Graffitiverbot & Writin'. Im Anschluss an Baudrillards "KOOL KILLER"


Fachbuch, 2013
199 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Abstract

2. Frontscheinwerfer

3. - graffiti unexplained -
3.1. Säulenzwischenräume
3.2. Schrägschatten

4. Zeichentheorie
4.1. Konkretes Konzept
4.2. Elementarleere

5. Eine kurze Geschichte des Graffiti
5.1. Antediluvisch, gymnasial, vulkanologisch
5.1.1. Die Wiegen des Lebens
5.1.2. Mediterraneum - „Sono Pazzi Questi Romani“
5.2. Verehrt & angespien
5.2.1. Die Reise nach Jerusalem
5.2.2. Guelfen & Ghibellinen
5.2.3. Rotwelsch als Gaunerzinken
5.3. Vom Anarchismus in die Bronx
5.3.1. Parole Pionier!
5.3.2. Kruppstahlpleitegeier
5.3.3. Flower Power Endzeit
5.3.4. „If you can make it here, you can make it anywhere“
5.3.4.1. Tower 1
5.3.4.2. Tower 2
5.3.4.3. Equilibrium

6. Another brick in the Wall, Part II
6.1. The Medium is the message
6.2. Maltechnologie
6.3. Alte Schule, neue Schule
6.3.1. Goldrausch…
6.3.2. …Banditentum & Bankiers
6.4. Res publica
6.4.1. Stadt, Wand, Drip
6.4.2. Privatisierte Wüste
6.4.2.1. Unter der Käseglocke
6.4.2.2. Skylla & Charybdis a.k.a. (E)S-Killa vs. Kar-üb-Diss

7. Straßenglobalisierungsgeschichte
7.1. Mit 80 Dosen um die Welt
7.1.1. Gen Osten, Genossen
7.1.1.1. 1000 & eine Nacht
7.1.1.2. Konstruiertes Russland?
7.1.1.3. Die Sonne geht auf
7.1.2. Up In Down Under
7.1.3. Das favela brennt…
7.1.4. Apartheid war gestern
7.1.5. Der Raub der Europa
7.1.5.1. Klee & Kobold, in Baskenmütze - neutral auf Eis gepackt
7.1.5.2. Home Sweet Home
7.2. Sightseeing : Schnappschüsse
7.2.1. „Antifaschistischer Schutzwall“
7.2.1.1. New Jericho
7.2.1.2. Die Späher Rahabs
7.2.2. Israelistine
7.2.3. Highlights über Highlights
7.2.4. The Home of Mickey Mouse

8. Täuschend echte Modelle & simulierter Wahn
8.1. Normsimulacra
8.1.1. Drakonisch für Anfänger
8.1.2. Politik des Ameisenhügels
8.1.3. Gefahr im Fair-Zug?
8.2. Die „Philosophie“ des Graffiti
8.2.1. <Hier zerbrochenes Fenster einfügen>
8.2.2. Ghetto gegen Efeu
8.3. Corporate America
8.3.1. Videoarkologien
8.3.2. PIXEL PHILe SPACE INVADER
8.3.3. Nikes an der Telefonleitung
8.3.4. Oops, the thirrrrd railll *brrzzz* KFC

9. Die Rote, die bittere Pille
9.1. SOKO Artenschutz
9.1.1. Katz & Maus
9.1.2. Spanish Train
9.1.3. Sektion der Frösche
9.2. Der „Trainman“
9.2.1. French Freedom Fries
9.2.2. Kritik der Alten Schule
9.2.3. Zig-Zag Z

10. Bibliographie

11. Bildnachweis

Abstract

Die vorliegende Arbeit möchte ausgehend von Jean Baudrillards Essaysammlung „KOOL KILLER oder der Aufstand der Zeichen“, vor allem am gleichnamigen Kerntext ansetzend, die Geschichte der Graffitibewegung nach- und vorzeichnen. Schon hier findet eine holografische Verschachtelung statt. Diese Kunstrichtung ist längst schon international, ja global in ihrer rezentesten Form geworden und kann sich mit Recht als Teil der größten Kunst- & Jugendbewegung auch noch der Gegenwart betrachten. Dabei wird zunächst abgegrenzt, was diese jüngste Spielart von früheren Vorläufern trennt und auch wie sie gegenüber parallelen (Unter-)Arten aufgestellt ist, zu denen es allerdings auch breite Überschneidungsflächen und Schnittmengen gibt.

Das Phänomen selber wird dabei anhand von mindestens drei Dimensionen untersucht, welchem dann auch schon der Sprung in den nicht-euklidischen, multidimensionalen Raum gelingen könnte. Die klassischen Achsen, die man vielleicht auch als X, Y & Z benennen mag, lassen sich zum Beispiel entlang der Geraden Legalität - Kriminalität, Kunst oder Chaos/Vandalismus, schließlich Avantgarde bis Kommerz, insbesondere als Werbung abbilden. Wo möglich lassen sich auch hier wieder Typen bzw. Szenarien extrapolieren, wobei man sich spontan zum Beispiel schwer tut, den gesetzestreuen Randalierer anzudenken, so ein Feld müsste dann leerbleiben.

Im Hintergrund des „Schriftzuges“ befindet sich die Szenerie, die die restlichen Dimensionen andeutet und deren Anzahl wie im physikalischen Weltbild als umstritten gelten muss. Im Einzelnen sind das sicherlich die gesamte stadtsoziologische Problematik, die auch sonst gerne als nicht näher definierter Rest angesehen wird, der aber auch leider nicht weiter reduzierbar scheint. Von der Gentrifizierung beginnend, landet man hier schnell auch in der noch weiter gefassten Ghettomentalität wie ihrer ganz realen Ausprägung. Dabei kann man in erster Linie Armut als eigene Ebene abtragen. Daran anschließend die immer wieder aufbrechende Diskussion um Migration, Parallelgesellschaften, Ethnien und Minoritäten, denen man eben wie dem Rassismus im eigentlichen Sinne eine unbekannte und leider zu große Menge an „Angriffsflächen“ zuteilen muss. Nicht zu vergessen ist dabei auch die genauso in diesem Kontext besonders relevante Gender-Debatte.

Quer dazu verläuft längs durch die gesamte These ein weitere schwierige Balance, die es zu finden und zu halten gilt: die zwischen „langue“ und „parole“. Das meint zum einen, dass es nötig ist, dem wissenschaftlichen Anspruch vollends gerecht zu werden, dabei aber nicht zu vernachlässigen, dass erstere selbst wieder nur die Hypostasierung und sozusagen inkrementale Anlagerung, dann Ablagerung der letzteren ist. Ein ungewöhnlicher Ausdruck kann demnach auch einfach Ausdruck des Generationenkonflikts sein, der sich im Archiv auch weit bis ins Untote ziehen kann. So sind es die Phantasmen der Wände, die sich den Gespenstern der Vergangenheit belligoros entgegenstemmen. Andererseits ist auch das eine Mauer, die den Logos vom „Rest“ absondern soll. Dieser wiederum, als der weitaus größte Teil, entpuppt dann aber letztlich nur den „Logos“ als den eigentlichen Rest, der sich um jeden Preis am „Leben“ erhalten und verteidigen will. Ein falsch verstandener Auserwähltheitsglaube, ein Auserwähltsein oder sich wähnen kann aber sehr gefährlich sein - gut wäre allemal ein Begreifen des fundamentalen und nicht weiter reduzierbaren Andersseins. Eine Alternative zum Bau immer höherer Hürden bietet anscheinend im Umkehrschluss nur eine ebensowenig wünschenswerte kommunitäre Zersplitterung oder Zerfaserung, wenigstens wo eine Integrativkraft als Ganzes nicht mehr gewahrt bleibt. Wie in einem Computerspiel wäre das die Einführung und Aufrechterhaltung eines Numerus Clausus, der die Schlagkraft der Truppe gewährleisten soll. Die Gefahr, der man dabei droht aufzulaufen, ist die zunehmende Inflexibilisierung bis hin zum Zusammenbruch oder gar dem Aussterben, immer dann, wenn man - ganz fälschlich sozialdarwinistisch überspitzt - der Neuerung im künstlich und technokratisch geschaffenen Selektionsdruck keinen Raum mehr lässt. Die Geschichte des Graffiti ist auch eine Geschichte von Fügung und Pfadabhängigkeit, die so alt ist wie die Menschheit.

Dem entspricht, dass die Abhandlung neben der Erfüllung der strengen Maßstäbe der Forschung und Lehre stets auch den Blick des Eingeweihten, des Initiierten der Szene im Auge behalten muss, um auch vor dessem kritischen Anspruch und prüfenden Blicks bestehen zu können hat. Das würde in der Sprache der Beteiligten heißen, die gefundenen oder auch nur spekulierten Ergebnisse dürfen ihm oder sogar ihr nicht als „pseudo“ gelten, was sich gerade auch in Formulierungen niederschlägt, die authentisch den Gehalt des Weltbildes widerspiegeln sollen, aber auch dem Außenstehenden verständlich zu sein haben - ein weiterer Anspruch, auf den man sich vielleicht erst einmal einlassen muss und der sich womöglich erst peu à peu, Stück für Stück im Laufe des Lesens zu einem Puzzle zusammenfügt. Im Idealfall bleiben dann zwar keine Fragen mehr offen, aber wie jede Untersuchung, muss sich auch diese beschränken, dem Gegenstand Grenzen und einen engen Fokus setzen - dessen Absenz lediglich zu Verwaschenheit führen würde. Wo das nicht ausnahmslos gelungen ist, möge das aus den genannten Gründen entschuldigt werden. Derart ist es nie einfach das Vorwissen des jeweiligen Rezipienten zu erraten und eine weitere wackelige Balance zwischen der sturen Repetition der bekannten Banalitäten & Pauschalitäten, sowie der angestrebten ergiebigen Weiterskizzierung des aktuellen Standes der Sachlage stellt sich ein.

Ob man diesem Gewinn an Klarheit, Erkenntnis und womöglich gar Invention gerecht werden kann, hat seit dem Tod des Autors sowieso dieser nicht mehr, sondern der Leser zu entscheiden, derer viele sich vielleicht ganz verschiedene Urteile bilden möchten. Auch das wäre gewollt postmodern und an Stellen eventuell ein wenig dem Indeterministischen oder gar Polyvalenten verhaftet. Was sich interpretierbar anhört, kann dann einfach auch Versuch sein, einer komplexen Seinsweise zuzusprechen - und selbst diese kann man mit Hamlet schon in Frage stellen.

Dabei ist die Arbeit zunächst selbst wie ein dann fertiges Bild aufgebaut, die sich „Layer“ für „Layer“ überlagert und was zunächst noch wie abstrakte Grundlinie erscheint, soll Zug um Zug an Gestalt annehmen. Im folgenden Kapitel werden daher zunächst die Themenkomplexe wie im Rahmen einer Presseschau kursorisch und abrissartig tangiert, deren genauere und soweit es möglich war erschöpfende Erläuterung dann Punkt für Punkt den kommenden Kapiteln überlassen ist. Im Stile und methodisch orientiert sich die Arbeit dabei immer mal wieder nahe am zuweilen auch essayistischen Schreibduktus Baudrillards selber, insofern es ihr überhaupt gelingen kann, den Ideenreichtum dieses verkannten Genies zu imitieren, der zeit seines Lebens trotz aller Anerkennung und Beliebtheit andauernd auch mit der Rolle des Außenseiters und dem Vorwurf der Unseriosität zu ringen hat.

Wenn die Rechnung aufgegangen ist, so haben die weiterführenden neben den restaurierten und gründlich überarbeiteten, sozusagen nachdigitalisierten Gleis- und Tunnelabschnitte dort in seinem Geiste weitersimuliert, wo er das theoretische Konstrukt an unzähligen Fällen und Exempeln angewandt vormodelliert hat. Auch der Form nach lehnen sich diese Zeichen gerne an Stellen gegen die große oder unterstrichene Scripthaftigkeit des Originals, wollen selbst zur konfusen und kunterbunten Schreibübung an der „Hall of Fame“ werden. Aus all diesen Gründen gebührt auch das Informelle dem IT, prozessuale Offenheit. Durchgehend soll dabei speziell einer Kritik das Wort überlassen werden, die zwar mitunter bemüht ist, dem Thema die bewusst verweigerte Anerkennung in der Gesellschaft, der Legitimität oder dem Establishment zu Gute kommen zu lassen, solange sie nicht mit fiskalischem Nutzen aufaddiert werden kann, exakt daran anknüpfend aber auch nicht einseitig blind gegen die Verfehlungen und Entartungen einer sehr breit angelegten Subkultur sein will. Dabei ist nicht nur Baudrillard schwer präzise fachlich einzuordnen und eher interdisziplinär aufgestellt, sondern auch die vorliegenden Seiten, die nicht nur gegen den Strom der seelenlosen und mathematischen Empirie schwimmend ankämpfen, die Einzelfälle und Singularitäten aus Kapazitätsmangel und ruckelnder Rechenleistung übergehen muss - darüber hinaus auch belegen wollen, dass Graffiti ein politisches Thema ist. Dem Zeitalter gemäß, bietet sich dazu auch ein netzwerkartiger strukturaler Aufbau an.

Der Bauplan dieser Zeilen möchte dabei den Sachzwängen des Phänomens folgend selbst eine Art architektonisches Konzept der Postmoderne sein, ohne zu bestreiten, dass man diese gleichnamigen Epochen nicht so ohne weiteres völlig gleichsetzen kann, in dem eklektizistisch und synkretistisch verspielt zitierend mit Elementen aus allen Zeiten gearbeitet wird, die sich mehr oder minder gelungen zu einem Ensemble vereinen. Dabei kann schon einmal eine total dysfunktionale Wand entstehen, ein Fenster, welches wie im echten Hinterhof auf eine graue Mauer weist (auf der sich im besten Falle ein schönes Meisterwerk platzieren ließe), oder eine Treppe, mit unterschiedlich hohen Stufen, die vielleicht sogar gefühlt nach unten weist oder ins Nichts führt. Was für die einen progressiv sein mag, mag andere zum Schmunzeln anregen, dritte halten es unter Umständen für einen sehr teuren Schrotthaufen, wieder andere bewundern es sicherlich als gewagt. Dabei darf man schon eimal poetisch werden oder man kann ein solches Werk auch einfach verbrennen - auch das kein Novum im echten wie im hyperrealen Ghetto auch Baudrillards und wahrscheinlich wäre auch das eine gebührende Würdigung. Ein großes Ziel wäre erreicht, wenn es möglich war, wenigstens ein bisschen Verständnis einzuwerben, Positionen zu vermitteln, die eigentlich als unvermittelbar gelten, einen Ansatz von Balance zu schaffen, wo gar keine möglich scheint. Wo die Fronten schon seit Unzeiten, ja seit Urzeiten verhärtet sind. Aber über Geschmack kann man ganz französisch bekanntlich letztlich schwerlich, dann aber auch wieder gütlich bis trefflich streiten. Analog wechselt nicht nur die Perspektive mehrmals, es ist auch ein Haus in dem jeder noch Platz finden kann.

Frontscheinwerfer

Man kann nur mit zwei Händen Wasser aus dem Meer schöpfen. Beim Graffiti braucht man sogar nur eine. Salziges, tränenreiches Nass. Das liegt zum Beispiel an dem CS-Spray. Es ist auch ein trauriges, ein tragisches Thema. Mit dem Graffiti ist es so, wie in dem einen Film („Quality of Life“1 ), mit der Kunstausstellung, die wegen einer Schlägerei ins Chaos ausartet und das eben erst fertiggestellte Mandala des Gastgebers schon am Eröffnungsabend zerstört. Die Party ist das Sandmandalam. Er wischt es dann am nächsten Tag gleich nach „Fertigstellung“ weg, als sich der mehr oder weniger verantwortliche Kumpel entschuldigt und meint nur, das passe schon, es müsse eben dem Meer (river, flow) zurückgegeben werden... das sei eben so Tradition. Noch hält aber der Schluck Wasser, bis er bis zur letzten Seite wieder zwischen den farbigen Fingern - die gar nicht so sparsam sprühen können - zerronnen ist. Oder eben Sand.

Andererseits, eigentlich ist es schon eine Gerinnung, eine agglutinierende Eternalisierung der Farben, die dem Prinzip des Verrinnenden (obwohl es diese Verläufe im Idealfall gar nicht geben soll, außer man verwendet sie als Stilmittel) gar so zuwider läuft, aber das ist riskierbar im Stadtblut, die Momentaufnahme, das Schlaglichtartige, ja - sprichwörtlicher als Bildunterschrift und buchstäblicher, Buchstabe für Buchstabe, geht es nicht - skizzenhafte dieser ersten Skizze dabei bleibt. Denn die Farbpartikel rieseln wie die Sandkörnchen beständig durch die Uhr.

Das sieht man schon an der Geschichte, ja an der Initialzündung von Historie per se. Graffiti - vor rund 30.000 Jahren war das noch Höhlenmalerei. Freilich war das noch nicht so brillant damals - technisch gesehen - aber doch schon etwas HipHop-RapGangstah (selbst heute noch permutiert man Endungen wie die „Neandertaler“, eine direkte Verbindung ziehen der WU- TANG CLAN in „Gravel Pit“) und es war vor allem „indoor“: wegen der Witterung. Der

Impermanenz der Farben. Ja ihrer Vergänglichkeit. Oder aber: man hat es auch draußen „getaggt“, noch simpel wie nur den Namen, aber man weiß nichts mehr davon, das beläuft sich aufs Gleiche und ist Spekulation. Graphitmalerei? In Wahrheit natürlich Holzkohle und auch schon mit Blasrohren „Gesprühtes“, unsere Vorfahren auch schon „high“ - als Teil der Farbmischung auf Mangan. Emulsives auf Sandstein? Steinkeilerei.

Wie auch immer, man kann das dann verfolgen über die Pyramiden und Alexander, nach Rom, durch die Kreuzzüge, Wallfahrer, Pilger, Karzer, Gefängnisse, Toiletten, mexikanische Murals, Drittes Reich, Kommunarden der 68er, Punkparolen2, HipHop-Bewegung und so weiter. Dabei muss der Begriff verfolgt werden, wie er sich gewandelt hat beziehungsweise was er bezeichnet, eben: Höhlenmalerei, „Wandschmierereien“ wie Sprüche, Gekratztes & Geritztes, Gemeißeltes seit Fred Feuerstein und Barney Geröllheimer, Fresken italienischer Meister, Vulkanisiertes, mit dem Marker und schließlich mit dem „König Aerosol“ Hinterlassenes. Immer nur temporär, manchmal auch für länger. Geätztes.

Eine Presseschau muss eingeflochten werden. Zwei von DMA (Da Midnight Adventure), einer der Writer-Crews Deutschlands, hat hier in München der Zug erwischt, Ungefährt als die Twin Towers kollabierten. Zufall? Kaum, denn die beiden waren das Welthandelszentrum, was die Tragödie nur umso größer macht. 03.08.20013, sie haben das Ereignis antizipiert, wer die bösen Omen zu deuten gewusst hätte… Ewige Synchronizität. Es ist jedenfalls eine merkwürdige Koinzidenz, waren sie doch selbst so etwas wie ein international orientierter „market“ im Kleinen. Und dann gleich zwei auf einmal? Der Zug, der Attentäter. Dieselben perversen maschinellen & geistlosen Fatalitäten. Atta war eine S-Bahn, der Lokführer hat damit - wie der Pilot - gar nichts zu tun. Und was treibt die Leute nachts auf die Gleise, außer diese kalte Technik und sinnentleerte Maschinenwelt? Auch sind es keine abstrakten Täter aus der Zeitung, die schon irgendwie selbst schuld sind (es ihnen gar recht geschieht?), sondern Nahestehende, Kinder, Schwestern/Brüder, Bekannte, Freunde. Fast alle Profis kennen jemanden, den der Zug erfasst hat. Ein besonderer Totenkult schon fast bei manchen. Man ist sozusagen selbst durchs Überleben geadelt. Auch das die Dunkelziffer einer Welt, über die wir die Kontrolle verloren haben. Oder noch wahrscheinlicher: die wir nie wirklich besaßen. Die Symbolik davon ist klar, die totale Auslieferung an die Technologie, die Erziehung unsererseits zu Maschinensklaven und ohne weiter beileidslos ausschlachten zu wollen, was das Gerät hergibt, ist es verwunderlich, dass nicht mehr schon morgens aus dem eisigkalten Todesgriff des Staates entrinnen. Oder wie man gemeinhin sagt: wen Gott liebt, den nimmt er früh zu sich. Was bleibt ist das Trauma für die Hinterbliebenen. Eine Schweigeminute ist angebracht. Auf der Gegenseite, dem sogenannten „System“, da wo man für Fahrlässigkeit und Schäden unangenehme Fragen beantworten soll, Rechenschaft ablegen müsste, wie so etwas überhaupt passieren kann, heißt es: kein Kommentar. Aber der „Big Apple“, wie New York sich gerne touristisch anpreist und zu Markte trägt - eine unwiderstehliche Versuchung, für andere eine Verseuchung - hat wesentlich mehr zu bieten als nur Hochhäuser, Skyscraper des Geistes, der „Kunst“. In gar nicht mal so kleinimperialdeutsch„frühsozialer“ Coleurlösung: Nationalhelden gibt es noch und das Farbschema der einen, kann dort etwas ganz anderes bedeuten.

