Interkulturelle Kommunikation zwischen Geflüchteten und Deutschen

Aktuelle Herausforderungen und Lösungsvorschläge für eine erfolgreichere Kommunikation


Hausarbeit (Hauptseminar), 2016

17 Seiten, Note: 1,3

Madeleine B. (Autor)


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Aktuelle Relevanz

2 Kultur und Interkulturelle Kommunikation
2.1 Der Kulturbegriff
2.2 Interkulturelle Kommunikation

3 Herausforderungen in der Interkulturellen Kommunikation zwischen Deutschen und Geflüchteten
3.1 Missverständnisse
3.2 Stereotype
3.3 Vorurteile
3.4 Zusammenhang zwischen Stereotypen und Vorurteilen

4 Lösungsansätze zur Prävention und Reduzierung von Missverständnissen, Vorurteilen und Stereotypen

5 Fazit und kritische Würdigung

6 Quellen

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Stereotypen und Vorurteile

1 AKTUELLE RELEVANZ

Die derzeitige politische Lage in vielen Ländern des Nahen Ostens zwingt seit Beginn des Arabischen Frühlings im Jahr 2011 viele Menschen zur Flucht. Bürgerkriege und Gewaltdiktaturen in Syrien, Irak und Afghanistan, aber auch Staatskrisen und Kriminalität in den Balkanstaaten, Armut und Zwang zum Militär in Ländern Afrikas veranlassen Millionen Menschen derzeitig dazu, ihre Heimat auf der Suche nach Perspektiven in Europa zu verlassen. Allein zwischen Januar 2015 und Mai 2016 wurden 744.108 Erstasylanträge in der BRD gestellt, Folgeanträge und illegale Einwanderung ausgeschlossen (vgl. BAMF, 3).

Die deutsche Gesellschaft wird dadurch heterogener und multikultureller. Jedoch spaltet sie sich zwischen Befürwortern und Gegnern der neuen deutschen Willkommenskultur. Während sich ein Teil der Bevölkerung für die Rechte und Integration Geflüchteter aktiv einsetzt, demonstrieren Gegner in neuen Institutionen wie PEGIDA und AfD gegen die Aufnahme weiterer Menschen. Verunsicherung und Angst untermauern rassistische Ideologien, die eine erfolgreiche Integration maßgeblich erschweren. Missverständnisse zwischen Geflüchteten und Deutschen aufgrund von großen soziokulturellen Differenzen stehen auf der Tagesordnung, Vorurteile und Stereotype entstehen und verfestigen sich im Denken vieler Deutschen.

Die vorliegende Arbeit untersucht aus diesen Gründen, welchen Einfluss Kultur auf die interkulturelle Kommunikation hat, wo aktuelle Herausforderungen in der interkulturellen Kommunikation zwischen Geflüchteten und Deutschen liegen und wie diese nachhaltig verbessert werden kann um zu einer erfolgreichen Integration der Geflüchteten beizutragen.

Im ersten Teil folgt eine theoretische Begriffserklärung der Konzepte Kultur und interkultureller Kommunikation nach Barmeyer (2012) und Bolten (2007), welche maßgeblich die Entstehung von Missverständnissen, Vorurteilen und Stereotypen beeinflussen. Im zweiten Teil werden Entstehung, Auswirkungen und Zusammenspiel dieser drei Herausforderungen mit Rückgriff auf Maletzke (1996) zu Missverständnissen und Thomas (2006) zu Vorurteilen und Stereotypen beleuchtet. Untermauert werden diese Theorien aus Soziologie und Kulturwissenschaft mit praktischen Beispielen der interkulturellen Kommunikation zwischen Deutschen und Syrern/Arabern, da diese mit ca. 50% die größte vertretene Gruppe darstellen (vgl. BAMF, 8). Da kaum Fachliteratur zur aktuellen Flüchtlingsthematik existiert, führt diese Ausarbeitung die theoretischen Konzepte mit Beispielen aus der Presse zusammen. Im letzten Teil werden mögliche Handlungsanweisungen zur Prävention und Reduzierung von Vorurteilen diskutiert, die dazu verhelfen sollen, die Kommunikation zwischen beiden Gruppen konstruktiv zu verbessern und negative Einstellungen gegenüber Geflüchteten zum Positiven zu verändern.

