Die formale Erscheinungsweise mittelalterlicher Dichtung ist – einerseits was die sprachlich-rhetorischen Kunstmittel, andererseits was die metrisch-musikalische Gestaltung angeht – von großer Bedeutung. Ihre Wirkung hängt nicht zuletzt damit zusammen, dass mittelalterliche Texte nicht so sehr durch ‚private‘ Lektüre, als vielmehr durch den mehr oder weniger öffentlichen Vortrag entweder durch den Autor oder durch andere Sänger aufgenommen wurden. Ihre oft hochartifizielle formale Gestaltung hebt die Dichtung von der Sprechweise des Alltags ab und macht sie so zu etwas Besonderem. „Minnesang ist Formkunst“, weiß auch Günther Schweikle zu attestieren. Inwiefern dies auf Walther von der Vogelweides Lied „Aller werdekeit ein füegerinne“ zutrifft, soll nun im Folgenden geklärt werden.
Die beiden Strophen des eben genannten Liedes zeigen den typischen Grundriss und somit die Strophenform einer formstrengen Kanzone, deren dreiteiliger Bau sich aus der Ordnung der Reime (a b c, a b c // d d e x e) wiederspiegelt. Die Kanzonenform besteht aus einem Aufgesang aus zwei gleichgebauten, metrisch-musikalisch identischen Teilen, den Stollen, mit einem anders gebauten, metrisch-musikalisch abweichenden Teil, dem Abgesang. Die Melodie wiederholt sich vom ersten Stollen zum zweiten und nimmt im Abgesang jedoch eine neue Wendung. Als Schema ist AAB anzugeben. Kanzonenform wird sie deshalb genannt, weil der Strophenaufbau der italienischen Kanzone ihr zugrunde liegt. Der Typus war bereits in der Provence verbreitet und tritt seit dem Mittelalter auch in Deutschland auf. Im Übrigen zeigt unser Beispiel ein Verhältnis der drei Teile zueinander, das nicht zwangsläufig in jeder Kanzone vorzukommen braucht, das aber klassisch wirkt in seiner Ausgewogenheit: Die Summe der beiden Stollen ist größer (6 Verse), der einzelne Stollen dagegen kleiner (3 Verse) als der Abgesang (5 Verse). [...]
Inhaltsverzeichnis
1. Textgrundlage und Übersetzung
2. Formale und metrische Analyse
3. Überlieferung und Edition
4. Die Konzepte der ‚niederen‘ und ‚hohen Minne‘
4.1 Einleitung
4.2 ‚Hohe‘ und ‚niedere Minne‘
4.3 Analyse „Aller werdekeit ein füegerinne“
4.4 Analyse „Nemt, frowe, disen kranz!“
5. Schluss
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Minnekonzepte der „hohen“ und „niederen Minne“ anhand von Walther von der Vogelweides Liedern „Aller werdekeit ein füegerinne“ und „Nemt, frowe, disen kranz!“. Das zentrale Forschungsziel ist die Klärung der Frage, ob diese Lieder ein neues, geschlossenes „Minneprogramm“ Walthers darstellen oder eher als einzelne, experimentelle Vorstöße zu verstehen sind.
- Analyse der formalen und metrischen Struktur ausgewählter Minnelieder.
- Untersuchung der handschriftlichen Überlieferung und textkritische Einordnung.
- Definition und Abgrenzung der Konzepte „hohe Minne“ und „niedere Minne“.
- Interpretation der Lieder hinsichtlich ihres inhaltlichen Gehalts über höfische Liebe.
- Einordnung von Walthers Innovationen in den Kontext der zeitgenössischen Literatur.
