Hannah Arendt und der Totalitarismus. Analyse, Lehren, Perspektiven


Seminararbeit, 2017

11 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Eine aktuelle Denkerin

Wer heute einen Blick in die Welt wirft, kann schnell zur Erkenntnis kommen, das Denken Hannah Arendts sei aktueller denn je. Das liegt nicht nur daran, dass ihre Totalitarismustheorie in Zeiten des wachsenden Islamismus, insbesondere durch den sogenannten 'Islamischen Staat', neue Brisanz gewinnt und auch im Westen Bewegungen erstarken, die zumindest in Teilen totalitäre Züge haben. Es liegt auch daran, dass Arendts politische Philosophie - ein Begriff, den sie selbst vehement abgelehnt hat - heute noch immer recht stark rezipiert wird, nicht nur an Universitäten. Beim deutsch-französischen Fernsehsender arte drehte sich beispielsweise erst Anfang Februar 2017 ein Themenabend um die deutsch-amerikanische Philosophin1 und nur einige Wochen vorher stellte ein Beitrag auf dem linken Portal Die Freiheitsliebe die Frage nach der Bedeutung Arendts für die politische Linke.2

Hannah Arendt, die sich kaum einem politischen Lager eindeutig zuordnen lässt, kann mit ihrem Werk sicher auch für die Gegenwart relevant sein. Im Folgenden soll es zunächst darum gehen, was Hannah Arendt über die totalitären Bewegungen der Vergangenheit zu sagen hatte und welche Erkenntnisse sich daraus schließen lassen. Dazu müssen einige Fragen beantwortet werden: Wer oder was ist der Mensch, was macht ihn aus? Was ist Politik? Was ist Macht, Gewalt, Freiheit? Was ist der Kern totalitärer Systeme? Wenn diese Fragen beantwortet sind, wenn also klar ist, was spezifisch menschlich im Sinne Arendts ist und inwiefern totalitäre Systeme dieses Menschliche untergraben, kann ihre politische Philosophie für die Gegenwart fruchtbarer gemacht werden.

Wer oder was ist der Mensch?

Hannah Arendts Werk Was ist Politik? beginnt mit einer wichtigen Feststellung. Sie schreibt, die Philosophie und Theologie würden sich mit dem Menschen beschäftigen. Sie geht sogar soweit, zu sagen, für alles wissenschaftliche Denken gäbe es nur den Menschen, beispielsweise auch in der Psychologie und Biologie. Es sei, als gäbe es nur einen Menschen oder viele identische. Was die Menschen aber gerade ausmache, sei ihre Pluralität.3 Der Begriff der Pluralität ist einer, der zentral in Arendts Philosophie ist. Er macht es aber weitestgehend unmöglich, zu sagen, was den Menschen ausmacht, weil es den Menschen nicht gibt. Hannah Arendt spricht stärker über die Menschen. In ihrem philosophischen Hauptwerk Vita activa oder Vom tätigen Leben unterteilt Arendt die menschlichen Tätigkeiten in drei Formen: Arbeiten, Herstellen und Handeln.4 Arbeiten stellt für sie eine Notwendigkeit dar, die nicht spezifisch menschlich ist, es dient der Lebenserhaltung. Herstellen ist ebenfalls eine Tätigkeit, die die Menschen noch nicht zu dem macht, was sie sind. Es soll an dieser Stelle nicht um diese beiden Tätigkeitsformen gehen, da sie für Arendts Konzept des Politischen und der Pluralität eine untergeordnete Rolle spielen.

Das, was menschliches Leben wirklich menschlich macht, ist nach Hannah Arendt das Handeln.5 In Vita activa schreibt sie: "Die Arbeit mag noch so charakteristisch für den menschlichen Stoffwechsel mit der Natur sein, das besagt nicht, daß jeder Mensch auch arbeiten müßte; er kann sehr gut andere zwingen, für ihn zu arbeiten, ohne daß seinem Menschsein darum Abbruch geschähe. Und genau das Gleiche gilt für das Herstellen [...]"6