Graffiti ist aber auch andernorts. Der durch eine Dokumentation bekannt gewordene JISOE wurde in Melbourne von seiner Frau verlassen, kurz nach der Hausdurchsuchung4 und dem juristischen Alptraum, das legt Anteilnahme nahe. Vor allem weil er mit German Caps sprayt, deren großspuriger Minutiösität wir im „Technikteil“ wiederbegegnen werden. Die Alte Leier, Kanonen gegen Spatzen. Oder doch gefährliche Kriminelle? Und das, obwohl man die Szene dort eigentlich sehr schätzt. Es hätte ihn übler treffen können: im nahen Neuseeland wurde ein Jugendlicher von einem Hausbesitzer erstochen - man hielt ihn für einen Einbrecher - daher wohl auch das bunte Bild auf der Wand…

Der Begriff Graffiti muss definiert werden, in seiner geschichtlichen Bedeutungsverschiebung eingebettet. Der Buchstabe, als wesentlichster Träger, dann mit zunehmender Abstraktion schon wieder nicht mehr, ist zu analysieren. Die Funktion des Zeichens als ihr Aufstand. Wie im Titel von Baudrillards Essay. Graffiti als Kunst, was ist das? Der Protagonist aus „Whole Train“, eine Münchner Produktion, für die man trotzdem schon ins Forum der Technik muss - so wie für Camus Der Fremde in die „Lupe 2“, wenn es sie denn noch gäbe - wie es die tragische Ironie will auf Warschauer „trains“ und in einem „yard“ dort gefilmt (was freilich ein komisches Bild der Deutschen Bahn transportiert, die sich damit gut hätte „representen“, also vermarkten können), verlässt angewidert den Raum, nachdem er auf Anraten eines SOKO-Cops seine Mappe einem Kunstprofessor vorlegen durfte. Und die Schatten hier, die Zentralperspektive wird insgesamt schön eingehalten, diese Proportionalität im Gesamtensemble… man ahnt das, wenn Besucher in Galerien ihrer Begleitperson das Erklären anfangen.5 Das ist ein erster kultureller Anhaltspunkt, der doch deutlich von den bedrohlichen Scheinwerfern zwischen den Säulen im U-Bahntunnel abweicht. Dem Transportröhrensystem korrespondiert auch das Tunneldenken - wie auf Schienensträngen geführt. Man muss aufpassen, dass man nicht die falsche Weiche stellt. Schnell hat man auch einen „Runaway Train“.

Das muss man sich so ähnlich vorstellen, wie Amidala in „Star Wars VI“, die als Senatorin aus der Zukunft der Zukunft kommt, aber nicht verhüten kann. Doch das ist nur ein Teil der Meinung, der Weg in die Ateliers und auf die Vernissagen war ja längst „erfolgreich“ vollzogen.

Baudrillard, um den geht es und um KOOL KILLER eher weniger, denn er ist jemand, der gar nicht so besonders besonders charakteristisch für die Szene war und ist. Es geht um Implosion der leeren Zeichenhülsensysteme und Sell-Out an die Ökonomie. Graffiti hat ja bereits Schule gemacht, KOOL KILLER repräsentiert keine davon. Vielleicht hat ihn Baudrillard darum ausgewählt, weil er das am Besten nicht respäsentiert, was er beschreiben will. Das Dynastische und Tribalistische, das Mythische. Das gilt aber inzwischen als überholt, zumindest im Boardroom des Graffiti, aber eigentlich auch im Mittleren Management. Nur „auf der Straße“ bleibt man noch „real“, also „oldzkool“. Eine weitere Permutation, die echte Zugehörigkeit ausweisen will. Genau das ist es, 1978 verfasst symbolisiert Baudrillard mit KOOL KILLER noch die Ganz Alte Schule. Ein Akronym fast schon wie ein Crewkürzel. Diese war in Deutschland in ihren Todeswehen mit der Klasse von ‘95, eine LP, auch damals schon auf CD. Real ist aber nicht gleich „realness“, Baudrillards‘ Hypersimulation liegt auf einer ganz anderen Ebene, das angloafroamerikanische „real“ verschließt sich für ihn als Außenstehender der Kultur. Das ist auch eine Crux (die Crux?): Graffiti in der Kunstausstellung ist auch nicht mehr „real“, also doch Hypersimulation. Er verwendet diesen Begriff in der Retrospektive einfach zu sanft. Der Mord des Realen ist eben gerade die Wiedergeburt des Realen auf der Straße und dem realen Mord dort, da wo Baudrillard „wohnt“ kommt dieses Reale aber in der Tat gar nicht mehr hin. Jedenfalls selten in dieser Form. Und doch: das Reale schwappt von Zeit zu Zeit über.6 Aber wie beschreibt man eine Implosion? Seine Arbeit soll uns dabei zunächst einmal als ein Fokus dienen, von dem wir uns dann prismatisch involvieren oder ausdehnen wie die bunten, spektralen Lichtstrahlen.

Das bringt uns zu den Akteuren. Die repräsentieren natürlich schon etwas, Maler sich selbst, Das Gesetz das Gesetz, Verbände von Geschädigten & Gegnern, von doppelt und dreifach profitierenden (Industrie), Buffer, Symphatisanten - ein weiterer Versuch der Rekombinatorik von Szeneanhängern, die sich selbst beweihräuchern - Soziologen, ja mal wieder Ethnologen. Manchmal repräsentieren sie aber mehr schlecht als Recht: der Farbkonzern greift ebenfalls ganz der Straße verpflichtet mit seiner „Productline“ bei den Sprayern ab, mit seinen Chemikalien bei den Reinigungsfirmen und mit seinen Kampagnen imagebildend bei der lokalen Gemeinde- und Aufklärungsarbeit. Die Polizei, hierzulande der BGS, prügelt sich in Berlin zum Beispiel genauso gerne mit den „Writern“ wie diese mit den „Schichtis“, wie sie manchmal liebevoll genannt werden, Securitys und wer nicht nachts noch so alles auf den Gleisen, in den Abstellanlagen und den Tunneln herumkreucht und fleucht wie das Getier und Ungeziefer, beruflich oder nicht („Bifis“, ein Berliner Audruck für Bahnbedienstete, „Vopos“, ein DDR-Vermächtnis). Das ist einfach der Einsatz des Spiels, den es zu bezahlen gilt, genauso wie das Verhängnis, das als allegorischer Vorbote des „Sensenmannes“ ständig über den Köpfen des „urbanen Abenteurers“ schwebt, auch dieser übrigens ein beliebtes Motiv einer Kultur, die sich immer wieder gerne oder leichtsinnig selbst aufs Spiel setzt. Vielleicht werden wir auch hautnah Zeuge männlicher Brunftrituale. Ja man mag fast an Jünger gemahnt sein. Wer da nicht mitmachen will oder wem das zu schwierig oder zu gefährlich ist, der soll es besser bleiben lassen.7

Anderes Beispiel: Berlin sagt den Sprayern hochoffiziell den „verschärften Kampf“ an und man muss es ab da auch wirklich urbane Kriegsführung nennen (freilich ist auch das wieder retro, weil es anderswo schon da war, namentlich NY oder LA). Hubschrauber müssen eingesetzt werden und auch ohne die Bordgeschütze und Raketen bricht hier irgendwie ein Stück weit das militärische Dispositiv in den Diskurs mit ein. Die Minigun ersetzt die Nachtsichtkamera, die Luft-Boden-Projektilbatterien der Scheinwerfer. Aus der Sicht des Verfolgten 15-jährigen ist das ähnlich wie wenn Apaches Afghanen zu Pferd jagen, es geht um die Unverhältnismäßigkeit der Bewaffnung. Prompt wird auch dann in den ersten paar Monaten verstärkter Polizeioperation ein Unbeteiligter bei einer Verfolgungsjagd überfahren, die wir uns als haarsträubend vorstellen müssen wie im Film.8 Das ist auch Baudrillard, das „reale“ Leben muss in Zukunft mehr noch als Hollywood-Strip gespielt werden. Was er dabei vergisst, ist dass Paris selber die klischeebehaftetste und kommerziellste aller Filmkulissen ist. Allein ein Beiwort, ein Kosename wie „Stadt der Liebe“ macht sie schon sehr verdächtig. Also letztlich doch nur wieder das Recht des Stärkeren, homo homini lupus, getarnt als mediengerechtes Unterhaltungsformat in Hochglanzaufmachung? Ich halte die Formatvorgaben besser ein, also habe ich auch das Sagen. Auch ein blindes Huhn findet mal ein Korn.

Schieben wir kurz den Sprayer SEEN ein, die Legende (zumindest unter den Weißen, evtl. gerade deshalb auffällig?), der 1984 wirklich (und real) das Hollywood-Schild regelrecht bebombt hat und dabei zwischenzeitlich auch abbrechen musste, weil ein Helikopter dazwischenfunkte.9

Ist diese Aktion allein schon so unglaubwürdig (warum? Weil er das Allerheiligste der Amerikanischen Kultur einfach so „beschmiert“, den „American Dream“ durch gewaltsame Aneignung zu seinem Traum macht), ist es auch exakt Orwell’sch. Und für das sonst gerne nackte System ist das natürlich ultrapeinlich, wenn da dann plötzlich SEEN draufsteht. Im Prinzip ist das aber irrelevant, heute gibt es eine Webcam die ständig auf das GIGANTISCHE ZEICHEN HOLLYWOOD draufhält, obwohl dort kaum etwas passiert außer Tag-, Nacht & Wetterwechsel die bestenfalls im Zeitraffer interessant sein könnten und der brave Konsument kennt es nur strahlendweiß aus dem Film. Das wird es da auch immer sein und das ist das einzig wichtige, das Hyperreale. Das, was wir sehen dürfen, nicht die Rotlichtseite der Filmfabrik, die all die gescheiterten Existenzen auffängt, welche nicht ganz an ihrem Traum zerbrechen, sondern immer einen Schritt vom Großen Durchbruch entfernt, als Pornostarlett exemplarisch. Wir werden diesem Verlust der Verführungskraft und Opferung an den Reiz noch öfter, gerade auch schon bei Baudrillard begegnen. Der Mythos von lauter Topregisseuren die alle kellnern, jeder mit einer ganzen Anzahl und Bandbreite von Scripts unterm Tresen ausgestattet.

Das Medium ist das Aerosol und das Vinyl und das Mic. Die Medien sind die „Turntables“ und die Marker und die „Stencil“-Schablonen. Das Medium ist das „Weed“ und die „Frau“ und der Hennessy. Die Medien sind die Walls und die Silver-Trains und die „heavens“. Kein Kind im Brunnenloch, keine Bastelschere. Und doch hält Mao den Weltrekord für das längste „Tag“, als er mit 4000 Zeichen das chinesische System kritisierte. Gebracht hat das aber, ewig rollender Sisyphos10, nicht nur nicht viel oder nichts, es hat alles sogar noch verschlimmert. Mit genozidalem „Rekord“, wie wir jetzt wissen.

Macht korrumpiert, so ist das nun mal, das bewegt sich aber ins Binsenweisheitliche des eben noch in der Kulturrevolution abgelegten Strohhuts, den die „Gruppe der Vier“ dankbar wieder aus dem Staub der Straße aufheben. Es wird Winter, man braucht wieder eine Mütze. Besser noch eine dicke, mit viel Fell. Der Öffentliche Raum wird beleuchtet. Nicht nur hier, in allerlei Ländern. Die propagandistische Funktion von Graffiti, die ist auch dort gegeben, wo der Inhalt nach Baudrillard nichts mehr besagt. Allein die Tatsache, den Öffentlichen Raum mit irgendwas zu besetzen, ob mit „Schmierereien“, mit kurzen Namens-„tags“, mit Pamphleten, mit „wheatpastings“, mit Stickern, mit Flyern, mit „masterpieces“ (im Folgenden nur: „pieces“, also komplexere Werke), mit klassischeren und schon länger bekannten „Murals“ und so fort, es wird darauf noch einzugehen sein, das ist das eigentlich Brisante. Es zeigt der „Macht“ (die angesichts der geringen quantitativen Verbreitung machtlos bisweilen erscheint), dass sie das „System“ nicht mehr unter Kontrolle hat. Wenn dann richtig, aber nur mehr episodenhaft, denn die Besetzung bleibt. Klar verändert sie sich immer, wird gelöscht („gebuffed“: eigenartigerweise bedeutet das in der Computersprache das Gegenteil, einen Vorteil, anstelle der Aufhebung eines „negativen“ Effekts, also ein „debuff“), aber nur um einer neuen Schicht Platz zu machen. An manchen Stellen ist die Farbpatina viele Zentimeter dick, gerade auf den legalen Flächen („legals“). Das ist zwar nur die eine Seite der Medaille, denn wo die legale Autorität zuschlägt, da richtig, siehe oben, ein gutes Dutzend auflauernde Exekutive im Gebüsch, mit Pausenbrot bewährt und für den Einzelnen wird es teuer. Da kann man zwar Baudrillards‘ Stammeslogik hinterfragen, denn spätestens die Aufnahme der Personalien holt einen in die „gutbürgerliche Realität“ zurück - der Teufelskreis aber schließt sich gemäß seiner strudelnden Zyklik zu einer in dieser Hemisphäre entgegen der Corioliskraft rechtsdrehenden Abwärtsspirale, denn das „enforcement“ enforciert genauso die Alternativbestrebungen. Oder aber es wäre alles noch „verschandelter“, würde man diesen Malus abziehen, das zumindest wäre das Verfolgungsargument. Ist auch dieses in so kleinen Effektdimensionen vernachlässigbar?

Nun kann man sicher auch sagen, dass hier zwar ein konkret gegebener Auftrag des Gesetzgebers vorliegt, insbesondere auch staatliches oder mindestens öffentliches Eigentum zu beschützen, in der Praxis haben wir es aber unumgänglich immer mit ganz individuellen und persönlichen Konstellationen zu tun, was wie durch die Vereinzelung im Milieu zu einer Befestigungs- & Belagerungsmentalität führen kann, indem dann die doch irgendwie wieder „eigene“ Einrichtung in einer Art Sendung oder Mission eben entsprechend zu verteidigen ist. Wozu das im Extremfall führen kann, ist auch klar. Nicht nur dort beißen sich Gleichheits- & Objektivitätsanspruch mit glücklicherweise gar nicht ganz ausschaltbaren Einzelschicksalen und Emotionen. Ob das absolut gerecht sein kann, ist aber durchaus eher fraglich. Gerade von der Gegenseite betrachtet kann hier unter Umständen sogar ein Herauslavieren begünstigt werden, welches manchmal vielleicht vernachlässigbar, andernorts schlimmer zu Buche schlagen kann. Auch dies eine schwierige Balance.

Man sieht an diesen ersten konzeptuellen Approximationen am „Flipchart“ schon - es bleibt auf der ganzen Linie ein Thema um Hoheitsansprüche und Gewalt, die leicht von Dingen gegen Menschen umschlagen kann. Wenn es nicht sogar die Sache ist, die bald schützenswerter als der Erzeuger auftreten will, auch das Baudrillard und die böswillige Herrschaftsübernahme durch die Objekte, bei vielen sich subjektiv Streitenden das lachende Dritte als doch nicht mehr so neutrales Neutrum, auf dessen Vermittlung und Medium doch jeder angewiesen ist. Das Objekt außerdem wird den Menschen gegebenfalls überleben.

Interessant sind natürlich vor allem auch - nicht ohne einigen Vorgriff - die exotischen Regime. Da gibt es eine ganze Menge „Highlights“, wenn man der reinen Negativität der Medien glauben schenken soll, die Berliner Mauer, die Schutzwälle der Israelis, quasi jeder Konflikt-, Krisen- und Revolutionsherd. Was teilweise noch aussteht, ist die Reinterpretation, überhaupt erst einmal Sondierung all dieser Duplizierung durch psychologische Kriegsführung auf der Umgebung. Urban warfare11.

Daran anschließen muss sich die ganze politische Debatte, von sogenannten Minoritäten über Emanzipation, von Armut über Rassismus, von Anderssexuellen über Fanatiker. Gleichermaßen die Aufarbeitung der Propaganda bei all dem, der Parole. Ebenso die Bestimmung der Rechtslage, die Sanktionen, die Legitimation des herrschenden Codes, die inzwischen futuristisch anmutenden Sicherheitsmaßnahmen. Analog die Kosten, die Kollateralschäden sowie die Nebeneffekte und Streutoleranzen, die zu berücksichtigenden Variablen und Störgrößen, wie sie uns die kalte Sprache des Kalküls vorbetet. Wieder, einer dialektischen Bewegung gleich, die Rechtfertigung der Täter als Avantgarde, Helden der Szene, Verfechter der Subkultur mit ihren militanten Strategien. Was bewegt die „Writer“, oder besser, was macht sie zu dem was sie sind? Welches Milieu bewohnen sie, wie sehen sie sich selbst im Underground, welcher Tradition entstammen sie, wie kam es zur vermeintlichen „Geburt“ des Phänomens wie es Baudrillard beschreibt, was hat sich seit dem verändert? Wie war es davor, gibt es eine genetische Entwicklungslinie, eine Art „Genealogie“ des Graffiti? Unterscheidet sich die liturgische Markierung des Mittelalters qualitativ vom heutigen Phänomen, sind Sprayer also moderne Ritter? Welche Beispiele untermauern diese oder jene Annahme, lässt sich das Ganze gleich einem verlorenen Äon unter gleichen Gesetzmäßigkeiten und Strukturprinzipien auf einen Nenner bringen oder handelt es sich um völlig diffuse und ganz divergente Subhandlungen? Ist gar eine biologistische Frage einer Artverwandtschaft konstruierbar?

Und schließlich: wie verträgt sich der heute sich wieder abzeichnende Personenkult mit den Thesen Baudrillards zur Anonymität der angeblich gesichtslosen Bewegung und negiert sich die „mission accomplished“ Meldung im Videospiel, der „All Borough“, „All City“, ja - „International Legend“, die einen Rang für Rang aufsteigen lässt, nicht von selbst? Im Sinne des KOOL KILLER schon, aber das konnte man zu seinen Abfassungszeiten natürlich noch nicht einmal im Traum erahnen. Diese heutigen Traumweber weben ja aktuell auf der Wand schon viel komplexer. Baudrillard verlangt ja gar nicht konsistent zu sein, sein System muss ja genau wie alle anderen mitimplodieren und hier und da an inneren Widersprüchen kollabieren. Genau das zeigt er ja auf, die Bruchlinien und Inkonsistenzen, ähnlich den Derrida’schen Differenzen, lediglich ein zeitkritisches „update“ könnte man aufspielen, das Muss einer schnelllebigen Ära, mit neuem und verbessertem „content“. Man muss nur aufpassen, dass es kein „Kaputtgepatche“ wird, kein Verschlimmbessern, wie das in der explorativen Computerbranche ja auch durchaus Usus sein kann, im immer auch noch unkartographierten „Weltall“, gerade der Zukunft.

Der kontraintuitive „spill-over“ der Graffiti in das „Yuppielager“ der Werbung ist ja kein Geheimnis mehr. Die PR veranschlagt zwar ihrerseits ganz genauso das Abschauen und Spicken nach Methodik im eigenen Lager, macht sich also bei aller lange gepflegten Feindschaft mehr noch der Rekuperation verdächtig, in Wahrheit ist der Status Quo aber freilich längst schon ein „Joint Venture“ geworden, mitsamt der wirtschaftsüblichen Preisdrückerei harter Verhandlungen in der Vorphase. Technologie- & Methoden-„Tradeoff“, Personalaustausch, mutuelle Inspiration. Von Spielen über Schuhe über das Desginnotebook und und und. Sogar Luxusmöbel, über und über handsigniert. Wahrscheinlicher ist es vom Anspruch her nur der Unterschied von „white“ und „blue collar crime“, so verschieden ist man sich dann am Ende doch gar nicht, ja, man kann sich sogar gut vertragen. Profit statt Vertagung.

