[...] Neben dem Akt der Adoption ist die Erhebung der Prätorianer unter der Führung des unter Nerva wiedereingesetzten Präfekten Casperius Aelianus ein weiterer Punkt, den es genauer zu untersuchen gilt. Dass es zwischen beiden Ereignissen einen inneren Zusammenhang gibt, wird im Laufe dieser Arbeit nicht bestritten werden. Es soll lediglich darauf hingewiesen werden, dass beide Aktionen – aus einem anderen Blickwinkel betrachtet – auch Rückschlüsse auf ein anderes Nervabild zulassen, das vom allgemeinen Konsens abweicht. Die Hauptquelle für die folgenden Betrachtungen bilden die beiden Werke des jüngeren Plinius. Sein Panegyrikus auf Kaiser Traian sowie die Sammlung seiner Briefe sind von unschätzbarem Wert für die Behandlung dieses Themas. Zum einen weil aus jener Epoche der römischen Kaiserzeit nur wenig schriftliches Quellenmaterial auf uns gekommen ist, zum andern weil diese Quellen einen Einblick in die Lebenswelt des Plinius gewähren, der nicht minder wichtig ist, da Plinius eine nicht unbedeutende Rolle in den Ereignissen um die Adoption des optimus princeps spielte. Am Ende der Arbeit wird sich dann zeigen, ob Nerva der schwache Greis war und deshalb Traian adoptierte oder ob Nerva nicht doch anders war als es sein Ruf glauben machen will. Vielleicht hatte er andere Gründe für eine Adoption, die nicht primär auf der Prätorianererhebung fußten, womöglich war die Adoption selbst keine ad-hoc Aktion, sondern von langer Hand geplant? Wir versehen alles mit einem grossen Fragezeichen und versuchen die Sache im Folgenden zu klären. [...]
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
Kapitel I
Marcus Cocceius Nerva
Kapitel II
Das aristokratische Netzwerk
Caius Plinius Caecilius Secundus
Sextus Iulius Frontinus
Lucius Verginius Rufus
Cnaeus Arrius Antoninus
Publius Cornelius Tacitus
Quintus Glitius Atilius Agricola
Lucius Domitius Apollinaris
Kapitel III
Fazit
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht kritisch das historisch überlieferte Bild Nervas als „schwachen“ Kaiser und „Lückenbüßer“. Ziel ist es zu analysieren, ob die Adoption Trajans eine spontane Notlösung war oder ob ein von langer Hand geplantes, aristokratisches Netzwerk unter maßgeblicher Beteiligung von Plinius dem Jüngeren hinter dieser Entscheidung stand, um die Stabilität des Imperiums nach der Ära Domitian zu sichern.
- Reevaluierung des Charakters und der Machtbasis Kaiser Nervas.
- Analyse des aristokratischen Netzwerks und der Rolle einflussreicher Senatoren.
- Untersuchung der politischen Motivationen hinter der Adoption Trajans.
- Darstellung der Beziehungen zwischen den führenden Persönlichkeiten des 1. Jahrhunderts n. Chr.
- Kritische Würdigung der Rolle von Plinius dem Jüngeren und Cornelius Tacitus als politische Akteure.
Auszug aus dem Buch
Caius Plinius Caecilius Secundus
Plinius der Jüngere wurde in der ligurischen Stadt Novum Comum etwa im Jahr 61/2 n. Chr. geboren. Sein Onkel, Plinius der Ältere, adoptierte ihn und nahm ihn in seinem Haus in Rom auf. Dort erhielt er die rhetorische Ausbildung, die ihn später dazu befähigen sollte, als Anwalt bei Repetundenprozessen und bei den Centumviralgerichten aufzutreten. Daneben galt Plinius auch als einer der Literaten des ausgehenden 1. und beginnenden 2. Jahrhunderts n. Chr. Diesen Ruf verdankt er seiner Sammlung von Briefen, den sog. Epistulae, welche Zeugnis ablegen von den Wertvorstellungen der römischen Senatsaristokratie und Einblicke in die geistige Umwelt des Verfassers gewähren.
Seine politische Karriere stand ganz im Zeichen des homo novus. D.h. er war als homo novus sehr bestrebt, durch große Verdienste in der Reichsverwaltung eine vollständige Integration in die römische Aristokratie zu erlangen. Darum verwundert es nicht, dass er als quaestor Augusti in den Senat einzog und die kaiserliche Förderung entgegen seinen eigenen Behauptungen niemals missen musste.
Das Bild des Plinius stellt sich generell in der Literatur sehr unterschiedlich dar. „Plinius der Jüngere zeigt sich uns als Karrierist und Opportunist, als ehrgeiziger und selbstgefälliger Vertreter der politisch aktiven Senatorenschicht, die sich in flavisch-domitianischer Zeit geformt hatte. Er strebte danach, sich als loyaler, ja dienstbeflissener Repräsentant des jeweiligen Regimes darzustellen. Dies gilt, wie bereits oben ausgesagt, gerade für die späten Regierungsjahre Domitians, auch wenn er sich offensichtlich nicht durch Handlungen persönlich kompromittiert hatte[…]“
Zusammenfassung der Kapitel
Marcus Cocceius Nerva: Dieses Kapitel beleuchtet den Aufstieg Nervas zum Kaiser, seine vorherige senatorische Laufbahn und seine bewusste Entscheidung, sich mit einflussreichen Personen zu umgeben, um seine Herrschaft zu festigen.
