Parfum, donc souvenir? - Bedeutung und Einfluss von Geruch(ssinn) in 'Le Flacon' und 'Parfum Exotique' von C.Baudelaire (Fleurs du Mal)


Hausarbeit, 2003

13 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhalt

1. Einführung

2. Einige Einschätzungen von Gerüchen in der Philosophie
2.1. Aristoteles und die Einteilung in „zwei Arten des Riechbaren“
2.2. 18. und 19. Jh. Und die „Unsicherheit im Diskurs der Gelehrten“1

3. Geruch(ssinn) bei Baudelaire
3.1. Parfum Exotique (FM XXII)
3.2. Le Flacon (FMXLVIII)

4. Schlussbemerkung

5. Literatur

1. Einführung

Wie beeinflussen Gerüche die Wahrnehmung? Diese Fragestellung soll hier im allgemeinen und im speziellen in den Gedichten „ Le Flacon“ und „Parfum Exotique “ von Baudelaire behandelt werden.

Distinguierte Wahrnehmung über die Sinne scheint für einen Dichter unablässig. Der Bereich der Wahrnehmung von Gerüchen, in dem Tiere dem Menschen klar ü berlegen sind, wird jedoch nicht allein aufgrund dieser Tatsache seit langem abgewertet. Das Christentum und die meisten Philosophen der Aufklärung ordneten ihm das Gesicht und das Gehör als „dauerhaftere Anreize für das Denken“ (Corbin, 1992) über. Seine Flüchtigkeit störe beim „Erinnern und Vergleichen wahrgenommener Empfindungen“ (ebd.).

Gelten diese Annahmen auch für die Poesie?

Sind die Sinne(swahrnehmungen) überhaupt klar voneinander zu trennen, bzw. sind sie zu werten? Hat der Geruchssinn allgemeine oder Baudelaire-spezifische charakteristische Eigenschaften? Inwieweit lässt sich Prévosts2 These „Parfum, donc souvenir“ auf die untersuchten Gedichte anwenden?

Nach einem kurzen Einblick über die Stellung des Geruchssinns bei Aristoteles und bei den Philosophen des 18. und 19. Jahrhunderts, wird die jeweilige Rolle von Düften und ihre Zusammenwirkung mit den anderen Wahrnehmungen in beiden genannten Werken beschrieben.

Die Ergebnisse der Untersuchung werden an der Oberfläche kaum Ähnlichkeiten aufweisen, da die Texte, auch in Bezug auf den betrachteten Gegenstand sehr unterschiedlich sind.

Es gilt also, in der Zusammenfassung möglichst so tief gehend wie Gerüche sind auf deren Wahrnehmung in Baudelaires Werken einzugehen, um auf einer untergrü ndig übergeordneten Ebene Gemeinsamkeiten zu entdecken.

2. Einige Einschätzungen von Gerüchen in der Philosophie

2.1. Aristoteles und die Einteilung in „zwei Arten des Riechbaren“

Die Einschätzung des Geruchssinns durch die Philosophen hing immer mit einem Vergleich der Menschen und der Tierwelt auf diesem Gebiet zusammen, woraus sich häufig eine Abwertung desselben ergab:

„was daher kommt, dass wir von allen Geschöpfen und von allen unseren Sinnen den Geruchssinn am schlechtesten entwickeln, den Tastsinn dagegen von allen Geschö pfen am besten; und Geschmack ist ja eine Art des Tastsinns.“ (Aristoteles, 1953)

Aristoteles (1953) beschäftigt sich in seinen Betrachtungen „Über die Sinneswahrnehmung“ mit jedem einzelnen Sinn und ordnet den Geruchssinn zwischen den „Fern“-Sinnen Gesicht und Gehör und den „Tast“-Sinnen Berühren und Schmecken als eine Art Mittel- oder Mittlersinn ein, da seine Wahrnehmungen am wenigsten greifbar und beständig seien und nicht wie die der Fernsinne durch einen vermittelnden Stoff hindurch erfasst werden können noch wie die Tastsinne sie leiblich erfassen oder gar in sich aufnehmen können. Er beschreibt das „ Bindeglied“ zwischen den Sinnen folgendermaßen:

