verubter Gewalt bei Kindern und Jugendlichen, die bei den Praventionspro- grammen teilgenommen hatten, signifikante Ergebnisse (vgl. ebd.). Des Weiteren stellte sich heraus, dass die aktive Einbeziehung der Kinder mit den Kommunikations-Materialien effek- tiver war (vgl. ebd., S. 666-668).

Insgesamt blieben die Praventionsprogramme jedoch strittig, da sie keine dezidierte Redukti- on der ausgeubten Gewalt belegen konnten (vgl. ebd., S. 668). Am problematischsten er- schien, dass die Verantwortung wiederholt beim Opfer angesetzt (vgl. ebd., S. 668-669) und dass den Kommunikationsversuchen der Kinder oft nicht geglaubt wurde (vgl. ebd., S. 669). Als weitere zentrale Kritikpunkte stellten sich die unzulangliche Verwendung des Vokabulars der Sexualitat heraus (vgl. ebd., S. 669), eine ungenugende Vermittlung der Tatertaktiken (vgl. ebd., S. 670-671) und Vermittlungsprobleme im Bereich des Entwicklungsstandes der Opfer (vgl. ebd., S. 671). Zusammenfassend zeigt die Studie paradigmatisch, dass die Per- spektive und Kommunikationsfahigkeit von Kindern und Jugendlichen nicht ausreichend in den Blick genommen wird (vgl. ebd., S. 672-673).

2.2.2 Studie 2: „Es ist ganz wichtig, die Kinder da nicht alleine zu lassen.“

Um den Blick von den Praventionsformen hin zu effektiven Unterstutzungsangeboten zu len- ken, wurde folgende qualitative und quantitative Evaluationsstudie gewahlt, bei der in ver- schiedenen Projekten erfolgreiche Hilfsprogramme fur Kinder und Jugendliche untersucht wurden (Seith/Kavemann 2007, S. 6). Die Auswertung mit Interviews, Dokumentations- und Fragebogen (vgl. ebd., S. 7) zeigte, dass die Hilfsangebote zwar wahrgenommen wurden (vgl. ebd., S. 6), aber nicht ausreichten, da die Gewalt zu Hause oft weiter anhielt (vgl. ebd., S. 7).

Inhaltlich wurde deutlich, dass Kinder und Jugendliche mit Einzelunterstutzung problembe- lasteter waren, als solche in Gruppen (vgl. ebd., S. 8). AuBerdem wurden Kinder in landlich gepragten Regionen mehr erreicht (vgl. ebd.). Hierbei ergaben die Verknupfung von Grup­pen- und Einzelarbeit insgesamt sehr gute Ergebnisse, aber auch dringende Weiterentwick- lungsnotwendigkeiten (vgl. ebd., S. 9). Obwohl die Vernetzung der Institutionen vorangetrie- ben werden konnte, zeichnete sich eine Einzelpersonenproblematik ab, was Entscheidungs- mechanismen anbelangte (vgl. ebd., S. 91). Insgesamt konnte die Studie aber zeigen, dass die Hilfsangebote fur Kinder und Jugendliche bei hauslicher Gewalt erfolgreich waren, wahrge­nommen wurden und eine Stabilisierung bewirkten, auch wenn die Zusammenarbeit und Verweisungsstruktur (z.B. seitens des Jugendamts, der Polizei, etc.) noch nicht etabliert ist, ebenso wie die Finanzierung und die langfristigen Ressourcen (vgl. ebd., S. 91).

Methodisch konnte nachgewiesen werden, dass diagnostische und padagogische Kompeten- zen von bezahltem Fachpersonal vonnoten sind und es gerade auf das Entlastungspotential der Angebote im Feld der Kreativitat und des Spiels ankam, um einen Ausgleich fur die Opfer gegen die Gewalterfahrungen herzustellen und die Kommunikationsfahigkeit uber die erlebte Gewalt aufzuarbeiten und zur Sprache zu bringen (vgl. ebd., S. 92).

2.2.3 Studie 3: Erinnern, Schweigen und Sprechen nach sexueller Gewalt in der Kindheit

Im Anschluss an diese Ergebnisse kann die folgende Interviewstudie passend verdeutlichen, dass Schweigen und Sprechen in einen schwierigen intersubjektiven Prozess eingewoben sind, was das Offenbarwerden von Gewalterfahrungen anbelangt (Kavemann/Graf-van Keste- ren/Rothkegel/Nagel 2016, S. 2). Ein nicht erfolgtes Aussprechen der Gewalterfahrung erklar- te nicht nur ein komplexes Austauschverhaltnis zwischen Opfer und Ansprechpartnern, son- dern auch eine gesellschaftliche Verschwiegenheit uber die hier definierten Gewaltformen (vgl. ebd., S. 1). Interfakultar demonstrierte sich, dass es kognitionspsychologische, psycho- analytische und neurobiologische Belege fur Gedachtnisspuren durch traumatische Gewalter- lebnisse gab, welche von der Erinnerung zwar verdrangt, aber nicht geloscht werden konnen (vgl. ebd., S. 53).

Die mit diesen Voraussetzungen untersuchten Formen des Erinnerns und Vergessens reichten von klaren Erinnerungen, uber diffuse Erinnerungen mit einer inharenten Sprachlosigkeit ge- genuber der erfahrenen Gewalt, bis hin zu multiplen Personlichkeitsstorungen, bei denen die Gewalterfahrung komplett abgewehrt wurde (vgl. ebd., S. 67-68). Das Sprechen uber diese Gewalterlebnisse zeigte sich somit zwar als riskante, aber notwendige Gelenkstelle, um die erfahrene Gewalt aufzuarbeiten (vgl. ebd., S. 92). Dies betraf sowohl ein passives wie aktives Schweigen, um die inneren Verstrickungen zwischen Scham und Schuld zu durchbrechen (vgl. ebd.).