Auszug aus dem Buch
4.2 ‚Hohe‘ und ‚niedere Minne‘
Um die beiden in der Einleitung angesprochenen Lieder in die Konzepte der ‚niederen‘ und ‚hohen Minne‘ einordnen zu können, ist zunächst einmal eine begriffliche Abgrenzung der beiden Minnekonzepte von Nöten. Die ‚hohe Minne‘ definiert sich folgendermaßen:
„In den Liedern der Hohen Minne äußert sich […]ein männliches lyrisches Ich. Das Werberitual ist […] eingeengt auf eine bestimmte Konstellation – auf die Werbung um eine Frau, die der Werbende als gleichgültig, hochmütig, unnahbar, abweisend, ja feindselig erfährt. Er stilisiert sie als Minneherrin, erhebt sie in eine dominierende ethische Position, entrückt sie geradezu […]. Diesem Idol unterwirft sich der Mann als demütiger dienstman. Er bittet sie, als seine >Herrin<, seinen dienst anzunehmen, in der ständigen Hoffnung auf letztlichen Lohn für seine Treue. Aus dieser Unterwerfungsgeste resultieren ethische und gesellschaftliche Werte: Steigeung des Lebensgefühls und Anerkennung in der Gesellschaft.“
Auch bei der ‚niederen Minne‘ handelt es sich um das Verhältnis eines Mannes zu einer Frau. Jedoch geht es bei der ‚hohen Minne‘ um ein langes Werben um eine Frau, das zur Vervollkommnung und zu einem erhöhten Selbstwertgefühl des Werbenden führt, während bei der ‚niederen Minne‘ das Ziel der sexuellen Erfüllung ohne ausgiebiges Werben im Mittelpunkt steht. Günther Schweikle zufolge wird „der ethisch verdienstvollen läuternden Hohen Minne […] einer auf trivialen Lustgewinn ausgehenden >niederen Minne<“ entgegengesetzt, weshalb die ‚niedere Minne‘ vom „höfischen Wertekodex aus gesehen, auch moralisch verurteilt“ wird.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Textgrundlage und Übersetzung: Dieses Kapitel präsentiert das Original sowie die deutsche Übersetzung von Walthers Lied „Aller werdekeit ein füegerinne“.
2. Formale und metrische Analyse: Es wird die formale Struktur des Liedes untersucht, wobei insbesondere die Kanzonenform und der Aufbau in Stollen und Abgesang beleuchtet werden.
3. Überlieferung und Edition: Dieses Kapitel analysiert die handschriftliche Überlieferungsgeschichte der Walther-Texte und die Problematik der textkritischen Rekonstruktion.
4. Die Konzepte der ‚niederen‘ und ‚hohen Minne‘: Das Hauptkapitel definiert die zentralen Minnebegriffe und führt die inhaltliche Analyse der beiden ausgewählten Lieder durch.
5. Schluss: Der Schlussteil fasst die Ergebnisse zusammen und kommt zu dem Resultat, dass es sich bei den untersuchten Werken nicht um ein geschlossenes „Minneprogramm“ handelt.
Schlüsselwörter
Walther von der Vogelweide, Minnesang, Hohe Minne, Niedere Minne, Ebene Minne, Kanzonenform, Herzeliebe, Höfische Liebe, Hermeneutik, Textkritik, Literaturanalyse, Mittelalterliche Lyrik, Mâze, Werberitual, Programmlieder.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der literaturwissenschaftlichen Analyse von zwei ausgewählten Liedern Walthers von der Vogelweide im Kontext der Konzepte „hoher“ und „niederer“ Minne.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die Themenfelder umfassen die formale Metrik, die textgeschichtliche Überlieferung und die inhaltliche Bedeutung der Minnekonzepte im höfischen Kontext.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist zu klären, ob Walther mit diesen Liedern ein neues, systematisches „Minneprogramm“ entwirft oder ob es sich um individuelle künstlerische Variationen handelt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine hermeneutische Analyse, den Vergleich von Handschriften und die Heranziehung fachwissenschaftlicher Literatur zur Minnesang-Forschung.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden zunächst die Begriffe „hohe“ und „niedere Minne“ definiert und anschließend die Lieder „Aller werdekeit ein füegerinne“ und „Nemt, frowe, disen kranz!“ analysiert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Minnesang, Walther von der Vogelweide, hohe Minne, niedere Minne, Mâze, Kanzonenform und höfische Liebe.
Warum spielt die Handschrift A bei der Analyse eine besondere Rolle?
Handschrift A gilt als die beste handschriftliche Überlieferung, während andere Handschriften wie B, C, E und F Verderbnisse oder inhaltliche Abweichungen aufweisen.
Wie unterscheidet sich die „niedere Minne“ in der Argumentation der Arbeit von der „hohen Minne“?
Die „hohe Minne“ ist auf ein langes Werben und ethische Vervollkommnung ausgerichtet, während die „niedere Minne“ primär auf kurzfristige, oft als moralisch bedenklich eingestufte sexuelle Erfüllung abzielt.
- Citation du texte
- Dominik Kremer (Auteur), 2015, Die Konzepte der niederen und hohen Minne im Minnesang. Dargestellt an Walther von der Vogelweides Lied "Aller werdekeit ein füegerinne", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/378752