Variationen des "Contre-texte" bei Trobadors und Minnesängern. Gegensangsforschung von 1962-1996


Hausarbeit, 2011

22 Seiten, Note: 2.0


Leseprobe

Inhalt

Einleitung – Zu Struktur und methodischem Vorgehen

Helmut de Boor – 1962

Erwin Rotermund – 1964

Joachim Bumke – 1967

Hugo Kuhn – 1967

Hugo Kuhn – 1968

Burghart Wachinger – 1973

Walter Blank – 1979

Hugo Kuhn – 1980

Max Schiendorfer – 1983

Eva Willms – 1990

Gerhard Wolf – 1996

Fazit – Bewertende Zusammenfassung und Zusammenführungen

Literaturverzeichnis

Einleitung – Zu Struktur und methodischem Vorgehen

Die nun folgende Arbeit stellt den Versuch dar, einen repräsentativen Querschnitt der Thematiken und Funktionen eines Gegensangs und Gründe für einen solchen in der Minnesangsforschung von 1962 bis 1996 zu erstellen. Mittels einer chronologischen Analyse der hierfür relevanten Abschnitte von zwölf Forschungsarbeiten, von zehn Forschern, sollen Thematiken, Funktionen und Entstehungsgründe eines Gesangs durchleuchtet werden, der in seinen Formen vom klassischen Minnesang abweicht. Ein abschließendes Fazit, am Ende der Arbeit, soll diese nicht nur zusammenfassen, sondern Richtungswechsel, ältere und neuere Tendenzen sowie mögliche Zusammenführungen von Forschungstheorien aufzeigen. Auf dem Weg zu diesen Schlussfolgerungen sollen die Forschungsarbeiten hinsichtlich der relevanten Thematiken kritisch verglichen werden, so dass spätere Kapitel rückwirkend Bezug nehmen werden auf frühere Abschnitte, aber nicht umgekehrt. Ziel ist es also, eine aufeinander aufbauende Chronologie von Gegensangsforschungen zu entwerfen und diese im letzten Abschnitt der Arbeit zu bewerten. Auf diese Weise sollen insbesondere die zum Teil großen Unterschiede in der Forschung zu diesem Thema aufgezeigt werden. Aufgrund des begrenzten Umfangs der vorliegenden Arbeit können einige Themen nur in ihren Grundzügen behandelt werden.

Helmut de Boor – 1962

Bereits im ersten Teil von „Die Deutsche Literatur im späten Mittelalter“ ist dem Gegensang ein eigener Abschnitt zugeordnet, in welchem de Boor besonders das Tagelied als wichtigen Bestandteil für diese Gattung erachtet.[1] Der Erlebnisdichtung der klassischen Minne steht das Tagelied als Illusionsdichtung gegenüber.[2] Damit meint de Boor, dass es sich um reine Fiktion handelte, wenn davon gedichtet wurde, wie Dame und Ritter eine Nacht miteinander verbringen. Der Dame ist es, im Gegensatz zum klassischen Minnesang, im Tagelied erlaubt „Liebessehnsucht und Leibesglück anzusprechen“, so de Boor.[3] Er erkannte auch die damals neue, zentrale Position des Wächters. Dieser warnt in zahlreichen Tageliedern das Paar vor dem nahenden Tagesanbruch.[4] Sein Charakter wurde in späteren Liedern ausgebaut. So ließ etwa Heinrich von Frauenberg den Wächter Lohn einfordern.[5] Hadloub widmete dem Wächter gar ein ganzes Lied, welches diesen über seine Situation reflektieren lässt.[6] Dem Ritter kommt, laut de Boor, in den meisten Tageliedern nur eine untergeordnete Rolle zu.[7] Im weiteren Verlauf des Kapitels greift de Boor zahlreiche, für ihn typische, Gegensangselemente weiterer Dichter auf, die von den Formen der klassischen Minne abweichen. Als wichtige Beispiele hierfür können Neidharts Mutter-Tochter-Gespräch[8], Geltars Verkehrung der dörflichen und höfischen Welt[9] und der Zank-Wechsel bei Dietmar von Eist und Reinmar von Hagenau gelten[10].

De Boor glaubt zu erkennen, dass in diesen Umformulierungen und Ausdehnungen der Gesetze des Minnesangs eine Unbefriedigtheit zahlreicher Dichter zu finden ist. Ihnen sei es ein Bedürfnis gewesen, das strenge Regelwerk an manchen Stellen aufzubrechen[11] und Überraschungseffekte einzubauen[12]. Als Paradebeispiel dafür können laut de Boor Steinmars Tageliedparodien gelten, welche als dritter Entwicklungsschritt interpretiert werden könnten, wenn man davon ausgeht, dass das Tagelied als Gegensang zu verstehen ist und somit den zweiten Schritt darstellen kann.[13] De Boor differenziert zwischen zwei Kulturkreisen, Hof und Dorf, mit jeweils unterschiedlichem Liedgut. Eine Ausnahme bildete Neidhart von Reuenthal, dessen „dörperliche Dichtung“ an zahlreichen Höfen bekannt und akzeptiert war.[14] Dieses Nebeneinander von dörflicher und höfischer Dichtung wird durch die vielen Liedersammlungen bewiesen, in denen das „Vortragsrepertoire von Wandersängern“ genauso zu finden ist, wie klassischer Minnesang, so de Boor.[15]