Und genau da stehen wir gerade, beim Blick auf München, wo die Mühlen noch etwas langsamer malen als in den USA. Was motiviert den Sprayer, LOOMIT und all die anderen, damals beim Geltendorfer Zug? Wo steht die Szene heute, auch hier vor der Tür? Was bedeutet München für Graffiti in Deutschland, Sprühfläche für etwas Lokalpatriotismus, FanArt & kunstfertige Souvenirs, nicht zuletzt Eigendarstellung.

Dann ist noch Großraumüberführung fürs Philosophieren daneben und Überlegungen zur Rezeption und Wirkung, Umfahrungen, Untertunnelungen, Vernetzungen, Abkürzungen. Ein Wortschatz, der einer Betonphilosophie entspricht, auch einer Eisernen, eine Plattenbauphilosophie selbst im Unkonkreten. Ja, ein Thema das eigentlich wie das lebensgefährliche Viertel weitschweifig umfahren werden sollte, dieses Prädikat gar nicht verdient hat, kaum auf einer „guten“ Karte (im Sinne von ‘proper‘) verzeichnet ist. Graffiti als Mappe, als „map“ und eine Mappe, einen Stadtplan über das verschollene Graffitistadt, auf der blinkende Punkte „points of interest“ markieren. Writermetropolis.

Und warum ist Graffiti dann ausgerechnet mal wieder Terror/ismus? Daran exemplifiziert es ja Baudrillard unter anderem in diskutierter Essaysammlung gleich zu Anfang. Das wiederum hängt mit den Medien zusammen, Gegenterror zum Terror ihrer Seite und doppelter Terror als deren Antwort für den Gegenterror, für den Gegenterror selbst zum Terror geworden sein könnte, wo man sich schon wieder dem militärischen Dispositiv annähert. Damit sind wir dann auch wieder am Anfang, schütten zurück ins Meer, was noch übrig ist, aber erst einmal „Wasser“, eine zunehmend knappe „Ghetto“-Ressource und Werke schöpfen, wo im tristen Alltags-grau-in-grau sonst nicht viel dynamische und lebensfrohe Veränderung bleibt. Tropfen für Tropfe in den „Tropen“. Farbtropfen, die sich mit Regentropfen mischen. Und mit

Tränentropfen.

Wenn man ein „piece“ gemalt hat, mit dem man zufrieden ist (warum sollte man es nicht sein? Es symbolisiert, vielmehr, ist schließlich das was man ist, gerade oder ständig), hat man sich selbst sozusagen „abgespeichert“, man kann sagen: das war ich und nur ich. Man kann aber auch sagen: das war ich/bin/werde ich sein, im Sinne von: so cool war/bin/werde ich, jetzt, nachdem das dasteht. Das verschafft mir (nicht mir, aber dem fiktiven Ideal-„Writer“) einen Vorteil: ich bin so cool, das kann mir keiner mehr nehmen, auch das „Buffen“ nicht, auch die Cops nicht, die mich eventuell schon um die Ecke „busten“. Das war es wert! Mir wert.

Ihr nennt mich bei meinem bürgerlichen Namen, den ihr mir gegeben habt, den ich nicht frei gewählt habe, sondern meine Eltern, das was auf meinem Personalausweis, auf meinem Führerschein, in meinem Reisepass steht, das womit mich die (bürgerliche, amtliche und hochoffizielle) Gesellschaft in die Verantwortung ruft, gegebenenfalls auch immer wieder zurückruft, so oft ich die oft völlig willkürlichen Regeln der Gemeinschaft, des Miteinanderumgehens und Zusammenlebens vermeintlich überschreite. Wo es denn überhaupt ein Lévinas’sches in die Verantwortung Rufen und nicht nur ein Unterdrücken ist. Ich als die wandelnde Transgression (in Wahrheit seid ihr natürlich der permanente Affront, die habitualisierte Zumutung, so könnten wir Lyotard der Form nach womöglich sprechen lassen). Wichtiger aber ist, dass ich diese andere Identität führe (oder mehrere, die ich wie der Agent, der Inbegriff der Allmacht des Systems), nach Belieben wechsle, an- und ausziehe, wie mein Superhelden-Kostüm aus dem Comic (besser noch: Underground-Comic, dass mich schon a priori als initiiert und dazugehörig ausweist, als Teile eines größeren und recht geheimen oder zumindest für die ganzen robotischen Simulanten nicht ganz so leicht erreichbaren Ganzen), ich der heimliche Rächer in der Nacht an aller von mir vermuteten gesellschaftlichen Ungerechtigkeit. Vigilantismus. Und das schreibe ich all den „Normalos“, wie man es im Alt- Punk wenden könnte, da draußen an die Wand, wie der Prophet aus der Bibel, mĕnē mĕne tĕqel ûfarsîn12, werfe es ihnen Tag für Tag, täglich auf ihrem langweiligen, spießigen und konformistischen Weg in die Arbeit schon aufs Neue ins Gesicht… Das ist meine Rache, meine unbewusste Einflussnahme und Kontrolle der Gehirne unbescholtener und nichtsahnender Bürger. Wichtiger aber noch ist: ich verstecke mich hinter dieser Identität, diesen Ideal-Über-Ichen meiner Selbst, die mein altes Leben schon als das entlarven, was es nur mehr ist: Trugbild hinter anderen Trugbildern, wie alles Täuschung und bezweifelbar geworden ist, Simulacrum³. Nur mehr meine Camouflage, habe ich einen entscheidenden Vorteil: ich bin gar nicht der für den ihr mich haltet, bin ein ganz Anderer und so weiter. Insofern ich es überhaupt weiß, wer ich bin, sogar - mit Deleuze & Guattari - wie viele, das auch hier gar nicht so dezentrale Identitätsproblem.

Was ihr mir antut, juristisch, sanktionär, moralisch, das betrifft jemand anderen, den ich als mir aufgezwungene Rolle erlebe, in Wahrheit bin ich der und der, den Namen habe ich mir selbst gewählt, ganz allein, ich brauche gar niemanden, höchstens den „Fame“, der andere erstaunen lässt, auch wenn sie sich mal wieder nur aufregen. Alles andere ist Fassade. Ja, in Wirklichkeit empfinde ich mich schon als Quasi-Märtyrer auf Abruf und diene einer höheren Sache, selbst wenn es nur mein eigenes egomanisches Ideal ist.

So kann man sich einen ersten psychologischen, eher schon fast: metaphysischen, gar mystischen, ja dann bisweilen sogar mythischen Zugang zum Sprayer vorstellen. Stadtindianisch. Das ist natürlich auch genau das Prinzip des Künstlernamens, der Weihen und des Glanzes der ihn umgibt. Denn es kann da ja auch ganz herb für einen danebengegriffen worden sein, so wie wenn die beliebte Comic-Figur Bart Simpson in Moes‘ Taverne anruft: ist (schriftlich transkribiert etwa) Las Miranda Den Sevilla13 da? Auf Donkpedia findet man dann auch gleich den entsprechenden Background-Artikel über die „professionelle spanische“ Pokerspielerin, die bei den „offenen österreichischen Meisterschaften“ absahnte, ein Hoax schleppt einen anderen mit sich und vom streng Wissenschaftlichen her hilft es, die subversive Denkweise ein Stück weit aufzuschlüsseln.

Ein ähnlich kreatives Improvisieren wie im „web“ ergibt sich so mit Kommentar und unzähligen Weiterführungen viel früher schon auf der Wand. Es geht also darum sich Alternatividentitäten aufzubauen, zu phantasieren, fre i zu sp ie le n wie es dann später wieder das Rollenspiel aufgreift oder früher schon das Theater, das Kino, der Film, das Buch, die es allesamt ermöglichen, jemand anderes zu sein als man ist, der Realität zu entfliehen und Erfahrungen zu machen, die man eigentlich gar nicht machen kann oder wollen würde. Aber dann doch. Wie die Droge. Beziehungsweise sind Alltagsnamen und die damit verbundene Normalität ja gar so profan, so viel haben den gleichen. Das kann beim Graffiti selbstverständlich auch passieren, aber kaum im gleichen Viertel; wenn dann beruft man sich auf eine ehrwürdige Tradition, dynastisch, wie Baudrillard anmerkt. Alles andere wäre eine Verletzung der nichtsdestotrotz immer vorhandenen und oft sehr strengen informellen Regeln, also die etablierte Hierarchie, der Gruppenzwang, die Definitionsmacht Meinungsführer, also „was geht“, was „gar nicht geht“ und dergleichen. Ein Gericht für Copyrightfragen gibt es hier ja zwar nicht, wenn dann „outet“ man sich eben als Pseudo, Nachmacher, „biter“, also auch ein großes No-Go, wenn man in der Szene Anerkennung finden will. De facto ist natürlich auch da schon wieder alles vergriffen und zigfach belegt - „cooler“ klingt es allemal. Bart „grafft“ übrigens auch unter dem nachgeradezu unauffälligen Pseudonym EL BARTO, „gebufft“ werden seine „mischiefs“ dann immer beim Korrektionalschreiben an der Tafel, im Sinne eines operanten (De-)Konditionierens: Ich werde nie wieder dies-und-das tun. Ich werde nie wieder dies-und-das tun. Ich werde nie wieder dies-und-das tun. Und so weiter. Das ist ja eigentlich schon wieder reflexive Selbsteinholung, gleichsam Überrundung fast. Und ironischerweise funktioniert der Gegenzauber auch nur über die Schrift. Ähnlich wie die britische Koryphäe BANKSY, der dann wiederum auf seiner Website die immer anderen „opening credits“ persifliert und „The Story behind the Story“ aufzeigt, wie „in Wirklichkeit“ billige chinesische Arbeitskräfte eigentlich den Comicstrip zeichnen, Simpsons- Shirts in ätzenden Chemikalien baden und Plüschpuppen mithilfe einer Kleintierverarbeitungsmaschine befüllen.14

Im übrigen soll diese Arbeit einer clausula salvatoria, einem „Disclaimer“ gleich, nicht zu Straftaten aufrufen oder motivieren, der Autor weist jedwede Anstiftung strafrechtlich verfolgbarer Handlungen von sich und beruft sich auf das reine und praktische Forschungsinteresse, wie es im Artikel 5 des GG dem Sinne nach festgehalten ist. Denn auch die Befassung mit solcherlei Themen kann schon zu unbehangenem Unbehagen führen, wie nicht zuletzt die änderungslose Ablehnung dieser These und selbst ein eingelegtes Rechtsmittel bewies. Am Ende soll die Argumentation aber wissenschaftlich überzeugen und nicht erklagt, also erzwungen sein. Wichtig ist das gerade in Hinblick auf die USA, wo man Haushaltsgeräte genau in ihrer Funktion gegen Missbrauch im Handbuch absichern muss, aber auch im Angesicht einer Medienlandschaft, die zu laienhafter Nachahmung schlimmstenfalls tödlicher Stunts animieren kann. Auch das wäre ja dann Verführung.

- graffiti unexplained -

„Just writin‘ my name“, so hieß es damals um 1993 herum auf dem „Alte Schule“-Sampler. D‘Amico15 stellt mehr als das in Rechnung. Wenn es eine „illegitime Regierung“ gibt (sein Beispiel: Stop-Schilder in Irak aus denen „Stop War“ wird), so ist es das wohl gesellschaftsvertragstheoretisch herleitbare Recht des Einzelnen, das durch

„Diebstahl“ entzogene Eigentum, welches zudem noch in einer doppelten Ausbeutung mit Steuergeldern gereinigt wird, wiederanzueignen. In eine ähnliche Kerbe schlägt ja auch der Anarchismus. Rechnerisch kann man sich das so vorstellen (gar im Falle einer legitimen Regierung, wie auch immer das näher definiert sein mag?): bei x Quadratmeter besprühbarer Fläche geteilt durch y Steuerzahler stehen mir z Quadratmeter Eigenfläche zum Verzieren zu, meine Bürgerfläche, für die ich unter Umständen sogar aufkomme. Davon profitieren natürlich wieder die Bürger in reicheren und verhältnismäßig bevölkerungsärmeren Ländern, denen wegen überlegener Infrastruktur proportional mehr Fläche zusteht (= mehr Mauern). D‘Amico selbst geht eher den Weg über das „homesteading“, also das ursprüngliche Aneignen natürlicher Fläche und steht damit einem anarchistisch Proudhon’schen „Eigentum ist Diebstahl“ noch näher. Darum sagt auch RATE, Writing „was and still is an attack on our society’s value system“, wobei der springende Punkt ist, dass „property“ über „human life“ gestellt wird.16 Staatliche Reprivatisierungsmaßnahmen. Ironischerweise begründet D‘Amico mit Graffiti sogar Liberalismus im Sinne eines Nachtwächterstaates. Ob man dann nicht nur die reichsten Gebiete schützen würde? Das Problem dabei: vom Robin Hood, setzt sich der Artist selbst nach Vollendung in die Rolle des „illegitimen Herrschers“ und ist nun seinerseits gleichgerichteter Aktionen Ziel. Ein teuflisches Dilemma, Macht nicht usurpieren zu können, ohne selbst von ihr usurpiert zu werden. Welchem hingegen die klassischen Utopien vielleicht durch Besitzrotation entgehen möchten.

Diese Logik hinkt freilich etwas, komischerweise würde man aber im Falle des Irak mit seinen eben genannten Straßenverkehrszeichen geneigt sein, wenigstens teilweise zuzustimmen, außer man ist konsequent wie Kant - das hängt wiederum vor allem vom medial aufgebauten Image dieses oder jenes Regimes ab, ob das einen grundlegenden Unterschied macht, ist wegen der kulturellen Pfadabhängigkeit allerdings fraglich geworden: in der Tat hat ja im Orient der Westen die Rolle des illegitimen Usurpators inne. Hier könnte man auch Baudrillards Überlegungen zu Universalisierung und Globalisierung einbringen.17 So oder so, rechtlich wasserdicht oder nicht, ein Teil der „Writer“ scheint die Hoheitsrechte des Staates dahingehend zu ignorieren (was noch lange nicht beweist, dass sie alle fundamentalistische Islamisten sind) und greift sozusagen zur Büchse Selbstjustiz. Gerne wird auch die „demokratische Komponente“, im Sinne der eingangs schon erwähnten Meinungsfreiheit hochgehalten, Spencer18 versucht das unter anderem zu problematisieren: das etwas auf den Wänden steht, beweist quasi, dass irgendwo Partizipation unterdrückt oder aber zumindest der Zugang zur Öffentlichkeit durch „gatekeeper“, technische Barrieren19 et cetera verunmöglicht ist. Freilich kann das aber auch eine Ausrede für Faulheit sein - es ist leichter, eben um die Ecke etwas auf die Häuserwand zu schreiben, als sich ernsthaft zu engagieren, auch ist es „weniger cool“. Entsprechend muss man sich fragen, warum man zwar im Ghetto manchmal traditionsbewusst auf die Afrika-Ursprungs-Theorie stolz ist, aber lieber eine lediglich weitere Form von rassischem Auserwähltheitsglauben heuchelt und kultiviert, anstelle Hilfsfahrten dort hinunter zu organisieren. Auch hier ist die Antwort dieselbe: weil es deutlich leichter ist. Stattdessen schießt man lieber aufeinander. Das kann traurigerweise auch aufgestauter Selbsthass sein. Insofern wäre die Pflege eines Selbst- über ein oktroyiertes Fremdbild durchaus gerechtfertigt. Ob man damit aber neue Barrieren schaffen sollte?

Günstiger ist das auch nicht. Der Bereich den Baudrillard behandelt, welcher sich ja gerade durch eine Leere an Aussage auszeichnet, ist das ebenso wenig (außer man mag den Kontinent Afrika als „leer“ bezeichnen, wie es in der Tat passiert ist, wie wir jetzt wissen). So können Leute wie Beck durchaus streng germanistisch verschiedene Inhaltskriterien traditionellerer Formen als das sogenannte American Graffiti sie bietet, aufzählen, als da wäre der „pun“, also das Wortspiel, Pointierung, Kombinatorik, das Paradox, Zoten, die Antithese, der „one-liner“ (Einzeiler mit Esprit und schon ist die deutsche Strenge wieder dahin) respektive „punchline“ (auch im Hip Hop Text kehrt das Prinzip der griffigen „hookline“ mit im Idealfall Ohrwurmqualitäten wieder), Anspielungen, Aphorismen, Epigramme und so fort und schließlich der eigentlich schon interaktive Kommentar20, der das Ganze nochmals um den Faktor x potenziert. Es soll später noch darauf eingegangen werden.

Graffiti kommt etymologisch von gr. γράφειν (graphein) und bedeutet kritzeln, zeichnen, schreiben. Das ist hochinteressant, da diese Sprache die Unterscheidung noch nicht so dezidiert zu kennen scheint, alles etwas holistischer, ja beinahe von einer Platonischen Zentrierung auf die Idealität der Vorstellung geprägt, die auf ganz verschiedene Modi manifestiert werden kann, die Schrift selbst noch zeichnerisch jung war. Es verquickt nicht nur das Schriftliche und Visuelle wie später im Graffiti gerne, sondern weist auf die elementare und genuine Bedeutungslosigkeit des Weges zur Imagination und deren Umsetzung hin. Man ist noch Mensch, d. h. Universalgenie, rund herum gebildet in allen bekannten Bereichen und dann wieder. In der Tat dominieren darüber hinaus ursprünglich stark musikalische und choreographische Bestandteile den Anbeginn der HipHop-Welle: Breakdance (B-Girls/Boying), „Deejays“ (kurz: DJs) & „Mzees“ (von MC = „Master of Ceremony“), „beatbox“, „Sk8ter“ (Rollbrettfahrer). Dass man nur erstere drei dem klassischen „Vier-Säulenmodell des HipHops“ zuschlagen will, dreht ob seiner völlig deplatzierten kategorialen Rigidität förmlich den Magen um. So ein Schema kann man der EU geben, wo man noch um ein breiteres Kapitell hadert, im Ghetto hat das Klassische eigentlich nichts zu suchen, außer vielleicht... Wahrscheinlich will man sich damit salonfähig gestalten. Aber warum dann nicht gleich eine Arkade? Wo bleibt dabei das Snowboard, die Stromgitarre, der Basketball, die Liane? Diese Enumeration ist völlig willkürlich und artifiziell abgegrenzt. Perfektionible Vielseitigkeit andererseits war bei den Alten Griechen ganz ähnlich, man philosophierte noch ganzheitlich (mit Ausnahme vielleicht des Basketballs). Lediglich einige evolutive Stadien in der Verfeinerung der Künste wurden seitdem durchlaufen (sogar das kann man bestreiten) und es kam zur gefürchteten Spezialisierung. Ziehen wir Homer zu Rate. Sein Sproß Bart betreibt Unfug sogar in sehr jungen Jahren noch en gros und steht damit in der kleinbürgerlichen amerikanischen Sozialsatire schon als Minderjähriger für all das Übel, welches es zu verfolgen gilt. Es werden früh schon die Karriereweichen gestellt. Auch gibt es keinen besseren Beleg dafür, dass das Soziale nicht stattfinden wird.21 Schließlich ersetzt diese und ähnliche Serien schon seit Jahrzehnten die Kindeserziehung beziehungsweise. die nachfolgende Phase. Während Bart noch unterwegs, noch Frage ist, ist Otto schon angekommen: Schulbusfahrer, immer mit Walkman, Kiffer, man kann nur erahnen, welche Perfektion der Lehre er schon erreicht hat, einige Folgen liefern dahingehend beeindruckende Hinweise. Peripatie schon am frühen Morgen, geisterhaftes Phantasma auf dem Weg zu den Lehrräumen.

