„Jeder hat das Recht auf Bildung“ – so beginnt der Artikel 26 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte. Doch haben Kinder aus bildungsfernen Familien wirklich die gleichen Startbedingungen, um Ärzte, Juristen und Ingenieure zu werden? Wie sehr hängen Bildungserfolg und Elternhaus tatsächlich zusammen? Diese Publikation geht der drängenden Frage nach, wie sehr die soziale Herkunft noch immer den beruflichen Lebensweg von Schüler/innen in Deutschland prägt.
Laut OECD-Bericht hat Armut in Deutschland, im Vergleich zu anderen OECD-Ländern, deutlich zugenommen. Besonders betroffen von dieser Armut sind Kinder und Jugendliche, deren Befinden in der Kindheit entscheidend ihren Lebens- und Karriereweg gestaltet. Das Buch von Simon Althelmig untersucht in diesem Zusammenhang die Lebensrealitäten von Kindern in verschiedenen sozialen Kontexten – und arbeitet Perspektiven heraus, um mehr Chancengleichheit zu schaffen. Wie sehr dabei das Verhalten der Lehrkräfte positiv beeinflussen kann, wird ebenfalls thematisiert. Sind Lehrpersonen für eine Situation im heterogenen Klassenverband wirklich gut geschult? Die Publikation beleuchtet sowohl die bildungspolitischen Konsequenzen für die Lehrerausbildung als auch die allgemeinen politischen Herausforderungen dieser zukunftsentscheidenden Problematik.
Aus dem Inhalt:
- Bildungserfolg;
- Soziale Herkunft;
- Migrationshintergrund;
- Soziale Benachteiligung;
- Lehrerausbildung;
- Bildungspolitik;
- PISA-Studie
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Sozialwissenschaftliche Betrachtung von Bildung und Bildungserfolg
2.1 Bildung und Bildungserfolg im Kontext der Herkunftsfamilie
2.2 Bildung und Bildungserfolg im Elementarbereich
2.3 Chancengleichheit in der Bildung und im Bildungserfolg im Schulbereich
2.4 Zusammenfassung
3 Lebensrealitäten von Kindern in verschiedenen sozialen Kontexten im Hinblick auf Bildungserfolg und das schulische System
3.1 Standortbestimmung von Kindern aus sozial benachteiligten Familien
3.2 Standortbestimmung von Kindern aus Arbeiterfamilien und Familien mit Migrationshintergrund
3.3 Standortbestimmung von Kindern aus bildungsorientierten Familien
3.4 Zwischenfazit
4 Einfluss von Lehrerverhalten und Lehrerkompetenzen auf die Steigerung der Chancengleichheit von Kindern im Bildungssystem
4.1 Pädagogische Herausforderungen bei Kindern mit sozialer Benachteiligung
4.2 Anforderungen an die Lehrerausbildung zur Förderung von Chancengleichheit
4.3 Bildungspolitische Konsequenzen für die Lehrerförderung
4.4 Schulsituation in Finnland
4.4.1 Grundlagen der Bildungsgleichheit von Schülern in Finnland
4.4.2 Ausbildung und Arbeitseinsatz von Lehrkräften und anderen Fachkräften in Schulen in Finnland
4.4.3 Betreuungssituation von Kindern und Schülern im finnischen Vorschulbereich und an finnischen Schulen
4.4.4 Ausführungen von Marco Maurer zur Situation der Chancengleichheit, in Bezug auf Bildung und Bildungserfolg, in Finnland
4.5 Zusammenfassung
5 Zukunftsorientierung zur Förderung benachteiligter Kinder als gesellschaftliche und politische Herausforderung
5.1 Mögliche Herausforderungen der Politik
5.1.1 Förderung der Bildungsgerechtigkeit
5.1.2 Probleme der Heterogenität
5.1.3 Durchlässigkeit der Bildungssysteme
5.1.4 Förderung von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund
5.2 Zusammenfassung
6 Fazit
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die anhaltende Abhängigkeit des Bildungserfolgs von der sozialen Herkunft in Deutschland und analysiert, warum das deutsche Bildungssystem trotz wiederholter bildungspolitischer Debatten nur eingeschränkt chancengerecht agiert. Zentrales Ziel ist es, die strukturellen und pädagogischen Ursachen für diese Bildungsungleichheit zu identifizieren und unter Einbeziehung des finnischen Bildungsmodells als Vergleichsperspektive Lösungsansätze für eine zukunftsorientierte Bildungsförderung aufzuzeigen.