2 KULTUR UND INTERKULTURELLE KOMMUNIKATION

Kultur ist nichts Sichtbares, sondern das unsichtbare Band, das die Dinge zusammenh ä lt. (Joseph Joubert - franz. Moralist, 1754 - 1824)

2.1 Der Kulturbegriff

Wie obiges Zitat besagt, ist Kultur ein abstrakter Begriff, der aufgrund seiner Unsichtbarkeit schwer zu fassen ist. Es existieren etliche Definitionen aus Anthropologie, Sozialpsychologie, Soziologie, Philosophie1, den aus den USA stammenden Cultural Studies, sowie der in Deutschland entstandenen Kulturwissenschaft, die sich aus einigen philosophischen Strömungen und Entwicklungen etabliert haben (vgl. Hansen 2014, 9ff.).

Eine neuzeitliche Definition von Kultur beschreibt diese als „Erlerntes Orientierungs- und Referenzsystem von Werten, Praktiken und Artefakten, das von Angehörigen einer bestimmten Gruppe oder Gesellschaft kollektiv gelebt und tradiert wird und sie von Angehörigen anderer Gruppen und Gesellschaften unterschiedet. Dabei gibt jede Kultur ihren Mitgliedern bestimmte Möglichkeiten, gemeinsames und individuelles Handeln zu gestalten. Kultur kann auch als „unbewusste Selbstverständlichkeit“ bezeichnet werden.“ (vgl. Barmeyer 2012, 95f.)

Die Kultur eines Individuums ist vor allem durch dessen Wahrnehmung und Wahrnehmungsgewohnheiten bestimmt. Die Selektion von dem, was wahrgenommen wird und was nicht schafft Ordnung in einer komplexen Realität, die aufgrund der Begrenztheit menschlicher kognitiver Kompetenz nicht vollständig erfasst werden kann. Diese Wahrnehmungsgewohnheiten werden im Rahmen der Sozialisation innerhalb einer Gruppe aufgenommen, gepflegt und weitergegeben und bestimmen, welchen Aspekten im menschlichen Zusammenleben Bedeutung beigemessen wird. (vgl. Bolten 2007, 29ff.)

Das Wahrgenommene wird in Wissensvorräte überführt, die Werte, Denken und Handeln der Gruppe oder des Kollektivs formen. Diese Vorräte konstituieren sich einerseits aus kognitivem Wissen, welches durch Individuen des Kollektivs über Generationen hinweg vermittelt wird, andererseits aus individuellem Erleben. Wissen, Erfahrungen, Werte, Denk- und Handlungsmuster bestimmen schließlich, wie wir neue Wahrnehmungen, fremde Sachverhalte, Erfahrungen und Wissen interpretieren. (vgl. ebd.) Interpretatorische Schemata sind also durch individuelles Erleben und vermitteltes Wissen des Kollektivs bedingt. Diese bestimmen, wie wir unsere Realität konstruieren.

Zusammengefasst konstituiert sich eine Kultur also durch den Rückgriff ihrer Mitglieder auf sich wiederholende, gleiche oder ähnliche Wahrnehmungs-, Interpretations-, Denk- und Handlungsmuster.

Es ist wichtig hervorzuheben, dass es sich bei der Generierung von Werten, Denk- und Handlungsmuster nicht um einen Zustand sondern um einen Prozess handelt: neues Wissen verändert ständig bestehende Werte, auf individueller und kollektiver Ebene. Man spricht hier auch von kultureller Dynamik (vgl. Inglehart/Welzel 2005, zit. n. Barmeyer 2012, 96). Diese Dynamik wird unter anderem durch den Austausch der Individuen mit anderen Individuen unterschiedlicher, also „fremder“ Kulturen bedingt, die sich gegenseitig ergänzen und bereichern. Dies bedeutet, dass „Kulturen […] nicht als Container vorstellbar [sind]“ (vgl. Bolten 2007, 41). In Anlehnung an Herders Symbolismus (vgl. Müller 2001, 80) sind sie also keine Billardkugeln, die sich gegenseitig nur oberflächlich berühren und abstoßen, sondern Konstrukte, die aktiv ineinander einwirken, sich beeinflussen, bedingen und verändern.