Erwin Rotermund – 1964

In der Einleitung zu seinem Werk „Gegensänge“ beschäftigt sich Rotermund ausgiebig mit dem Begriff der Parodie. Diese sei erstmalig, wenn auch nur fragmentiert, im Minnesang des zwölften Jahrhunderts zu finden ist.[16] Als einen der ersten Vertreter nennt de Boer Friedrich von Hausen, der, ähnlich wie Geltar in seiner Dorfdichtung, klassische Elemente diametral verschob. Nur sind es bei von Hausen die klassischen Eigenschaften von Dame und Ritter, die vertauscht werden.[17] Rotermund beruft sich außerdem auf die angebliche Fehde zwischen Walther und Reinmar. Die daraus entstandenen Gesänge, sollte es denn eine Fehde gegeben haben, dienen ihm als Exempel für eine Parodie der Form oder der Struktur.[18] Bei Geltar findet Rotermund eine Motivparodie zur Fernliebe, welche den Gegensatz von traditioneller Liebesauffassung auf der einen und Verlangen und Erfüllung auf der anderen Seite karikiert.[19] Weiter schreibt er, dass die Methodik dieser Parodien darin liege, Thematiken und Formen einzufügen, „die der hohen Stillage der Minnelyrik nicht gemäß“ seien.[20] Wie bei de Boor finden sich bei Rotermund als weitere Beispiele das Tagelied und Neidharts Verkehrung der bäuerlichen und ritterlichen Welt.[21] Rotermund definiert Neidharts Intention aber genauer. Er sieht in der von ihm als solche interpretierten Parodie „die gemäße Kunstform für die Darstellung der konfliktvollen Situation Neidharts zwischen alten und neuen Ordnungen“.[22]

Joachim Bumke – 1967

In „Die romanisch-deutschen Literaturbeziehungen im Mittelalter“ geht Bumke auf mehrere Gegenentwürfe zum klassischen Minnesang ein. Besonderen Bezug nimmt er dabei auf die Einwirkung der romanischen auf die deutschen Formen, welche einen wesentlichen Anteil an der Entstehung des deutschen Minnesangs und somit auch an der Entstehung eines Gegensangs gehabt haben müssen. Laut Bumke wird eben dieser Einfluss ab etwa 1170 maßgeblich.[23] Wichtigster „Vermittler“ und gleichzeitig Vertreter einer Bewegung, die sich in ihren Liedern kritisch mit höfischen Werten auseinandersetzt, war laut Bumke Friedrich von Hausen.[24] Insgesamt sei aber die deutsche Dichtung viel stärker moralisierend und idealisierend gewesen als die Romanische.[25] Bumke formuliert es als „mehr dem Typischen zugewandt … als dem Individuellen“.[26] Außerdem könne man kein deutsches Lied als wirkliche Übersetzung eines romanischen Liedes kennzeichnen, so Bumke.[27] Beispiele für einen Gegensang bzw. für die Ablehnung und Durchleuchtung gewisser höfischer Werte, zum Beispiel den unbelohnten Minnedienst, finde man, wie bereits oben und bei Rotermund erwähnt, bei Hausen.[28] Als anderes Beispiel für einen Gegensang vermerkt Bumke eine bekannte Passage eines Waltherliedes, in welcher Walther die Abhängigkeit der Frau vom Sänger herausstellt. Walther habe damit „den theoretisch-abstrakten Charakter des Minnesangs enthüllt“, so Bumke.[29] Überhaupt stellt Walther laut Bumke einen Scheitelpunkt dar, nach welchem sich der Minnesang zum einen in eine zwar stark variierende, aber trotzdem konventionelle Richtung und zum anderen in den „Gegensang Neidharts von Reuental und seiner Nachfolger“ entwickelt hat.[30] Als Arten eines Gegensangs ließen sich bei Bumke aber auch Hausens Kreuzlied, Walthers Dialoge bzw. Streitgespräche und seine Mädchenlieder, ebenso das in den vorangegangenen Kapiteln bereits häufig erwähnte Tagelied interpretieren. Er ordnet sie zwar nicht direkt der Gattung Gegensang zu, stellt aber ihre Andersartigkeit heraus.[31]

