Inwiefern ist der soziale Hintergrund ausschlaggebend für den Bildungserfolg?

Ein Abgleich mit Bourdieus Theorie der kulturellen Reproduktion


Hausarbeit, 2012

17 Seiten


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Bourdieus Theorie der kulturellen Reproduktion
2.1. Das kulturelle Kapital
2.2 Kapitaltransformationen
2.3. Kulturelles Kapital und soziale Ungleichheiten im Bildungssystem

3. Empirische Untersuchungen
3.1. Kulturelles Kapital und Bildungsaspiration
3.2. Kulturelles Kapital und Schulerfolg

4. Fazit

Literatur

1. Einleitung

Der französische Soziologe Pierre Bourdieu strebte schon zu Beginn seiner Arbeit als Sozialwissenschaftler nach einer Form des Eingreifens in die soziale Welt. Auf der Grundlage empirischer Forschung, soll es dem Soziologen gelingen, Missstände in den gesellschaftlichen Verhältnissen aufzuzeigen. Damit verbunden ist bei Bourdieu immer die Möglichkeit der Reform, die aktive Bemühung um den Abbau von sozialer Ungleichheit, Not und Elend[1].

Denn Bourdieu versteht seine Aufgabe vielmehr als engagierter Intellektueller, der sich angesichts kultur- und sozialpolitischer Probleme der Teilnahme an konstruktiven Diskussions- und Gestaltungsprozessen verpflichtet fühlt[2].

Die bildungssoziologischen Erkenntnisse und Theorien Pierre Bourdieus sollen Gegenstand dieser Arbeit werden. Sie analysieren die Reproduktion sozialer Ungleichheiten durch das Bildungssystem.. Dabei soll seiner Theorie der kulturellen Reproduktion besondere Aufmerksamkeit zukommen, die durch die international und periodisch vergleichbaren Ergebnisse der PISA –Studien aus dem Jahre 2000 und 2003 neue Aktualität erfährt.

Einführend sei festgehalten, dass Bildung in modernen Gesellschaften zur wichtigsten Größe für materiellen Wohlstand avanciert[3].

Vor allem in Bezug auf soziale Ungleichheiten ist Bildung eine Determinante von weitreichender Bedeutung, die als Indikatorsozialer Differenzierung dient. Die Ergebnisse der Untersuchungen des ‚Programme for International Student Assessment’ der OECD bestätigen die Effekte sozialer Herkunft auf Bildungschancen in der Bundesrepublik Deutschland. Kompetenzerwerb in den Pflichtbildungssystemen Deutschlands ist maßgeblich auf soziale Herkunft zurückzuführen. So sind in keinem der 32 untersuchten Staaten die Unterschiede zwischen der mittleren Lesekompetenz von 15-jährigen aus Familien des unteren und oberen Viertels der Sozialstruktur so signifikant wie in Deutschland[4].

Die folgende Arbeit geht der Frage nach, aus welchem Grund und inwiefern die soziale Herkunft als ausschlaggebend für die Bildungsbeteiligung und den Bildungserfolg angesehen werden kann.

Dabei wird zu Beginn der Arbeit die Bedeutung der Bildungsexpansion und der Bildungsbeteiligung für den sozialpolitisch angestrebten Abbau sozialer Ungleichheiten im Bildungssystem untersucht.

Anschließend sei Bourdieus Theorie der kulturellen Reproduktion dargestellt. Wobei die Reproduktion kulturellen Kapitals und deren Implikationen für die Aufrechterhaltung sozialer Ungleichheit im und durch das Bildungssystem im Vordergrund steht.

Bourdieus Konzepte sind Grundlage der Erklärung bestehender Ungleichheiten der Bildungschancen und der Bedeutung der Ressourcen des Einzelnen im Bildungssystem sowie der Bedeutung des Bildungssystems für die Verteilung von Chancen.

Nach der theoretischen Ausarbeitung von Bourdieus Konzepte der kulturellen Reproduktion folgt die Darlegung zweier empirischer Untersuchungen. In der Tradition der Soziologie Bourdieus soll versucht werden, einerseits durch empirische Studien einen anschaulichen Einblick in die Theorie zu gewähren, andererseits konkrete Ansätze bourdieuscher Bildungssoziologie in der Praxis zu liefern.

2. Bourdieus Theorie der kulturellen Reproduktion

Bourdieu entwickelte die Theorie der kulturellen Reproduktion, um die Permanenz der sozialen Ungleichheit aufgrund sozialer Herkunft nachhaltig erklären zu können.