2.2 Interkulturelle Kommunikation

Bei interkultureller Kommunikation handelt es sich um den Kontakt zwischen zwei oder mehreren Menschen mit unterschiedlichen Denk-, Handlungs-, Interpretations- und Wertesystemen. Per Definition meint interkulturelle Kommunikation den „Austausch- und Interaktionsprozess zwischen Personen und Gruppen mit unterschiedlichem kulturellen Hintergrund, die verbal oder non-verbal über Zeichen […] Ideen, Gefühle und Bedeutungen austauschen“ (Barmeyer 2012, 84).

Im Kontext der aktuellen Fluchtmigration stoßen Menschen aus arabischen, osteuropäischen und afrikanischen Ländern in Deutschland mit Deutschen, aber auch mit Menschen anderer kultureller Herkunft zusammen.

Sofern die kommunizierenden Individuen die Erfahrung oder das Wissen über die Kultur der anderen Person nicht teilen bzw. für deren Andersartigkeit nicht sensibilisiert sind kann dies zu Spannungen und Missverständnissen unter den Gruppen führen (vgl. Thomas 2003, zit. n. ebd., 84). In diesem Fall prägen Fehlinterpretationen Einstellung und Verhalten von Individuen gegenüber den Mitgliedern anderer Gruppen und nicht selten resultieren daraus Missverständnisse, Vorurteile und Stereotype, die zu Ablehnung der anderen Kultur und im schlimmsten Fall zu Rassismus führen.

3 HERAUSFORDERUNGEN IN DER INTERKULTURELLEN KOMMUNIKATION ZWISCHEN DEUTSCHEN UND GEFLÜCHTETEN

Der folgende Abschnitt widmet sich der Herkunft und Auswirkungen von Missverständnissen, Stereotypen und Vorurteilen, um im Anschluss mögliche Handlungsanweisungen hin zu einem positiven und konstruktiven Zusammenleben zu geben.

3.1 Missverständnisse

Missverständnisse in der Kommunikation zwischen Menschen unterschiedlicher Herkunft resultieren aus zahlreichen Gegebenheiten. Maletzke (1996, 135ff.) zählt in seiner Publikation etliche Gründe auf, die zu Begegnungsproblemen durch Kulturspezifika führen. Dazu gehören unter anderem Nationalbewusstsein, Wahrnehmung, Zeiterleben, Raumerleben, Denken, Sprache und sprachliche Verständigung, non-verbale Kommunikation, Wertorientierung, Verhaltensmuster und soziale Beziehungen.

So meint beispielsweise das Nationalbewusstsein das Zugehörigkeitsgefühl von Menschen zu einer bestimmten Gruppe aufgrund gemeinsamer Merkmale wie Religion, Sprache oder Rituale. In Bezug auf die Flüchtlingssituation muss beachtet werden, dass zum Beispiel die Gruppe der „Araber“ aus unterschiedlichen Ländern stammen, diese sich aber nicht durch ihre Nationalität sondern durch ihre Zugehörigkeit zu einer Ethnie oder Religion definieren. So gibt es unter den Syrern die Araber, Kurden, Armenier und weitere2, die große kulturelle und identitätsstiftende Unterschiede aufzeigen (vgl. Leukefeld 2011; Avenarius 2012).

Daran anknüpfend sind verbale Sprachprobleme zu nennen, die allerdings nicht nur auf der Schwierigkeit der starken strukturellen Differenz zwischen dem Deutschen und dem Arabischen bzw. anderen Sprachen beruhen, sondern auch auf den vielen verschiedenen Varietäten und Dialekten. So könnte man meinen, dass Flüchtlinge aus dem arabischen Raum alle die gleiche Sprache, das Arabische, sprechen. Allerdings gibt es starke grammatikalische und lexikalische Abweichungen zwischen dem Hocharabischen und den Dialekten und auch das auch in Syrien gesprochene Kurdisch hat fast nichts mit dem Arabischen gemeinsam.

Zudem beinhalten verbale Sprachprobleme neben wörtlichem Verstehen auch symbolisches Verstehen. Abstrakte Begriffe werden oft nicht sinngemäß übersetzt, da ein Pendant nicht existiert. An solchen Fällen wird gezeigt, wie Kultur und das „kulturelle Gedächtnis“ (vgl. Assmann 2007) durch Einflussgrößen wie Wissenschaft, Philosophie, Politik oder Technologie über die Zeit hinweg geformt wird und wie wichtig diese Einflussgrößen für den Ablauf der interkulturellen Kommunikation sind (vgl. Dülfer 2005).

