"Gefährliche Liebschaften?" Kant und Nietzsche aus der Perspektive von Schiller, Hesse und Mann

Ein literaturwissenschaftlicher Vergleich


Bachelorarbeit, 2014

64 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt
1. Prolog ... 3
Erster Teil
2. Der kontinentale Rationalismus ... 6
2.1. René Descartes (1596 ­ 1650) - Der universelle Zweifel ... 6
2.2. Gottfried Wilhelm von Leibniz (1646 ­ 1716) - Das Streben nach Harmonie ... 8
3. Der englische Empirismus ... 10
3.1. John Locke (1632 ­ 1704) - Das unbeschriebene Blatt Papier ... 10
3.2. David Hume (1711 ­ 1776) ­ der Skeptiker unter den Empiristen ... 11
4. Immanuel Kant (1720 ­ 1804) - der transzendentale Kompromiss ... 14
4.1. Kants Metaphysik ... 15
4.1.1. Die kopernikanische Wende ... 15
4.1.3. Das Schöne und das Erhabene ... 21
4.1.4. Was ist denn nun der Mensch? ... 22
4.2. Der Einfluss auf Schiller (1759-1805) ... 24
Zweiter Teil
5. Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770 ­ 1831) - der optimistische Idealismus ... 29
5.1. Hegel und der Weltgeist ... 29
5.2. Die Dialektische Entwicklung ... 31
6. Arthur Schopenhauer (1788 ­ 1860) - der pessimistische Idealismus ... 32
6.1. Die Welt als Selbsterkenntnis des Willens ... 32
6.2. Erlösung durch Kunst? ... 33
7. Friedrich Nietzsche ­ Die Geburt des Ästhetizismus ... 35
7.1. Biographie / Werke ... 35
7.2. Die Frage nach der Lebenskraft des Menschen ... 39
7.2.1. Moral- und Wahrheitskritik ... 40
7.2.2. Die Umwertung aller Werte ... 42
7.2.3. Der Übermensch und die ewige Wiederkehr ... 43
7.3. Der Einfluss auf Thomas Mann (1875-1955) und Hermann Hesse (1877-1962) ... 46
8. Epilog ... 58

3
Erster Teil
1. Prolog
,,Das Leben ist wert, gelebt zu werden, sagt die Kunst, die schönste Verführerin; das Leben ist wert,
erkannt zu werden, sagt die Wissenschaft."
1
Bereits in diesem einführenden Zitat von Friedrich Nietzsche wird eine Spannung
zwischen Kunst und Wissenschaft ersichtlich. Beide Seiten beleuchten das Leben des
Menschen aus einer anderen Perspektive heraus. ,Die Kunst` sieht den Sinn des Lebens im
Genuss, im Spiel, ja in der Liebe, während es ,der Wissenschaft` zuvorderst um eine
verstandesgelenkte Ergründung der Welt geht. Beide Positionen scheinen auf den ersten Blick
unversöhnlich gegenüber zu stehen. Doch wenn dies so ist: welche Position vereint dann mehr
Wahrheit in ihrer Aussage? Gibt es so etwas wie Wahrheit überhaupt? Und wenn ja: brauchen
wir diese für ein besseres Leben? Zur Beantwortung der aufgeführten Fragen führt diese
Arbeit durch die unterschiedlichsten philosophischen Strömungen vom kontinentalen
Rationalismus bis zum pessimistischen Idealismus durch eine Spanne von etwa 200 Jahren
hindurch. Sie umfasst Gedanken von beispielsweise René Descartes, John Locke und Georg
Wilhelm Friedrich Schlegel. Die beiden wichtigsten Denker innerhalb dieser Arbeit sind
jedoch zwei Philosophen, die das abendländische Denken seit Jahrzehnten und mehr
maßgeblich beeinflusst haben und dies bis heute tun - Immanuel Kant und der bereits zitierte
Friedrich Nietzsche
Der besseren Übersichtlichkeit wegen wird die Arbeit in zwei große Teile separiert. In
der ersten Hälfte (Kapitel 2­4) werden die Gedanken Immanuel Kants und der Aufklärung
vorgetragen, während sich die Ausführungen in der zweiten Hälfte (Kapitel 5-7) um Friedrich
Nietzsche und die philosophische Neuzeit drehen. Im Zentrum steht jeweils Kants und
Nietzsches auf die Metaphysik, Ethik und Ästhetik gestützte Philosophie und die
Fragestellung: Welchen Einfluss hatte diese auf die Literaten jener Zeit und folglich auch auf
die Gesellschaft? Es geht also um das Verhältnis von Philosophie und Literatur. Der
Zusammenhang ist, wie sich zeigen wird, besonders auf ästhetischer Ebene sehr bedeutsam.
Die Herangehensweise ist dabei paradigmatisch und bezieht sich auf jeweils drei bis vier
Schriften der entsprechenden Verfasser. Am Beispiel von Friedrich Schiller, Hermann Hesse
und Thomas Mann soll dies geschehen. Dabei kann nicht ausgeschlossen werden, dass auch
1
Nietzsche (1954), 166