Arendt sieht im Handeln und Sprechen, zwei Dingen, die man ihrer Meinung nach kaum trennen kann, die Tätigkeiten, die zeigen, wie Menschen wirklich sind und in denen sie sich aktiv voneinander unterscheiden. Jeder Mensch sei einzigartig, alle Menschen also verschieden. Gleichzeitig seien alle Mensch gleich, im Sinne von gleichartig. Gleichartigkeit und Verschiedenheit sind für Arendt die Bedingungen der menschlichen Pluralität.7 Die menschliche Einzigartigkeit geht bei Arendt so weit, dass sie sagt, es sei unmöglich zu beschreiben, wer jemand ist, denn so würden nur Eigenschaften beschrieben, die dieser jemand mit anderen teilt.8

Hannah Arendt beschreibt die Menschen in ihrem gesamten Werk als soziale Lebewesen. Die wichtigste menschliche Tätigkeitsform, das Handeln, sei generell nur in Bezug auf andere möglich.9 Sie schreibt: "So wie das Herstellen der Umgebung der Natur bedarf, die es mit Material versorgt, und einer Umwelt, in der das Fertigfabrikat zur Geltung kommen kann, so bedarf das Handeln und Sprechen der Mitwelt, an die es sich richtet."10

Zwei weitere wichtige Begriffe zur Charakterisierung der Menschen sind Natalität und Mortalität. Natalität meint nicht nur die Geburt eines jeden Menschen, sondern auch die Fähigkeit des Einzelnen, einen neuen Anfang machen zu können, generell etwas Neues beginnen zu können. Eng damit hängen die Begriffe der Kreativität und Spontanität zusammen.11 12 Mortalität gibt dem Leben Sinn, das Wissen um die eigene Vergänglichkeit lässt das Leben selbst wertvoll erscheinen.13

Zusammenfassend und abschließend zu Arendts Anthropologie - sie selbst hätte diesen Begriff vermutlich für ihr Werk vehement abgelehnt - lässt sich sagen, dass Hannah Arendt bei ihrer Charakterisierung der Menschen nicht von einer "Natur der Menschen" spricht, sondern von der "menschlichen Bedingtheit".14 Die Grundcharakteristika menschlichen Lebens sind ihrer Meinung nach Natalität, Pluralität und Mortalität, sowie die Tätigkeiten Arbeiten, Herstellen und Handeln, welches eng mit dem Sprechen verknüpft ist.

Was ist Politik?

Nachdem klar ist, was Hannah Arendt für die zentralen Elemente des Menschseins hält, stellt sich für eine politische Philosophin schnell die Frage, was denn Politik eigentlich ist und was sie ausmacht bzw. was ihr Sinn oder Zweck ist. Für die Beantwortung dieser Frage ist es in erster Linie wichtig, sich Arendts Konzept des Handelns als spezifisch menschliche Tätigkeit in Erinnerung zu rufen. Das Handeln ist, wie bereits erwähnt, nur in Bezug auf andere möglich, wirkliches Menschsein also auch nur zusammen mit

anderen.15 Hier liegt der Schlüssel zur Arendts Politikverständnis.

In Was ist Politik? stellt Arendt ihr Verständnis des Politischen ausführlich dar. Sie lehnt dort u.a. die Idee des Aristoteles ab, im Menschen gäbe es schon etwas Politisches. Arendt widerspricht dieser Vorstellung, obwohl sie stark vom aristotelischen Denken beeinflusst ist. Sie schreibt "der Mensch ist a-politisch. Politik entsteht in dem Zwischen-den-Menschen, also durchaus außerhalb des Menschen."16 Diese Vorstellung, die zumindest auf den ersten Blick seltsam scheint, weil sie ein metaphysisches "Zwischen-den-Menschen" einführt, verdeutlicht gut Hannah Arendts Menschenbild. Sie denkt, dass Politik nur im Zusammenspiel mit anderen entstehen kann und der Einzelne nicht an sich politisch sein kann.

