Eine Kritik an der P2P-Mikrokredit-Entwicklungshilfe und Einflüsse des Islam


Essay, 2014

5 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Eine Kritik an der P2P-Mikrokredit-Entwicklungshilfe und Einflüsse des Islam in der Mikrokredit-Entwicklungshilfe In diesem Artikel möchte ich auf die Probleme und Schwierigkeiten der Mikrofinanzierung, insbesondere der Entwicklungshilfe über P2P-Plattformen in wirtschaftsschwachen Ländern, eingehen. In westlichen Ländern werden Mikrokredite in größerem Maße in Anspruch genommen, beispielsweise als Bildungskredit oder Startkapital bei Unternehmensgründung. Trotz höherer Zinssätzen ist es selbst bei wirtschaftlicher Nutzung eine rentable Art des Mezzanin-Kapitals[1]. Mikrokredite stellen somit in westlichen und finanzkräftigen Ländern ein rentables Modell dar. Durch das Aufkommen von Charity-Mikrokrediten (auch über das Internet) für finanzschwache Länder, stellt sich die Frage ob dies tatsächlich eine Verbesserung der Armutssituation des jeweiligen Landes darstellt. Zunächst möchte ich kurz erläutern was unter Mikrokrediten in einkommensschwachen Ländern verstanden wird und welche Konzepte der Vergabe am Markt zu finden sind. Unter Mikrokrediten werden Programme verstanden, die einkommensschwachen Menschen Kredite anbieten, welche sie für einkommensgenerierende- und selbstständige Tätigkeiten verwenden. Da die Kredite an Personen vergeben werden, welche von klassischen Krediten ausgeschlossen sind, ist das Volumen sehr gering - meist zwischen zehn und 1000 Dollar. Im Rahmen der Mikrokredite werden auch zusätzliche Dienstleistungen von Banken angeboten, wie Ausbildungen und Schulungen für berufliche Zwecke.

In ärmeren Ländern lösen Mikrokredite zunächst viele Probleme des Kapitalmangels von einkommensschwachen Menschen. Da sie den Löwenanteil ihres Einkommens direkt für Grundgüter des täglichen Bedarfs aufwenden müssen, bestehen wenig Chancen des Aufbaus von Rücklagen, welche Sie für größere Investitionen oder für berufliche Tätigkeiten verwenden könnten. Meist sind diese Menschen im Handel oder Produktionsbereich tätig[2] (ferner der Veredelung) und sind von Zwischenhändlern abhängig. Durch Inanspruchnahme von Mikrokrediten zu vorteilhaften Konditionen (wie über geförderte Kredite) können diese Menschen fertige und unfertige Erzeugnisse unabhängiger am Markt erwerben und diese mit einer höheren Gewinnmarge weiterveräußern, welches die Bildung von Rücklagen und Investitionen ermöglicht.[3]

¨Bis Ende 2007 wurden laut -Microcredit Summit Campaign- 106,6 Millionen Arme erreicht, von denen 83,4% Frauen waren.“[4]

Im Bereich „Empowerment“ wird zudem versucht, durch Kreditvergabe an Frauen den Status in Gesellschaft und Ehe zu verbessern, da diese einen wichtigen Beitrag zur Einkommenssituation leisten. Die Finanzmittel werden meistens für Haushalt, Bildung und Gesundheit verwendet, woraus sich besonders eine Verbesserung der Ernährungssituation hervorhebt. Im Bereich Empowerment sind jedoch auch Kreditmissbrauchsfälle aufgetreten. So ist es vorgekommen, dass Frauen von Ihren Ehemännern zu einer Kreditaufnahme bewegt werden und anschließend nicht für die Familienfinanzierung, sondern für Zecke verwendet werden, die nicht im Sinne des Empowerment sind .[5] Solch zweckentfremdete Verwendungen könnten durch eine Änderung des Kreditvergabesystems verringert werden, in dem bspw. Kredite an Gruppen ausgegeben werden, welche zusammen die Art der Ausgaben festlegen und überwachen (welches einigen muslimischen Ländern in der Kreditvergabe gang und gäbe ist).