4
weitere Literaten, wie etwa Johann Wolfgang von Goethe oder Heinrich von Kleist an
geeigneten Stellen Erwähnung finden.
An den Prolog schließen sich zunächst einmal Kapitel über den kontinentalen
Rationalismus sowie den englischen Empirismus an. Sie dienen als Grundlage für Kants
Denken und befassen sich daher ideengeschichtlich mit den Überlegungen ausgewählter
Philosophen. Im vierten Kapitel werden dann Immanuel Kant und seine Weltanschauung
behandelt. Um die Komplexität seines philosophischen Systems übersichtlicher darzulegen,
habe ich mich für eine weitere Teilung dieses Kapitels entschieden. Beginnen werde ich mit
seiner Erkenntnistheorie, die sich vorrangig auf sein Hauptwerk, die Kritik der reinen
Vernunft stützt. Daran schließen sich Kants Ethik am Beispiel der Kritik der praktischen
Vernunft an. Den Abschluss bildet dann seine Vorstellung zur Ästhetik. Als primäre
Bezugsquelle dient hier Kants Kritik der Urteilskraft. Sein Denken ist somit anhand der drei
großen Kritiken vorgestellt. Der anschließende literaturwissenschaftliche Vergleich wird sich
hauptsächlich mit Kants Begriff der Ästhetik auseinander setzen und seine Bedeutung für
Schiller, aber auch für Goethe und Kleist ausbreiten.
Nun, im zweiten Teil angekommen, verlassen wir das große Zeitalter der europäischen
Aufklärung und wollen uns mit dem philosophischen Zeitalter der Neuzeit beschäftigen. Hier
kommen zunächst einmal zwei Philosophen zu Wort, die für den philosophischen Idealismus
maßgeblich mitverantwortlich waren. Georg Wilhelm Friedrich Hegel als Repräsentant des
optimistischen und Arthur Schopenhauer als Vertreter des pessimistischen Idealismus.
Alsdann werden Friedrich Nietzsche und seine Philosophie betrachtet. Wenngleich das ihm
gewidmete Kapitel ebenfalls noch einmal in verschiedene Unterkapitel geteilt ist, so muss
bereits an dieser Stelle festgehalten werden, dass dies nicht mit der vorherigen Schärfe
geschehen ist und sein kann. Nietzsche war kein Systemphilosoph wie Kant. Daher verbietet
sich zugleich eine architektonisch durchgeplante Aufbereitung seiner Gedanken. Vielmehr
handelt es sich um eine auf den ersten Blick etwas sprunghafte und anachronistisch wirkende
Ordnung des Kapitels, die jedoch Nietzsches eigenem Stil des Aphorismus besser entspricht
und mehr von seinem Geist zu übertragen vermag, als dies auf anderem Wege möglich wäre.
Zudem unterscheidet sich die Betrachtung Nietzsches durch eine biographische Einführung
vom vorherigen Kapitel. Sie ist in diesem Fall notwendig, da sein Leben über alle Maßen mit
seinem Denken verkettet war. Wie angekündigt, schließen nun noch die beiden Schriftsteller
Thomas Mann und Hermann Hesse den Kreis des literaturwissenschaftlichen Vergleiches.
Ähnlich wie zuvor wird auch hier der Schwerpunkt auf die Ästhetik gerichtet, wenngleich

5
ethische Gedankenspiele einen geräumigen Platz einnehmen. Das achte Kapitel soll die
Ergebnisse der Ausarbeitung noch einmal in aller Kürze skizzieren.