Neben funktionellen Sprachproblemen kommt es häufig zu Missverständnissen aufgrund von Wahrnehmungsunterschieden, das heißt der Bedeutungszuschreibung von Objekten und Sachverhalten. Beispielhaft ist hier der Körperkontakt zu nennen: während es in arabischen Ländern Brauch ist, dass Händehalten auch für Männer ein Zeichen des Vertrauens ist, könnte diese Geste in Deutschland als Indikation für Homosexualität interpretiert werden. Mit dem Bruderkuss verhält es sich ähnlich. (vgl. Ortlieb 2008)

Bezüglich sozialer Beziehungen können Missverständnisse aufgrund der Verletzung von Hierarchien oder gesellschaftlichen Rollen genannt werden. Eine Studie von Kashkoul (2013) zeigt anhand von Interviews auf, dass Hierarchien und patriarchalische Strukturen in arabischen Ländern stärker ausgeprägt sind, was zu großen Diskrepanz zwischen Arabern und Deutschen führen kann. Demgemäß fällt es manchen arabischen Männern oft schwer, deutsche Frauen in Führungspositionen zu akzeptieren, da Frauen in einigen der Herkunftsländer dem Mann hierarchisch untergeordnet sind (vgl. web 1).

Sofern Missverständnisse - ganz gleich ob aus Eigen- oder Fremderfahrungen durch Erzählungen anderer Mitglieder der Gruppe - ungeklärt bleiben, können sich diese zu Stereotypen und Vorurteilen entwickeln (vgl. Bürkle 2003, 2). Im Folgenden wird deshalb eruiert, wie Vorurteile und Stereotype entstehen, wie diese zusammenhängen und wie sich diese in der aktuellen Flüchtlingsdebatte widerspiegeln.

3.2 Stereotype

Geprägt von Lippmann (1922) meint der Begriff des Stereotyps „vereinfachende, schematisierende und verzerrende Kognitionen von Aspekten der sozialen Welt (Gruppen, Klassen, Nationen, Berufen, etc.) sowie von sozialen Institutionen“ (vgl. Häcker/Stapf 2004, zit. n. Thomas 2006, 4). Sie sind verfestigte Bilder personenbezogener Eigenschaften einer anderen Gruppe, die von Individuen häufig durch vorgefertigte Meinungen unreflektiert übernommen werden, meist nicht auf eigenen Erfahrungen beruhen (ebd., 7; Bolten 2007, 55).

Erzeugt werden Stereotypen im Rahmen unseres Wahrnehmens auf der Suche nach Ordnung und Vereinfachung: da es schwierig ist, bisher Unbekanntes in seiner Realität zu erfassen, helfen uns generalisierte Schemata von eigenen Beobachtungen und Erzählungen von anderen, das Fremde zu klassifizieren und einzuordnen. Die eigene bzw. übernommene Meinung wird dann als die richtige erachtet, da sie bekanntlich Ordnung in der eigenen Wahrnehmung schafft (vgl. Bolten 2007, 33). Da Heterostereotypen, also Stereotypen über andere Gruppen, die Wahrnehmung von Fremdem vereinfachen, den Umgang mit diesem erleichtern und häufig weit verbreitet sind, sind sie zudem sehr veränderungsresistent (vgl. Thomas 2006, 7).

[...]


1 Um einige der Forscher der Kultur zu nennen: Simmel, Montaigne, Tylor, Freud, Adorno, Wilhelm von Humboldt, Voltaire, Leibniz, Luhmann (in Anlehnung an Maletzke 1996, 15; Hansen 2014, 9ff.)

2 z.B. Sunniten, Schiiten, Alawiten, Ismailiten, Turkmenen, Tscherkessen, Aramäer und Assyrer

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Interkulturelle Kommunikation zwischen Geflüchteten und Deutschen
Untertitel
Aktuelle Herausforderungen und Lösungsvorschläge für eine erfolgreichere Kommunikation
Note
1,3
Autor
Jahr
2016
Seiten
17
Katalognummer
V379676
ISBN (eBook)
9783668564619
ISBN (Buch)
9783668564626
Dateigröße
620 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kommunikation, Geflüchtete, Flüchtlinge, Deutsche, Critical Incidents
Arbeit zitieren
Madeleine B. (Autor), 2016, Interkulturelle Kommunikation zwischen Geflüchteten und Deutschen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/379676

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