„Es scheint, dass der Geruchssinn, da die Zahl der Sinne ungerade ist und jede ungerade Zahl eine Mitte hat, auch selber die Mitte zwischen den Tastsinnen, nämlich Berühren und Schmecken, und den durch ein anderes Mittel wahrnehmenden, nämlich Gesicht und Gehör. Daher ist der Geruch einerseits eine Erscheinung der Nährstoffe, die zur Gattungen des Tastbaren gehören, und gehört andererseits zusammen mit dem Hörbaren und Sichtbaren [...].“

Interessant ist für unsere Betrachtung die hieraus folgende Teilung in „zwei Arten des Riechbaren“, die Aristoteles vornimmt.

Die erste Art der Gerüche bildet diejenige, die nah am Geschmack, also an den Tastsinnen ist. Sie ruft nur momentabhängig Zu- oder Abneigung („Lust oder Unlust“) hervor, d.h. z. B. solange man hungrig oder durstig ist oder ein anderes momenthaftes Begehren andauert. Diese Art des Geruchssinns ist beim Menschen übrigens nicht anders als bei den Tieren.

Die zweite Art, Gerüche wahrzunehmen, ist dem Menschen als einzigem Geschö pf eigen. Hier sind die Düfte „an sich angenehm“ wie z.B. Blumenduft und reizen, so Aristoteles, das Begehren nicht, sondern führen zum Genuss des Augenblicks , in dem der Duft wahrgenommen wird und - mehr noch, zur Gesundheit der Seele.

„Wenn nämlich die Gerüche ans Gehirn dringen, dann herrschen wegen der Leichtigkeit der in ihnen enthaltenen Wärme in dieser Körpergegend gesundere Verhältnisse. Denn die natürliche Wirkung des Geruchs ist Wärme [...] Darum auch ist der Mensch von allen Geschöpfen sozusagen das einzige, das an Blumen und ihrem Geruch seine Freude hat.“ (Aristoteles, 1953)

2.2. 18. und 19. Jh. Und die „Unsicherheit im Diskurs der Gelehrten“

Während für Locke wie später für Kant und Hegel der Verstand noch ein “ autonomes und mit eigener Aktivität begabtes“ Prinzip ist, sprechen andere Philosophen im 18. Jh. bereits von einem Zusammenwirken von Sinnen und Verstand. So lässt Condillac (In: Le Guérer, 1992) eine fiktive Statue einen Sinn nach dem anderen annehmen, und beweist mit seiner Demonstration, dass aus einer einzelnen Sinnesempfindung alle intellektuellen Fähigkeiten des Menschen entwickelt werden können:

„Nachdem wir bewiesen haben, dass unsere Statue der Zuwendung ihrer Aufmerksamkeit fähig ist, der Erinnerung, des Vergleichs, der Urteile, Unterscheidungen und Einbildungen, dass sie abstrakte Begriffe kennt, Vorstellungen von Zahl und Dauer, allgemeine und besondere Wahrheiten, dass sie Begierden und Leidenschaften entwickelt, liebt, hasst und will, dass sie fähig ist, zu hoffen, zu fürchten und zu staunen, und schließlich, dass sie Gewohnheiten annimmt, müssen wir folgern, dass der Verstand mit nur einem Sinn ebenso viele Fähigkeiten hat wie mit allen fünfen.“ (Condillac, 1947, In: Le Guérer, 1992)

Durch Condillac und z.B. auch Diderot, der in seiner Sinneshierarchie das Auge an die unterste Stelle verbannt, während er dem Tast- und dem Gefühlssinn die wichtigsten Rollen zuspricht - „Und ich fand, dass das Auge von allen Sinnen der oberflächlichste war, das Ohr der stolzeste, der Geruch der Wollüstigste, der Geschmack der abergläubischste und unbeständigste, der Gef ühlssinn der tiefste und philosophischste.“ (Diderot, 1972, In: Le Guérer, 1992)