Später ist italienisch Sgraffito/graffito dann vor allem eine Schraffiertechnik, die vor allem in der Verzierung von Fassaden ihre Anwendung findet, just bevor oder während der Begriff dann auch beginnt seine heutige Bedeutung zu erlangen - es bleibt nichtsdestotrotz ein äußerst versatiles Phänomen.22 Kontemporäres Graffiti besteht praktisch immer aus KAPITALEN. Ist das eine Art Grandeur des Großbuchstabens, oder wird dem KAPITALISTISCHEN SYSTEM hier seine eigene Funktionslogik vorgehalten? NÄMLICH VIEL SCHREIEN. „Mecker“ vom Chef wie bei „Werner“, Ärger im Klassenraum. Wie uns die analog gelagerte Funktion im Chat wieder aufklärt. Alkohol gehört auch in diesen Zusammenhang, Medikamente. Im „Idealfall“ gehen die Kapitalen dann sogar ansatz- & nahtlos in den Kapitalismus über. Selbst die Krankheit wird profitabel, macht zum mindesten Umsatz. In der DDR wird es später heißen: Rapschrift, bekannt vor allem durch längst schon legendäre Events wie 1988 in der Radebeuler Turnhalle. Was sich recht provinziell bis unspektakulär anhört, war zwar vom technischen Niveau nicht wirklich mit der „Style Wars“/“Wildstyle“/“Beatstreet“-Welle vergleichbar, die sogar im Gefolge der drei Filme „über die Mauer“ schwappte (beispielsweise wurde mit einem Tapedeck, also dem Kassettenrecorder „gescratcht“, dessen Motor man manipuliert hatte, es gab nur eine Handvoll billigste Farben, die später sogar aus dem Sortiment genommen wurden, man improvisierte dicke Schnürsenkel, baute ein Holzchassis um ein Monomusikgerät, damit es wie ein Stereoblaster aussah), allemal war es aber musikalisches Sprungbrett für spätere namhafte Comedians wie Mirco Nontschew und Bürger Lars Dietrich. Die ostdeutsche Rap- Szene hat also immerhin zwei Stars von mindestens bundesweitem Ruhm hervorgebracht, wohlgemerkt bereits vor der Wende.23 Hip Hop ist also nachweislich eine kalte, ja „coole“ und kriegserprobte Infiltrationsmethode des Amerikanismus und verleitete sogar Honecker höchstpersönlich damals noch zu einer rekuperierenden Stellungnahme24. Genossen gen Osten.

Während anfangs, im Grunde seit der Antike, immer die Schrift im Vordergrund steht, der Name, wandelt sich quasi schon mit dem Erscheinen des KOOL KILLER diese Neuauflage eines menschheitsalten Trends immer noch stärker hin zur schmutzigen Leere der Lehre, Baudrillards Theorie implodiert auch hier mal wieder. Zum einen ist er da einfach nicht mehr aktuell: macht er seinen gesamten Essay doch an der zentralen aber nichtssagenden Bedeutung des hastig geschriebenen Namens fest, der aber in der Folge immer stärker auf Kosten der Lesbarkeit in die Form übergehen wird. Vom „content“ zum gar nicht mehr so schlichten Medium, „the medium is the message“, obwohl McLuhan selbst ja auch die Massage anspricht, wie mit Fiores in the medium is the MASSAGE. Stimulierend sind diese grellen poppigen Augenfänger ja allemal. Die Schrift wird, je komplexer, desto apokrypher, zur Geheimwissenschaft, auch eine gewisse symbolische Komponente fehlt dieser Esoterik nicht. Andererseits unterstreicht aber eben dieser sich bis heute fortsetzende Sachverhalt genau wieder Baudrillards‘ These, dass die Macht des Graffiti aus seiner Leere erwächst, die inzwischen sogar den Namen wieder zum Teil selbst dem S u r r o u n d i n g opfert, dem Drumherum, der bildgebenden Idee. Das wäre auch der Metzger von Tschuang-Tse, der das Messer im leeren Zwischenraum ansetzt.25 Entsprechend prätendieren Dinge ihre Geradlinigkeit, verfügen aber über eine „geheime Krümmung“. Es „treibt […] bis sie sich in ihrem eigenen Kreislauf umkehren“ und „den oberflächlichen Abgrund erreichen“. So einfach ist es dann allerdings auch wieder nicht: oftmals hält sich die Abstraktion noch in Grenzen der Entzifferbarkeit, was sich noch dechiffrieren lässt, geht stärker noch mit einer noch einzuführenden Entwicklung zusammen, die man lapidar als „Schulen“ bezeichnen könnte. Aber auch der Experte selbst tut sich hier manchmal schwer und muss schon einmal rumrätseln, ehe er den Urheber ermitteln kann.

Glanz, Schein oder Propaganda, die sich auch immer gern schon der Kunst bedient hat, im Falle des Graffiti verschwimmen diese Grenzen zusehends. Ist es der empörte Aufschrei des ursprünglich „Schwarzen Mannes“, vor dem jeder Angst hat? Auch hier gilt Baudrillard heute als überholt, längst schon ist Graffiti extremer Freizeitsport des weißen und eher gut betuchten Jugendlichen aus Suburbia. Denn nicht nur die Farben sind teuer. Eher dann schon marktgerechte Eigenwerbung, lernen, sich verkaufen zu können, umstritten weil sie die Rebellion abseits der Mainstream-Kultur mit ihrem Advertisingwahn26, tendenziell auf lange Sicht selbst wieder unterläuft, ja vielleicht von Anfang an nur Eitel Sonnenschiene und Imitatio auf den gleißenden Gleisen des Empires war. Aber dass die Revolution ihre Kinder frisst, ist ja nichts Neues. Diese Kritik zumindest muss sich gerade die dort seit nicht kurzer Zeit etablierte Kunstwelt gefallen lassen - war es nicht genau das, wogegen man vor wenigen Jahren noch angegangen ist? Vielleicht hatte man es beim Marijuana „zischen“ inzwischen „stoned“ vergessen. Das Internet, auch hier ein zweischneidiges Schwert. Wo es erstens die Community enger zusammengeschweißt und vernetzt hat denn je zuvor, trägt es auch nachhaltig zur fortschreitenden Kommerzialisierung der anzüglichen Subkultur, Überführung in die akkreditierte Kultur bei. Gegenwärtig scheint der „Multi-User-Dungeon“ (MUD), die virtuelle Spielewelt, das MMORPG (Massively Multiplayer Online Roleplay Game) wieder da anzufangen, wo Graffiti vor rund 40 Jahren stand: Deckidentitäten und vermeintlich einzigartige Namen für Avatare und „Chars“ (Charaktere), von denen auch wieder keiner so recht weiß, wer sich bürgerlich dahinter versteckt, vom Ausgangspunkt her aber mit Sicherheit ein eher „weißer“ Abklatsch, ein billiger Klon, risikofrei und gemütlich von der Couch aus, der vergleichsweise noch höheres sozioökonomisches Milieu voraussetzt und ganz andere Formen von Kriminalität proliferieren kann. Während der Neue Vandalismus der Jugend im Hacken nurmehr rein virtueller fremder Accounts (obwohl der „acc“ immer dem Konzern gehört!) besteht, ist der Sprayer noch eine Art „Realitätshacker“27. Der sich die Finger noch draußen auf der Jagd schmutzig macht. Die Endzeitstimmung des Cyberpunk ist aber auch dort vorherrschend und kann sicherlich der allgemeinen Interpretation folgend zu einem Gutteil auf die nukleare Supermachtkonstellation des Kalten Krieges zurückgeführt werden. Auch Neumann spricht von „no future“.28 Hier entsteht ja nicht zuletzt auch das Internet selbst, von dem auch diese Szene später noch profitieren wird.29 Im Grunde wird der Sprayer aber selbst gejagt von einem Fabelwesen, einem Kobold, einem Leprechaun. Ohne den Inselmythos allzu sehr strapazieren zu wollen (nach Hornby ist ja bekanntlich jeder eine Insel), kann man sagen, dass der „Writer“ eine Art Regenbogen malt, an dessen Ende ein Goldtopf wartet. Doch es lauert eben auch ein „Schurke“ auf und möchte den Schatz selber behalten. Schließlich ist er ja auch der Hausgeist, der Beschützer des Anwesens. Vielleicht stellt man sie sich deshalb als hässlich, alpdrückend und nachtmahrartig vor, weil ein Sprayer ihre Karikatur in Umlauf gebracht hat…

Auch sind diese Regenbögen ja bekanntlich schwer zu erspähen, noch schwerer, den Ort zu finden, von dem aus man sie ersteigen kann. Hierzu genügt ein lapidarer erster Blick auf die Quellenlage: in der Bayerischen Staatsbibliothek beispielsweise gibt es zwar noch eine Handvoll allgemeiner Szenezeitschriften (einige Ausgaben der „Juice“), aber nur mehr eine veraltete speziell zum Thema, das „Flashmag“ - und das obwohl es in München mindestens ein aktuelles Fachmagazin, die „StopTheBuff“ gibt und auch eine ganze Reihe früherer Veröffentlichungen30 (eigenartig wegen der Hinterlegungspflicht, der man immer noch nicht nachgekommen ist… dafür gibt es aber die „Le réseau“ von 2003), die allesamt eines gemeinsam haben - wie der Regenbogen verschwinden sie teilweise so schnell wieder, wie sie auftauchen, oft schon nach wenigen Ausgaben (ein generelles Phänomen am Markt für Special Interest Publikationen, die statistisch gesehen immer ein gewisses fluktuierendes Eigenleben entwickeln) und sind gerade für sogenannte Outsider nur schwer bis kaum zu erblicken, wie die Graffiti selbst. Inzwischen tritt aber oftmals das ebenso kurzlebige, jedoch für beide Seiten preiswertere Online.pdf an diese Stelle, mitsamt den neuen Zirkeln und Mauern der schlimmstenfalls Dark.net-Initiation.

Säulenzwischenräume

Wir wollen uns nicht weiter mit derartigen Details empiristischer Medientheorie aufhalten, wie den letzten ihrer Spezies, der Roten Liste oder den „One-Hit-Wonder-Losern“. Seltene Blumen blühen eben nur kurz und sind manchmal schwer erreichbar. Graffiti versteht sich natürlich schon auch als „art intervention“, als Wiederaneignung des Öffentlichen Raumes. Zum Beispiel im Rahmen der Street Art, des spontanen Happenings, oder diverser Okkupierungs-Initiativen.31 Oft wird dabei der Vorwurf der Anarchie gegenüber „ordentlichen“ Medien (und einer ergo „ordentlichen“ Schreibweise) erhoben. Ein Mythos, den es in diesem Zusammenhang zu zerstreuen gilt, ist, dass es sich bei Graffiti um etwas Unwissenschaftliches, gar Unpolitisches handeln würde. In Wirklichkeit sind die „Writer“ der Spitzenklasse den „klassischen Medien“ als Inbegriff der anerkannten und akkreditierten Mainstream-Kultur (Stichwort: Kulturindustrie 32 ) wo nicht ebenbürtig, dem durchschnittlichen Agenturdesigner längst schon um Welten überlegen (wenigstens im Graphischen und/oder Verbalen). Graffiti ist wie ein szientistisch-fiktionaler Einbruch aus einer Zukunftsvision in unser Stadtbild. Belegbar wäre das Ganze - über die Evidenz des Augenbeweises qualitativ hochwertiger Arbeiten hinaus - schlicht und ergreifend durch inzwischen vielfach sich überlagernde „Rekrutierungspools“ bis hin zur Personalunion. Kunststudenten sprühen, richtig gute Maler gründen ihre eigene Agentur. Das Werk fusioniert quasi mit der Stadt, die Blutbahn ist angefixt, es bildet sich eine Mauer-Mensch-Malerei- Synthese in motion während es sich konfus kreuz und quer über die Wand ausbreitet. Auch die Betrachter werden gezwungenermaßen mit Attraktionskraft aufgeladen, Gravitation die auch Repulsion sein kann, bei umgekehrtem Signum. In der Tat malt nicht der Writer das „piece“, das „piece“ malt den „Writer“. Dämonisch-technisch getrieben, ja betrieben, ferngesteuert, ver-führt. Der Sprayer ist das Hochhaus, die Szene insgesamt ist Manhattan.33 Die weißen Angestellten in ihren Bürotürmen sind auf die Rolle der Verwaltung der Informat ionsmengen reduziert, die in unsere Existenzebene wie von einem anderen extraterrestrischen Planeten oder einer Paralleldimension einbrechen und die Kapazitätsgrenzen des „handlebaren“ Graffiti-„Flows“ sprengen (siehe WTC). Die Grauen Männer von Momo, die uns die Zeit stehlen34, explodieren rauchend vor Gefühlskälte innerhalb ihrer Hightech-Hüllen, ob des Angriffs ihrer wüsten Angreifer aus der urbanen Wüste. Sind sie nun Opfer oder (wenigstens Mit-) Täter? Auf den primitiven weißen Cargokultisten seiner eigenen Lebenswelt muss das wie Terror wirken, der unsere Weltordnung gefährdet. Ja, der Weiße Mann sieht sich zwangsweise in die Welt des Animismus zurückversetzt, wo selbst seine größten Gewissheiten wie ein dünnes Kartenhaus pulverisiert werden, ganze Flugzeuge wie eine Streichholzschachtel aufflammen und steht dem zauber fassungslos staunend gegenüber. Oder erzürnt, wo er dieses Maß an illegaler Substanz in auch seiner, der städtischen Blutbahn nicht mehr verkraftet. Hin und wieder aber wird das westliche „Bleichgesicht“ zum Sammler „indianischen“ Gutes: Cargo-Kult erstandener Objekte aus den Auktionen (BANKSY exemplarisch, der bei Sotheby’s für sechsstellige Beträge gehandelt wird, aber dessen Identität weiterhin ungeklärt bleibt, wie bei der außerirdischen Macht die in die „barbarische“ Gesellschaft einbricht, aber auch Ende der Siebziger schon SAMO mit Basquiat, Al Diaz uund anderen oder dann Haring, siehe unten), der Sammler ersteht Spezialitäten vom Jäger, ein Stück Berliner Mauer hier und da, ein Brösel noch. Die aber weggehen wie warme Brötchen. Ja, ein Stück authentischen Schrott vom „ground zero“.

Die Arbeiten sind Artefakte - ihr Preis bemisst sich aber keineswegs an ihrer Seltenheit. Vielleicht noch an der Gefahr ihr Anbringung, aber was man kauft ist ja der Name des Künstlers, nicht das Kunststück, welches ja ganz banal auf Leinwand erhältlich ist - und das könnten viele. Rekuperation35 also erneut. Wieder die Logik des Personenkults, des Idols und Stars, den man auf seine Seite gebracht hat, der weiße Stamm paktiert mit dem Magiereich, beschwichtigt die Gottheit durch Opfergaben am „selfmade“-Logo.

Das lässt sich ersehen: der Preis, den das „Empire“ zuletzt Hardt & Negris zahlt um die „Rädelsführer“ aufzukaufen ist hoch aber nicht zu hoch, wer es noch nicht in die renommierte Kunstwelt geschafft hat, schlägt für das System relativ teurer durch. LOOMIT beispielsweise, der schon in jungen Jahren mit vielen Tausend DM bestraft wurde (also seine Mutter, die süffisant von einer „Ausbildungsbeihilfe“ sprechen wird), später aber dann, das heißt nunmehr seit bereits vielen Jahren von der Lokalprominenz bis zur Kulturpolitik hofiert wird. Was an und für sich absurd ist, da er ja schon lange Weltruhm genießt. Schwabinger Kunstauszeichnung durch Ude, Dokumentation im öffentlich-Rechtlichen von ARTE bis ZDF, Aufhängen eines mit 2.000 m² gigantischen Graffitiwerks in Kooperation mit Größen wie TOAST, DARCO, DAIM, TASEK, DADDY COOL, VAINE, SEAK, STOHEAD und PETER M. über quasi die volle Länge des legendären Docks 10 von Blohm+Voss im Hamburger Hafen.36

Das ist schon etwas anderes, als nur Container zu besprayen. Draußen schlugen sich die üblichen Verdächtigen mit den Ordnungsmächten, ein Kumpel fühlt sich zu Canapés „drinnen“ laut eigener Aussage schlecht, auch ihm - LOOMIT - selbst ist nicht ganz wohl dabei, aber man kann ja kaum den Financier brüskieren, was verständlich ist. Es sind ja ihre Feiern, die haben es geschafft, andere nicht. Siehe letzthin in Karlsfeld, 15-jähriger mit Hubschrauber verfolgt, fürs Malen auf eine schöne mausgraue Lärmschutzwand, der Hubschrauber sei ohnehin im Einsatz gewesen37. Trotzdem hallt das Image des Vandalen noch nach, wohl nicht nur während der Interviewsituation mit Jörg van Hooven über „Menschen in München“. Otto der Große, „Loomit der Sprayer“, das hat etwas. Es ist ein und dieselbe Kontinuität und man ist sich nicht so ganz sicher, ob die Dokumentarfilmer hier medienimperial souverän „den rechten Platz anweisen“, spöttisch „ins rechte Licht rücken“ wollen, oder auf dieselbe Ebene von nach wie vor mittelalterlichen Ehrenbekundungen, gar höfischer Regententradition erheben. Berührungsängste - und am anderen Ende des Kontinuums - blinde Wut bilden ein breites Spektrum nicht ausschließlich positiver Reaktionen ab. Man sieht aber hier vor allem den Unterschied zwischen Innen- und Außenwahrnehmung, König der Szene und doch der Versuch der Unterwerfung durch das einschnürende Dispositiv des lokallastigen Kunst- & Kultur-Establishments - neben „Kunst & Krempel“ die andere verbliebene K&K-Monarchie der Schwabinger Bohème - sowie durch die allgemeine Wahrnehmung, die immer eine selektive „Graffitischablone“ von tendenziös Wünschbarem und im Sinne eines „bias“ Verzerrendem auflegt. So wie wenn Häuptling aus Tschurangrati draußen in Polts Negerstamm zwar schon etwas wäre aber in der Schickeria kaum zum Tabletthalten reicht. Die ganze Welt neuerdings eine Kolonie der Leopoldstraße. München hat sich ohnehin unterzuordnen, was darüber hinausgeht, oder aber dort nicht anerkannt ist, zählt auch nicht.

Die Werdegänge unterschieden sich dabei vom rechtlichen Standpunkt aus mit Sicherheit nur unwesentlich, aus Spaß wird ganz schnell Ernst, aber auch ebenso schnell wieder Spaß, wenn sich damit gutes Geld verdienen lässt. Oder aber es wird Routine, Broterwerb und leidiger Beruf, büßt ein Stück seiner Authentizität und Freiheit ein. Und dennoch: ein amerikanischer „selfmade“ Traum im Vergleich zum sklavischen Angestelltendasein unauffälliger beruflicher Anpassung.

Ob man das am Niveau der Vollendung festmachen kann? Teilweise. Teilweise ist das aber auch wohl Kismet, Providenz zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein, eine gewisse kooperative Attitüde zu besitzen, manche wehren sich ja nach Kräften gegen diesen unterstellten „sell-out“38 und bleiben lieber Hardliner, „gang banger“, also hartgesottene Bandenmitglieder & „underground4life“, d. h. sie würden ihre Ideale und ihren Kodex bis auf den Tod nicht verraten. Andere sehen mehr das „strictly bizness“. Hier könnte der richtige fiskalische Anreiz überzeugen.

Aber eines muss dabei klar sein: die Maler werden auch älter, die Altvordersten und altehrwürdigen Gründungsväter sind auch in diesem unseren Lande schon in den älteren Semestern angekommen, das bringt Verantwortung mit sich, ändert Sichtweisen. Jedenfalls dreht sich mal wieder alles um den freundlichen Fremden Camus‘, den Anderen. Er, der ja neu dazukommt in die hinterwäldlerische, eigentlich ja auch wieder wüstenhafte Dorfgemeinschaft, die nur kennt was sie glaubt. Die sich unter dem Vorwand der Rechtmäßigkeit um jeden Preis gegen Veränderung schützt, deren eventuelle Rechtmäßigkeit dabei einfach übergeht, wie man das Werk eines anderen „übergeht“. Und der eigentlich als einziger den richtigen Blick auf die Dinge hat, den weltgewandten, jedenfalls im relativen Vergleich. Ähnlich dem Propheten, den man auch für verrückt erklären muss, ob seiner brisanten „Ansichten“. Haben wir es wirklich mit Kommunikation zu tun? Baudrillard sagt ja nein. Klar, die Parolen von Nanterre und ’68 im Allgemeinen, die Situationisten und ihre Verdammung im détournement des verdammten Spektakels, die unerträglich desolate Lage des studentischen Lebens, Debord - das ist noch echte Kommunikation. Baudrillard würde vermutlich sagen leider schon nur noch Kommunikation. So ist ihm „das Imaginäre von den irrealen Mauern von Nanterre in die Schubladen des Ministers hinabgestiegen.“39 Neumann will noch „Die Phantasie an die Macht“ gewusst haben im Pariser Mai der Indiani Metropolitani, „le murs murmurent“.40 TAKI 183 ist aber schon nur noch ein Name, ein Pseudonym noch dazu (in dem Fall sogar die Abkürzung, das Kosewort des richtigen Namens Demetrius). Der Urahn der „postmodernen“ Graffiti-Bewegung - auch ein „weißer“ Kaukasier, aber immerhin Grieche. Wo zieht man die Grenze in der Farbskala? So müsste eigentlich ein Weißer als verdächtig gelten, als globale Minorität unter den „peoples“ und Völkern. Also auch eine Minderheit, so wie überhaupt alle Minderheiten sind, außer vielleicht die Moslems, die Afros, die Hindus, die Chinesen und so weiter, schön der Größe nach aufgereiht und klassifiziert.

