Eines der aufregendsten Ereignisse in Frankfurt im Jahr 1771 handelt von einem Dienstmädchen namens Susanna Margareta Brandt. Das Dienstmädchen, von einem Bediensteten eines holländischen Kaufmanns verführt, verbirgt zunächst ihre Schwangerschaft, zieht sich zurück und gebärt heimlich und ohne Hilfe ein Kind, welches sie sofort erwürgt und gegen ein Fass schlägt. Die wegen Mordes zum Tode verurteilte Susanna Margaretha Brandt besteigt mit einem weißen Kleid und einer Zitrone in der Hand – als Zeichen der ‚armen Sünderin’ – das Schafott und wird in Anwesenheit eines großen Publikums enthauptet. Prominenter Zeuge dieses Prozesses war Johann Wolfgang Goethe. Durch das Schicksal der Dienstmagd berührt nimmt er diese als Vorbild für seine Gretchentragödie in seinem Werk Faust. Die frühe Neuzeit gilt als eine Zeit, in der die soziale Anerkennung eines Menschen von seinem guten Ruf abhängig war – besonders innerhalb seines Standes. In diesem Zusammenhang bezeichnet Katrin Heyer die Ehre als „das wichtigste Kapital eines Menschen und oftmals das einzige, was eine Frau zu verteidigen hatte.“ Ob verführt oder vergewaltigt – mit einem unehelichen Kind hatte eine Frau zu dieser Zeit keine Möglichkeit, ihre Ehre und diejenige ihrer Familie zurückzuerlangen. Zu erwarten war folglich der soziale Abstieg, der oft auf der untersten Stufe der sozialen Existenz endete. So diente die Tötung des Kindes dazu, sich selbst und die Familie der „gesellschaftlichen Schande“ bzw. der menschenverachtenden Gesellschaftsordnung zu entziehen, wobei diese natürlich mit dem Risiko verknüpft war, dass der Kindsmord aufgedeckt wird und die Mörderin zum Tod verurteilt wird. Schon in der Constitutio Criminalis Carolina, der Gerichtsordnung Karls V. von 1532, wird Folgendes festgehalten: „Straff der weiber so jre kinder tödten [...] die werden gewonlich lebendig begraben und gepfelt.“ Die Tötungsdelikte als „exemplarische Abschreckungsmittel“ reichten vom Säcken, Pfählen, Ertränken über Lebendig-Begraben bis hin zur Enthauptung mit einem Schwert oder Beil. Dabei fielen die Tatmotive in Hinblick auf das Urteil ebenso wenig ins Gewicht wie die psychische Verfassung der Täterin. Auch ob das Mädchen bzw. die Frau vergewaltigt wurde oder Eheversprechungen bekommen hatte, war für die Obrigkeit bzw. die Justiz nicht von Belang.
Inhaltsverzeichnis
EINLEITUNG: KINDSMORD IM 18. JAHRHUNDERT
REKONSTRUKTION DER URSACHEN FÜR DEN KINDSMORD ALS KATASTROPHALE LÖSUNG
EVCHENS FAMILIE UND ERZIEHUNG
EVCHENS VERFÜHRUNG DURCH DEN OFFIZIER GRÖNINGSECK
EVCHEN UND VON GRÖNINGSECK ALS OPFER EINER INTRIGE
EVCHENS MELANCHOLIE UND WAHNSINN
ZUSAMMENFASSUNG DER ERGEBNISSE
DIE INTENTION HEINRICH LEOPOLD WAGNERS: KRITIK AN DER ZEITGENÖSSISCHEN GESELLSCHAFT
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit analysiert die repressiven gesellschaftlichen Strukturen in Heinrich Leopold Wagners Trauerspiel "Die Kindermörderin" und untersucht, inwiefern diese Bedingungen zur Melancholie der Protagonistin Evchen und letztlich zur Katastrophe des Kindsmordes führen.