- , rückt der sog. Sensualismus in ein Zentrum der Aufmerksamkeit, dem sich Philosophen und Gelehrte nicht mehr entziehen können, wenngleich sie weiterhin sehr unterschiedliche Urteile fällen und die bereits genannte Spracharmut zu diesem Thema Verwirrung und Unentschlossenheit noch verstärken. Jean Ehrhard (In: Corbin, 1992) bspw. meint, dass aufgrund des fehlenden Vokabulars in diesem Bereich, der Mensch zu einem an die Außenwelt gefesselten Wesen würde, wenn der Geruchssinn vorherrschte. Die Schärfe des Geruchssinns stünde, so Ehrhard, im umgekehrten Verhältnis zur Entwicklung der Intelligenz. Immer wieder wird hier auf die „Animalität“ des Geruchssinns verwiesen, den der zivilisierte Mensch nicht als Selbsterhaltungstrieb brauche, weil „die Gesellschaft ihn über die für ihn essbar erscheinenden Stoffe aufkläre“ (von Haller, In: Corbin, 1992).

Auch die Flüchtigkeit von Gerüchen lässt sie für manche was die ästhetische Betrachtung, das Erinnern und Vergleichen wahrgenommener Empfindungen betrifft, hinter dem Sehsinn und dem Gehör zurücktreten.

Rousseau hingegen beobachtet eine Wechselwirkung zwischen der Betätigung der Sinne und der Entwicklung der Vernunft des Menschen, die Sinne und die Organe seien Werkzeuge des Geistes. Der Verstand könne sich niemals unabhä ngig vom Körper ausbilden, vielmehr:

„..Ist es die gute Konstitution des Körpers, der alle Verrichtungen des Geistes leicht und sicher macht.[...] Alles, was in den menschlichen Verstand eingeht, gelangt durch die Sinne hinein.“ (Rousseau, 1969)

Wie Aristoteles nimmt Rousseau zweierlei Geruchssinne beim Menschen an. Der erste ist wie bei Aristoteles der Jagd- und Nahrungssuchsinn, der zur Selbsterhaltung dient, jedoch beim zivilisierten Menschen im Gegensatz zum Tier nur noch schwach ausgeprägt ist. Der zweite, der, so Rousseau, erst mit dem Ü bergang vom natürlichen zum bürgerlichen Zustand möglich wird, entwickelt sich aufgrund der Einbildungskraft des zivilisierten Menschen, der Verbindung von Gerü chen mit Situationen, Seelenzuständen, inneren Bildern.

„Diese Düfte affizieren weniger durch das, was sie wirklich anzeigen als durch das, was sie vermuten lassen.“ (Rousseau, 1969)

Es wird deutlich, dass sich die Zeitgenossen Baudelaires durchaus uneins über die Beurteilung von Sinneswahrnehmung im Allgemeinen und über den Geruchssinn im besonderen waren.

3. Geruch(ssinn) bei Baudelaire

3.1. Parfum Exotique (FM XXII)

Im Sonett „Parfum Exotique“, das in „Spleen et Idéal“ der Fleurs du Mal den Zyklus der „Vénus Noire“ (Jeanne Duval) einleitet, bewirkt das „einatmen“ (Vers 2: „respirer“) des Duftes einer geliebten Frau, dass das Ich eine innere Reise in eine Traumwelt antritt.

Allein der Geruch, den das Ich in dieser halb mütterlich3, halb erotisch4 anmutenden Situation mit geschlossenen Augen aufnimmt, lässt die inneren Bilder eines Landes entstehen, in der die Harmonie zwischen Mensch und Natur perfekt ist. Nicht hektisch, sondern auf angenehme Art träge (paresseuse) wird mit einem Anthropomorphismus diese Insel beschrieben, auf der die Natur einzigartige Bä ume und Früchte voll von saftigem Geschmack hervorbringt - und man könnte, wenn man das Semikolon übersähe, lesen, dass sie im gleichen Atemzug die Menschen entstehen lässt, von denen die Männer athletisch und gesund anmuten und die Frauen mit ihrem klaren und ehrlichen Blick das reisende Ich erstaunen. Nach demselben Schema wie das erste Quartett reimt das zweite cddc und umschließt so behütend mit den äußeren Reimen die Schöpfung der Natur, Mensch und Pflanzen, die in den mittleren Strophen beschrieben werden. Am Anfang des ersten Terzetts kehrt das Ich für einen Moment zurück in die eingangs beschriebene Situation, um seine Inspiration durch den Duft der Geliebten zu erneuern und fährt mit der Beschreibung des paradiesischen Landes fort. Müde Masten und Segel erholen sich in einem Hafen von den Wogen des Meeres. Die Anthropomorphismen in diesem ersten Terzett - „voiles et mats tout fatigués“ - lassen die Grenzen verschwimmen zwischen den beschrieben Bildern und dem Ich selbst, auf das das Adjektiv „fatigué“ zutreffen könnte, ebenso wie die Sehnsucht, sich in einem schützenden Hafen auszuruhen. Reell befindet er sich bereits in den Armen seiner Geliebten.