Das funktioniert aber noch anders als die Masse, die nicht nur Minderheiten nicht mehr kennen mag, sondern die vor allem Differenzen negiert. Darum ist die amorphe Menge auch ungebildet. Stumpfer, behaglicher Herdentrieb, bisweilen auch grenzenlose Stampede. Dass die Schrift eine Differenz ist, eine Differenz bricht, eine Differenz bezeichnet (oder dies zumindest möchte), wissen wir seit Derrida. Der Gelehrte ist im strengen Maße kritikfähig. Graffiti ist also das Spiel der Differenzen per se.41 Es bedient sich ja dann doch wieder weitgehend des Zeichens als wie auch immer geartete und rebellische Schrift. Und es wird auf einer parallelen Ebene von den ohnehin schon Differenzierten, ethnisch, sozioökonomisch, szenisch distinguiert et cetera eingesetzt, bekräftigt die Unterscheidung nochmals. Jetzt konnte Baudrillard aber nicht ahnen, wie sich die Situation noch aufladen würde. Nicht nur ist der Name wieder dem Bild gewichen (doch auch dazu hat Baudrillard einiges zu sagen), auch wurde der ganze Diskurs erst nach 1978, dem Erscheinungsjahr des KOOL KILLER in Deutschland, noch radikaler politisiert. Also als auch hier massiv die Verfolgung anhob, was sich zwar Schritt für Schritt anbahnte, aber selbst in New York erst in den Achtzigern in allen „Vorzügen“ moderner Technik in Fahrt geriet. Baudrillard fängt zwar auch schon damit an: das besondere dieser eigenen Form Harlems, die so nur hier in afroamerikanischer Homogenität entstanden sein soll, so ganz unpolitisch anders als die Murals, die ethnische und funkenfangende Verbindung zu den Ghettounruhen wie in Watts, die NY „Black Outs“ selber (die bei Baudrillard anders als in der Realität aber keine große Rolle zu spielen schienen), die Kontrastierung mit dem weißen Establishment. Auch deuten sich schon die ersten Rekuperationen mit den „legal walls“ an, Vereine werden gegründet, Bürgerinitiativen rufen ins „richtige“ Leben („community centers“). Also vorbildlich, produktiv, „dienend“. Im geschichtlichen Habitus unterwürfig also?

Schrägschatten

So ganz neu ist die Geschichte, seinen Namen auf die Wand zu schreiben dann aber doch nicht: KYSELAK hat das um die Jahrhundertwende in Wien getan und auch ALEXANDER DER GROßE schon - sein Spot ein wahres „heaven“ - die Pyramide(n) von Gizeh. Dort allerdings „taggten“ längst vorher schon die Arbeiter.42

TAKI 183 also auch schon ein Produkt der Medien, ein Geschöpf, dass sich die Medien selbst zum Feind geschaffen haben.43 Überhaupt sie Überträger der Hauptviralität! Klar, der Name stand zuerst da, Schule gemacht hat das Ganze dann aber erst durch den Artikel in der New York Times, worauf ein wahrer Boom von Nachahmern stattfand. Zaya & Bensinger werden das dann einen „ALL CITY think tank“ nennen. Auch stellen sie dabei zugleich das exklusive „ghetto“ kontemporärer künstlerischer Kreation in Frage.44 Hier ist vor allem mal wieder die Archivierung zentral. Nicht nur wussten die Medien alles schon wieder vorher, „von Anfang an live dabei“, sie helfen dem auch noch auf die Sprünge, schaffen sich ihre Story erst und können dann im Nachhinein behaupten, dass sie eigentlich die „mitverantwortlichen“ Initiatoren waren. Auch das Baudrillards gleichnamiger Essay, der Film „China Syndrome“ löst „Three Mile Island“ erst aus, allein durch die virtuelle Präsenz der Kamera. Man muss quasi eine gute Show nachliefern, wenn die Medien ein Phänomen erst einmal erkennen und schon „voll draufhalten“. Der wahre Reaktor wird anthropomorph neidisch auf die Special-FX des Films - genau das ist die Intelligenz des Bösen und der Objekte Jeans, die die Kontrolle übernehmen - auch Tschernobyl und Fukushima bemühen sich sogar viele Jahre später noch um dramaturgische Überbietung und Realisierung des kinoreifen Super-GAUs. So als ob man Geiseln noch extra als Geiseln nehmen könnte, Geißelname im Quadrat, dann im Kubik. Alle Jahre wieder rentiert sich die Erinnerung an die permanente „hostage situation“. Endlich Hal 9000 bei Kubrick. Hier braucht es nicht einmal mehr Täter dazu, die nacktkalte Maschinenlogik hat übernommen. Die wir freilich zuerst selbst programmiert haben, „Wargames“ lässt grüßen. Zumindest lässt man uns noch glauben, dass wir uns die Technik gebaut haben und nicht sie uns von langer Hand als Wartungsagenten und Spielzeug eingeplant hat - die andere Seite der Gleichung.

Andererseits „copycats“, die auch ein Stück vom „Famekuchen“ wollen. Wie mit einem hard- oder Software-Baustein erweitert wird unsere prototypische Nutzertypologie um den in diesem Kontext durchaus noch unterscheidbaren „Bandentagger“ und eines haben alle diese „Fameseeker“ gemeinsam - dass sie „Flameseeker“ sind. Und wirklich zählt für einige evtl. da schon nur die „dmg“45 am System. Der suburbane etwa 14-jährige Jugendliche, der mal ausprobiert, waren sie ja nicht. Die ganz große künstlerische Ambition war es dann aber auch noch nicht. Auch das große „Joint Venture“ (aber keinesfalls zwingend „out of joint“ wie in der Wendung Derridas, die ihm auch in der Tschechoslowakei Probleme bereitet) ist es noch nicht. Es ist aber auch wie Baudrillard treffend bemerkt, noch nicht der Pamphletist (oder nicht schon wieder), dem jemand eine „can“ in die Hand gedrückt hat, der noch Che nachtrauert und der Ersten Interantionale. Vandalenkinder, Unterdrückte aller Länder vereinigt euch! Die ihrem Ärger, Zorn & Stinkwut im Bauch Luft machen. Lena Dobler formuliert das so: „Was macht der Vandalist, wenn die Stadt unbefestigt ist und schon vollkommen zerschunden ist?“ Oder aber er ist doch der Avantgardist, der nie so genau weiß, was er eigentlich will, außer möglichst neu und revolutionär. Und so fort. Ein schlampiges, sich genial wähnendes ~. Es ist aber auch zum Glück trotz aller Einfachheit noch nicht das Graffitiadvertisement - eigentlich ein historisch unzulässiger Widerspruch in sich - um „cool“, „hip“ (aber keineswegs mehr „hop“) & jugendlich zu sein.

Ich glaube auch nicht, dass es TAKI 183 in erster Linie darum ging: alle schrieben immer schon ihre Namen auf die Wände im Treppenhaus, am Hauseingang, in der Straße, am Block, er selbst hatte das von JULIO 204 (ob man da wie Baudrillard eine stammesmäßige Initiation herauslesen kann, auch eher fraglich), er war Bote, hat aus Langeweile hier und da hingekritzelt.46 Wieder muss unbedingt ein historisch ein für alle Mal zu fixierender Anfang gesucht werden, der dann gefälligst endlich auch mal kanonisch zu sein hat, alles andere wäre ja „unordentlich“. Moderne physikalische Weltbilder vom Schlage Heisenberg, „fuzzy sets“, also unscharfe Mengen, Funktionen und Lösungen, Nichtlineare Dynamik vormals Chaostheorie sehen das anders. Wer könnte es sagen, welcher Kiesel die Lawine lostrat? Sogar bahnbrechende Erfindungen entstanden schon an mehreren Orten streitbar gleichzeitig. Auch das ist alles nicht neu, Graffiti in recht ähnlicher Machart gab es bei den Wallfahrern, in den Karzern, Gefängnissen, auf Abtritten. Und dessen Style ist dabei auch noch nicht einmal sonderlich herausragend, eher normal. Einfach nur der Name, ohne Schnörkel oder Verzierung, ohne signifikante künstlerische Leistung im „Werk“ selber. Böswillig wird unterstellt, die Welt ist zum Gefängnis, zum allgemeinen Abort geworden. Und das schwappt jetzt aus den mutmaßlich „braunen“ Ghettos in die strahlendweiße Welt der Saubermänner über, so zumindest will man es uns „weißmachen“ und schlägt dabei (ungewollt?) faschistische Töne an. Und wie steht es mit dem Spannungsverhältnis zu andererseits heiligen Orten? Irgendwo ist das auch wider die Herablassung des mittelalterlichen Herrschers. Doch dazu später mehr. Reviermarkieren also, das Territorium abstecken, wie in der „wild life“-Dokumentation. Animalisch, ja tierisch, nicht selten bestialisch oder monströs. Von einer demokratischen, demo-kritischen Gegenöffentlichkeit nahe Schilda zeugt das allein noch lange nicht. Denn ein bisschen umständlich ist dieses Engagement per Intervention ja schon. Das kam dann auch alles erst a posteriori, mit der Verschärfung (überhaupt mal deren Inkraftsetzen, das Bemalen der U-Bahn zum Beispiel war anfangs nicht einmal ein Vergehen im öffentlichen Sinne, sondern nur ein betriebsordentliches Problem mit der MTA, der „Metropolitan Transportation Authority“ oder der „Transit Police“) der Gesetzeslage, der gleichsam elektrischen Ladung des Diskurses (dann der Zäune), der Verhärtung der Fronten, ja dem Wechsel mehrerer Generationen. Heute hat man alles auf einmal, Leute die es so sehen und Leute die es so sehen. Soll man dem nicht derart gelassen gegenüberstehen dürfen?

Ja - und aller Anfang der ist schwer… aber was man schon einmal festhalten kann: Graffiti sieht jedenfalls teilweise wahrlich appetitanregend lecker aus! So werden kalorienhaltige Glasuren eingezeichnet, die vor Überdosiertheit überquellen und heruntertropfen, man hat den Eindruck Süßigkeiten direkt von den Backsteinziegeln knabbern zu können. Ist das verdeckte Fastfoodkritik und der Kontrast zum mageren Armenteller? Doch auch das sehen einige nicht so. Ihnen ist das kein Gaumenschmaus, für sie gibt es vielleicht Horrorvisionen. Wunderlich ist, dass die bisweilen affigen „affirmative actions“ gegenüber vor allen „Schwarzen“ und „Unangepassten“ und der rigorose Kampf gegen das Analphabetentum der schriftlichen Hausaufgabe an der Wand dann wiederum so unaufgeschlossen gegenüberstehen. Die Literalisierungsquote muss ja nachweislich hoch sein. Oder so wie in „Colors“, einem Klassiker der Achtziger, wo der Cop (Robert Duvall) einen Tagger mit den Worten „Picasso“47 hochnimmt. Es geht also auch hier mal wieder um Singularitäten und ganz individuelle Konfigurationen. Witzig ist daran, dass der Streifenpolizist selbst ja international hochprominent besetzt ist und sich mehr als andere wie alle Schauspieler einer gewissen amerikanisch-seichten Graffiti des Geistes sogar weltweit schuldig macht. Ordnungsfunktion, aber in ebenso flapsiger Sprache. Aber eine andere, die dominieren soll, weiterdominieren, immer schon dominiert hat. Entsprechend dann auch die Kampagne afroamerikanischer, vielleicht sogar dunkelhäutiger Stars aus Musik & Lifestyle, die dem Establishment rettend unter die Armen greifen im NY unmittelbar nach der Zeit der Verfassung: „sprayen“ ist eben nicht cool. Das liest sich dann zum Beispiel so: „Make your mark in society, not on it!“

Die Asymmetrie ist ganz klar: Minderheit gegen Öffentlichkeit, Alternative gegen Mainstream, Farbutensilien gegen polizeiliche „Task Force“. Aber ist es so einfach? In Wahrheit haben ja sogar die primitiven „tags“ selbst des „Schwarzen vom Block“ an kalligraphischer und aesthetischer Feinfühligkeit längst schon die abstrakte Malerei der damaligen Salonkultur buchstäblich in den Schatten gestellt - die Weißen haben sich zwar seit dem Hochmittelalter schon darüber erhoben, nämlich mit dem Fotorealismus der Renaissance oder eines Dürer, aber eben nicht die Weißen, die es zeitgleich gerade mal auf ein paar „abstrakte“ Farbkleckse bringen, oder lässigst mit dem Drucker kopiertes. Entsprechend hoch dann später der Preis, entsprechend groß die anthropologische Verzückung in einer Hobbybastlerwelt voller Holzflugzeugbauer und Schiffsmodelle. Auch die chinesische Kalligraphie findet hier früh schon ihren Meister, denn das Malen auch des einfachsten Namenszuges findet ja in Echtzeit und unter größter Gefahr für den Ausüber statt (höchstens noch der Namenlose aus „Hero“, der sich für die Kalligraphenschule einschreibt, während die Stadt schon im Belagerungszustand ist, kann sich vielleicht damit messen), der virtuelle Schadensticker rast ja im Hintergrund quasi von „Werk“ zu Werk mit. Ähnlich dem skyrocketing „body count“, der ja heute auch auf Null Toten und dem sauberen militärischen Konflikt (nicht Krieg! Wie das exemplarisch auch JEDI MIND TRICKS in „Uncommon Valor. A Vietnam Story“ bestätigen) eingepegelt gehalten werden muss. Echter Zeitungeist also. Offenbar wird das Ganze dann mit der HipHop-Gruppe WU-TANG CLAN, die auch das nun gar nicht mehr so klassisch heilige Kampfmönchkloster Shao Lin in den Neunzigern gleich nach NY mitverlegen. Sozusagen das Harvard der Farbigen und ihrer Sympathisanten, die anderen großen Zirkel der lebenden Legenden entsprechen anderen Ivy League Colleges. Amerikanischer Kulturimperialismus im engeren Sinne ist das aber auch nicht.48 Sehr oft spielen hier nämlich auch islamische Einflüsse mit hinein oder gar die Kombination mit dem edlen achtfältigen Pfad. Auch zeigen diese zusammen mit I AM („La Saga“), dass die Entente Franco-Americaine auch heute wieder harmonisch sein kann.49 Oder Japans Samurai als Paradigma, auch Kalligraphie - also Schwertkunst der schärferen Feder im eigentlichen Sinne - über denen ständig das Verhängnis schwebt. Das fatalistisch Fatale. Das „Böse“, dass sie davon abbringen will, zu reüssieren, zu gelingen, zu können. Die Auflehnung gegen diesen unausweichlichen Tod, seine Überwindung durch das ernste Spiel mit ihm. Männlich. Frei. Yamakasi.50

Ganz im Gegenteil, das „Razor Sharp“ ist das „Bat-Zeichen“51 des völlig überforderten Commissioners. Eigenartig aber, dass hier Killerbienen, keine Fledermaus, ausschwärmen - doch eine bestätigend angenommene Metapher auf das Kollektiv? Individuen als Makroaggregate, „Schwarmintelligenz“? Mein Name ist Legion. Ein fast identischer Codex, nämlich der des Hagakure wird von Whitaker in Jarmushs „Ghost Dog“ gelebt, der per Taubenschlag über Beseitigungsaufträge der italienischen Mafia informiert ist. Kein Zufall, dass der Soundtrack von RZA & den anderen produziert wurde. Passenderweise ist hier der frankophone Eisverkäufer fast noch weiser. Eher also schon ein eklektizistischer Kulturclash, wie er dem „melting pot“, dem „crucible“, dem „pizza concept“ beziehungsweise der „salad bowl“ der amerikanischen Immigrations-, Integrations- & „Naturalisations“-Debatte ähnlich sieht, insofern auch typisch postmodern und voller verspielter Zitate wie es die Architektur dieser Epoche besonders anschaulich exemplifiziert, doch ebenso voll der bekannten und oft ebenso fatalen Spannungen der unlängst auch von Baudrillard noch heiß diskutierten Parallelgesellschaften am Beispiel der Ausschreitungen von 2004 in den französischen Satellitenstädten. MC SOLAAR hat dazu auch einiges zu sagen, über den „Nouveau Western“. High Noon. Zwischen „Gesetzeshüter“ und Schurke, Schurke und „Schurke“. Wie der Wind am Ende einer Straße. In Echtzeit. Wie bei Baudrillard und in der virtuellen Realität (VR) geht es nicht mehr um das Gemalte, sondern um den Akt des „Malens“ (= Sprayen). Zeitkritisch. Prozessual. Auch im Abklang einer „Case Law“, die Paradigmata, Paradebeispiele, „coole Aktionen“ braucht. Als ob malen alleine zu langweilig geworden ist, zieht man noch das Risiko hinzu. Wie Jochen Schweitzer: Bungee-Springen, aber bitte vom Hubschrauber aus! Als ob malen alleine nicht gefährlich genug wäre - die Spitze kann abbrechen, man kann sich vermalen. Bei der Dose können auch noch Farbkleckse entstehen, wie bei der abstrakten Kunst in den weißen Ateliers… Die New York Times Reporterin macht sich beim Wall Running mit Schweitzer in die Hose, der echte New Yorker bleibt auch bei Regen hart: Gerüchte über Krokodile im Abfluss, in Subway-Tunneln, in denen bekanntlich riesige Killerkakerlaken leben („Mimic“), verfolgt von der CCK („TRANE“ a.k.a. TALIB KWELI in „Marc *Eckō’s Getting Up - Contents Under Pressure“, auch dazu später mehr), „bums“, also Obdachlose, verwaiste „Ghost Stations“ j la Zonengrenze, „Creep“, die englische Version des psychopathischen Wolfskindes lebt zum Glück im Londoner Underground, auch da hat man es nicht leicht im Souterrain. Vom fatalistischen „Third Rail“ ganz zu schweigen, der Rächergott des Graffiti. Wer ein schlechtes „piece“ malt, stirbt - so ist das nun mal. Die Kritiker wären dankbar. AESOP ROCK in „Water“, „The water ain’t safe no more“, LOOMIT, „das letzte Abenteuer, das in den Großstädten bleibt“52. Nicht zu vergessen der „Candyman“, ein Schwarzer der in einer „housing project“-Ruine heimsucht, kein zufälliger Name. Auch der Bezug zum Spiegel, dem Beschwörungsinstrument, gibt zu denken - genauso wie seine „ursprüngliche“ Herkunft. Schauermärchen, um die Kids aus den leerstehenden Gebäuden fernzuhalten? Heißt die Kurzgeschichte, auf der er als Figur basiert, darum The Forbidden?

Auch hier sieht man wieder die Differenz der höher- und minderwertigen Kultur, im Establishment gesteht man sich noch „verführerische“ Schwächen ein. Während hier gerade der Ballonfetisch noch so richtig im Kommen war (Communichator No. 22), begnügt man sich wie im New York der Siebziger andernorts noch mit „Bubbles“53. Warum dazu aber Baudrillard nicht schreibt, bleibt unklar. Selektive Selektion seiner Graffitiinterpretation? Passte das nicht ins Konzept? Weil Kunst durfte es ja auch nicht sein. Vielleicht kann man auch überdifferenzieren. Oder wie er gerne und oft im darum geworden Indifferenten verharren.

Es spielt aber eigentlich auch keine Rolle, Aristoteles und die Kategoremata hin oder her, wichtig ist das Virtuelle. Im Graffiti treffen sich die Extreme aber wieder. Virtuelles Arbeiten, unter realsten Bedingungen. „Keep it real“ heißt es da immer, indem man der Hypersimulation der Medien und aller anderen folgt, Werbung in eigener Sache. Dasselbe in Grün also?

Zeichentheorie

Vielleicht gefiel Baudrillard Graffiti damals, weil es gerade nicht die stupide Wiederholung des Immergleichen ist. Vielleicht liegt darin auch ein Teil ihrer wirklichen Kraft. So ähnelt sich freilich jedes „tag“ recht stark und manche malen immer das gleiche Bild, Tag um Tag - aber es bleibt etwas Manuelles, etwas Handschriftliches und Handwerkliches daran.54 Im Gegensatz zur maschinellen Logik und perfekten Repetition der Werbebanner oder der Campbell Dosen Warhols‘. Der Sticker, das Poster, das Stencil noch bricht aber auch schon wieder mit dieser Strategie der Rückführung eines poetischen Einbruchs der Sprache in das normierte Ensemble der Stadt. Es camoufliert sich, begeht Mimikry, ist eine Art Trompe L’Œil in dem Sinne, doppelt dass es sich als Imitatio dessen ausgibt, was es bekämpft und die Imago für sich vereinnahmen möchte. Ähnlich wie der Vogel, der die Schlange ausbrütet.