Bourdieu geht davon aus, dass das Bildungssystem dem Anspruch einer optimalen Selektion nach Leistungskriterien und dem daraus folgenden Statuserwerb nicht erfüllen kann. Im Gegenteil, ob die formal gegebenen Bildungschancen von dem Einzelnen genutzt und Bildungszertifikate erfolgreich erworben werden können, ist mehr denn je abhängig von leistungsbezogenen Kriterien wie der sozialen Herkunft der Kinder und der sozialen Beziehungen ihrer Eltern. Zweifelsfrei kann dabei nicht von sozial gerechter Chancenverteilung gesprochen werden[5].

So besagt Bourdieus zentrale Annahme, dass das Bildungssystem, ‚gewollt oder nicht gewollt, die eigentliche Funktion der Stabilisierung des Systems der sozialen Ungleichheit ist’ und ‚ selbst ein wichtiger Teil im Gesamtsystem der Reproduktion von Macht ist’[6]. Die mit ungleichen sozialen und kulturellen ‚ Startkapitalen’ ausgestatteten Kinder werden im Bildungssystem nach ihrer sozialen Herkunft sortiert, sodass für Bourdieu die Funktion des Bildungssystems nicht darin besteht, allen Kindern einen gleichen und gleichberechtigten Zugang zum Bildungssystem zu geben, sondern darin, die bestehende Sozialordnung bzw. Ungleichheitsordnung zu reproduzieren[7].

Bildungsreformen, wie sie im Zuge der Bildungsexpansion folgten, implizieren zwar eine Erhöhung der Bildungsbeteiligung und somit den gleichberechtigten Zugang zum Bildungssystem, jedoch greifen daraufhin Kriterien, die sich nicht auf formale Bildungstitel stützen, um einen Status Quo zu erhalten, der Zugänge zu höheren Schichten verschließt.

Bourdieu spricht hier gar von sozialdemokratischen Träumen, die ad absurdum geführt werden[8].

Auch Rainer Geißler sieht die soziale Selektivität des Bildungssystems ungebrochen. Aufgrund der Bildungsexpansion konnten zwar Kinder aller Schichten verstärkt mittlere oder höhere Bildungsabschlüsse durch den Besuch an Realschulen, Gymnasien, Hochschulen etc. erwerben und ihr Bildungskapital somit vermehren. Dies kann aber sozialstrukturell lediglich als ‚Fahrstuhleffekt’[9] bezeichnet werden. Das heißt, die Ungleichheiten wurden dadurch nicht abgebaut, sondern das Bildungsniveau der Gesellschaft hat sich insgesamt erhöht. Gleichzeitig erfahren Bildungsabschlüsse eine ‚Entwertung’, die sich dahingehend äußert, dass mit einem Bildungszertifikat des selben Niveaus nur noch Berufspositionen mit durchschnittlich weniger Statuschancen, also Einkommen, Einfluss, Arbeitsqualität, Prestige erworben werden können. In diesem Zusammenhangwird von einem ‚Paradox der Bildungsexpansion’ gesprochen[10]. Schichtspezifische Ungleichheitsstrukturen, d.h. ungleiche Chancen aufgrund der sozialen Herkunft bestehen weiterhin und sind auch in der heutigen Gesellschaft nicht aufgelöst.

2.1. Das kulturelle Kapital

Im Zuge seiner Theorie der kulturellen Reproduktion unterscheidet Bourdieu im Wesentlichen drei Kapitalarten: das ökonomische Kapital, das kulturelle Kapital und das soziale Kapital. Die unterschiedlichen Kapitalsorten stellen gesellschaftliche Ressourcen dar, welche die Möglichkeit bieten sich unter strategischem Einsatz begehrte Güter anzueignen. Deren Verteilung ist dementsprechend individuell zu bestimmen.

In einem bestimmten sozialen Feld, beispielsweise im Feld der Wissenschaft, haben bestimmte Kapitalien, z.B. Bildungskapital in Form von Titeln, einen hohen Tauschwert.

Durch die unterschiedliche Verfügung der verschiedenen Kapitalarten und deren Akkumulationen werden die sozialen Positionen und die Lebenschancen im sozialen Raum bestimmt, d.h. es ist nicht für jeden alles in gleichem Maße möglich[11].

Vielmehr ergibt sich die soziale Position des Einzelnen in der Gesellschaft aus dessen Kapitalvolumen, der Kapitalstruktur und der zeitlichen Dimension, der sozialen Laufbahn[12].

Für Bourdieu war es entscheidend den Kapitalbegriff in allen seinen Erscheinungsformen einzuführen, um der Struktur und dem Funktionieren der gesellschaftlichen Welt gerecht werden zu können.