Hier beginnt also die Verschmelzung des Ich mit der erträumten Welt, der Eindruck der inneren Reise macht dem Beginn eines inneren Ankommens Platz. Im letzten Terzett leitet wieder ein Duft die Inspiration des Ich ein, diesmal kehrt es aber nicht zurück in die Realität, das „Tu“ wird nicht explizit erwähnt. Der Duft der „ vert tamariniers“ erinnert an die „parfum doux“ in Correspondances (FM IV, V.10), auch dort tragen sie den Geist in andere Welten („qui chantent le transport des esprits et des sens“). Dieser Duft jedenfalls, der die Luft erfüllt und durch die Nase des Ich in dessen Seele steigt, vermischt sich dort mit einem anderen Sinneseindruck, dem „chant des mariniers“ (V. 14).

Obwohl das Ich bereits in der ersten Zeile des Gedichts die Augen schließt, beginnen die Zeilen 2 und 10 mit „je vois“ und es sind zunächst Bilder, die sich vor dem inneren Auge, auftun, bevor in der letzten Strophe in der anderen Welt auch ein Parfum wahrgenommen wird und ein Geräusch, nämlich der Gesang der Schiffer. Wir sind überrascht, wie schnell sich hier also eine Einheit zwischen Realität und Traumwelt, parallel mit dem Ineinanderfließen der Sinneseindrücke, entwickelt. Das Parfum des Tu wird zum Parfum der Insel, bzw. der Tamarisken und mischt sich mit dem Gesang in der Seele des Ich. Die äußere Welt, die der Duft der Geliebten, der zum Duft der Insel wird, verkörpert und die Bilder der Traumwelt, die das Ich in diesem Gedicht erlebt und für die hier der Gesang der Schiffer als von der Insel stammend stehen könnte, vereinen sich in einer friedlichen Seele, deren Abgrenzung zur Natur verschwimmt, was die Einheit noch umfassender werden lä sst.

Das sich häufende „m“ in der letzten Zeile könnte als Unterstreichung der Friedlichkeit der erlangten Einheit verstanden werden.

„Le dernier vers du sonnet fond rêve et réalité et proclame la synesthésie des sens [...] Il célèbre la fusion du sensuel et du spirituel, des sens et de l´âme, ce que souligne l´ ubiquité du „m“ - se mêle dans mon âme au chant des mariniers“ (Zimmermann, 1998)

[...]


1 Corbin, 1992

2 Prévost, 1953, S. 217

3 Für Aristoteles ist die „natürliche Wirkung des Geruchs [...] Wärme“ (s. 2.1.)

4 Diderot bezeichnet den Geruch als den wollüstigsten aller Sinne. (s. 2.2.)

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Details

Titel
Parfum, donc souvenir? - Bedeutung und Einfluss von Geruch(ssinn) in 'Le Flacon' und 'Parfum Exotique' von C.Baudelaire (Fleurs du Mal)
Hochschule
Universität Hamburg
Note
2,3
Autor
Jahr
2003
Seiten
13
Katalognummer
V37907
ISBN (eBook)
9783638371216
Dateigröße
440 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Parfum, Bedeutung, Einfluss, Geruch(ssinn), Flacon, Exotique, Baudelaire, Mal)
Arbeit zitieren
Barbara Miertsch (Autor), 2003, Parfum, donc souvenir? - Bedeutung und Einfluss von Geruch(ssinn) in 'Le Flacon' und 'Parfum Exotique' von C.Baudelaire (Fleurs du Mal), München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/37907

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