Das wiederum hängt zusammen mit der nach McLuhan immer noch stark Gutenberg’schen Galaxie. Paradigmatisch dafür einmal wieder das WTC. Dem Original steht die identische Kopie gegenüber, als Twin Towers, wie bei echten Zwillingen - eine weitere beliebte Metapher Baudrillards - in denen das Einzigartige, Singuläre bereits immer schon auf seine Verdoppelung hinweist (ähnlich auch beim Klon, oder dem Hologramm, wo sich das Ganze im Teil repliziert qua Fraktales). Die Ära der statistischen Gleichförmigkeit, in der es keine Ausreißer geben darf, macht die Unikate des Graffiti zur Bedrohung. Der lineare und mathematisch präzise Stadtraum, wie er sich durch die Drucktechnik und das ursprüngliche Setzen der Lettern quasi von alleine perfekt und uniformiert fügt (später dann durch Haussmann55, dann bald schon Eichmann), darf den eigenmächtigen Einbruch von sogenannten „Laiencodes“ oder schlichtweg ungewolltem nicht tolerieren. Auf derselben Sterngeraden vom Aussortieren alter Häuser, dann armer Menschen, dann bald schon deren totale Beseitigung wohlbefindet sich auch der § 218, Euthanasie & Eugenik, evtl. pränatale Implantationsdiagnostik. Rundherum perfektes, makelloses & fehlerfreies Design bis ins eigene Leben hinein. Es darf keinen Zufall geben, keine Unfälle. Dafür gibt es ja wie bereits erwähnt Verhütung, Vorbeugung, Intervention, Prävention. Was man damit aber schafft ist die dauernde Panne. An einem bestimmten grundfalsch verstandenen Ende dieser Linie stehen ebenso Speer & Mengele und zu viele andere, die Hand in Hand erst das reine Volk, dann das Monument als Volk vom Menschen befreien. Oder vice versa. Schöne Neue Welt GATTACA. Heute ist es das Mem. Wir sind das Mem. Ein Mem bleibt selten daheim. Virale Memifizierung der szenischen „Schlüsselreize“. Das gibt natürlich Erwartungssicherheit.

Die unendlich wiederholbaren und nur durch die Solvenz limitierte Verbreitung der Immergleichen Werbeträger hat genauso seine genetische Funktion in diesem von vorne bis hinten durchrationalisierten Decodierungsverfahren Metropolis wie der immergleiche Betonblock56. Diese Nacktheit der Wüste aber prägt „zufällige Mutationen“ (Darwin) aus, Codes die sich ihre eigenen Gene dazuschreiben und somit zur Bedrohung für die Sozialhygiene des Gesellschaftskörpers werden wie „Cyrus the Virus“. Reinheit wird zum Pyrrhussieg der gekonnten Selbstverstümmelung. Man wähnt sich als homogenes Volk, um den Preis nur des Verlustes vielleicht lebenswichtiger Organe. Und sei es nur weil dadurch die Resistenzkraft und Immunabwehr geschwächt wird, so wie ein septisches Setting auch besonders anfällig ist. Das Militär selbst noch sitzt dieser Tauglichkeit auf und nur der Schuss ins Knie kann einen mit Glück von der Front retten - wo es doch eigentlich für den siegreichen Feldkommandeur keine Rolle spielt, wen oder was man auf dem Weg dahin als Kanonenfutter verheizt. Alles ein und dieselbe Materialschlacht. So mancher Traumatisierte dreht durch, läuft Amok, „Falling Down“. Oder Diagnose Burnout, schlimmer noch Klapse. Die gute alte Garde der Anti-Psychiatrie möchte sich aufdrängen. Ironischerweise sind diese Gene in ihrem eigenen „Biohabitat“ Ghetto (ein Wohnraum, der diese Bezeichnung kaum mehr verdient) zum darwinistischen Fachterminus des „survival trait“ degeneriert, insbesondere in Hinblick auf Fortpflanzungserfolg. Zumindest muss Graffiti mal bei Frauen gezogen haben. Belege hierfür wären zahlreiche Widmungen, auch wie schon seit den 30ern am noch dazu falschen Balkon von Romeo & Julia in Verona, eine touristische, aber akzeptierte und wirksame Betrugsmasche. Aber lügen sich denn nicht alle etwas vor? Denn bekanntlich kommen ja nur die (ganz) Harten in den Garten.

Die künstlerische Betätigung armer Ghettokids, später dann Vorstadtjugendlicher in ihrer „kriminellen Phantasiewelt“ wird also auch zur Herausforderung an die verfolgungstechnische, beizeiten tyrannische (Im-)Potenz der weißen Stadt. Baudrillard formuliert das anders, indem er letztere genauso, wenn nicht als das „wahre Ghetto“ entlarvt, ist hier heute doch jeder in jungen Jahren schon mit Kreationen schöpferisch tätig wie sonst nur ein Absolvent des Grafikdesigns. Aber macht sie das zum Ghetto, dass sie auch als potentielle Weltklasseartisten noch Pizza ausfahren und warum? Ist es Hyperinflation? Oder weil sich unverdienter Reichtum wahre Verarmung leisten kann? Man definiert es selbstverständlich einfach um, dass was die Reichen/Weißen tun ist automatisch geil & wertvoll, ganz egal wie absolut dumm, infantil oder untalentiert es ist. Bringt man dieses Maß an Leistung nicht mehr, wird plötzlich Minimalismus angesagt. Strictly MNML. Aber wie viel weniger ist immer noch mehr? So kann Zeichentheorie alles sein, was mit Zeichen zu tun hat oder auch die Zeichenanleitung eines Galgenmännchens.

Von einem völlig rationalen, strukturalistischen Standpunkt aus lässt sich auch nicht einmal verstehen, warum Graffiti optisch anders zu behandeln wäre als Werbung - ja, mehr noch, Werbung ist oftmals schlechter. Schließlich handelt es sich nicht mal um maßgeschneiderte Unikate. Freilich gilt es hier noch zu differenzieren, aber entscheidend ist wohl wie oftmals der finanzielle Faktor und ein gewisses Feingefühl für Geschmack. Man wertet hier aber durchaus einseitig nicht wertneutral, gefühlsbetont und kaum frei von Vorurteilen, verpasst sich aber das Deckmäntelchen objektiver gesamtgesellschaftlicher Gültigkeit. Oder zumindest was zu derem Besten dienen würde, in einer allwissenden und beinahe unverschämt jovialen Geste der Bevormundung.

Mit der filmreif gezielten Sprengung des WTC aber verschiebt sich alles wieder: beide Türme existieren jetzt nurmehr virtuell (Lichtsäulen), sozusagen eine Erfüllung des Glasfaserkabels, dar Kampf wird jetzt, wie Baudrillard das auch schon vorhersah, nichtmehr zwischen legalem Spießer- und illegalem Demonstrantenspektakel ausgefochten, sondern zwischen Hyperrealität (Hypersimulation, Simulation, Simulacra) und dem Rückfall in die Realität, deren Übermaß dafür der Auslöser war.57 Das Hochhaus selbst ist einerseits rein virtuell geworden, fährt in subtiler Verzückung zum Himmel auf. Während der Staub, dessen sterbliche Überreste in die Asche der Erde eingehen. Denn wir alle sind der im stellvertretenden Märtyrertod sanktifizierte Okzident. Der Aufprall könnte dann aussehen wie in „L’haine“ (banlieues) oder wie das just entstehende „Freedom Tower“, neuerdings „One World Trade Center“ (1 WTC). Wozu sich die Mühe machen, wo man doch schon ein „Empire State“ hat? Hochinteressant ist das ja schon, da jetzt der multipolare (bifurkal plus „blockfreie“ incl. Unbedeutender Rest, die politische Farbe Rosa) Weltmarkt erneut dem hegemonialen Monopol des Empires weicht, das sich selbst zum Großen Einen & Ganzen proklamiert, wie das Allsehende Auge, welches über uns schwebt. Man ist aber schlauer als Sauron - wie ein zweites Barad-Dûr oder gar Nargothrond sieht es nicht aus. Gläsern, schön, strahlend - eine Unterdrückung, die man lieben muss! Luziferisch? Oder gar „Lucy in the Sky with Diamonds“? Ohne Zweifel gehörten aber alle Gebäude immer schon der leichtfertigen Arroganz des amerikanischen Territoriums. Und wenn dann als Appendix, als Anhang, als Wurmfortsatz an. Manche werden ihm dann aber auch zum kräftezehrenden Bandwurm.

Mehr noch: in einer tachyonenhaften Verspottung der Verhältnisse diesseits der Lichtmauer hätte man JAY Zs „Empire State of Mind“ auch ganz banal wieder weiter über die Stadt herrschen lassen können - man hat wohlweislich unzählige Sicherungskopien gezogen - fällt ein Turm, schlägt der nächste von der anderen Seite einer gängigen Schachvariante gemäß aus der Doppeldeckung quer. Auch hat Baudrillard dieses Szenario schon in „Die seismische Form“ vorausgeahnt, indem er sich auf etwas noch früheres bezieht: „New York, das ist King Kong, black-out und die vertikale Bombardierung […]“58 Er erwähnt dann sogar noch den Film „Tower Inferno“. Ebenso hält er fest, dass New York um die Mitte (jetzt wieder die eben genannte?) gravitiert und das in dieser „Zentrifugalkraft“ überhaupt nur „Stämme, Gangs, Mafias, Initiierten- und Perversen-Bünde und Verschwörungen“ überleben können, aber keine Paare. Überhaupt sei es die „AntiArche“, auf die jeder alleine kommt.59 LAURYN HILL versinnbildlicht das vor einigen Jahren in „Everything is Everything“ aber wieder etwas positiver: Die Stadt ist ein Plattenteller, ein Arm nimmt dem rotierenden Ganzen in den Straßen den Ton ab. Die Mitte ist - wie könnte es anders sein - das Empire State.

Konkretes Konzept

Im Grunde wird damit auch der symbolische Erfolg des Anschlags hinfällig - ein virtuelles System hat anders geschädigt zu werden. Man trägt zwar üppig auf, ist aber schon wieder passé. Analog nützt auch „buffen“ nichts, auch „preemptive“ Maßnahmen nicht - „der kleine Terrorist“ mit seinen Buntstiften hat virtuell auch immer schon gewonnen, schon beim Anfertigen der Skizze. Denn schon vor jeder Bewegung wurde der Kampf im Geist entschieden. Alles andere ist wie immer nur Ausführung, Inszenierung, Show. The Show must go on. Graffiti sind genauso echte Non-Events wie die Berichterstattung der Medien. Eine Schmiererei mehr oder weniger, ein Hochhaus, ein Land, ja ein Volk mehr oder weniger, längst schon wurde uns abgewöhnt in solch Banalitäten zu rechnen, was einzig noch etwas zählt ist das Gesetz der Großen Zahlen, aber auch das nur mehr im marginalen Bereich einer bürokratischen Buchhalter-„Phantasie“, wie Baudrillard selbst schön anhand zweier Beispiele beweist: die Schuldenuhr am Times Square und eine Millenniumuhr bei Beaubourg.60

Zurück zu Gutenberg. Das „piece“ macht zunächst einmal Schluss mit der schönen Normierung und Gleichförmigkeit der Buchstaben. Quasi über Nacht änderten sich die Verhältnisse. Auf einmal war wieder alles erlaubt zwischen 12pt und Standardschrift, Zeilenabstand 1,5zeilig. Rundungen, Überdimensionalitäten, Verkantung und Zackiges und Geschweiftes. Doch dann kehrte auch im Graffiti wieder eine gewisse Ernüchterung ein, eine Neue Ideenlosigkeit, die schon gar nicht mehr so weit von der Neuen Sachlichkeit und dem Bürominimal entfernt ist, einer kupfert vom anderen ab, ein Standardstyle etabliert sich, der schon beinahe so scharf sanktioniert wird, wie aus der „richtigen“ Gesellschaft heraus zu fallen, nämlich verweigerte Anerkennung, Unzulässigkeit, „dass man es nicht draufhat“, soziale Ächtung. Man ist peinlich an so manchen asiatischen Kung Fu Klassiker gemahnt. Beim KOOL KILLER ist davon noch nichts zu erahnen, im Gegenteil, Baudrillard begrüßt diesen Überschwang neuer Formen und Kreativität, der Überschreitung freudig. Auch und gerade da wo es unbeholfen ist, noch stümperhaft, oder sich eben erst etwas im Ansatz traut. Da musste also auch noch einiges passieren, bis man wieder da ankam, von wo man wegwollte. Aber das passiert in der Wildnis, gerade wo man sich im Besitz der Kenntnis wähnte - man ging im Kreis. Man kann auch sagen, die Baudrillard’sche „Stammesgesellschaft“ hat schon wieder vergessen, worum es ihr eigentlich ging oder gegangen sein könnte. Diese kindlich-kreative Naivität der Gründerzeit scheint für immer verloren, als die Welt noch jung und neu war.

Andererseits ist alles auch wieder sehr viel komplexer - nur ein Ausgangspunkt sei hier skizziert - bezeichnend ist es aber schon, dass man eine Entwicklung gleich einem Guerillaregime genommen hat: die anfänglich noch Revolutionären nehmen im Laufe sogar mehrerer Generationen (hier) immer stärker die notwenigen Ideale wie Disziplin und Gleichschaltung an, die einerseits notwenige sind um einen straff organisierten Krieg im Untergrund zu führen, der andererseits Devianz bestraft. Um sich vom Zwang zu befreien! Ja, möglicherweise, werden die Subkulturen im Laufe der Zeit sogar intoleranter, als die Kultur von der sie sich gelöst haben, da spielen sicher Faktoren wie noch mögliche oder unmöglich gewordene Zirkulation und „Openness“ (also weder das nessy- oder nellhafte so mancher verschworenen Gemeinschaft), Adaptation und dergleichen eine Rolle. Man muss dann schon fast Kontraverdacht laut werden lassen, die Linientreue muss abgeklopft werden. Das sieht man aber schon schön in „Beat Street“61, dem fiktionalen Klassiker der Szene. Kaum hat sich das Ganze etwas über die bisweilen autistisch anmutende Euphorie der Anfangsphase hinaus etabliert - womöglich sind es auch nur die endlos naiven Achtziger - bilden sich schon so eine Art Gewerkschaften & Innungen, die den Einzelnen schon wieder für dumm verkaufen mögen, „Unions“, an den „City Walls“ vor allem, wie Baudrillard sie nennt62 (Writers Corners, Halls of Fame), die den freundschaftlichen Charakter der nun offiziellen „Crew“ schon institutionalisieren und es dem Protagonisten als Einzelgänger schon ein Stück schwer machen.63 Man will inkorporieren, wachsen, Mitglieder finden, die übliche Dynamik von Regimen und der komplette Funktionenkatalog der einschlägigen Literatur um Organisationstheorie anwendbar, also die klare Verantwortung, die Kompetenzen und eng gesetzten Grenzen der Mittelvergabe, die zunehmende Rigidität nach „Außen“, das Einschleifen etablierter Vorgehensweisen und so weiter - ob es sich dabei um Sprayer, eine Terrorzelle oder eine staatliche Initiative handelt, ist in allen Fällen bedeutungslos. Die Logik bleibt sich völlig gleich. Zielsetzung, Zielerfüllung, Ressourcenmanagement et cetera. Das Diktat des Ökonomischen setzt ein. Eigentlich beginnt dort schon wieder der konkursanbahnende, ruinöse Verfall, wo man „Profis“ ranlässt, um das alles zu optimieren, den Wirkungsgrad zu erhöhen, die Performance zu steigern, die Gewinnausschüttung zu maximieren. Denn wie in allen Schneeballsystemen, sind viele doch wieder nur auf die „schnelle Mark“ aus, ob man dies dann nun neudeutsch oder in Neusprache64 als Networkmarketing oder einem ähnlich waghalsigen Unternehmen diffamieren muss oder auch nicht. Die meisten aber kommen wie immer zu spät.

„Beißen“ wie im Writing oder Rappen tut sich das vor allem dann in erster Linie auch wieder mit dem künstlerischen Anspruch und dem ad-hoc Charakter des Ganzen, Prophylaxe dem Erlischen. Man kann da interpretieren, was man will: im Graffiti geht es vor allem um „Flow“ (der Zeichen, des Styles, des Erlebens wie bei Csikszentmihályi). Wenn das Bild gut ist, dann ist es gut und dann ist „es“ gut. Dann ist es auch nicht von einem „toy“ (Anfänger). Freilich - man kann schon versuchen so einiges zu analysieren, nach allen „Regeln der Kunst“. Ob man sich dann aber etwas anderes als Spott, Verachtung oder Unverständnis einhandelt, hat fraglich zu bleiben. Eher ist es so, wie wenn ein Phänomen, welches man eigentlich bestenfalls genießen kann, mal wieder einen ganzen „Rattenschwanz“ an Literatur nach sich zieht. Trittbrettfahrer des Erfolges. Auch das eine Rekuperationsstrategie, das Nichtssagende erklärbar machen, das Andere zum Gleichen erklären, mit Bedeutung ersticken, Übersignifikation und Überdetermination und immer der Drang zur zwingenden Repräsentation so und nicht anders. In den formalen Kunstdiskurs überführen, nach dessen Regeln. Wittgenstein sagt dazu, worüber man nicht reden kann, darüber sollte man schweigen und dass man die Sätze übersteigen und hinter sich liegen lassen müsse (vergleichbar dem Prinzip der Leiter). Auch da bliebe dann Leere, Zen.

Man kann eigentlich schon einmal partout nicht über das Graffito reden, das unterscheidet sich alles sehr stark nach Kategorien. Ja, es ist sogar fraglich, ob man nicht viel eher von „grafiti“ oder „grafitti“ reden sollte - vom Standpunkt des „writers“ wären diese Schreibweisen auch völlig zulässig. Genau wie das Web auch die „Standardfehler“ schon umleitet. Oder aber eine legasthenische, eine erneut wieder lebendige Sprache für tatsächliche, vermeintliche und literale Analphabeten, die es doch eigentlich lieben, noch ein wenig auf dem Nachhauseweg für ihre Orthographie zu üben. Vielleicht gar Rafiki. Der Medizinmann Simbas, des zukünftigen Königs der Löwen. Der Segen des Dschungels und der Steppe. Man könnte es sich vom Chinesischen her denken, so als ob unterschiedliche Intonationen unterschiedlichen Slang um des Prestiges willen symbolisieren. Man kann sich auch ein Kind vorstellen, dass zwar malen kann, aber noch gar nicht wirklich weiß wie man das schreibt, es könnte auch „cool“ sein, das ganz anders, also nach eigenen Regeln zu „sriven“ und so weiter. Wenn man es denn überhaupt schreiben will. Und so salopp und lapidar beim Namen nennen. Ja, man sollte vielleicht sogar davon Abstand nehmen zu schreiben: ich schreibe Graffiti und so weiter. Nicht nur dass man sich damit verdächtig machen würde, oder zumindest anrüchig, es wäre auch schwer nachweisbar oder angeberisch („powsig“). Man könnte sich sogar eine ganze abstrakte Gesellschaft denken, in der alles voller Graffiti ist und jeder behauptet es wäre das seine. Ja, man könnte sich sogar einen Autor vorstellen, der eigentlich nichts davon versteht aber darüber schreibt. Einen Spezialisten. Diese Gedankenexperimente verharren freilich im Spekulativen.

Selbstverständlich kann man aber schon so einiges sagen darüber: es gibt gewisse wiederkehrende Elemente exemplarisch. So ist Graffiti lesbar oder nicht. So ist „graffiti“ ornamental reich verziert - oder auch nicht. Im Grunde kann Graffiti fast alles. Nun - man könnte einem Kunstwerk (doch ob es das ist muss umstritten bleiben) dieser Façon vorwerfen, es würde sich am Goldenen Schnitt, der Wohlproportioniertheit seiner Bestandteile orientieren, doch auch das ist alles andere als generalisierbar: könnte es doch gerade einen speziellen Charme ausmachen, gerade diese ureigene Konvention unserer Ästhetik zu verstoßen. So könnte man die Symmetrie „verletzen“ oder auch nicht, man könnte auch das Eben- und Gleichmaß der Gesamtkomposition achten - oder auch nicht. Man kann des Weiteren Stilbruch begehen wenn man mag, oder sich streng an eine anerkannte Vorgabe halten. Man darf sich einen Schwerpunkt setzen, oder mehrere, außerdem einen Fluchtpunkt. Bringt man Bewegung mit rein? Oder man lässt alles statisch. Rhythmus kann ein Kriterion sein, Einzigartigkeit. Man möge das Licht ins Spiel bringen und dem nahe verwandt die Perspektive. Andere Aspekte lassen sich ableiten, von Streuung über scharfe Konturen - was nicht unbedingt ein Kontrast sein muss - oder bewusste Brechungen bis hin zur Flächenhaftigkeit oder ganz woanders, auch höher integrierter Ungestalt.

