Das Theater macht zu Beginn des 20. Jahrhunderts einen starken Wandel durch. Nicht zuletzt der russische Konstruktivismus trägt dazu bei, das Theater als Raum neu zu begreifen. Diese Hausarbeit vollzieht den Wandel des Bühnenbildes im Konstruktivismus nach.
Der Raum ist zentrales Element jeder Theateraufführung. Dabei wird immer eine bestimmte Verteilung vom Zuschauer und dem Bühnengeschehen selbst unternommen. Diese räumliche Verteilung beeinflusst die Rezeption des Zuschauers entscheidend.
Die Bühne bot den KünstlerInnen des Konstruktivismus ein Experimentierfeld, um neue Ideen zu entfalten. Experiment erscheint wohl als ein treffendes Substantiv für die zahlreichen neuen Erprobungen der Künstler. Immer wieder benutzen die Konstruktivisten selbst das Bild des Labors, in dem neue Kunst für das Volk entstehen soll. Nicht zuletzt aufgrund der finanziellen Schwierigkeiten im Russland nach der Oktoberrevolution war das Theater ein Ort, an dem Entwürfe am ehesten verwirklicht werden konnten. Während es nicht möglich war, Architekturentwürfe zu realisieren, bot zumindest das Theater die Möglichkeit, ephemere Konstruktionen umzusetzen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Das Bühnenbild im Wandel: Vom zweidimensionalen Bild zum Objekt im Raum
3. Die Entwicklung des Bühnenbilds im Konstruktivismus I
3. 1 Liubow Popowa
3.2 Warwara Stepanova: Das konstruktivistische Requisit
4. Die Entwicklung des konstruktivistischen Bühnenbilds II
4.1 El Lissitzkys PROUNE und die Mappe zu „Sieg über die Sonne“
4.2 El Lissitzkys Theaterentwurf für Meyerhold
5. Exkurs: das Theater und der Film
6. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den radikalen Wandel des Theaterraums im russischen Konstruktivismus und analysiert, wie Künstler wie Ljubow Popowa und El Lissitzky durch die Abkehr von der klassischen Guckkastenbühne den Zuschauer in eine aktive Rolle drängen und das Theater als dynamisches, architektonisches Experimentierfeld neu definieren.
- Transformation des Bühnenbilds von der malerischen Kulisse zum räumlichen Objekt
- Die Rolle des russischen Konstruktivismus und der Avantgarde in der Theatergeschichte
- Interaktion zwischen Raumgestaltung, Zuschauerpositionierung und Biomechanik
- Wechselwirkungen zwischen Theaterarchitektur, Filmästhetik und politischer Utopie
Auszug aus dem Buch
Die Entwicklung des konstruktivistischen Bühnenbilds II
El Lissitzky ist ein außerordentlich vielseitiger Künstler. Er war Typograf, Maler, Architekt und Fotograf. Der Architektur galt jedoch immer sein vorrangiges Interesse. So er bezeichnet seine Serie der PROUNe als „Umsteigestation von der Malerei zur Architektur“, sie markieren also einen Umbruch von einem Medium in das nächste und sind damit eine Station auf einem Entwicklungsweg. Bei den PROUNen handelt es sich um Malerei und Grafikarbeiten (Abbildung 9).
Die in den PROUNen dargestellten Formen lassen an eine Vision von Architektur denken. In dieser Serie hat sich Lissitzky umfassend mit den Themen der Perspektive und des Betrachterstandpunkts auseinandergesetzt. Dabei hebt er nicht nur die Zentralperspektive auf, sondern stellt insgesamt die traditionelle Position des Betrachters vor einem an der Wand hängenden Gemälde infrage. Yves Alain Bois spricht in dem Zusammenhang von einem „Konzept der radikalen Reversibilität“: „In seinen PROUNen wollte Lissitzky einen Raum erfinden, in dem die Orientierung absichtlich zerstört wird: Der Betrachter sollte keine Operationsbasis mehr haben, er sollte dazu gebracht werden, ständig die Koordinaten seines Wahrnehmungsfeldes zu wählen, die dadurch variabel werden.“ Es handelt sich also nicht um konkrete Entwürfe, sondern sie sind eher wie immer neue Überlegungen bzw. Experimente zur Raumempfindung.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in den Wandel des Theaters zu Beginn des 20. Jahrhunderts durch den russischen Konstruktivismus ein und skizziert die methodische Konzentration auf El Lissitzkys Überlegungen zum Theaterraum.