- Gesellschaftskritik im Sturm und Drang am Beispiel des Kindsmordmotivs
- Analyse patriarchaler Erziehungs- und Machtstrukturen
- Die Rolle von Ehre und Ständeordnung in der Frühen Neuzeit
- Psychologische Auswirkungen von Unterdrückung und Isolation
- Reflektion über die moralische Intention des Autors und den offenen Schluss des Dramas
Auszug aus dem Buch
Evchens Verführung durch den Offizier Gröningseck
Herr von Gröningseck behandelt Frauen wie Objekte – vor allem wie Objekte männlicher Begierde. Dies zeigt sich unter anderem daran, dass von Gröningseck Frauen als „Spielwerk“ (KM, S. 34) und als „Puppen“ (KM, ebd.) bezeichnet. Schon im ersten Akt des Dramas duzt von Gröningseck Evchen und nennt sie „Kind“ oder „Kleine“ (KM, S. 5), wobei Evchens Name als solcher mit „der Diminutivendung bereits auf einen kindlichen Status“ verweist. Matthias Luserke spricht in diesem Zusammenhang von einer „sprachlichen Infantilisierung Evchens“.
Frau Humbrecht, die mit Evchen und Herrn von Gröningseck nach dem Ballbesuch in ein vermeintliches Wirtshaus (es stellt sich später heraus, dass es sich um ein Bordell handelt) einkehrt, versucht sich gegenüber dem Offizier „kokett und attraktiv“ zu geben. Herr von Gröningseck ist jedoch nicht an Frau Humbrecht interessiert, sondern „gängelt höchstens mit einigen Lappalien ihre Eitelkeit“. Seine eigentlichen Absichten beziehen sich auf Evchen. Nachdem in Frau Humbrechts Punsch ein Schlafmittel beigemischt wurde und Evchen über die Ohnmacht ihrer Mutter klagt (vgl. KM, S. 9-10), blickt Herr von Gröningseck „bey jedem Kuß wieder starr in [Evchens] Augen“ (KM, S. 16). Buschmeier erkennt hierin ein Indiz dafür, dass „die Frau zum Objekt sexueller Begierde“ wird. Der „männliche[...] Blick“ steht seiner Meinung nach stellvertretend für die „männliche [...] Verfügungsgewalt über Frauen.“ Das Anstarren, traditionell männlich konnotiert, steht hier unter anderem als Metapher für das Potenzial an Macht bzw. Gewalt von Herrn von Gröningseck. Evchen fühlt sich von Herrn von Gröningseck bedroht und fordert ihn auf, sie nicht mehr anzustarren: „Ums Himmelswillen sehn sie mich nicht so an; ich kanns nicht ausstehn“ (KM, S. 16). Möglicherweise ist sich Evchen darüber bewusst, was der Blick impliziert oder andeuten soll, da sie ein klares „Ich will nicht“ (KM, S. 16) äußert.
Zusammenfassung der Kapitel
EINLEITUNG: KINDSMORD IM 18. JAHRHUNDERT: Diese Einleitung führt in das historische Phänomen des Kindsmordes in der Frühen Neuzeit ein und beleuchtet die prekäre soziale Situation von Frauen, die aufgrund von Ehre und gesellschaftlicher Schande in diese Verzweiflung getrieben wurden.
REKONSTRUKTION DER URSACHEN FÜR DEN KINDSMORD ALS KATASTROPHALE LÖSUNG: Dieses Kapitel stellt die zentrale Katastrophe des Dramas dar und legt den Grundstein für die Untersuchung der ursächlichen Lebensumstände der Protagonistin.
EVCHENS FAMILIE UND ERZIEHUNG: Hier wird der Einfluss von Vater Humbrechts strikten, konservativen Erziehungsmethoden auf Evchen analysiert, die sie in eine soziale Isolation und Unmündigkeit führen.
EVCHENS VERFÜHRUNG DURCH DEN OFFIZIER GRÖNINGSECK: Dieses Kapitel thematisiert die Objektivierung Evchens durch den Offizier und die Machtdynamik, die aus der männlichen Verfügungsgewalt resultiert.