Man kann aber sagen Graffiti bedient sich einer gewissen Symbolik: Peace-Zeichen, Anarchie-~65, Pentagramme (gar Heptagramme? Enneagramme?), Ankhs, ja sogar Hakenkreuze (ob das Graffiti ist, wie ich es verstehe, wage ich aber zu bezweifeln). Immer wieder tauchen Charaktere, sogenannte „characters“ (kurz: „chars“) auf, aus Comics, Stilisierungen von Bekannten, Prominente, Personen des öffentlichen Lebens, aus der PopKultur & Werbung, Verstorbene.66

Die Malereien vereinen zum Teil abstrakte Elemente, geometrische, mit Kalligraphien und Designertools, Schatten, Perspektive, mit Landschaften, illusionistischen Impressionen, klauen wahlweise Einflüsse aus allerlei Epochen zusammen, können themengebunden sein oder nicht (ein Feiertagsmotto, eine Friedhofsszene, ein Inselidyll), der Phantasie sind überhaupt gar keine Grenzen gesetzt. Oft enthalten Graffiti auch erotische Anspielungen. Sehr beliebt waren eine Zeit lang Figuren von Vaughn Bodé, wie Cheech Wizard, Deadbone, oder Junkwaffel. Doch das scheint kein Problem zu sein, selbst Bakshi musste sich Plagiat wegen seinem Avatar aus „Wizards“ („Die Welt in 10 Millionen Jahren“) vorwerfen lassen, worauf dieser beteuerte, es handele sich um einen Tribut. Die Grenzen zwischen kritischer Würdigung und „Style-Gebite“, also schamlos von jemandem zu klauen, sind wie so oft manchmal sehr schmal.

Elementarleere

Von Graffitis67 zu sprechen wäre grammatikalisch eigentlich falsch, Graffito ist aber auch durchaus unüblich. Auch hier klingt wieder dieses Tribalistische, Neo-Indigene, Matrix- Zionistische durch (ist das genuiner Kulturchauvinismus?): Graffiti tauchen nur im Plural auf, in und mit der Horde, niemals alleine. Auch wird der Begriff „graffito“ seine lateinamerikanischen Anklänge nicht ganz los, welche er verrät. Intuitiv analysiert mag das an der für diesen Sprachraum charakteristischen männlich-dominanten Endung liegen.

Graffiti, das ist eigentlich Szenografie: man setzt eine ganze Wand „in Szene“ („mise-en- scene“, auch diese Wendung ist wie die „augenübertölpelnde Illusion“ ein beliebte Wendung Baudrillards). Die Wand und der architektonische Kontext, das gesamte „Surrounding“ gehören dazu (wie später im Surround Sound System, dann THX und Dolby Digital „High-Fidelity“ mit absoluter Klangtreue in zig Kanälen). Ja, vielleicht gehört sogar der Klang ins gelungene Bild, ein optimales Verkehrsrauschen, ein Hupenstakkato. Am ehesten ist das Graffiti noch ein verbales Stilleben, ein „Stillleben“. Eine kaleidoskopisch- fraktale visuelle Symphonie. Der Künstler ja gemeinhin oft eher introvertiert und dann doch wieder so extrovertiert, wenn das geballte, angestaute Opus aus ihm herausbricht. In einer neueren Cola-Werbung kann man sehen, wie Graffiti nicht funktioniert: Perfekt gestylte Jungs & Mädels turnen da etwas zwischen Zügen herum, ohne Mundschutz und Vermummung wohlgemerkt und mal wieder die Unverantwortlichkeit der Großkonzerne in Szene setzend68, drücken ein wenig hier und da auf die Tube (wie bei Marc *Eckō, man malt das Bild als Ganzes aus, einfacher noch als Malen nach Zahlen) et voilà - fertig ist ein „piece“, das sich sogar noch wie ein Film verändert, wenn der Zug in der richtigen Geschwindigkeit vorbeifährt, die Waggons als die einzelnen „frames“. Einfacher geht es kaum, aber „normales“ Graffiti kann auch ohne vorbeirauschendes, gigantisches D a u m e n k i n o motion setzen, aber auch zuhauf freiwillige Propagandisten auf ihrer Seite wähnen können oder konnten, die mit der Flamme des Eifers für ihr Idol streiten. Aber auch positiv besetzteren Lichtgestalten der Szene (ob das in allen Fällen berechtigt ist, ist eine andere Frage) wie 2PAC, EAZY-E, NOTORIOUS „Biggy Smalls“ B.I.G., BIG PUN, BIG L, D 12, J DILLA, JAM MASTER JAY wird oft ein bildlicher Nachruf gewidmet. Nicht zu vergessen AALIYAH oder LEFT EYE! Genauso wie eher lokalen Größen, die sich im Viertel einen gewissen Namen gemacht haben und denen man die letzte Ehre erweist, „paying the dues“. Hier dürfte man im Rahmen der IB getrost mit dem Terminus „Warlord“ hantieren, wenn auch oft eher des virtuellen. Kapr, S. 39, loc. cit., verweist überhaupt auf die frühe Rolle der Schrift zum Andenken der Toten. Es ist aber auch der Ort für einen Nachruf auf Axel Thiel, den großen deutschen Archivar des Graffiti, der 70.000 Dokumente gehortet hatte. picture sein. Gefahren werden hier mal wieder schnöde verharmlost, so kreativ die Werbetreibenden auch sein mögen. Ja, Graffiti, das ist Volkssport geworden und nicht mehr nur Jagdvergnügen für wenige reiche Adelige. Originale Sprayer (aber Coca Cola ist doch das Original!) ähneln in Wirklichkeit eher den Fremen des Wüstenplanten Dune, welche von solcher Sorte müssten sich schon etwas sehr Originelles einfallen lassen, um „da draußen“ auf der Straße auch nur einen Tag zu überleben. Aber das „Spice“ muss fließen. Darin sind sich die Atreides und die Harkonnen sogar einig. Ein Lied von den „Spice Girls“ will sich aufdrängen.

Graffiti ist ja im Grunde al secco Malerei. Anders als die Fresken (al fresco), also die Nassbzw. Feuchtmalerei zu Zeiten der Renaissance, ist man heute auf diese riskante Technik nicht mehr angewiesen - die Haltbarkeit der Werke ist nichtsdestotrotz noch nie so bedroht gewesen wie ohnehin schon bisher. Der technologische Fortschritt wird hier sozusagen ausgehebelt. Wir können aber davon ausgehen, dass Michelangelo, Da Vinci69 & CO., all die Alten Meister, heute auch zur Dose greifen würden. Was man da aber an Kunst- und Kulturschatz vernichtet hätte, ist kaum auszudenken.

Es wird aber auch mit anderen Formen experimentiert: Holzinstallationen, „stencils“, das bereits erwähnte „wheatpasting“, ja man strickt und häkelt heutzutage sogar schon Graffiti („Guerilla Knitting“ gegen die unaushaltbar groß gewordene Öffentliche Kälte). Das eine wickelt man wie einen Schal um eine Laterne oder stülpt es über einen Hydranten, das andere bringt man zum Beispiel eiligst auf der Buslehne des Vordermannes an. Bezeichnenderweise hängt sogar im Weißen Haus eine riesige Wandmalerei, eine - wie könnte es anders sein - „Wildenszene“ für Zuber et Cie, Les Vue d’Amérique du Nord von Deltil noch im Holzmodel- Druck. Wir empfehlen hingegen Les Sauvages de la Mer Pacifique aus dem gleichen Hause von Charvet in der durch Digitaldruck & CAM-Verfahren gestützten Freskographie nach Latzke.

McLuhan würde seine Freude haben an dieser Überflutung der Stadt mit farbigen Details, bestätigt sie doch seine These der elektrifizierten Gesellschaft und ihrer Retribalisierung. Um den Tausch eines Auges für ein Ohr geht es hier aber trotzdem nicht, wie es die schwingende, undulierende Elektromagnetik des Fernsehers wieder implizieren soll, nachdem uns schon das Radio ein Stück weit vom linearen Buch als Satzspur entfernt hatte. Man kann das auch an den Tattoos erkennen, den „piercings“, den Stammesmustern und Schriftzügen in den Heckscheiben. Da wird kein Unterschied mehr gemacht zwischen dem Medium Haus und dem quer darüber laufenden Bild, nicht einmal der Präsidentensitz bleibt davor verschont, ja basiert großenteils baugenetisch auf urwüchsiger Unerschlossenheit. Man denkt wieder holistisch, die ganze Welt ein Wildendorf. Und ebenso wie die Stadt in ständiger Konstruktion und Umwälzung ist, so symbolisiert auch das Graffiti ein ständiges Kommen und Gehen, eine organische Stadt, die sich ständig in Wandel und - bestenfalls - Evolution befindet. Ein offenes Projekt, der (Post-) Moderne gemäß, in dem ständig, wie im Internet, kommentiert wird, hier und da noch ein Beitrag im Forum hinzugefügt, auch wieder gelöscht und verworfen, durch besseres, technisch noch Brillanteres ersetzt. Derselbe Technikwahn, dieselbe Gefahr, die uns durch die Technik droht. Huxley: >>Die technischen Fortschritte haben […] zur Vulgarität geführt […]<<70 Technokratie, ja Technologie in Reinstform, die so manchen zum „Troll“, zum „coolenden“ Verlearer der Negativrede des vorgeblich besseren Kontrollwissens macht. Die Hybris der Wissenschaft, der kein Gegenstand zu schwer oder zu heikel erscheint, sollte davor eigentlich ehrfürchtig innehalten, in Schweigen versinken. Haben wir es schließlich immer mit unersetzbaren und nicht austauschbaren Singularitäten zu tun. Und doch: die Wissenschaft muss das Wagnis eingehen.

Ähnlich wie in der Borges-Fabel, von der Baudrillard immer schwärmt, leben wir schon längst in dieser Bibliothek und t e i w l e i s e blitzt durch das Territorium die ideale Karte. Es kann aber auch sein, dass gelegentlich Fetzen in der Karte fehlen und das ganz reale Territorium freilegen, macht das einen Unterschied? Welchen Standpunkt außerhalb des Rahmens muss man einnehmen um das beurteilen zu können? Muss man nicht auch Julio Cortazár gebührend würdigen? Wie dem auch sei, wie in einer richtigen Bibliothek ist nicht alles für alle verständlich, aber wir können uns gut vorstellen, wie ein Archäologe später einmal unsere Kultur kommentieren wird. Zum einen wird er New York für Babel halten, bevölkert von den Anhängern des Großen Jägers Nimrod. Und diese werden ihre Erfolge gleichsam in Jagdmotiven auf den Wänden verewigt haben, was auch immer sie gejagt haben, muss selbst schon längst zu Staub zerfallen sein. Es muss sich jedenfalls um etwas Großes und Imposantes gehandelt haben, angesichts der beeindruckenden Trophäen und Motive. Wir können uns aber nicht sicher sein: wird man unsere Kultur verdammen, ob ihrer Barbarei und Primitivität noch auf die Wände zu malen, wie unsere frühesten Vorfahren? Oder wird man unsere Kultur verdammen, für die Zerstörung der mit größten kulturellen Errungenschaften noch zu Lebzeiten der Artisten, während man viel viel primitivere und einfältige Werke quasi heiligspricht, nur aufgrund ihrer doch eigentlichen Armut? Was an sich nicht unchristlich wäre, wäre ihr Preis nicht so absurd. Denn selbst das als Kitsch oder Comic für Jüngere diffamierte Werk ist doch der abstrakten Kunst in allen Formen meilenweit überlegen. Wieviel komplizierter ist es technisch, diese anzufertigen, als ein Canvas voller Farbkleckse? Sicher bedarf auch das einiger Übrung, aber muss man diesen in allen Folgebildern auch wieder als eben denselben wiedererkennen? Und die anderen „Splattereien“? Müssen sie alle sich an ihrem realen Vorbild oder gar am Original messen lassen, an der Vergleichsgruppe aller farblichen Unfälle? Ist das nicht offensichtlich? Ja, aber keiner will es zugeben in der Galerie. Man lügt sich gegenseitig etwas vor, schüttelt sich die Hand und wähnt sich im siebten Himmel der Kunst, während anderswo schon ein Teenager die Hochgelobten und Gefeierten beinahe spielend aussticht. Viele davon. Es ist wohl auch Neid auf das als zu rechtens oder unverdient gebrandmarkte Talent mit dabei. Im Ghetto herrscht Hyperinflation des Genies. So oder so, der Mensch als Gattungswesen kann mal wieder nur verlieren.

Eine kurze Geschichte des Graffiti

Antediluvisch, gymnasial, vulkanologisch

Die Wiegen des Lebens

Wenn man Graffiti systematisch-historisch untersucht, stößt man auf eine Art Schattengeschichte der Menschheit. Diese beginnt ganz steinzeitlich in den Höhlen von Lascaux. Es entsteht „[…] aus dem Nichts die Welt der Kunst, mit welcher der Geist beginnt, sich mitzuteilen.“71 Selbstverständlich beginnt sie ebenso mit der Wiederentdeckung 1879 in Altamira (ein „jesuitisches Komplott“ hieß es damals) und an unzähligen anderen Orten zu verschiedenen Zeiten, man muss auch den homo faber erwähnen und den homo habilis, aber die erste genuin künstlerische und damit initialhistorische Tat geht exemplarisch von dieser kleinen französischen Kultstätte aus. Nicht zuletzt der virtuos schreibende Baudrillard, dessen Texte selbst schon einem neuen Anstoß gleichkommen, bringt sie ja mindestens zweimal als Beispiel, für einen wenn auch ganz anderen Sachverhalt, in dem das WTC eine weitere Parallele findet.

[...]

1 Quality of Life, loc. cit.

2 Henning bietet gleich eine ganze Sammlung davon, wie SCHEISS STAAT, REAGAN GO HOME, AKW, NE, NE, NE, SCHACHT KONRAD, D IST UNTEILBAR (ausgekreuzt) UNHEILBAR, als Kästchen stilisierte „Mülltonne“ mit linksdrehendem Pfeil POPPER BITTE HIER EINWERFEN, Kreis mit Blitz, Kreis mit A, DIE ANTIHUMANISTEN, HERZBUBE, NO FUTURE FOR WOLFSBURG, R(A)F DICH AUF, LASST EUCH BRDigen, KEIN ATOMMÜLL KINDERFREUNDLICH. S. 63 ff., loc. cit. Für die Presse sind das allerdings nur „Wüteriche“, „Rowdys“, „„die Jugend““. Man muss fragen: sind das heute Wutbürger?

3 Ein Nachruf findet sich auf http://www.mzee.com/forum/showthread.php?t=9826 (zuletzt aufgerufen am 09.02.13)

4 Laut Schmitt & Irion, S. 125, loc. cit., ist bei Verdunkelungsgefahr hierzu in Deutschland nicht einmal ein Durchsuchungsbefehl notwendig, ansonsten ist aber auf jeden Fall die sofortige Hinzuziehung eines Anwaltes anzuraten, idealerweise Dr. Gau, der quasi in allen Fachzeitschriften groß angepriesen wird, die einschlägige Koryphäe des Metiers.

5 Im Baudrillard, KOOL KILLER, S. 32, loc. cit., bezieht sich diese Herangehensweise angeblich auf die Wandmalereien… Wichtig wäre, die Spielregel zu brechen, nicht nur Architektur ins Spiel zu bringen. Macht es die Sache leichter, dass die Szene fiktiv war, also hyperreal? Eine schöne Verknotung.

6 Auch Lyotard, S. 14, setzt hier an, wenn er den Realismus zum Feind der Postmoderne erklärt. Komplex ist aber, dass die wahrhaft guten Graffiti selbst in einem Spannungsverhältnis zu dessen Hegemonie auf den Straßen stehen. Wie es der Zufall so will, kann man hier nahtlos mit S. 16 anknüpfen, wo die Mechanik der genialischen Individualität und der handwerklichen Elitekompetenz gegenübergestellt werden. Damit ist aber das Unternehmen nichts weniger als Krieg dem Ganzen, S. 31, loc. cit.

7 Insider-Meinungen und weniger bekannte Anekdoten, die sicherlich nicht alle falsch sind, finden sich in Foren wie dem hier zitierten de.indymedia.org/2002/07/25675.shtml (erneut aufgerufen am 31.12.2012).

8 Siehe hierzu www.wsws.org/de/articles/2005/apr2005/graf-a15.shtml (erneut aufgerufen am 31.12.2012), in dem Schily zur Jagd aufruft. Für uns relevant ist aber vor allem die Bewertung des Journalisten als „Szene aus einem Hollywood-Actionfilm“.

9 Dazu seine Homepage www.seencity.net (erneut aufgerufen am 31.12.2012). Komisch ist, dass die alte hp des „Godfather of Graffiti“, www.seenworld.com, down gegangen ist und jetzt nur noch eine Warnung vor dem Sprayen beinhaltet. Warum dann aber der Umzug? Reine selbstreflexive Desinformation? Ganz offensichtlich ist das ein Vermarktungstrick für seine neue Produktlinie „Graffiti Loser“ auf www.blkmarket.fr gewesen.

10 Camus, Der Mythos des Sisyphos, loc. cit.

11 Hier ließen sich auch Parallelen zur Kriegs- & Krisenberichterstattung legen, zum täglichen Häuserkampf. 13

12 Siehe hierzu Daniel 5 oder anschaulicher Rembrandts „Gastmahl des Belšazar“ von 1635. In der Tat ist es hier womöglich sogar die Hand Gottes, die wie Maradona selbst „illegal“ interveniert - gewogen und für zu leicht befunden - wenn es nicht gar der Auslegende ist, der sich dieses Tricks bedient. Würde dem Schöpfer eine kriminelle Handlung nachsagen nicht eine Theodizee aufwerfen? Und wie viele Omen und Politbarometer werden unsere Reiche noch verkraften, bevor sie zusammenbrechen? Hatte Kassandra also doch recht? Das Wort „eupharin“ aus „The Fog“ erscheint uns aber definitiv falsch.

13 „Lass mi ran da, denn sie will ja...“, auch hier wieder eine interessante Ansiedelung auf der phonetisch- schriftlichen Differenz, ganz ähnlich auch (fiktive) Sprayernamen wie NRG (energy), SHOK (Schock) usw., ein erster Hinweis auf eine Art Sprache der Initiierten, ein dazugehöriges Wissen usw., die dem Cybertalk (1337 = LEET) gar nicht unähnlich ist und ihn sozusagen antizipiert. Vgl. hierzu auch z.B. die Passage in Friesinger, Grenzfurthner & Ballhausen, S. 137 ff., loc. cit., betitelt u.a. „cODE wRITING“, in dessen Folge noch andere Formen wie „Experimental HACK“, Room-HACK, Language HACK, DADA hack, CITY hack, Post-Hack und andere Konzepte der „Urban Trash Zone“ (S. 205) vorgestellt werden, „Notes on the collapsing city“.

14 Zu Sweatshops vor allem Naomi Klein, „No Logo!“, loc. cit., passim.

15 Zu diesem und vielen anderen Fachartikeln, siehe www.graffiti.org/index/talk.html (zuletzt aufgerufen am

01.01.2013).

16 Martinez, Graffiti NYC, S. 56, loc. cit.

17 www.egs.edu/faculty/jean-baudrillard/articles (zuletzt aufgerufen am 01.01.2013) bietet eine umfangreiche Bibliographie und Zeitungsbeitragssammlung. Hier war er zuletzt tätig.

18 Wie die meisten kleineren Artikel auch dieser von www.graffiti.org/index/talk.html. Auch Henning sammelt hier ab S. 107 einige Meinungen: >>Ich kann mir schon vorstellen, daß man zur Sprühflasche greifen kann, um sich mal Luft zu machen und was herauszusagen<<. Demgegenüber heißt es auf S. 110 [ob das ein Zufall ist?], loc. cit., >>[…] für mich sind die, die sowas ranschreiben, irgendwie schwachsinnig<< und weiter: >>[…] wohl Demonstranten, welche, die nur mitlaufen und pöbeln<<.

19 Hierzu zum Beispiel der vielbeschworene „digital divide“ der viel früher schon formulierten Wissensklufthypothese von Tichenor, Donohue & Olien. Demgegenüber steht die Barrikade oder Straßensperre, die das Graffiti auch sein kann, als geistige sozusagen. Oder oft mit ihnen einhergeht.