Das aristokratische Netzwerk: Hier wird die These eines Netzwerks innerhalb der Senatsaristokratie entwickelt, das als Instrument zur Nachfolgeregelung diente, wobei die Verbindungen von Personen wie Plinius, Frontin und Tacitus im Zentrum stehen.
Caius Plinius Caecilius Secundus: Untersuchung der Karriere und politischen Rolle des Plinius als Bindeglied in der senatorischen Führungsschicht während der Übergangsphase von Domitian zu Trajan.
Sextus Iulius Frontinus: Analyse der Bedeutung des Frontinus als bedeutender Militär und Unterstützer der Adoption, der durch sein Ansehen maßgeblich zur Stabilität in der protrajanischen Fraktion beitrug.
Lucius Verginius Rufus: Darstellung des Lebenslaufs des Rufus, der als hochangesehene Persönlichkeit und Freund Nervas die politische Erfahrung in das Netzwerk einbrachte.
Cnaeus Arrius Antoninus: Betrachtung der Rolle des Antoninus als engem Freund Nervas, dessen Unterstützung und Rat für die Legitimierung der Thronfolge von Bedeutung waren.
Publius Cornelius Tacitus: Diskussion der politischen Dimension von Tacitus' Werken, insbesondere des „Agricola“, im Kontext der aktuellen politischen Geschehnisse des Jahres 97.
Quintus Glitius Atilius Agricola: Analyse der Karriere des Agricola und seiner engen Bindungen zu Traian sowie seiner Rolle im consilium, die ihn zu einem wichtigen Akteur im Netzwerk machte.
Lucius Domitius Apollinaris: Untersuchung der Verbindungen des Apollinaris zu anderen Militärs und seine Bedeutung innerhalb der senatorischen Aristokratie bei der Unterstützung der neuen Ordnung.
Fazit: Zusammenfassende Bewertung der Indizien für ein organisiertes aristokratisches Netzwerk, das zielgerichtet die Adoption Trajans vorbereitete und Nerva bei der Konsolidierung seiner Herrschaft unterstützte.
Schlüsselwörter
Nerva, Traian, Plinius der Jüngere, römisches Kaiserreich, Adoption, aristokratisches Netzwerk, Senat, Prätorianer, senatorische Aristokratie, Nachfolgeregelung, Politische Geschichte, Domitian, Machtbasis, homo novus, vir militaris
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht, ob die Adoption Trajans durch Kaiser Nerva im Jahr 97 n. Chr. eine spontane Entscheidung war oder das Ergebnis einer systematischen Planung innerhalb eines aristokratischen Netzwerks.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die zentralen Felder umfassen die Regierungszeit Nervas, die politische Rolle des Senats, die Dynamiken innerhalb der römischen Aristokratie nach Domitian sowie die Bedeutung von persönlichen Netzwerken für die kaiserliche Nachfolge.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das primäre Ziel ist es, das Narrativ vom „schwachen“ Kaiser Nerva zu hinterfragen und zu belegen, dass die Adoption Trajans durch einflussreiche Senatoren strategisch vorbereitet wurde.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Die Autorin/der Autor nutzt eine prosopographische Methode sowie die Analyse zeitgenössischer Quellen, insbesondere der Briefe und Werke von Plinius dem Jüngeren und Tacitus, um Beziehungen und politische Aktivitäten zu rekonstruieren.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert detailliert die Laufbahnen und Netzwerke einflussreicher Senatoren wie Plinius, Frontin, Tacitus und anderer, um deren kollektives Handeln bei der Regelung der Nachfolge aufzuzeigen.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie „aristokratisches Netzwerk“, „protraianische Fraktion“, „Adoption“ und „senatorische Aristokratie“ maßgeblich geprägt.
Wie bewertet die Arbeit die Rolle der Prätorianer?
Die Erhebung der Prätorianer wird nicht als rein spontaner Akt der Rebellion interpretiert, sondern als ein Ereignis, das Nerva möglicherweise geschickt nutzte, um unliebsame Verschwörer zu neutralisieren.
Welche Schlussfolgerung zieht der Autor bezüglich der Rolle von Plinius dem Jüngeren?
Plinius wird als verbindendes Element in einem Netzwerk gesehen, das aktiv an der Vorbereitung der Ära Trajans mitwirkte, wobei sein literarisches Schaffen gezielt zur politischen Positionierung genutzt wurde.
Welche Bedeutung kommt dem syrischen Statthalter M. Cornelius Nigrinus zu?
Nigrinus wird als potenzieller Gegenspieler zu Traian identifiziert, dessen ambitionierte Pläne durch die Aktivitäten des Netzwerks um Nerva und Plinius vereitelt wurden.
- Citation du texte
- Boris Queckbörner (Auteur), 2004, Nerva, Traian und das Netzwerk des Plinius, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/37879