Über welche Distributionskanäle werden diese Kredite nun angeboten? Auf dem Finanzmarkt gibt es Non-Profit-MFI und Profit-MFI (MFI = Mikrofinanzinstitute). Non-Profit-MFI vergeben ihre Kredite mit geringen Zinssätzen (bis 10%), da die Kreditgeber meist Privatpersonen mit Charity-Beweggründen sind. Diese Institute arbeiten lediglich kostendeckend, müssen jedoch nicht komplett für Ihre Betriebskosten aufkommen, da sie durch Spenden und Subventionen mitfinanziert werden . Das Problem hierbei liegt in der Nachhaltigkeit dieser Banken, weshalb eher Profit-Organisationen am Markt vorherrschen, welches nicht unbedingt negativ sein muss. Profit-orientierte MFI sind in ihrer Form traditionellen Banken ähnlich. Die Mikrofinanzierung gilt als profitable Investitionsmöglichkeit, da Rückzahlungsquoten immens hoch sind (höher als in westlichen Ländern). Die Zinssätze sind jedoch ebenfalls hoch - ca. 16 – 39 %, sodass Kreditnehmer in eine Schuldenspirale kommen könnten, falls sie zusätzliche Kredite für die Kredittilgung aufnehmen.[6] Die Grundessenz dieses Artikels sind die so genannten Peer-to-Peer-Lending-Kredite, welche von Privatpersonen an Privatpersonen vergeben werden, in welches sich die oben genannten Finanzinstitute lediglich als Vermittler in der Prozessabwicklung zwischen schalten. Es gibt bei P2P-Krediten diverse Modelle - in diesem Artikel ist jedoch das Crowdlending essenziell, welches sich stark über das Internet verbreitete. Mit diesem Konzept wird versucht, die soziale Komponente wieder zu beleben. 2012 wurden bereits weltweit Kredite im Wert von 1,5 Milliarden Dollar vergeben.

Am Beispiel von Kiva.org möchte ich die Probleme solcher Kreditvergabesysteme aufzeigen. Es handelt sich um eine P2P-Internetplattform, die Kredite an Menschen aus Entwicklungsländern vergibt und gilt seit Ihrer Gründung 2012 als das 'MySpace' der Entwicklungshilfe. Das Konzept wird unterstützt von Unternehmen wie der New York Times, Youtube, Google, Paypal und Microsoft. Auf der Plattform können Menschen, die einen Kredit benötigen, für eine Woche ihre Ideen und Konzepte online vorstellen und um einen Kredit werben. Diese Kreditsuchenden wenden sich zuerst an eine teilnehmende Bank vor Ort, welche die Projekte auswählt und Online stellt. Wenn sich ein Kreditgeber gefunden hat, gibt Kiva.org das Kapital zinslos an die Partner weiter (MFI vor Ort) und diese vergeben es wiederum zu sehr günstigen Zinssätzen an die Kreditnehmer. Grundlegend ist dieses Konzept durchaus positiv und sozial, jedoch vernachlässigt in der Weiterentwicklung. Es erreicht nur wenige Bedürftige, obwohl sehr viele Akteure auf der Kreditgeberseite vorhanden sind. Es werden viele Finanzierungsgesuche abgewiesen, da weniger aufregende und innovative Tätigkeiten auf der Webseite in der Vielfalt der Angebote untergehen. Des weiteren besteht das Problem, dass viele Kredite lediglich als berufliches Startkapital dienen und Kredite teilweise nur einmalig in Anspruch genommen werden können – allerdings benötigen diese Menschen immer wieder Finanzierungshilfen in Form von Krediten. Personen, welche keinen Kiva-Kredit erhalten, werden an heimische Banken weitergeleitet und nehmen Kredite zu schlechteren Konditionen in Anspruch. Nun würde man annehmen, dass heimische Banken einen Vorteil durch eine progressiv ansteigende Kreditvergabe erhalten, welches zu Wachstum des Finanz- und Handelssektors führen kann. Jedoch würde hierbei der Charity-Gedanke vernachlässigt, welcher bei Kiva,org durchaus ein soziales Modell darstellt. Tatsächlich wirkt sich diese Einzelkreditvergabe auch negativ auf das örtliche Finanzwesen aus, denn das günstige Kiva-Kapital (und Non-Profit-Kapital im Allgemeinen) verhindert durch den starken Wettbewerbsvorteil, dass Mikrokredite hauptsächlich von lokalen Banken vergeben werden. Bei diesen Banken besteht jedoch zum Teil das Problem der wirtschaftlichen Nachhaltigkeit, da wenige gewinnbringende Geschäftsbereiche vorhanden sind .[7] P2P-Konzepte wie Kiva.org müssen effizienter Gestaltet und Weiterentwickelt werden, im Interesse aller Teilnehmer. Ansonsten könnte es sein, dass diese Konzepte in der Zukunft stark stagnieren und schrumpfen. Wäre es eventuell von Vorteil, wenn man diese Crowdlending-Konzepte mit bestehenden, sozialen Banken- und Kreditmodellen verbindet, unter Berücksichtigung der kulturellen Werte der jeweiligen Länder und Regionen? Es gibt unter anderem in muslimischen Ländern seit langem soziale Finanzkonzepte, welche auf den Gesetzen des Islam beruhen. Viele, in ärmeren Gebieten lebende, Muslime lehnen reguläre Mikrokredite ab, da diese mit dem islamischen Gesetz nicht vereinbar seien. Hierdurch haben sich Finanzsysteme entwickelt, welche den traditionellen Lehren des Islam nicht widersprechen. Unter anderem ist das Zinswesen verboten, welches allerdings zum Grundwesen des internationalen Finanzsystems gehört (In diesem Wiki befinden sich einige ausführliche Informationen über diese islamischen Finanzkonzepte[8]. Solch 'Islamic-Microfinance-Modelle' haben sich als durchaus soziale und effektive Modelle bewiesen, insbesondere da der Wertschöpfungscharakter in Geldgeschäften grundsätzlich ausgeschlossen ist.