EVCHEN UND VON GRÖNINGSECK ALS OPFER EINER INTRIGE: Die Analyse konzentriert sich auf die Ständeordnung und die zerstörerische Intrige von Hasenpoth, die das Schicksal der Protagonisten besiegelt.
EVCHENS MELANCHOLIE UND WAHNSINN: Der Fokus liegt auf der psychologischen Entwicklung Evchens, deren Melancholie und Sprachlosigkeit in einem fatalen Wahnsinn gipfeln.
ZUSAMMENFASSUNG DER ERGEBNISSE: Dieses Fazit führt die verschiedenen Aspekte der Unterdrückung zusammen und bestätigt die gesellschaftliche Determiniertheit der tragischen Ereignisse.
DIE INTENTION HEINRICH LEOPOLD WAGNERS: KRITIK AN DER ZEITGENÖSSISCHEN GESELLSCHAFT: Das abschließende Kapitel reflektiert die Intention des Autors, durch den offenen Schluss des Dramas eine kritische Auseinandersetzung und moralische Reflexion des Publikums anzuregen.
Schlüsselwörter
Kindsmord, Heinrich Leopold Wagner, Die Kindermörderin, Sturm und Drang, Gesellschaftskritik, Melancholie, Ständeordnung, Patriarchat, Frauenschicksal, Aufklärung, Ehre, Machtstrukturen, literarische Analyse, Sozialgeschichte
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht Heinrich Leopold Wagners Trauerspiel "Die Kindermörderin" als ein Werk, das die gesellschaftlichen Repressionen und die daraus resultierende psychische Not einer jungen Frau in der Zeit des Sturm und Drang kritisch beleuchtet.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Zu den Schwerpunkten zählen die Rolle der Ehre und Moral im 18. Jahrhundert, die patriarchalen Machtstrukturen innerhalb der Familie sowie die Ausgrenzung und Objektivierung der Frau durch den Offiziersstand.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, nachzuweisen, dass der Kindsmord im Drama nicht als isolierte individuelle Tat, sondern als notwendige Folge einer menschenverachtenden und repressiven gesellschaftlichen Ordnung zu verstehen ist.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine literaturwissenschaftliche Analyse des Dramas unter Einbeziehung zeitgeschichtlicher Kontexte und sekundärliterarischer Forschungsergebnisse zur Epoche des Sturm und Drang.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse von Evchens familiärem Umfeld, ihrer Verführung durch den Offizier Gröningseck, der zerstörerischen Intrige durch Hasenpoth sowie dem psychologischen Verfall der Protagonistin in Melancholie und Wahnsinn.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind Kindsmord, gesellschaftliche Determiniertheit, Melancholie, patriarchale Erziehung, Ehre und die Intention der Gesellschaftskritik durch einen offenen Schluss.
Wie wirkt sich die Erziehung durch den Vater auf Evchen aus?
Die strikten konservativen Erziehungsmethoden führen dazu, dass Evchen in zwischenmenschlichen Dingen vollkommen unerfahren bleibt, sich in Isolation begibt und keine Unterstützung in ihrer prekären Lage finden kann.
Warum wird die Intrige von Hasenpoth als entscheidend angesehen?
Die Intrige von Hasenpoth, der als Hüter der standesgemäßen Ordnung agiert, zerstört die Hoffnung auf eine Heirat und treibt Evchen endgültig in die Ausweglosigkeit und den Wahnsinn.
Welche Bedeutung hat der offene Schluss des Dramas?
Der offene Schluss dient als Appell an den Rezipienten, das Urteil über die Tat selbst zu fällen und die zugrunde liegenden moralischen und gesellschaftlichen Fragen zu reflektieren, anstatt die Schuld einseitig der Täterin zuzuweisen.
- Citar trabajo
- Daria Podwika (Autor), 2017, Die Frage der Schuld in H.L. Wagners Drama "Die Kindermörderin", Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/378757