20 Beck, S. 4 ff., loc. cit. Erwähnenswert ist dieses kleine Reclam-Büchlein neben seiner Sprüchesammlung vor allem um seines einsteigerfreundlichen Literaturverzeichnisses willen.

21 Baudrillard, Die Göttliche Linke, S. 71, loc. cit. Daraus folgt für ihn eine „neue, unfreiwillige Sklaverei“ (S.82), „man muss also auf das Böse setzen“ (S. 85) wie Machiavelli vielleicht? Es ist ihm eine „Euphorie am Tropf“ (S. 91).

22 Der Brockhaus hält Graffiti immerhin für „zuweilen kultur- & sprachgeschichtlich wertvoll“, zit. nach Ausfelder, S. 69, loc. cit.

23 Von einer ganzen Reihe dem Underground bekannten ganz schweigen: für Deutschland hat Verlan, loc. cit. diese „Volkslieder“ akribisch auf die letzten 25 Jahre abgeklopft und entdeckt dabei auch „Östliches“: Stereoton, DJ Opossum, Prime Dominance, Human Squad, Pionier Manöver (vermutlich schreibt man das aber zusammen, S. 370 ff.). Nicht zu vergessen die eigentlichen Stars - Three M-Men mit Hits wie „No Sleep Till Dresden“ oder „Hoply!“.

24 Ausführlich zum Phänomen der Ost-Szene, Schmieding, loc. cit. Eine bekannte Crew, die auch in der ex-DDR Erfolg hatte und diesem Milieu entspross, ist „MA’CLAIM“, das sind AKUT, TASSO, CASE, SHROE & RUSK, die uns in einem Lehrgang fur Dummies auch das Prinzip der Schlagschnur näherbringen, vgl. Lehmann & Petermann, loc. cit. Besser als Schlagbaum und 3-Sekunden-Betonblock ist das allemal.

25 Baudrillard, Lasst euch nicht verführen!, S. 47 ff. Das deckt sich allerdings nicht unbedingt mit Hennings Ergebnissen, S. 162, dass Graffiti doch eher wieder ohnmächtigen Aufschrei denn Macht darstellt. Daraus ergeben sich aber „[…] insgesamt Rückschlüsse auf die kommunikativen Strukturen in urbanisierten Gesellschaften. Sie sind defizitär.“ S. 163, loc. cit.

26 Auch Lyotard, S. 20, loc. cit. sieht „Geschmack“ am Werk, Erschlaffung, Geld, bis zur totalen Anpassung von Wert, Profit, Markt und Publikum.

27 Diese Richtung schlagen Friesinger, Grenzfurthner & Ballhausen, loc. cit., schon im Titel ein: „Urban Hacking“. Der Flashmob gehört hierher, die Subway Gallery, Paraflows, überhaupt die Verwendung von „spandrels“ (= „excess space“, e. g. road fork), CCTV, „DIY bike lanes“, Straßenmöbel, überhaupt „Event City“, BART swings, Subway Tea Parties, Parking Days, das „inflatable cafe“, Squats, „Non-Normative-families“ usw. In München kann einem schon mal eine experimentelle Box auf einer Bank in Uninähe begegenen, eine Tatsache, die einen hoffnungslos überfordern kann.

28 Neumann, S. 20, loc. cit.

29 Auch Thiedeke, Medien, Kommunikation & Komplexität, S. 99 ff., loc. cit, weist auf die kybernetische Verschränkung und wechselseitige Förderung von Subkultur & Netz hin: neben dem Endzeitpunk, hält er HipHop aber im Kern seines Wesens für aggressiv, was eher reduktionistisch ist. Elektro können wir hier eher getrost links liegen lassen.

30 Wie die „KLICKKLACK“, oder die drei legendären Ausgaben der „On The Run“. Auch im gesamten Bundesgebiet tut sich um und ab ’89 einiges, es entstehen die „Stylewars“, „Aerosol“, die „Backspin“, die „Enterprise“ u.v.a.

31 Ein paar rezentere Beispiele finden sich bei Friesinger, Grenzfurthner & Ballhausen, loc. cit.: die „Lufthansa Deportation Class“ mit „crane plummeting“ (S. 36) von Silke Wagner 2005, gemahnt werden wir an Schlingensiefs >>legendary „Containeraktion“<< (S. 89). „The most beautiful thing in Tokyo […] Stockholm […] Florence is Banksy“? Auf S. 92 steht das, wir belassen es bei einem Fragezeichen. Aber auch Lenin (S. 119 ff.) ist Stadt-Hacker im ganz großen Stile, „From monument to market“. Annett Zinsmeisters gefüllte Schrapnellspuren in Sarajevo geben zu denken (S. 152).

32 Lyotard hält sie ja S. 97, loc. cit., für einen „Maulkorb“ und stellt so ganz nebenbei die Frage, ob Kapitalismus denn nicht Totalitarismus ist? Da Weltmarkt „faktische Notwendigkeit“ ist, kann die Widerstandslinie nur der Avantgardismus sein. Mit Verbrennung, Mord, Exilierung, Isolation ist zu rechnen.

33 Auch bei Kapr, S. 321, loc. cit., finden sich gewisse Hinweise darauf, dass sich Wolkenkratzer und Business recht gut mit Kalligrafie vertragen. Mindestens für den Geist mag man diesen Vergleich anstellen.

34 Deppe & ODEM, S. 16, nennt sie „der Beamte mit dem Köfferchen“ und stellt sie dem gegenüber, von dem man sagen kann: „der riskiert was“. Ganz überraschend undeutscher Heldenmut und Aufopferungswillen. Das Leben ist ohnehin „zu öde, langweilig“, S. 18. Ist eine Fahrt in der „Wanne“ aufregend? S. 22, loc. cit.

35 Neben der SI sieht auch Klein, S. 449, loc. cit. noch breiten Spielraum für etwas, was man vielleicht „fälschliche Aneignung“ in nachgereichter Ursächlichkeit nennen könnte. Ebenso Schönberger & Sutter, loc. cit., für die Rekuperationen von Neonaziseite (S. 16) genauso Thema sind, wie allgemeinere Rekuperationen (z.B. S. 255). Ein weiterer Punkt, um nicht jedes Detail im Querverweis aufzeigen zu müssen.

36 Vgl. „Loomit der Sprayer“, loc. cit. Mindestens ebenso legendär, die Beteiligung im Vorfeld der Olympischen Spiele von Athen 2004, von der wir auch noch hören werden.

37 http://www.sueddeutsche.de/muenchen/dachau/karlsfeld-jagd-auf-graffiti-sprayer-der-hubschrauber-war-eh- im-einsatz-1.1063545 (erneut aufgerufen am 02.01.2013)

38 Siehe den einflussreichen Artikel von John Seabrook >>The Big Sellout<< im New Yorker vom 20. Oktober 1997.

39 Baudrillard, Die Göttliche Linke, S. 64, loc. cit.

40 Neumann, S. 10/12, loc. cit.

41 Bei Baudrillard, KOOL KILLER, S. 31, loc. cit. ist die Rede von nicht-codierbaren absoluten Differenzen. Nicht für alle - idiomatisch - müsste man vielleicht hinzufügen.

42 Vgl. z.B. de.wikipedia.org/wiki/Graffiti oder dessen englisches Pendant samt Hyperlinks (mehrmals aufgerufen im Zeitraum von Herbst 2010 - Anfang 2013).

43 Allerdings räumt er noch ein, dass es weder Frauen noch die Präsidentschaftskandidatur waren, die ihn dazu veranlassten (S.14). Später (S. 18) verleiht das New York Magazine sogar kurzzeitig „Taki awards“ in Kategorien wie „Grand Design“ oder „Station Saturation“. Castleman, „The Politics of Graffiti“ in: Forman & Neal, loc. cit.

44 Martinez, Graffiti NYC, S. 8 f., loc. cit.

45 1337 für „damage“.

46 Und das in New York! Bei Henning, S. 150, loc. cit. kann man das fürs Dorf schon eher verstehen: “Da schieben sie den Mond ja noch mit der Stange weiter.”

47 Ironischerweise untersucht bereits ein Freund Picassos und anderer prominenter Zeitgenossen, Brassaï, Graffiti seit den frühen Dekaden des 20. Jahrhunderts, explizit dann in einer Stuttgarter Veröffentlichung aus dem Jahre 1960. In „Du murs des cavernes au mur d’usines“ hieß es schon:>>Was unter all den trügerischen Erscheinungsformen nicht ebensoviel Daseinsberechtigung, soviel Wahrheit enthält, sich nicht den formalen Beschränkungen unterwirft wie ein Graffito, es sei als wertlos verworfen.<< zit. nach Wucherer, in Stahl: An der Wand, S. 147, loc. cit. Weitere klassische Quellen zum Graffiti wären Read (1935) & sein Schüler Reisner (1971).

48 Das hört sich eher so an: „Zwinge die Welt, deine Sprache zu sprechen und deine Kultur zu übernehmen.“ Levitt, ein moderner Cowboy. Zit. nach. Klein, S. 132, dem kann man höchstens das „Slowfood“ gegenüberstellen, ein >>Probier den Regenbogen.<<, einen „zuckersüßen Multikulti“. S. 133, loc. cit.

49 Eine ganz andere Franco-amerikanische Liaison stellt seine Absolventeninschrift in Salamanca dar. Andere beschrieben seinen Eigennamen später als Farbbeutel & -eier. S. Schweikhart, in: Stahl, An der Wand, S. 127/28, loc. cit.

50 „Yamakasi“, loc. cit. Eine interessante Verbindung zwischen dem späteren „Schwert“ - wie man es beispielsweise aus „Romeo & Juliet“ kennt - und der Schrift, weist Neef, S. 120, durch die Schreibmaschine von „Remington & Sons“ nach. Und Nähmaschinen. Hier auch wieder die Rückbindung an die Tätowierung, S. 273 ff., loc. cit. Auch das ein „unlösbares“ Bündnis bis zur Narbe. Verletzlichkeit der Haut. punctum. Perforation. Die „organische Lebendigkeit des Werkstoffes“. Nacktheit. Koptische Christen, deren Glaubensbekenntnis. Polynesien fällt hier und die Maori. „ta tatau“, das Schlagen von Zeichen.

51 Ersteres ist das Erkennungszeichen des Clans und ihrer Anhänger, während letzteres bekanntlich der Polizeichef als „skybeam“ auf dem Dach hat, um Batman vor den Schrecken Gothams um Hilfe zu rufen. Hiervon war DJ MATHEMATICS inspiriert, als sie die Fledermaus kurzerhand durch ihr Logo ersetzten.

52 Das ist ein bekanntes Zitat von ihm und hilft zum Beispiel in Behforouzi, S. 124, loc. cit., in seiner „anonymisierten“ Studie qualitativer Interviews den ominösen „Sprayer Nr. 1“ zu enttarnen. Dieses Abenteuer kann man außerdem problemlos mit der „ständigen Erweiterung des Aktionsradius“ gleichsetzen, wie sie Schmitt & Irion, S. 72 f., loc. cit., treffend bemerken. Und das vor allem, da die Discos eh zu kommerziell sind und dort nur „Deppenrap“ läuft. Falsch ist jedoch offensichtlich, dass alle Sprayer Lokalpatrioten bleiben.

53 Vgl. auch TILT, loc. cit., der um die Welt reist, um Frauen mit kaugummiartigen Schriftzügen zu verzieren, „Golden Boy“ der Superlative. Noch expliziter betreibt das inzwischen SLIDER mit der Unterstützung von den BANDITS, MACIA und BURNING SAXONY, vgl. hierzu www.photography-and-art.de/aktuelles-news (aufgerufen am 02.01.2013) oder auch die Down by Law, Ausgabe 10, S. 38 ff., loc. cit. Die Kritik des Sexismus daran ist einleuchtend, scheint aber zumindest den daran beteiligten Mädels nichts auszumachen. Damit folgen sie wohl einer bestimmten emanzipatorischen Schule und ziehen den aus der Debatte hinlänglich bekannten Unmut nicht nur der Fraktion auf sich, die sich vehement gegen die „Ausbeutung“ des weiblichen Körpers wendet, sondern auch diverser konservativer Stimmen. Ob das noch additive „Verschönerung“ oder nur noch kitschig ist, sei wie sonst beim „body paint“ dahingestellt dem geneigten Betrachter überlassen. Oder dient das alles nur als schäbiger Vorwand? Es gilt ja auch: sex sells. Im Vergleich zu TILTs Arbeiten schließlich ist es zwar technisch ausgefeilter, bringt aber nicht die gleiche fotografische Klasse mit sich, sondern setzt noch mehr auf Reize. Auch fehlt der Innovationscharakter der „explorativen Studie“. In beiden Fällen besonders evident und anschaulich ist der „territoriale“ Hoheitsakt.

54 Vgl. Benjamin, loc. cit. Schon der Titel verweist auf das Ende dieses Zeitalters. So heißt es ab S. 10, dass Bilder nun so schnell wie Sprache seien, es geht ab nun um das „hic et nunc“ und zugleich erhebt sich die Frage nach dem Original und der Echtheit. Manuell ist dann schon fast „Fälschung“. Doch damit wird auf S. 20 in Anlehnung an Brecht, „Kunst“ zur Ware. Dahin ist die Autonomie (S. 22), dahin das Reich des >>schönen Scheins<< (S. 27). Was bleibt ist Befremden. „Es veröden die Parlamente gleichzeitig mit den Theatern.“ Das führt (S. 28) zur künstlichen „personality“, es „konserviert jenen Zauber der Persönlichkeit, der schon längst nur noch im fauligen Zauber ihres Warencharakters besteht.“

55 Baudrillard, KOOL KILLER, S. 33, loc. cit. Strahlenform, Obelisk. Er gibt ihm den “ersten Preis für Design”.

56 Darum will sich S. 77 ff., loc. cit., Neumann auch gegen die Rechtwinkligkeit und Einebnung wenden, es ist ein Plädoyer für Fragmente und Differenz, wir wollen noch hinzufügen: für ein Leben außerhalb des „grids“, des Katasters und mit dem Lineal gezogenen Gitternetzes, was in den USA sicher noch viel schlimmer sein kann. Allerdings nicht so solar herrschend absolutistisch. Demokratischer in der Ebene, hier zerdrückt einen die dritte Dimension. So sagt auch Baudrillard, Amerika, S. 137, loc. cit., dass in NY überhaupt nur die Straßen, nicht die Museen Beachtung verdienen. Der Autor teilt diese Meinung: man muss durch die Stadt laufen, laufen, laufen. Unter Umständen auch wie Gump. Der Jogger hingegen gehört laut Baudrillard nach Venice Beach. Sehen und gesehen werden. Wo es ihm nicht um nie verhallenden Impuls geht. Und keinesfalls anhalten! Das wäre nicht nur lebensgefährlich, sondern im doppelten Sinne! Man kann ergänzen (wenn man mag): vielleicht kann man ihn auch im Stadtpark von NY seine Runden drehen lassen…

57 Inzwischen ist man wieder einen Schritt weiter und baut noch ein Übermaß an WTC. Andere „bauen“ XTC. Ob es eine weitere 66%-ige Ähnlichkeit gibt? Klein, S. 509, meint übrigens, die Händler dort (in den Türmen…), seien nicht nur Symbol, wie Baudrillard das sieht, sondern echte „Ausüber der Freiheit“. Auch das ist >>Heiliger Krieg<< (S. 510) und >>Summit Hopping<<, S. 513, loc. cit.

58 Baudrillard, Lasst euch nicht verführen!, S. 65, loc. cit. 31

59 Baudrillard, Amerika, S. 32, loc. cit. Abend für Abend soll man sich seine Begleiter zur letzten [apokalyptischen] Party suchen.

60 Die Staatsverschuldung suggeriert sich als archimedischen Punkt eines Paralleluniversums und das wo doch eben diese Komparabilität fehlt - verschuldet bei wem, einem idealen Universum? Und auch der freudig- panische Taumel der Apokalypse blieb aus, Ernüchterung, die virtuelle Spannung krampfhaft auf 2012 zu verschieben suchte. Graffiti reiht sich auch vom unteren Totpunkt her in den globalen Fortschrittsprozess ein, der immer einen Schritt vor dem Abgrund den Schaden wie die Schulden zuversichtlich ins Asymptotische schnellen lässt.

61 „Beat Street“, loc. cit. Übrigens von Harry Belafonte, Bananen und so. Die es im Osten ja dann doch auch vereinzelt gab und dann wieder mit dem Bananensprayer.

62 Wohl aufgrund der City Walls Incorporated von 1969, hinter der, wie könnte es anders sein, nicht nur die Abteilung für kulturelle Angelegenheiten, sondern auch die David Rockefeller Foundation steckt… Baudrillard, KOOL KILLER, S. 31/32, loc. cit. Paradoxerweise sind die Zuwendungen sogar steuerlich absetzbar. Hier ist auch wieder die Verbindung zum Monument. Im „bill-board-art-project“ von LA sieht das dann so aus: >>Dieses Projekt […] Foster & Kleiser […] Räume zu Kunstvitrinen […].<<

63 Das wäre das Analogon, dass Klein, S. 160 sieht, wenn sie festhält, dass nur die „Größten & Stärksten“ überleben, „alle fusionieren“ und (auch hier) eine Art Markenspirale in Gang gesetzt wird. Denn hier wie da gilt, wie sie Wolf S. 162 ff., loc. cit., zitiert: >>wenn man nicht überall ist, ist man nirgends<<. Und O’Neal: „sie enden alle wie >>Mickey Maus<<“ Der erste Disney-Store entstand übrigens 1984… Wer jedoch denkt, ein Superstore müsse Gewinn abwerfen, habe nichts verstanden. Auch das ist „location“, Tempel, „Prägung“, Schauspiel.

64 Interessant das Lyotard, S. 115 f., loc. cit., das für Das-nicht-schon-Gesagte hält. Dem korrespondiert auch ständige Initiation und vernarbende Gewöhnung.

65 Dieses kann man auch wie Neumann mit den sog. „Haschrebellen“ assoziieren, S. 15, loc. cit.

66 Schlagzeilen unter den unlängst verblichenen Bestandteilen der Graffiti-/Muralkultur machten vor allem Bin Laden, Qaddafi & Jong Il. Früher schon Khomeiniverehrung von Regierungswegen, Hussein, überhaupt alle zwielichtigeren Staatsmänner, die auf diese Form von Imagepflege in oft schlecht alphabetisierten Ländern

67 Allerdings begeht ausgerechnet Baudrillard, Amerika, S. 35, loc. cit. diesen Fehler selbst! Das ist eigentlich fast peinlich, wo er doch mit Mailer den Standardessay zum Thema verfasst hat. Dass er diesen arg kritisiert, wie Stahl, An der Wand, S. 13, loc. cit., auszumachen scheint, konnten wir jedoch gar nicht bestätigen. Es ist sogar fraglich, ob er ihn in dieser Hinsicht oder je rezipiert hat. Und falls doch: die beiden Texte haben kaum eine gemeinsame Basis, sind eher ein anderes Spiel. Indirekt ist das vielleicht „Kritik“, jedoch keine gezielte.

68 Das wäre ein Bild, wie es auch die seit Jahrzehnten neu aufgelegte Shell Jugendstudie, zuletzt 2010, hätte zeichnen können.

69 Dieser erwähnt übrigens schon in seinem Traktat über die Malerei, dass alles Mauerwerk Inspiration sei, empfiehlt geradezu deren Studium. Wucherer, in: Stahl, An der Wand, S. 137, loc. cit.

70 zit. nach Benjamin, S. 29, loc. cit. Huxley weiter: es sei zwar zu jeder Zeit der überwiegende Teil künstlerischer Produktion minderwertig, der Prozentsatz des Abhubs sei aber nie so groß gewesen.

71 Bataille, S. 11, loc. cit. Es handelt sich hier auch um die Vision eines Fernsten, einer unbekannten Tiefe, eines nichtmenschlichen Untertones. Animalisch, stumm, fühlbar.

Ende der Leseprobe aus 199 Seiten

Details

Titel
Graffitiverbot & Writin'. Im Anschluss an Baudrillards "KOOL KILLER"
Autor
Jahr
2013
Seiten
199
Katalognummer
V379231
ISBN (eBook)
9783668565425
ISBN (Buch)
9783668565432
Dateigröße
3244 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
jean baudrillard, kool killer, graffiti, street art, sprayen, aufstand der zeichen, stencil, mural, vandalismus, subvertizing, guerillakommunikation
Arbeit zitieren
Oliver Köller (Autor), 2013, Graffitiverbot & Writin'. Im Anschluss an Baudrillards "KOOL KILLER", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/379231

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