Interviewauswertungen ergaben, dass nicht bei allen Opfern eine Entlastung erreicht werden konnte (vgl. ebd., S. 114) und dass der Zeitpunkt der Offenbarung des Missbrauchs eine sen­sible Reaktion der Unterstutzenden notwendig machte, um die Opfer nicht noch weiter zu traumatisieren (vgl. ebd., S. 136). Die Hilfe in einer Therapie wurde groBtenteils wahrge- nommen und es zeigte sich, dass gerade Kinder und Jugendliche mit den therapeutischen An- geboten meist besser zurechtkamen (vgl. ebd., S. 160). Die Zugangswege zu den Hilfsangebo- ten waren allerdings oft geschlechtsabhangig, kulturell und historisch bedingt und bei Minder- jahrigen von ihren innerfamiliaren Abhangigkeitsverhaltnissen mitbestimmt (vgl. ebd., S. 161). Insgesamt nahmen die Teilnehmer die Beratung aber als positiv wahr und es zeigte sich, dass Schweigen, Erinnern und Sprechen uber Gewalterfahrungen von Grund auf zusammen- hangen (vgl. ebd., S. 162).

2.2.4 Studie 4: Sexuelle Gewalt — Kinderzeichnungen als Signal

Einen moglichen Ausweg aus dieser Kommunikationskrise uber solche Gewalterfahrungen zu sprechen bot folgende qualitative Studie, bei der anhand von 120 Kinderzeichnungen gerade der Kommunikationsversuch untersucht wurde, der aus Sicht von Kindern und Jugendlichen unternommen wird, wenn sie belastenden Erlebnissen ausgesetzt waren (Steinhage 1992, S. 155). Die Zeichnungen bilden das zerstorte Gefuhlserleben der Opfer ab (vgl. ebd., S. 7) und verdeutlichen, wie schwerwiegend die Kommunikationsproblematik durch Gewalterfahrun- gen in Kinderzeichnungen subjektiv eingeschrieben (vgl. ebd., S. 7-8) und objektiv durch die

Entwicklungsstufen des Kindes bedingt sind (vgl. ebd., S. 17). Da die bisherige Forschung nicht dezidiert auf solche Gewalterfahrungen eingegangen ist, legt die Studie den Fokus direkt auf die Darstellung der widerfahrenen Gewalt in den Zeichnungen und den Kommunikations- versuch dieser Erlebnisse gegenuber Betreuern (vgl. ebd., S. 20).

Es zeigte sich, dass die hier beschriebenen Gewaltformen in den Kinderzeichnungen deutlich erkennbar (vgl. ebd., S. 155) und mit kommunikativer Intention ausagiert wurden (vgl. ebd., S. 156). Steinhage fasst das pragnant folgendermaBen zusammen:

Kinderzeichnungen sind folglich als Medium zu verstehen, mit einem Kind ein Gesprach uber das Gemalte und damit uber das, was das jeweilige Kind beschaftigt, zu beginnen (ebd., S. 156).

Oft waren die Darstellungen allerdings sehr hermetisch und vermittelten Schutz- oder Versor- gungswunsche (vgl. ebd., S. 156). Das Thema der Sexualitat wurde meist in Verbindung mit Aggression und Desorganisation verarbeitet und es fehlten auffallig oft hausliche Situationen (vgl. ebd.). Wiederholungszwange, vermeidende Tendenzen und Dissoziationen zeigten sich ebenfalls wahrend des Zeichnens (vgl. ebd.). Gerade die ubertriebene Verwendung sexueller Themen konnte als Marker fur eine Missbrauchserfahrung genommen werden, die sich meist bestatigte (vgl. ebd., S. 157). Auch das Fehlen und Aussparen von Personen (meist der Vater) bei Familiendarstellungen wies auf diese Zusammenhange hin (vgl. ebd.). Dementsprechend konnte nachgewiesen werden, dass Kinder und Jugendliche durch ihren Integritatsverlust an- hand der Gewalterfahrungen in verzerrter Wahrnehmung und Kommunikation fragmentiert und unstrukturiert (nahezu seziert) zeichneten (vgl. ebd., S. 158).

Zusammenfassend stellte sich heraus, dass die Opfer uber ihre Zeichnungen, die sie den Er- ziehern brachten, kommunizieren wollten und dies immer ein Versuch war, die Miss- brauchserfahrung zu thematisieren (vgl. ebd., S. 158-159), auch wenn dies im Nachhinein oft verharmlost oder sogar geleugnet wurde (vgl. ebd., S. 159). Diese Form der Kommunikation zeigte sich damit als Wunsch zur Aufarbeitung (vgl. ebd., S. 159), wie gerade die Wiederho- lung des Missbrauchsthemas die tatsachliche Gewalt belegte (vgl. ebd., S. 159).

[...]

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Gewalt aus der Sicht von Kindern und Jugendlichen. Kommunikationsformen und Präventionsmöglichkeiten
Hochschule
FernUniversität Hagen
Note
1,7
Autor
Jahr
2017
Seiten
25
Katalognummer
V378669
ISBN (eBook)
9783668575301
ISBN (Buch)
9783668575318
Dateigröße
1694 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sexuelle Gewalt, Prävention
Arbeit zitieren
Bernd Aschenbrenner (Autor), 2017, Gewalt aus der Sicht von Kindern und Jugendlichen. Kommunikationsformen und Präventionsmöglichkeiten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/378669

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