Die Idee des Sprachspiels in den philosophischen Untersuchungen von Ludwig Wittgenstein


Hausarbeit, 2013

13 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Das Sprachspiel
2.1 Definition des Sprachbegriffs
2.2 Sprachspiel
2.3 Lebensform

3. Familienähnlichkeiten

4. Regeln des Sprachspiels und das Regelfolgen
4.1 Privatsprache

5. Fazit

1. Einleitung

In meiner Hausarbeit werde ich mich mit der Idee des Sprachspiels von Ludwig Wittgenstein auseinandersetzen, die er in seinem Werk der philosophischen Untersuchungen, das sich stark mit der sprachanalytischen Philosophie auseinandersetzt und auf unterschiedliche Begriffe der Sprache eingeht, nennt und beschreibt. Die philosophischen Untersuchungen stellen kein in sich geschlossenes Werk dar, sondern sind eine lose Ansammlung von Gedanken, die Wittgenstein niederschrieb und versuchte zu ordnen, diesen Versuch jedoch aufgab („Nach manchen mißglückten Versuchen, meine Ergebnisse zu einem solchen Ganzen zusammenzuschweißen, sah ich ein, daß mir dies nie gelingen würde.“[1] ). In dieser losen Ansammlung seiner Ansichten zu unterschiedlichen philosophischen Themen finden sich auch wiederholt Gedanken zum Begriff des Sprachspiels und dessen Anwendung wieder. Dabei definiert der in Wien geborene Philosoph das Sprachspiel nicht hundertprozentig präzise, sondern liefert viele, unterschiedliche, relativ leicht verständliche Bespiele, die die Idee des Sprachspiels und ihren Gebrauch innerhalb der Sprachanwendung beschreiben und die Art und Weise ihrer Verwendung erklären. Ich werde deshalb näher auf den Begriff eingehen und die Frage beantworten, was Ludwig Wittgenstein unter diesem Begriff versteht, was ein Sprachspiel im sprachanalytischen Kontext bedeutet. Im Zusammenhang mit der Idee des Sprachspiels geht Ludwig Wittgenstein auch auf die Regeln ein, die für das Sprachspiel gelten, sodass ich im folgenden darauf eingehen werde, welche Regeln zu beachten sind bzw. was es heißt einer Regel zu folgen. Im weiteren Verlauf wird es auch darum gehen, welche Gemeinsamkeiten - oder wie Wittgenstein sie auch nennt: Familienähnlichkeiten - innerhalb der Sprache im Zusammenhang mit dem Sprachspiel auftreten.

2. Das Sprachspiel

Der Begriff des Sprachspiels ist ein Grundelement der Philosophie des späten Wittgensteins. In seinem früheren Werk, dem Tractatus logico-philosophicus, fordert der österreichische Philosoph noch klare, präzise Definitionen und propagiert „ein sprachliches Exaktheitsideal [...], dem die Alltagssprache mit ihren verschwommenen und mehrdeutigen Wörtern und Sätzen überhaupt nicht entspricht.“[2] In Wittgensteins Spätwerk, den philosophischen Untersuchungen, welches 1953, und somit postum erst zwei Jahre nach seinem Ableben erschien, besitzt Wittgenstein andere Ansichten zu diesem Thema und vollzieht in dieser Hinsicht einen Sinneswandel, was die im Tractatus veröffentlichte Sprachkritik angeht. Er spricht sich gegen eine strukturierte Einteilung der Sprache aus und setzt sich stattdessen für eine Pluralität von sogenannten Sprachspielen ein. Ludwig Wittgenstein vergleicht die Verwendung der Sprache in seinem Spätwerk mit einer Spielsituation. „Der Sprechende benutzt Wörter nach bestimmten Regeln, vergleichbar einem Schachspieler, der seine Figuren den Regeln entsprechend auf einem Schachbrett verschiebt.“[3] Nach dieser Erkenntnis führt der Philosoph den Begriff des Sprachspiels ein. Bevor ich diesen Begriff mithilfe von Beispielen und Paragraphen Wittgensteins näher erläutern werde, möchte ich zunächst auf den Ausgangspunkt seiner Untersuchungen eingehen, die Definition des Sprachbegriffs, den Wittgenstein zu Beginn seiner philosophischen Untersuchungen zitiert.