Wie könnte nun eine Kooperation von Crowdlending-Konzepten mit Islamic Banking Modellen aussehen? Potential wäre im ¨Grameen La Riba¨ Modell (Grameen Bank) zu finden, in welchem Darlehen an Gruppen von jeweils 5 Frauen vergeben werden, die ihre Mitglieder selbst bestimmen. Im Idealfall schließen sich Personen zusammen die sich gegenseitiges Vertrauen entgegenbringen, so dass alle ihre Ratenzahlungen rechtzeitig erfolgen und im Falle eines Zahlungsausfalles füreinander bürgen. Dies gibt den Mitgliedern einen Anreiz, die Ausgaben zusammen zu überwachen, wodurch die Rückzahlungsraten stabil bleiben.[9] Hier könnte den Kreditmissbrauchsfällen im Bereich Empowerment stark entgegengewirkt werden, da die Ausgaben von der Gruppe überwacht werden. Hierbei ist es wichtig, dass die Art der Ausgaben im Vorhinein Vertraglich festgelegt werden (bspw. für Bildung, Ernährung etc.). Der Vorteil für die Bank ist, dass Zahlungsausfälle von der Gruppe kompensiert werden und zudem mehr Menschen mit Krediten erreicht werden können. Mit der Kreditreichweite ist es jedoch noch nicht getan, denn die Zielgruppen benötigen eine dauerhafte Finanzierung. Auch wenn sie mit einen Kiva-Kredit in eine Nähmaschine oder einen Traktor investieren, so benötigen sie weiterhin Kapital um Waren, Stoffe, oder Arbeitsmaterial zu kaufen. Bei 'Bai-Muajjal' im Islamic Banking handelt es sich um den Kauf von Gegenständen mit einer Rückzahlung in Raten, welches für Waren und Arbeitsmaterial geeignet ist (bspw. Saatgut, Güter des täglichen Bedarfs für Handelszwecke). Banken lagern direkt Waren und bieten diese als Kreditalternative an. Händler können sich somit auf längere Dauer refinanzieren und sind unabhängiger am Markt. Zudem ist das Leasen von Arbeitsgeräten und Mobilien möglich. Kreditnehmer müssen sich somit nicht zu hoch verschulden, wenn sie in die Selbstständigkeit wollen.[10] Diese Bankenfinanzierung birg auch negative Seiten, denn Kiva würde eher primär Finanzinstitute finanzieren. Dies birgt paradoxerweise ebenso Chancen, denn Kreditnehmer können sich über einen längeren Zeitraum refinanzieren, es werden mehrere Menschen erreicht und ein nachhaltiges, funktionierendes Mikrokreditsystem könnte sich etablieren. Die MFI stehen dann nicht mehr nur in der Vermittlungsposition, sondern können selbstständig vor Ort mit Entwicklungshilfe-Krediten helfen. Das günstige Kiva Kapital & Co wäre somit ein kurzzeitiger, chancenreicher Partner und Potentiale können in der Crowdlending-Entwicklungshilfe aktiviert werden.

[...]


[1] Vgl. <http://wirtschaftslexikon.gabler.de/Definition/mezzanine-finanzierung.html>.

[2] Vgl. <http://wirtschaftslexikon.gabler.de/Definition/veredelungsverkehr.html>.

[3] Vgl. Stank, 2009, S.6-10.

[4] Stank, 2009, S.11.

[5] Vgl. Stank, 2009, S.32-36.

[6] Vgl. Stank, 2009, S.24-25.

[7] Vgl. Stank, 2009, S.6-8.

[8] Info | <http://www.mikrofinanzwiki.de/aktuelles/news/islamische_mikrofinanzierung_vormarsch.html>.

[9] Vgl. Reiter, 2014, S.7.

[10] Vgl. Reiter, 2014, S.8.

Ende der Leseprobe aus 5 Seiten

Details

Titel
Eine Kritik an der P2P-Mikrokredit-Entwicklungshilfe und Einflüsse des Islam
Hochschule
Universität Regensburg  (Medienwissenschaft)
Veranstaltung
Digitale Welten - soziale Auswirkungen
Note
1,0
Autor
Jahr
2014
Seiten
5
Katalognummer
V379817
ISBN (eBook)
9783668572966
Dateigröße
485 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
P2P, Microfinance, Islamic Banking, Entwicklungshilfe, Alternative Finanzierung
Arbeit zitieren
Johannes Micha Kraft (Autor), 2014, Eine Kritik an der P2P-Mikrokredit-Entwicklungshilfe und Einflüsse des Islam, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/379817

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