- Die sozialwissenschaftliche Analyse des Einflusses der Herkunftsfamilie auf den individuellen Bildungserfolg.
- Die Auswirkungen der frühen Selektion im deutschen Schulsystem auf Bildungsbiografien von Kindern aus verschiedenen sozialen Milieus.
- Die Bedeutung von Lehrerkompetenzen, diagnostischen Fähigkeiten und pädagogischen Beziehungen für die Steigerung der Chancengleichheit.
- Die Rolle des finnischen Schulsystems als Referenz für Inklusion und Förderorientierung ("Fördern statt auslesen").
- Die politische und gesellschaftliche Notwendigkeit eines "vorsorgenden Sozialstaates" zur langfristigen Sicherung von Bildungsgerechtigkeit.
Auszug aus dem Buch
3.1 Standortbestimmung von Kindern aus sozial benachteiligten Familien
Förderung und elterliche Liebe sorgen unter anderem dafür, dass es Kindern in Deutschland gut geht. Jedoch kann von Chancengleichheit nicht die Rede sein, denn wie bereits im vorherigen Kapitel geschildert, entscheidet in der Regel der soziale Status der Herkunftsfamilie, unter welchen Bedingungen Kinder aufwachsen und leben. Hierzu belegt die UNICEF-Vergleichsstudie 2012, dass fast jedes elfte Kind in relativer Armut lebt (vgl. UNICEF 2012, S. 2). Hierbei hat UNICEF beobachtet, dass sozial benachteiligte Kinder vermehrt „in isolierten Wohnvierteln unter sich bleiben“ (Bayerischer Rundfunk 2013). Somit ist eine Chancenungleichheit vorprogrammiert, da „gute Schulen und ausreichende soziale Unterstützung fehlen (ebd.). Eine neuere Studie, im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung, hat ergeben, dass in Deutschland jedes fünfte Kind unter 15 Jahren armutsgefährdet ist. Dies bedeutet, dass Kinder unterhalb der Armutsgrenze aufwachsen.
Dies sind 2,1 Millionen Kinder in Haushalten, die Hartz IV erhalten, 1,15 Millionen arme Kinder, die keine Unterstützung erhalten, obwohl Anspruch bestehen würde, und weitere 480.000 Kinder, die knapp über der Armutsgrenze leben (vgl. ZEIT ONLINE/dpa/fin 2015).
Der Soziologe Dr. Stephan Ellinger schreibt, dass Kinder, die aus sozial benachteiligten Familien stammen, „sich häufig in einem Teufelskreis der Armut – der sowohl äußerliche als auch innere Armut einbezieht –“ (Ellinger 2013, S. 3) befinden. Weiterhin führt er auf, dass verschiedene soziologische und pädagogische Faktoren wie Einkommen, Reduzierung der Grundbedürfnisse, familiäre Belastungen, Einschränkungen der Elternfunktion, die soziale Benachteiligung bestimmen (vgl. ebd.). So finden wir in sozial benachteiligten Familien Kinder, die von Beginn an unter Armut leiden, Kinder, die von ihren Eltern vernachlässigt werden, Kinder, die von ihren Eltern nicht ausreichend gesundheitlich versorgt werden, Kinder, die, auf Grund dieser Umstände, von ihren Klassenkameraden ausgegrenzt und gemobbt werden, Kinder, die nicht gelernt haben, sich zu konzentrieren und im Unterricht stillzusitzen. Somit ist häufig ein Scheitern vom ersten Schultag an vorprogrammiert (vgl. Siggelkow/Büscher 2012, Klappentext).
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die Motivation der Arbeit und die zentrale Fragestellung zur anhaltenden Abhängigkeit des Bildungserfolgs von der sozialen Herkunft in Deutschland.