6
2. Der kontinentale Rationalismus
,,Nun hatte ich beobachtet, daß in dem Satz: ,,Ich denke, also bin ich." überhaupt nur dies mir die
Gewißheit gibt, die Wahrheit zu sagen, daß ich klar einsehe, daß man, um zu denken, sein muß."
2
Dieses berühmte Dictum des französischen Philosophen und Naturwissenschaftlers
René Descartes soll den Einstieg in die Ideengeschichte der frühen Aufklärung markieren.
Wenngleich Descartes fast 100 Jahre vor dem eigentlichen Beginn der Aufklärung wirkte, gilt
seine Philosophie nicht für wenige als der ursprünglichste Ausgangspunkt aufklärerischen
Denkens. Gleichbedeutend damit verlassen wir nun die Makroebene und tauchen etwas tiefer
in die Gedankengänge zweier seiner berühmtesten Vertreter ein, um den philosophischen
Geist dieser Zeit erleuchten zu können.
2.1. René Descartes (1596 ­ 1650) - Der universelle Zweifel
Descartes` Ziel war in gewisser Weise die Abkehr von der Tradition der
mittelalterlichen Scholastik, hin zu einer neuen Form der Erkenntnis, in der die
Erkenntniskraft darauf auszurichten war, ,,daß sie über alles, was vorkommt, unerschütterliche
und wahre Urteile herausbringt."
3
Mit diesem Versuch trat er in die Fußstapfen von Sokrates,
Platon und Augustinus von Hippo, allesamt ausgeprägte Rationalisten. Ähnlich wie seine
Vordenker strebte Descartes eine grundlegende Erneuerung des philosophischen Denkens an,
in der ihm die Suche nach gesicherten Wahrheiten zu seiner Lebensaufgabe wurde. Nach der
berauschenden Neuentdeckung von Mensch und Natur in der Renaissance entstand, angeregt
durch Descartes, erneut das Bedürfnis, die zeitgenössischen Gedanken in einem einzigen
zusammenhängenden System zu vereinen. Damit war er neben den großen
Systemphilosophen der Antike Platon und Aristoteles Vorbild für alle Nachfolger, wie etwa
Baruch de Spinoza, Gottfried Wilhelm Leibniz, John Locke, George Berkeley, David Hume
oder Immanuel Kant. In seinem philosophisch bedeutendsten Werk, dem Discours de la
methode, beschrieb Descartes seine methodische Herangehensweise
.
Zunächst einmal
bediente sich der französische Philosoph des Prinzips des universellen Zweifels, um ein
unumstößliches Fundament wahrer Aussagen auf dem zu errichten, was endgültig als wahr
anzunehmen sei. Dieses Fundament wiederum sollte zum archimedischen Punkt allen
Wissens gedeihen, auf den sich alle anderen Wissenschaften stützen könnten. Opfer dieses
Unterfangens wurden nach und nach Erkenntnisquellen, die bisher als sicher galten. Die
Logik, die Erkenntnis über unsere Sinnesorgane und sogar die Gesetze der Mathematik
2
Descartes (1637) In: Specht (1996), 55
3
Specht (1979), 102

7
können, so Descartes, nicht als uneingeschränkt wahr angesehen werden. Doch der rettende
Anker in diesem Strudel voller bröckelnder Sicherheiten sollte dem Philosophen bald in die
Hände fallen. Denn selbst wenn es so ist, dass sich der Mensch in allem was er sieht, fühlt
und denkt, täuscht, so existieren doch auf jeden Fall diese Gedanken, in denen sich der
Mensch täuscht. Wenn nun also wahr ist, dass der Mensch denkt, so kann doch auch als wahr
angesehen werden, dass der Mensch ist. Das berühmte cogito ergo sum und die gesuchte
erste Maxime der Philosophie Descartes` waren geboren.
4
Um nun zu weiteren Wahrheiten zu
gelangen, formulierte er vier Vorschriften, die es zu beachten gilt. Man kann sie auch als
Anleitung für den richtigen Gebrauch der Vernunft interpretieren:
1. Skepsis: Erkenne niemals eine Regel als wahr an, von der man nicht ohne Zweifel erkennt,
dass sie unumstößlich zutrifft.
2. Analyse: Teile jedes Problem in so viele Teile wie notwendig, um es leichter lösen zu
können.
3. Konstruktion: Halte eine rechte Ordnung ein. Man beginne bei den einfachsten und arbeite
sich stufenweisen zu den komplexeren Dingen hinauf.
4. Rekursion: Stelle eine vollständige Aufzählung auf, dass nichts vergessen werde.
5
Nachfolgend entstand noch eine weitere Theorie, die für das neuzeitliche Denken
folgenreich sein sollte. ,,Für Descartes zerfällt die Welt in zwei Substanzen, eine ausgedehnte
körperliche (res extensa) und eine unausgedehnte geistige (res cogitans)."
6
Wie Platon war er
davon überzeugt, dass zwischen Geist und Materie eine scharfe Grenze besteht. Der Geist ist
nur bewusst. Er nimmt im Raum keinen Platz ein, weshalb man ihn auch nicht mehr in
kleinere Teile zerteilen kann. Die Materie hingegen ist nur ausgedehnt, nimmt also Platz im
Raum ein, weshalb sie in immer kleinere Stücke aufteilbar ist. Ein Bewusstsein fehlt ihr
dagegen. Diese absolute Verschiedenheit der beiden Substanzen ist gleichzeitig ihr
wichtigstes Erkennungsmerkmal. Descartes folgerte daraus, dass beide Substanzen nur von
Gott stammen können, da Gott alleine unabhängig von etwas anderem existieren kann. Die
Ideen oder Vorstellungen von der Welt sind also von Gott gegeben und somit angeboren.
Weiterhin behauptete Descartes, dass dieser Dualismus nur dem Menschen zu eigen sei. Er
bezeichnete ihn daher auch als Doppelwesen, das sowohl denkt als auch Raum einnimmt. Nur
er besitzt eine Seele, wohingegen alle Tiere, Pflanzen und organischen Stoffe der Erde ganz
4
Vgl. Rehfus (2012), 47ff.
5
Vgl. Ruffing (2007), 135
6
Ebd., 137