2.1 Definition des Sprachbegriffs

Um den Begriff des Sprachspiels zu erklären, wird zunächst einmal eine Definition benötigt, die den Begriff Sprache determiniert, um über den Begriff der Sprache zu der Idee von Wittgensteins Sprachspiel zu kommen und diese Idee ausführlich zu beschreiben. In seinen philosophischen Untersuchungen benutzt Ludwig Wittgenstein als Ausgangspunkt die Beschreibung der Sprache von Bischof Aurelius Augustinus (354-430 v. Chr.), einem christlichen Kirchenlehrer, der in seinem Werk „Confessiones“ (dt.: Bekenntnisse) folgende Definition des Begriffs der Sprache darlegte:

„Nannten die Erwachsenen irgend einen Gegenstand und wandten sie sich dabei ihm zu, so nahm ich das wahr und ich begriff, daß der Gegenstand durch die Laute, die sie aussprachen, bezeichnet wurde, da sie auf ihn hinweisen wollten. Dies aber entnahm ich aus ihren Gebärden, der natürlichen Sprache aller Völker, der Sprache, die durch Mienen- und Augenspiel durch die Bewegungen der Glieder und den Klang der Stimme die Empfindungen der Seele anzeigt, wenn diese irgend etwas begehrt, oder festhält, oder zurückweist, oder flieht. So lernte ich nach und nach verstehen, welche Dinge die Wörter bezeichneten, die ich wieder und jeder, an ihren bestimmten Stellen in verschiedenen Sätzen, aussprechen hörte. Und ich brachte, als nun mein Mund sich an diese Zeichen gewöhnt hatte, durch sie meine Wünsche zum Ausdruck.“[4]

Wittgenstein schlussfolgerte daraus, dass wir Menschen mit den Wörtern, die wir mit unserer Sprache entwickeln und nutzen, Gegenstände benennen und den Wörtern dadurch eine Bedeutung geben. Allerdings räumt er auch ein, dass durch diese Definition zunächst nur die Substantive und Namen von Personen abgedeckt sind. Eine Unterscheidung der Wortarten findet also zunächst nicht statt. Erst durch weitere Gedankengänge wird auch an die restlichen Wortarten wie Verben oder Adjektive gedacht und ihnen werden Bedeutungen zugewiesen. In Augustinus' System der Sprache wird also nicht jedes einzelne Gebiet der Sprache abgedeckt, sondern nur ein Teil, sodass sich Augustinus' System immer nur für ein spezielles Gebiet gilt, wie Wittgenstein mit dem Beispiel des Bauenden A und seinem Gehilfen B in § 2 deutlich macht. A baut etwas aus Würfeln, Säulen, Platten und Balken, welche B ihm reichen soll. Dafür ruft A diese Begriffe in der Reihenfolge aus, wie er sie braucht und B bringt sie ihm. Das funktioniert aber nur für diese primitive Sprache, wie Wittgenstein feststellt:

„Augustinus beschreibt, könnten wir sagen, ein System der Verständigung; nur ist nicht alles, was wir Sprache nennen, dieses System. Und das muß man in so manchen Fällen sagen, wo sich die Frage erhebt: »Ist diese Darstellung brauchbar, oder unbrauchbar?« Die Antwort dann: »Ja, brauchbar; aber nur für dieses eng umschriebene Gebiet, nicht für das Ganze, das du darzustellen vorgabst.«“

2.2 Sprachspiel

Die Definition des Sprachbegriffs durch Augustinus erklärt die Sprache also nicht als Ganzes, sondern nur als ein Teil des Sprachsystems. Die Sprache ist viel komplexer als sie von Augustinus dargestellt wird. Sie besteht aus Wörtern und Sätzen, aus der Bedeutung der Wörter und dem Sinn der Sätze. Im § 7 der PU[5] spricht Wittgenstein erstmals konkret vom Begriff des Sprachspiels. Folgendermaßen stellt er das Sprachspiel dar.

„Wir können uns auch denken, daß der ganze Vorgang des Gebrauchs der Worte in (2) eines jener Spiele ist, mittels welcher Kinder ihre Muttersprache erlernen. Ich will diese Spiele » Sprachspiele « nennen, und von einer primitiven Sprache manchmal als einem Sprachspiel reden.“[6]

Den Vorgang, den Wittgenstein hier meint, ist der weiter oben, unter 2.1 beschriebene Fall auf dem Bau, wo mithilfe der Sprache eine Interaktion zwischen dem Bauenden und seinem Gehilfen stattfindet. Das Ausrufen der unterschiedlichen Begriffe für die Bauteile von A und das Verstehen und korrekte Zuordnen dieser Begriffe durch B stellt hier die Grundform des Sprachspiels dar. Das B die Bedeutung der von A ausgesprochenen Wörter versteht, ist allerdings nur durch das Lernen der Bedeutungen möglich, so wie es auch schon Augustinus in seiner Definition von Sprache erläutert, nämlich das man die ausgesprochenen Laute nur durch das Zeigen auf die dazugehörenden Gegenstände lernen kann. So lernt z.B. ein Kind seine Muttersprache dadurch, dass die Eltern auf einen bestimmten Gegenstand zeigen und den dazugehörenden Begriff gleichzeitig aussprechen, sodass das Kind dieses Wort dann nachsprechen, erlernen und mit dem Gegenstand assoziieren kann. Dieses vereinfachte Form des Spracherwerbs und des Sprachgebrauchs stellt eine einfache Form des Sprachspiels dar. Wir können also sagen, dass die Bedeutung eines Wortes der Gebrauch in der Sprache ist. „Und die Bedeutung eines Namens erklärt man manchmal dadurch, daß man auf seinen Träger zeigt“[7], dieses Zitat kann als Erläuterung für den Spracherwerb dienen.