2. Das Bühnenbild im Wandel: Vom zweidimensionalen Bild zum Objekt im Raum: Das Kapitel beleuchtet die Tradition des russischen Bühnenbildes vor 1914, die durch opulente, malerische Dekorationen geprägt war, und zeigt den ersten Bruch mit dieser Tradition auf.
3. Die Entwicklung des Bühnenbilds im Konstruktivismus I: Hier steht die wegweisende Zusammenarbeit zwischen Meyerhold und Konstruktivisten wie Popowa und Stepanowa im Fokus, die Architektur und Objekt anstelle von flächiger Malerei auf die Bühne brachten.
4. Die Entwicklung des konstruktivistischen Bühnenbilds II: Dieser Abschnitt widmet sich den theoretischen PROUNen von El Lissitzky sowie seinem Entwurf für ein neues Theatergebäude, das die klassische Trennung von Zuschauer und Bühne aufheben sollte.
5. Exkurs: das Theater und der Film: Dieser Teil analysiert die Parallelen zwischen der konstruktivistischen Theaterästhetik und der filmischen Montagetechnik, insbesondere unter Bezugnahme auf Sergei Eisenstein.
6. Fazit: Das Fazit fasst zusammen, wie Popowa und Lissitzky durch ihre interdisziplinäre Arbeit dem Rezipienten ein neues Raumempfinden ermöglichten und damit den Grundstein für eine hohe Flexibilität des modernen Theaterraums legten.
Schlüsselwörter
Russischer Konstruktivismus, Theatergeschichte, El Lissitzky, Ljubow Popowa, Wsewolod Meyerhold, Bühnenbild, Raumbühne, Avantgarde, Biomechanik, Guckkastenbühne, Montage, Raumempfindung, Theaterarchitektur, Zuschauerrolle, Utopie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die radikale Erneuerung des Theaters durch den russischen Konstruktivismus im frühen 20. Jahrhundert.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zu den Schwerpunkten zählen die Ablösung des gemalten Bühnenbildes durch dreidimensionale Strukturen, das neue Verständnis des Theaterraums und die aktive Einbindung des Zuschauers.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es aufzuzeigen, wie durch konstruktivistische Entwürfe neue Möglichkeiten der räumlichen Gestaltung und der Zuschauerrezeption eröffnet wurden.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine kunsthistorische und theaterwissenschaftliche Analyse, die theoretische Konzepte mit praktischen Entwürfen und zeitgenössischen Manifesten in Beziehung setzt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil befasst sich detailliert mit den Arbeiten von Ljubow Popowa und El Lissitzky, deren Bühnenentwürfen sowie dem Einfluss des Films und der Biomechanik auf das moderne Theater.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich am besten mit Begriffen wie Konstruktivismus, Raumbühne, Avantgarde, Montage und Zuschaueraktivierung beschreiben.
Warum ist das Bühnenbild von Popowa historisch so bedeutsam?
Es gilt als das erste komplett konstruktivistische Bühnenbild der Geschichte, da es das Bühnenbild als autonomes Objekt begreift und die zweidimensionale Kulisse vollständig eliminiert.
Welchen Einfluss hatte der Film auf Lissitzkys Entwürfe?
Lissitzky integrierte Dynamik und technische Elemente wie bewegliche Scheinwerfer und Texteinblendungen, die eine ähnliche Fragmentierung und Wirkung erzielen sollten wie die filmische Montage.
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- Elisabeth Heymer (Author), 2013, Theater und Raum im russischen Konstruktivismus, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/378785