8
und gar der räumlichen Wirklichkeit angehören und auch als solche behandelt werden
können. Die Natur ist also nach der Zwei-Substanzen-Theorie ein bloßer Rohstoff, den man
ohne schlechtes Gewissen verbrauchen darf. Es ist der Beginn einer Denkökonomie, auf der
die Wissenschaft im modernen Sinne fußen konnte. Moralische Hemmungen wurden durch
diesen Grundsatz hinfällig und die allmähliche Nutzbarmachung der Erde und seiner
Ressourcen begann.
7
Legitimiert durch Descartes und seiner Besessenheit auf die Idee, den
Menschen zum Beherrscher der Natur zu machen, gewannen die Naturwissenschaften
zunehmend an Bedeutung. Der medizinische Fortschritt eilte voran und sicherte uns
schließlich den Lebensstandard, den wir heute genießen ­ nicht ohne den moralischen
Zeigefinger zu heben und diese Legitimation (aus heutiger Sicht), mit dem strafenden
Verweis auf Umweltschäden und Massentierhaltung wieder zu relativieren.
2.2. Gottfried Wilhelm von Leibniz (1646 ­ 1716) - Das Streben nach
Harmonie
Auch Gottfried Wilhelm Leibniz war ein ausgeprägter Rationalist. Anknüpfend an
Descartes und den holländisch-portugiesischen Rationalisten Spinoza entwickelte er eine
Philosophie, die seinen beiden Vorgängern in einem entscheidenden Punkt widersprach. Der
zentrale Unterschied bestand in der Monadentheorie. Hierbei orientierte sich Leibniz am
physikalischen Begriff des Atoms und übertrug ihn auf den metaphysischen der Substanz.
,,Allerdings n[ahm] Leibniz [...] eine Vielzahl von Substanzen an."
8
Dort wo Descartes noch
mit zwei (Geist und Materie) und Spinoza gar mit nur einer (Gott oder die Natur)
Substanz(en) argumentierte tritt nun die Auffassung einer Unendlichkeit der Monaden ­ so
nannte der Philosoph die individuellen Substanzen. Dieses Plädoyer für den Individualismus
ging Hand in Hand mit der Subjektbezogenheit Descartes` und nährte letztlich die Tendenz
zur ,,Aufwertung des Individuums"
9
. Leibniz begriff die Monaden weiterhin als fensterlos,
was bedeutet, dass sie sich in keinem kausalen Austausch mit der Umwelt befinden. Sie sind
somit autark. Bei Leibniz gab es im Unterschied zu Descartes nicht den Geist auf der einen
und den Körper auf der anderen Seite. Selbst Tiere, Pflanzen und anorganische Stoffe
besitzen seiner Meinung nach eine spirituelle Dimension. Eine Unterscheidung fügte der
Philosoph dennoch an. Tiere besitzen lediglich erinnerungsfähige Monaden (Entelechien),
während der Mensch mit vernunftbegabten Monaden (Seelen) ausgestattet ist. Alle Monaden
unterscheiden sich voneinander.
10
So ist es möglich, dass sie in ihrer Gesamtheit die Welt
mehr oder weniger deutlich wiederspiegeln. Leibniz formulierte es folgendermaßen:
7
Vgl. Rehfus (2012), 51ff.
8
Specht (1979), 234
9
Jeßing (2008), 99
10
Vgl. Ebd., 234ff.