Hugo Kuhn – 1967

In „Minnesangs Wende“ finden wir gleich zu Beginn zusammengefasst wieder, was uns in Teilen bereits Bumke und de Boor beschrieben haben. Nämlich erstens, dass die klassischen Vorbilder, also die Romanischen, ab 1170 maßgeblich waren.[32] Zweitens, dass die „ dörperliche “ Dichtung Neidharts „eine neue Gruppe“ darstellte.[33] Und drittens, dass Individualität eben nie eine Stärke der Minnesangs gewesen ist, dafür aber Typisierung, so Kuhn.[34] Neu hingegen ist seine These, dass eine genaue Einteilung des Minnesangs nach Gattungen und Arten in der Literaturgeschichte bis dato versäumt wurde.[35] Kuhn ist der Ansicht, dass man „den späthöfischen Schematismus selbst als literaturgeschichtliches Problem neu“ angehen muss[36]. Desweiteren erklärt Kuhn, dass um 1220 viele Dichter den „persönlichen, ästhetisch-ethischen“ Aspekt der Minne hinter sich ließen und nun versuchten, dem Ganzen „etwas geheimnisvoll Athmosphärisch-Objektives zu geben“, was ein weiterer Schlüssel zur Erklärung der Entstehung von jeglichem Gegensang sein kann[37]. Mit dem Beginn des 13. Jahrhunderts stellt sich eine objektivere Weltsicht ein, bedingt durch Veränderungen im „geistigen, historischen, sozialen“ Leben, so Kuhn.[38] So wie die Prinzipien der höfischen Gesellschaft die Grundlagen für den klassischen Minnesang bildeten, so erzwingt der daraus resultierende Konflikt zwischen Leidenschaft und Konvention eine objektive Auseinandersetzung mit dem Minnedienst.[39] Laut Kuhn resultiert daraus eine „innere dialektische Krise des Minnesangs“, welche ebenfalls als Entstehungsgrund für Gegensang ab dem 13. Jahrhundert gelten könnte. Kuhn erklärt diese Krise außerdem damit, dass die „hochgesteigerte Kunstethik die (fiktive) gesellschaftliche Werbung um Liebeslohn moralisch aufhebt“.[40] Darauf folgte dann, wie bereits durch Bumke umschrieben, der Scheitelpunkt nach Walther. Kuhn fügt dem jedoch noch die „Rettung des Minnesangs“ durch Walther an, welche dieser durch den bereits erwähnten neuen Objektivismus erreicht.[41] Ansonsten wäre der Minnesang also am Zwiespalt zwischen Realität und Fiktion zerbrochen? Minnesang kann laut Kuhn ab diesem Zeitpunkt schlicht als „Freude-Spiel der neuen Gesellschaft“ gelten, was wiederum der perfekte Nährboden für Gegensänge jeglicher Art gewesen sein konnte.[42] So interpretiert Kuhn Neidharts Minnesang als ein „Gegenspiel alter und neuer Minne in Grotesksituationen“.[43]

[...]


[1] Vgl. de Boor: Die deutsche Literatur im späten Mittelalter, S.345

[2] Ebd., S.345

[3] Ebd., S.346

[4] Ebd., S.346-347 [S. 346f.]

[5] Ebd., S.347

[6] Ebd., S.347

[7] Ebd., S.346

[8] Ebd., S.350

[9] Ebd., S.354

[10] Ebd., S352

[11] Ebd., S.349

[12] Ebd., S.354

[13] Ebd., S.339

[14] Ebd., S.349

[15] Ebd., S.351

[16] Vgl. Rotermund: „Gegensänge – Lyrische Parodien“, S.13-14

[17] Ebd., S.14

[18] Ebd., S.14

[19] Ebd., S.14-15

[20] Ebd., S.15

[21] Ebd., S.15

[22] Ebd., S.15

[23] Vgl. Bumke: „Die romanisch-deutschen Literaturbeziehungen im Mittelalter“, S.42

[24] Ebd., S.20 und S.42

[25] Ebd., S.20

[26] Ebd., S.20

[27] Ebd., S.44-45

[28] Ebd., S.45

[29] Ebd., S.45

[30] Ebd., S.45

[31] Ebd., S.46-47

[32] Vgl. Kuhn: „Minnesangs Wende“, S.2

[33] Ebd., S.2

[34] Ebd., S.2

[35] Ebd., S.2

[36] Ebd., S.2

[37] Ebd., S.41

[38] Ebd., S.153

[39] Ebd., S.154

[40] Ebd., S.155

[41] Ebd., S.155

[42] Ebd., S.194-195

[43] Ebd., S.194

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Variationen des "Contre-texte" bei Trobadors und Minnesängern. Gegensangsforschung von 1962-1996
Hochschule
Universität zu Köln
Note
2.0
Autor
Jahr
2011
Seiten
22
Katalognummer
V379190
ISBN (eBook)
9783668579347
ISBN (Buch)
9783668579354
Dateigröße
587 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Minnesang, Vogelweide, Gegensang, Minnesangsforschung
Arbeit zitieren
Jens Stuhlemer (Autor), 2011, Variationen des "Contre-texte" bei Trobadors und Minnesängern. Gegensangsforschung von 1962-1996, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/379190

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