Auf die Frage nach dem Sinn von Politik, findet Arendt eine kurze und nach ihren eigenen Worten "einfache und in sich schlüssige Antwort": "Der Sinn von Politik ist Freiheit".17 Diese Antwort sei heute weder selbstverständlich, noch einleuchtend.18 Arendt sieht in der Vorstellung, Politik wäre nur ein Mittel zu einem höheren Zweck, bereits ein großes Problem.19 Für sie ist Politik nicht ein Mittel zum Zweck, keine einfach Notwendigkeit, sondern in sich selbst der Sinn. Sie bezieht sich damit maßgeblich auf die griechische Tradition und insbesondere Aristoteles, der ihrer Meinung nach unzureichend bis falsch interpretiert wurde.20 In der griechischen Antike sei, so Arendt, "Frei-Sein und In-einer-Polis-Leben" identisch gewesen.21 Bekanntlich konnten in der Polis nur diejenigen wirklich frei sein, die männliche, erwachsene Bürger waren. Diese Freiheit wurde in erster Linie durch die Sklavenwirtschaft gesichert. Arendt betont aber: "Im Unterschied zu allen Formen kapitalistischer Ausbeutung, die primär wirtschaftliche Zwecke verfolgen und der Bereicherung dienen, ging es bei der antiken Ausbeutung der Sklavenarbeit darum, die Herren von Arbeit ganz und gar zu befreien, um sie für die Freiheit des Politischen freizugeben.[...] Aber diese Herrschaft [über den Haushalt und die Sklaven, Anmerk. d. Autors] war selbst nicht politisch, wiewohl sie eine unabdingbare Bedingung alles Politischen darstellte."22

In diesen Zeilen wird Arendts Politikverständnis sehr deutlich. Natürlich ist die 15 Vgl. Heuer (2006), S. 8.

[...]


1 Vgl. u.a. Ushpiz, Ada (2017): Hannah Arendt und die Pflicht zum Ungehorsam. arte. Online verfügbar unter http://www.arte.tv/guide/de/053331-000-A/hannah-arendt-und-die-pflicht-zum- ungehorsam, zuletzt geprüft am 14.02.2017.

2 Vgl. Kneisel, Reik Jaša (2017): Hannah Arendt und ihre Bedeutung für die Linke. Online verfügbar unter https://diefreiheitsliebe.de/gesellschaft/hannah-arendt-und-ihre-bedeutung-fuer-die-linke/, zuletzt geprüft am 14.02.17.

3 Vgl. Arendt, Hannah; Ludz, Ursula; Sontheimer, Kurt (Hg.) (1993): Was ist Politik? Fragmente aus dem Nachlaß. 1. Aufl. München: Piper, S. 9.

4 Vgl. Roth, Monika (2010): Die Demokratiekonzeption von Hannah Arendt. In: Sebastian Lamm (Hg.): Macht. Überlegungen zu Theorien der Macht. 1. Aufl. Berlin: mbv Mensch-und-Buch-Verl., S.

5 Vgl. Heuer, Wolfgang (2006): Politik und Verantwortung. In: Aus Politik und Zeitgeschichte, Beilage zur Wochenzeitung "Das Parlament" (39), S. 9.

6 Arendt, Hannah (1960): Vita activa oder Vom tätigen Leben. 1. Aufl. Stuttgart: Kohlhammer, S. 165.

7 Vgl. Arendt (1960), S. 164f.

8 Vgl. Arendt (1960), S. 171.

9 Vgl. Arendt (1960), S. 180.

10 Arendt (1960), S. 180.

11 Vgl. Roth (2010), S. 16.

12 Vgl. Arendt (1960), S. 14ff.

13 Vgl. Roth (2010), S. 16.

14 Vgl. Arendt (1960), S. 14.

15 Vgl. Heuer (2006), S. 8

16 Arendt et al. (1993), S. 11. [Hervorhebungen wie im Original]

17 Arendt et al. (1993), S. 28.

18 Vgl. Arendt et al. (1993), S. 28.

19 Vgl. Arendt et al. (1993), S. 36.

20 Vgl. Arendt et al. (1993), S. 36ff.

21 Vgl. Arendt et al. (1993), S. 38.

22 Arendt et al. (1993), S. 39.

Ende der Leseprobe aus 11 Seiten

Details

Titel
Hannah Arendt und der Totalitarismus. Analyse, Lehren, Perspektiven
Hochschule
Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt
Veranstaltung
Freiheit, Politik, Urteilskraft: Die Politische Philosophie Hannah Arendts
Note
1,7
Autor
Jahr
2017
Seiten
11
Katalognummer
V379075
ISBN (eBook)
9783668559172
ISBN (Buch)
9783668559189
Dateigröße
515 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
hannah arendt, totalitarismus, ideologie, macht und gewalt, was ist politik
Arbeit zitieren
Franz Hausmann (Autor), 2017, Hannah Arendt und der Totalitarismus. Analyse, Lehren, Perspektiven, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/379075

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