9
,,Überdies ist jede Substanz gleichsam eine ganze Welt und wie ein Spiegel Gottes oder
vielmehr des ganzen Universums."
11
Er proklamierte folglich eine Verkettung aller
Substanzen, die sich untereinander in schönster (gottgegebener und deswegen die
Vollkommenheit Gottes nachahmender) Harmonie befinden. Diese Verkettung kann auch als
verschachtelter Mikrokosmos begriffen werden. ,,Jedes Stück Natur kann als ein Garten voller
Pflanzen und als Teich voller Fische aufgefasst werden. Aber jeder Zweig oder jede Pflanze,
jedes Glied des Tieres, jeder Tropfen seiner Säfte ist wiederum ein solcher Garten und ein
solcher Teich."
12
Der Kern des rationalistischen Denkens ist nun, stellvertretend durch die beiden
vorgestellten Philosophen, beleuchtet worden und kann mit folgender Formulierung noch
einmal abschließend auf den Punkt gebracht werden. Ein Rationalist ist jemand, ,,der dem
reinen Denken größere Bedeutung beimisst als der Erfahrung."
13
Gesicherte Erkenntnis, so
die Schlussfolgerung der Rationalisten, kann nur a priori erreicht werden.
11
Leibniz (2002), 23
12
Schuller / Schmidt (2005), 51
13
Gawlick (2007), 3031

10
3. Der englische Empirismus
"Nihil est in intellectu quod non prius fuerit in sensibus -
Nichts ist im Verstand, was nicht vorher in den Sinnen gewesen wäre."
14
Dieses Erkenntnisprinzip - bereits Grundsatz bei Marcus Tullius Cicero und Thomas
von Aquin ­ ist symptomatisch für die Auffassung des Empirismus und Sensualismus. In dem
Zitat wird bereits die allumfassende Spannung zwischen den Gedankengängen der
Rationalisten und denen der Empiriker deutlich. Von Francis Bacon über Thomas Hobbes,
John Locke, Isaac Newton, George Berkeley bis hin zu David Hume beherrschte die
Grundannahme des durch die Industrielle Revolution in Großbritannien begünstigten
Empirismus die Hochphase der Aufklärung. Um nun diese Behauptung mit Argumenten zu
untermauern, wird im Folgenden die Erkenntnistheorie der beiden einflussreichsten Denker
jener Zeit geschildert.
3.1. John Locke (1632 ­ 1704) - Das unbeschriebene Blatt Papier
John Locke war der erste Philosoph, der die zentralen Überzeugungen des modernen
Empirismus aussprach. Neben seinen unstrittigen politischen Verdiensten, wie etwa der
Forderung nach demokratischer Gewaltenteilung in Legislative, Exekutive und Föderative,
lautete sein ambitioniertes Ziel: ,,Einen Teil des Schuttes zu beseitigen, der den Weg der
Erkenntnis versperrt[e
]
."
15
Damit lehnte er sich gegen die aufgestellten Systeme der
kontinentalen Rationalisten auf, welche allesamt ihrem eigenen Anspruch, eine allumfassende
Wahrheit in sich aufzunehmen, hinterher zu hinken schienen. Im Gegensatz zu diesen
theoretischen Konstrukten sah sich Locke selbst eher als Vertreter der Praktischen
Philosophie. In seiner monumentalen und in vier Bänden erschienenen erkenntnis-
theoretischen Hauptschrift An Essay concerning Humane Understanding bediente er sich
bereits im ersten Buch des oben angegebenen Zitates, um die Grundtendenz seiner
Erkenntnistheorie festzulegen. Zur Hypothese der angeborenen Idee (ideae innatae), wie sie
noch von Descartes vertreten wurde, äußerte sich John Locke skeptisch. Seiner Ansicht nach
führt sie in die Irre. Denn ,,[e]rstens nämlich ist es offensichtlich, daß alle Kinder und Idioten
nicht im Geringsten eine Vorstellung oder einen Gedanken von diesen Sätzen haben. Schon
dieser Mangel genügt, um jene allgemeine Zustimmung zunichte zu machen, die notwendig
und unbedingt die Begleiterin aller angeborenen Wahrheiten sein müßte."
16
Bevor wir etwas
empfinden, ist unser Bewusstsein also genau so leer wie eine Tafel, ehe der Lehrer das
14
Von Aquin In: Bräuer / Holm (2014)
15
Locke (1981),11
16
Locke (1690), Buch I, Kapitel I, Abschnitt 3