Kommen wir nun zur weiteren Struktur des Sprachspiels. In einem Sprachspiel tritt die Sprache immer zusammen mit ihrer Tätigkeit auf, sie sind nicht separierbar voneinander. Die Sprache ist also nicht loszulösen von dem jeweils handelnden Individuum, das sich der Sprache bedient. Der Gebrauch von Wörtern in einer kommunikativen Situation, eine sprachliche Äußerung ist also immer auch ein Handlungsakt, der vollzogen wird. Durch diese Komplexität wird deutlich, dass in einem Sprachspiel nicht mehr das Wort, sondern es der Satz ist, der bedeutungsgebend ist für einen Ausdruck.

Wir treffen in alltäglichen Situationen auf viele verschiedene Situationen, in denen wir so einen kommunikativen Handlungsakt vollziehen, wie auch Wittgenstein feststellt:

„Wie viele Arten der Sätze gibt es aber? Etwa Behauptung, Frage und Befehl?- Es gibt unzählige solcher Arten: unzählige verschiedene Arten der Verwendung alles dessen, was wir »Zeichen«, »Worte«, »Sätze«, nennen. Und diese Mannigfaltigkeit ist nichts Festes, ein für allemal Gegebenes; sondern neue Typen der Sprache, neue Sprachspiele, wie wir sagen können, entstehen und andre veralten und werden vergessen. […] Das Wort »Sprachspiel« soll hier hervorheben, daß das Sprechen der Sprache ein Teil ist einer Tätigkeit, oder eine Lebensform.“[8]

Das Sprechen der Sprache ist also eine Lebensform. Man kann sagen, die Sprache ist eingebettet in diesen Lebensformen. Doch was ist eine Lebensform überhaupt?

2.3 Lebensform

Lebensformen sind situative Handlungsmuster, die in einer Gemeinschaft oder in einer Sprachgesellschaft praktiziert werden. Wittgenstein führt uns diese vielfältigen Handlungsakte in § 23 vor Augen, in dem er Beispiele für solche Lebensformen nennt. Unter anderem nennt er dort das Geben von Befehlen oder das Handeln nach solchen oder aber auch das Beschreiben eines Gegenstandes, von oder über etwas berichten und viele andere unterschiedliche Sprechakte. Rätsel raten oder einen Witz erzählen, selbst einfache Dinge wie Bitten, Danken oder Grüßen zählen auch zu den Sprachspielen bzw. zu den Lebensformen. Lebensformen entwickeln sich durch die Konventionalität in einer Sprachgesellschaft und werden von den Mitgliedern dieser Gesellschaft genutzt. Ohne das Nutzen dieser Lebensformen würde es keine Sprache geben, da es keine Sprache ohne die praktische Ausübung von eben dieser geben kann.

Diese Wittgenstein'sche These von unterschiedlichen Lebensformen fördert seinen Begriff der Familienähnlichkeiten, den er durch das Beispiel der Spiele näher erläutert und seine Argumentation weiter stützt, dass die Sprache nicht nur aus präzisen Begriffen und Definitionen bestehen muss, sondern dass es auch möglich ist, mit Begriffen sprachlich zu handeln, die nicht genau definiert sind, sondern verschwommene Grenzen besitzen. Denn die Mannigfaltigkeit von Sprachspielen sorgt dafür, dass man sich fragt, warum ein Sprachspiel ein Spiel ist, was haben all diese Sprechakte gemeinsam? Worin ähneln sie sich? Deshalb werde ich nun auf den Begriff der Familienähnlichkeiten zu sprechen kommen, den Wittgenstein in seinem Werk nennt und erläutert.

[...]


[1] Vgl. Wittgenstein (1984, S.231)

[2] http://www.philosophie-woerterbuch.de/online-woerterbuch/?tx_gbwbphilosophie_main[entry]=844&tx_gbwbphilosophie_main[action]=show&tx_gbwbphilosophie_main[controller]=Lexicon&cHash=cd301dc09816eef4efe962d551523571 Zugriffsdatum: 03.04.2013

[3] Siehe Fußnote 2

[4] Wittgenstein (1984, S.237)

[5] PU= Philosophische Untersuchungen

[6] Wittgenstein (1984, S.241)

[7] Ebd. (S.263)

[8] Ebd. (S.251)

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Die Idee des Sprachspiels in den philosophischen Untersuchungen von Ludwig Wittgenstein
Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel  (Philosophisches Seminar)
Veranstaltung
Wittgenstein und die Ordinary Language Philosophy
Note
2,3
Autor
Jahr
2013
Seiten
13
Katalognummer
V379831
ISBN (eBook)
9783668572089
ISBN (Buch)
9783668572096
Dateigröße
429 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Philosophie, Wittgenstein, Ordinary Language, Sprachspiel
Arbeit zitieren
Andreas Köhler (Autor), 2013, Die Idee des Sprachspiels in den philosophischen Untersuchungen von Ludwig Wittgenstein, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/379831

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