2 Sozialwissenschaftliche Betrachtung von Bildung und Bildungserfolg: Dieses Kapitel erörtert die theoretischen Grundlagen der Verbindung zwischen Herkunftsfamilie, frühkindlicher Förderung und Bildungschancen im Schulwesen.
3 Lebensrealitäten von Kindern in verschiedenen sozialen Kontexten im Hinblick auf Bildungserfolg und das schulische System: Hier werden die unterschiedlichen Startbedingungen von Kindern aus prekären, bildungsfernen und bildungsorientierten Verhältnissen detailliert analysiert.
4 Einfluss von Lehrerverhalten und Lehrerkompetenzen auf die Steigerung der Chancengleichheit von Kindern im Bildungssystem: Das Kapitel untersucht die entscheidende Rolle der Lehrkräfte und vergleicht das deutsche System mit dem finnischen Ansatz der inklusiven Förderung.
5 Zukunftsorientierung zur Förderung benachteiligter Kinder als gesellschaftliche und politische Herausforderung: Dieses Kapitel diskutiert bildungspolitische Strategien, den Umgang mit Heterogenität und die Notwendigkeit, Bildungsgerechtigkeit als gesamtgesellschaftliche Aufgabe zu begreifen.
6 Fazit: Das Fazit fasst die zentralen Erkenntnisse zusammen und betont die Notwendigkeit eines proaktiven, vorsorgenden Sozialstaats zur Überwindung bildungsbedingter Ungerechtigkeiten.
Schlüsselwörter
Bildungsgerechtigkeit, Soziale Herkunft, Chancengleichheit, Bildungserfolg, Heterogenität, Lehrerkompetenz, Schulsituation Finnland, Bildungsbenachteiligung, Migration, Armut, Schulerfolg, Inklusion, Schulsystem, Bildungsförderung, Frühkindliche Bildung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert, warum die soziale Herkunft in Deutschland nach wie vor ein entscheidender Faktor für den Bildungserfolg von Kindern und Jugendlichen ist und welche systemischen Barrieren hierfür verantwortlich sind.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Zu den Schwerpunkten zählen der Einfluss des familiären Hintergrunds, die Rolle des Lehrerverhaltens, die Auswirkungen des selektiven deutschen Schulsystems sowie Best-Practice-Beispiele aus Finnland.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Arbeit verfolgt das Ziel, theoretische Hintergründe der Bildungsungleichheit aufzuzeigen und Strategien zu benennen, wie Bildungsgerechtigkeit in Deutschland durch pädagogische und politische Reformen nachhaltig verbessert werden kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoretische Analyse, die auf einer umfassenden Literaturstudie, der Auswertung empirischer Bildungsberichte sowie der Analyse von Rechercheberichten (wie dem von Marco Maurer) basiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden die Lebensrealitäten verschiedener Kindergruppen beleuchtet, der Einfluss von Lehrerkompetenzen auf die Chancengleichheit hinterfragt und ein intensiver Vergleich mit der finnischen Bildungspolitik gezogen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Bildungsgerechtigkeit, soziale Herkunft, Chancengleichheit, Lehrerkompetenz, Heterogenität sowie die systemische Förderung benachteiligter Kinder.
Warum wird Finnland als Vergleichsland herangezogen?
Finnland dient als Referenz, da es durch seine Prämisse „Fördern statt auslesen“ und eine flache Schulhierarchie bei hoher Qualität der Lehrerausbildung erfolgreich zeigt, wie Bildungserfolg von der sozialen Herkunft entkoppelt werden kann.
Welche Rolle spielt die Lehrerausbildung laut der Arbeit?
Die Arbeit unterstreicht, dass Lehrkräfte die entscheidenden Akteure für Chancengleichheit sind; daher wird eine Qualifizierung gefordert, die stärker auf diagnostische Kompetenzen, soziale Sensibilität und den professionellen Umgang mit Heterogenität ausgerichtet ist.
- Arbeit zitieren
- Simon Althelmig (Autor:in), 2017, Deutschlands Bildungslandschaft heute. Warum soziale Herkunft noch immer den Bildungserfolg bestimmt, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/378876