11
Klassenzimmer betritt. Für den Engländer ist der Geist folglich tabula rasa, ein weißes Blatt
Papier, dessen Handschrift, sprich die Ideen, erst durch die subjektive Feder der (Sinnes-)
Erfahrungen eingetragen wird. In einem zweiten Schritt differenzierte Locke zwischen
äußeren Sinnesempfindungen (sensation) und innerer Selbstwahrnehmung (reflection). Unter
sensation verstand er beispielsweise den Geschmack, Geruch oder den Tastsinn. Die
reflection waren für ihn Gedanken, Glaube und Erinnerung. Gefühlsregungen entstehen
demnach aus der Kombination von reflection und sensation.
Bei den Sinneswahrnehmungen unterschied Locke wiederum zwischen primären und
sekundären Qualitäten. Er sagte, dass manche Ideen den Eigenschaften bestimmter Objekte
gleichkommen: Gestalt und Dichte, Bewegung oder Ruhe und Anzahl; dies sind die primären
Qualitäten. Wir als Menschen können uns dabei sicher sein, dass die Sinne die wirklichen
Eigenschaften der Dinge wiedergeben. Auf andere Qualitäten ­ Farbe, Temperatur,
Geschmack und dergleichen ­ trifft das nicht zu; dies sind sekundäre Qualitäten. Sie geben
nur die Einwirkung der äußeren Eigenschaften auf unsere Sinne wieder.
17
Locke meinte
damit, dass man über Geschmack eben nicht streiten kann. Für den einen Menschen schmeckt
der Apfel süß, ein anderer beißt in ihn hinein und empfindet einen säuerlichen Geschmack.
Aber beide sind sich darüber einig, dass der Apfel eine rundliche Form besitzt. An dieser
Stelle näherte sich Locke den Philosophen vor ihm, beispielsweise Descartes, an. Die durch
Erfahrung erworbenen Ideen werden vom Verstand zu komplexen Begriffen (etwa Säure,
Demokratie oder Zeit) zusammengefügt. ,,Weil nicht die Wahrnehmung, sondern der
Verstand die logischen Beziehungen zwischen den verschiedenen Sinneserfahrungen
herstellen kann, ist Lockes Empirismus der Ideen mit einem Rationalismus der Erkenntnis
verknüpft."
18
Dies ist auch der Grund, weshalb Locke zwar zu den Mitbegründern des
Empirismus, nicht jedoch zu den Vertretern des Sensualismus, also der extremsten Spielart
des Empirismus, gezählt werden kann.
3.2. David Hume (1711 ­ 1776) ­ der Skeptiker unter den Empiristen
David Hume war ein schottischer Philosoph, der vornehmlich durch seinen
Skeptizismus in die Philosophiegeschichte einging. Wie viele seiner britischen Vorgänger
verfolgte auch er eine rein empiristische Grundauffassung und führte Lockes Überlegungen
dabei zu Ende.
17
Vgl. Ruffing (2007), 157ff.
18
Rehfus (2012), 34