Nachfolgend werden die Erscheinungsformen des kulturellen Kapitals differenziert und näher beschrieben, da Bourdieu mit diesem Begriff versucht die Ungleichheit der schulischen Leistungen von Kindern aus verschiedenen sozialen Klassen zu begreifen[13]. Denn das vererbte kulturelle Kapital, das je nach sozialer Schicht variiert, ist für die ursprüngliche Ungleichheit der Kinder und konsequenterweise für den daraus resultierenden Schulerfolg verantwortlich[14].

Das kulturelle Kapital nimmt nach Bourdieu drei Kristallisierungsformen an:

Das inkorporierte kulturelle Kapital bezeichnet Bildung und Wissen, aber auch die durch die Familie geprägten Sozialisationserfahrungen. Es ist in der Person in Form von dauerhafter Dispositionen verankert und damit zum Habitus geworden. Diese dauerhaften Dispositionen sind bestimmte Denk- und Handlungsschemata, Wertorientierungen und Verhaltensmerkmale, die sich in einem bestimmten Geschmack, dem Benehmen und Wissen äußern. Sie ermöglichen es dem Einzelnen, auf die Reize einer bestimmten Situation zu reagieren. „Bildung“ bedeutet, so gesehen, nicht nur das bewusst angeeignete Wissen, sondern umfasst auch jene Reaktionsweisen, Geschmacksurteile und Lebensstile, die sich das Individuum seit frühester Kindheit angeeignet hat.

Da das inkorporierte kulturelle Kapital einen Verinnerlichungsprozess voraussetzt, der Lern- und Unterrichtszeit erfordert, die von dem Einzelnen persönlich investiert werden muss, kann es nicht durch Schenkung, Vererbung, Kauf oder Tausch kurzfristig weitergegeben werden[15].

Bei der Akkumulation von inkorporiertem kulturellem Kapital kommt der familiären bzw. sozialen Herkunft eine besondere Bedeutung zu. Die Erziehung in der Familie, das Aufwachsen innerhalb einer bestimmten Schicht entscheidet mit darüber, ob es der jeweiligen Person leicht, schwer oder sogar unmöglich gemacht wird, bestimmte Fähigkeiten zu erwerben.

Deutlich werden die unterschiedlichen herkunftsspezifischen Voraussetzungen später im Lebenslauf anhand der Sprechweise, dem Umgang mit Sprache im allgemeinen oder der Sicherheit bzw. Unsicherheit im gesellschaftlichen Auftreten[16].

Der Besitz eines Gemäldes gewinnt erst dann an Bedeutung und Tauschwert, wenn der Besitzende dieses aufgrund seiner Kenntnisse und Fähigkeiten (inkorporiertes kulturelles Kapital) als wertvoll erkennen kann.

Das kulturelle Kapital wird durch Bildungstitel legitimiert und damit institutionalisiert, d.h. ein Teil des in der Familie erworbenen kulturellen Kapitals wird seitens der Bildungseinrichtungen durch Noten, Zeugnisse und Titel bestätigt[17], die der Einschätzung der investierten Menge an Bildungskapital dienen. Diese Legitimation bleibt zeitlich bestehen, d.h. wer im Besitz eines bestimmten Titels ist, muss seine kulturellen Kompetenzen nicht immer wieder neu unter Beweis stellen.

[...]


[1] Münch 2004,: 417

[2] Schwingel 2000,: 8ff

[3] Hradil 2001: 148f

[4] Baumert: 383f

[5] Geißler 1999: 89ff

[6] Ditton 1992: 42

[7] Fuchs-Heinritz/König 2005: 42

[8] Bourdieu 2006: 8

[9] Geißler 1999: 85

[10] Geißler 2002. 58

[11] Bourdieu 1983: 183

[12] Fuchs-Heinritz/König: 19ff

[13] Bourdieu 1983: 184

[14] Bourdieu 2006: 26

[15] Bourdieu 1983: S. 187.

[16] Bourdieu 183: S. 196

[17] Fuchs-Heinritz,/König: S. 165

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Inwiefern ist der soziale Hintergrund ausschlaggebend für den Bildungserfolg?
Untertitel
Ein Abgleich mit Bourdieus Theorie der kulturellen Reproduktion
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Autor
Jahr
2012
Seiten
17
Katalognummer
V379747
ISBN (eBook)
9783668566989
ISBN (Buch)
9783668566996
Dateigröße
523 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
soziale Ungleichheit, Bordieu, Bildung, Bildungserfolg, Kapital, Bildungssystem, Herkunft
Arbeit zitieren
Iris Birkner (Autor), 2012, Inwiefern ist der soziale Hintergrund ausschlaggebend für den Bildungserfolg?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/379747

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