12
,,Greifen wir irgendein Band heraus, etwa über Gotteslehre oder Schulmetaphysik, so sollten
wir fragen: Enthält es irgendeinen abstrakten Gedankengang über Größe und Zahl? Nein. Enthält er
irgendeinen auf Erfahrung gestützten Gedankengang über Tatsachen und Dasein? [...] Nein. Nun, so
werft ihn ins Feuer, denn er kann nichts als Blendwerk und Täuschung enthalten."
19
Alles, was übrig bleibt, sei letztlich die Welt. Ähnlich wie Berkeley sprach sich Hume
gegen Lockes Unterscheidung von primären und sekundären Qualitäten aus. Für den Schotten
ging diese Einteilung entschieden zu weit. Terminologisch ersetzte er Lockes Begriff der Idee
durch den der perceptions. So nannte er die Bewusstseinsinhalte, die durch die Wahrnehmung
bedingt werden. Daran schloss sich eine weitere Unterscheidung an: ,,Alles, was im
Bewusstsein ist, ist entweder Vorstellung (idea) oder Eindruck (impression)."
20
Und jede
Vorstellung geht direkt oder indirekt auf einen Eindruck zurück. Möglicherweise kann ein
kleines Beispiel diese Überlegungen verständlicher darstellen. Verbrennt man sich an einer
Herdplatte, dann ist dies ein unmittelbarer Eindruck. Später kann man sich daran erinnern,
dass man sich verbrannt hat. Das bezeichnet Hume als Vorstellung. Der Unterschied liegt nur
in der Intensität der Empfindung. Vielleicht kann man den Eindruck auch als Original, die
Vorstellung dagegen als schwache Kopie dessen interpretieren. Letztlich lassen sich alle
Vorstellungen, so komplex sie auch sein mögen, von einfachen Eindrücken ableiten. Jemand
könnten nun also die zwei bereits erworbene Vorstellungen ,,Pferd" und ,,Horn" miteinander
verknüpfen, wenn er an ein Einhorn denkt. Die Zusammensetzung der beiden Eindrücke
gipfelt in diesem Fall in einer Vorstellung, die in der menschlichen Phantasie
zusammengesetzt wurde, obwohl ein entsprechendes Wesen in der Realität nicht existiert.
Hiervor warnte Hume. Die Vorstellung eines Einhorns ist falsch und muss deshalb verworfen
werden. Auf diese Weise müssen wir in all unseren Gedanken aufräumen.
Die impressions, von denen der Philosoph ausging, lassen sich zum einen in innere
und zum anderen in äußere Eindrücke unterteilen. Der Geschmack einer Ananas gehört
zweifelsfrei zu den inneren impressions. Ein Beispiel für äußere impressions ist die Form,
Gestalt und Farbe eines Baumes. Sie wird von außen über unsere Augen in unser Bewusstsein
übertragen und abgespeichert. Erblickt ein Spaziergänger nun im Park einen Gegenstand, der
unten einer schmalen, braunen, unregelmäßig geformten Säule ähnelt und nach oben hin eine
Vielzahl von Verästelungen aufweist, an deren Ende grüngefärbte und ebenfalls
unterschiedlich geformte Flächen befestigt sind, so wird der Spaziergänger geneigt sein, dies
in seiner Gesamtheit als Baum zu identifizieren und sich durch die Erfahrung und den
sprachlichen Austausch mit seinen Mitmenschen darin bestätigt wissen. Hume bezweifelte
19
Hume (1975), 22 u. 193
20
Gawlick (1980), 141

13
diese letzte Gewissheit jedoch. ,,Weder lässt sich mit mathematischer oder logischer Stringenz
beweisen, dass die wahrgenommenen Gegenstände vorhanden sind und auf unsere
Sinnesorgane einwirken, noch lässt sich ein solcher Beweis für die Verknüpfung von Ursache
und Wirkung erbringen."
21
Die Kritik an der Kausalität verdeutlichte Hume an einem ähnlich
anschaulichen Beispiel wie dem der Ananas. Er betrachtete ein Billiardspiel. Das einzige, was
wir aus Erfahrung wissen, ist, dass sich eine Kugel bewegt ­ und danach die nächste. ,,Wir
interpretieren das Geschehen nur so, dass faktisch das eine dem anderen folgt [...]. Alle
Ereignisse erscheinen vielmehr lose und voneinander getrennt. Ein Ereignis mag dem anderen
folgen, aber wir können niemals ein rationales Band zwischen ihnen beobachten."
22
Er leitete
daraus ab, dass unsere Vorstellung von Ursächlichkeit ganz einfach die ist, dass einander
ähnliche Phänomene aufeinander folgen. Diese Kausalitätstheorie war für die nachfolgende
Philosophiegeschichte höchst einflussreich.
Wie aber soll man nun Antworten auf Fragen erhalten, die sich den Kriterien unserer
Erfahrungen entziehen? Humes Entgegnung lautete, dass metaphysische Fragestellungen
insofern nicht beantwortet werden könnten, als dass sie als a-priori-Wissen keine wahre
Erkenntnis der Welt zulassen. Sie seien nur ein Wissen von Vorstellungen und deren
Verhältnis untereinander und somit Schwindel oder ziellose Diskussion und Spekulation.
Weiterhin kann festgehalten werden, dass für Hume eine sichere Erkenntnis der Natur auch a
posteriori unmöglich ist. Zwar schließen wir aus Beobachtungen, dass die Herdplatte das
Wasser im Kochtopf erhitzt, aber diese Erkenntnis kann nicht in einem gleichen Maße gewiss
sein, wie ein mathematischer Schluss. ,,Regelhafte Abläufe allein genügten noch nicht um auf
einen immanenten Zusammenhang unter ihnen (den Kausalzusammenhängen) zu schließen,
höchstens spreche vieles aus Erfahrung oder Gewohnheit dafür, dass sich Dinge so und nicht
anders verhielten."
23
Der grundsätzliche Glaube an die alleinige Erkenntnis a posteriori, wie
sie die englischen Empiriker einte, wurde von Hume sehr skeptisch hinterfragt und letztlich
falsifiziert. Der Skeptizismus siegte bei David Hume also in letzter Konsequenz über den
Empirismus.
21
Rehfus (2012), 81
22
Hume (1996), 103
23
Ruffing (2007), 175

14
4. Immanuel Kant (1720 ­ 1804) - der transzendentale Kompromiss
,,Was nicht umstritten ist, ist auch nicht sonderlich interessant"
24
Die Epoche der Aufklärung ist, ideengeschichtlich betrachtet, bis hierhin durch eine
klare Zweiteilung gekennzeichnet. Auf der einen Seite stehen die Rationalisten um Descartes,
Spinoza und Leibniz, die einzig der Verstandeskraft die Fähigkeit zuschrieben, zu wahrer
Erkenntnis zu führen. Dem gegenüber stehen die englischen Empiriker um Locke, Berkeley
und Hume, die eine Erkenntnis nur unter Zuhilfenahme der Sinne vermuteten. Zwischen
beiden Parteien klaffte eine scheinbar unüberbrückbare Kluft und beide Seiten schienen
unversöhnlich gegeneinander am Tau der Wahrheit zu ziehen, auf das eine Partei Recht
behalte. Doch wer irrte sich in seinen Ansichten? Ist Erkenntnis nur a priori oder doch eher a
posteriori möglich? Niemand kann einzig auf seinen Verstand gestützt und ohne die sinnliche
Erfahrung des Geschmackes sagen, wie eine Ananas oder eine andere tropische Frucht
schmeckt. Durch eine mathematische Gleichung wird man ebenso wenig zu einem Ergebnis
gelangen. Aber auch der Empirismus muss sich mit einem Paradoxon auseinandersetzen.
Verabsolutiert man die Auffassung, sicheres Wissen sei nur auf dem Weg der Erkenntnis
möglich, so kann diese Einsicht nicht aus einer empirischen Erfahrung entstammen. Vielmehr
ist sie eine verstandesgeleitete Schlussfolgerung auf Basis der Erfahrung. Wie aber findet man
nun die absolute Wahrheit? Gibt es sie überhaupt oder sollte Hume mit seinem Skeptizismus
Recht behalten?
All diese Fragen machten die Mission des nächsten Denkers, Immanuel Kant, zu einer
beschwerlichen, aber gerade durch die entstandenen Spannungen innerhalb Europas, auch zu
einer sehr spannenden Reise. Er nahm die verhärteten Fronten zum Anlass, eine eigene
Lösung zu den entstandenen Problemen in der Erkenntnistheorie zu suchen. ,,Es ist bekannt,
dass es gerade die Herausforderung des Empirismus war, die ihn dazu brachte, nach dem
Wahrheitsanspruch der Metaphysik zu fragen."
25
Besonders David Hume inspirierte ihn zu
diesem Versuch. Der Brite war sich bewusst, so wurde es bereits im vergangenen Kapitel
dargelegt, dass der Mensch auch mit noch so vielen Erfahrungen nie ein absolutes Urteil über
die Natur fällen könnte. Was wir über die Natur zu wissen glauben, wissen wir letztlich nie
mit absoluter Sicherheit. Dieser scharfe Kritizismus gegenüber der Erkenntnis kostete Kant
viele Nerven. Nach eigener Angabe wurde er von Hume aus seinem ,,dogmatischen
24
Von Goethe In: Ems / Graf (2014)
25
Grondin (2013), 23
Ende der Leseprobe aus 64 Seiten

Details

Titel
"Gefährliche Liebschaften?" Kant und Nietzsche aus der Perspektive von Schiller, Hesse und Mann
Untertitel
Ein literaturwissenschaftlicher Vergleich
Hochschule
Universität Koblenz-Landau
Note
1,0
Autor
Jahr
2014
Seiten
64
Katalognummer
V379773
ISBN (eBook)
9783668620421
ISBN (Buch)
9783668620438
Dateigröße
1247 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Nietzsche, Kant, Schiller, Hesse, Philologie, Germanistik, Philosophie
Arbeit zitieren
Tobias Thurau (Autor), 2014, "Gefährliche Liebschaften?" Kant und Nietzsche aus der Perspektive von Schiller, Hesse und Mann, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/379773

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